Seit 1995 wird jedes Jahr am 9. August der Internationale Tag der indigenen Bevölkerungen der Welt begangen. An diesem Tag traf sich im Jahr 1982 zum ersten Mal die UN-Arbeitsgruppe zu indigenen Bevölkerungen. Formell war die Arbeitsgruppe auf der niedrigsten Ebene der UN-Hierarchie angesiedelt, trotzdem bot sie erstmals ein Forum für die Interessen indigener Völker innerhalb der Vereinten Nationen. Die Arbeitsgruppe bestand insgesamt 25 Jahre, bis sie im Jahr 2007 durch den UN-Expertenmechanismus für die Rechte indigener Völker (Expert Mechanism for the Rights of Indigenous Peoples, EMRIP) im Büro des Hohen Kommissars der Vereinten Nationen für Menschenrechte abgelöst wurde.
2026 steht der Internationale Tag der indigenen Bevölkerungen der Welt unter dem Motto „Würdigung indigener Hebammen: Schutz von Leben und Wohlbefinden“. Laut UNO sichern indigene Hebammen „als Wissensträgerinnen und Bewahrerinnen von Werten, Verantwortlichkeiten und Praktiken, […] den Fortbestand indigener Völker über Generationen hinweg“.
Über 477 Millionen Angehörige indigener Bevölkerungen weltweit
Es gibt keine allgemein anerkannte Definition des Begriffs „indigene Bevölkerung“. Die damalige Leiterin der Arbeitsgruppe für indigene Völker, Erica-Irene Daes, schlug 1996 vier Kriterien vor: Die zeitlich erstmalige Besiedelung eines bestimmten Territoriums, die freiwillige Bewahrung von kulturellen Unterscheidungsmerkmalen, Selbstidentifikation und gleichzeitig auch Anerkennung durch andere Gruppen oder Staaten sowie eine Erfahrung von Unterdrückung, Marginalisierung oder Diskriminierung. Nicht alle diese Kriterien treffen dabei gleichermaßen auf sämtliche indigene Bevölkerungen zu.
Während in manchen Ländern statistisch vor allem jene als Indigene erfasst werden, die sich selbst als solche identifizieren, gibt es auch Ansätze, die darüber hinausgehen. Beispielsweise in Myanmar: Aktivistinnen und Aktivisten verwenden dort den Begriff hta-naytain-yin-tha in burmesischer Sprache, um indigene Bevölkerungen zu beschreiben, und berücksichtigen dabei auch nationale Nichtdominanz, historische Kontinuität, angestammte Gebiete und Selbstidentifikation. Laut der verstorbenen Mohawk-Forscherin Patricia Monture-Angus geht es bei der Selbstbestimmung hingegen grundsätzlich um Beziehungen: den Beziehungen zwischen Land, Kultur und Gemeinschaft. Der Bericht „The Indigenous World“ der Internationalen Arbeitsgruppe für indigene Angelegenheiten beschreibt die Identifikation indigener Bevölkerungen als dringendes Problem, da ihre Erfassung eng mit politischer Teilhabe und gesetzlichem Schutz verbunden ist. Wegen der weit gefassten Definitionsgrundlage gibt es auch unterschiedliche Angaben darüber, wie viele Menschen auf der Welt zu den indigenen Bevölkerungen zu zählen sind.
Die Zahl der indigenen Menschen wird weltweit auf mehr als 477 Millionen geschätzt. Demnach würden indigene Menschen fast sechs Prozent der Weltbevölkerung ausmachen. Laut einem Externer Link: Bericht der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) von 2019 gibt es indigene Völker in etwa 90 Ländern. Sie sprechen den überwiegenden Teil der weltweit geschätzten 7.000 Sprachen und repräsentieren 5.000 verschiedene Kulturen. Dem Bericht zufolge gehören 19 Prozent aller extrem armen Menschen auf der Welt indigenen Bevölkerungen an.
Erheblicher Anstieg in der Zählung indigener Menschen in Brasilien
In Brasilien leben laut Daten des brasilianischen Instituts für Geografie und Statistik (IBGE) zwar 1.693.535 Menschen, die sich als indigen identifizieren, ihr Gesamtanteil an der Bevölkerung ist jedoch mit 0,83 Prozent eher gering. Mehr als die Hälfte von ihnen lebt in städtischen Gebieten. Seit der letzten Zählung 2010 kam es zu einem sprunghaften Anstieg der Zahl. Die brasilianischen Behörden hatten zuvor ihre Erhebungsmethoden angepasst, sodass mehr indigene Menschen erfasst werden konnten.
Indigene Menschen sind von Marginalisierung und Ausgrenzung von politischen Entscheidungsgremien betroffen. Es gibt jedoch auch Beispiele von Ländern, in denen indigene Bevölkerungen in den vergangenen Jahren punktuell an politischem Einfluss gewonnen haben. Der langjährige bolivianische Präsident Evo Morales gehörte beispielsweise dem indigenen Volk der Aymara an. Auch in Indien steht seit Juli 2022 mit der Präsidentin
Kampf um politische Rechte
Nach Angaben des Bundesministeriums für
Beide Entwicklungen hängen zusammen: Die Missachtung der kollektiven Rechte indigener Bevölkerungen geht oft einher mit wirtschaftlichen Großprojekten zur Ausbeutung von natürlichen Ressourcen in den Siedlungsgebieten. In Brasilien etwa nahm die Abholzung des Regenwaldes unter der Regierung des bis 2022 amtierenden Präsidenten Jair Bolsonaro stark zu. Der rechtspopulistische Politiker hat in seiner Amtszeit die Umweltschutzbehörden gezielt geschwächt und dadurch die illegale Rodung von Waldflächen begünstigt. Auch durch geplante Staudamm-Projekte war der Lebensraum von indigenen Völkern gefährdet.
Das Volk der Karipuna, das auf einer Fläche von 153.000 Quadratkilometern innerhalb des Amazonas-Regenwaldes lebt, hatte mehrfach gegen die Regierung Bolsonaro geklagt. Im Februar 2026 bestätigte ein brasilianisches Bundesgericht, dass die Karipuna für negative Folgen aufgrund des Baus des Staudamms Santo Antonio entschädigt werden müssen. Das Gericht befand, dass die Umsetzung von Umweltstandards und der Schutz indigener Gemeinschaften nicht eingehalten worden war. Die betroffenen Karipuna hatten unter anderem beklagt, dass es seit dem Bau des Staubdamms zu einer massiven Zunahme von illegalen Landbesetzungen, Abholzungen und Raubbau ihres Gebietes gekommen sei. Laut einer Studie der staatlichen Universität Universidade Federal do Amazonas ging der Fischbestand um 40 Prozent zurück, mit weitreichenden Folgen für lokale Fischerinnen und Fischer: Etliche verloren ihre Lebensgrundlage und betätigten sich danach etwa im illegalen Holzfällen, Goldschürfen oder Landtitelbetrug.
2023 stimmte der brasilianische Kongress für ein Gesetz, das die Ausweisung indigener Schutzgebiete an die Bedingung knüpfte, dass dieses Land am 5. Oktober 1988, dem Tag der Verkündung der Verfassung, von Indigenen bewohnt gewesen sein musste. Der Oberste Gerichtshof erklärte das Gesetz jedoch für verfassungswidrig und stärkte damit die Rechte der Indigenen.
Zuletzt sorgte ein Dekret der brasilianischen Regierung, das die drei großen Amazonas-Flüsse Tapajós, Madeira und Tocantins stark für das exportorientierte Agrobusiness ausbauen sollte, für massive Proteste der dort beheimateten Indigenen. Das Dekret wurde daraufhin zurückgezogen.
Bedeutung indigener Bevölkerungen beim Kampf gegen den Klimawandel
Indigene Gruppen spielen eine wichtige Rolle beim Kampf gegen den Klimawandel. Laut einem 2021 veröffentlichten Bericht der Vereinten Nationen sind die Wälder in Siedlungsgebieten indigener Gruppen weit besser geschützt als anderswo. Insgesamt sind in diesen Flächen 34 Milliarden Tonnen CO2 gespeichert, die Verluste an Waldflächen durch Abholzung waren dort fast durchgängig niedriger. Das World Economic Forum kam im Jahr 2023 zu dem Schluss, dass 40 Prozent der von indigenen Völkern bewohnten Gebiete eine hohe Biodiversität aufwiesen. Wissenschaftliche Studien belegen, dass indigene Gebiete aktuell den wirksamsten Schutz gegen die Entwaldung bieten, auch im Amazonasgebiet.
Gleichzeitig steht die Bewahrung des Naturerbes bisweilen auch im Konflikt mit technologischen Infrastrukturprojekten der weltweiten Energiewende. Indigene Gruppen üben immer wieder Widerstand gegen den Bau von Solar- und Windkraftanlagen sowie den Abbau von (für Elektromobilität und Stromspeicher wichtigen) Rohstoffen wie Lithium, wenn dieser auf ihrem angestammten Land und ohne ihre Konsultation und Zustimmung erfolgt. Ein Grund dafür sind traumatische Erfahrungen im Umgang mit Landnutzungsrechten durch Außenstehende. Kritisiert wird auch, dass sich Industrienationen zur Aufrechterhaltung ihres Wohlstandsmodells strategische Rohstoffe und Landflächen auf Kosten der Rechte und Lebensgrundlagen lokaler, oft indigener Gemeinschaften aneignen.
Politische Repräsentation indigener Gruppen und Ergebnisse der UN-Klimakonferenzen
Bei der
Am Rande der COP 26 einigten sich mit der Glasgower Walddeklaration 145 Länder auf Maßnahmen, um die Entwaldung bis 2030 zu stoppen. Damit müsste die Entwaldung jedes Jahr um zehn Prozent reduziert werden. Die Deklaration ist eine politische Absichtserklärung und somit nicht rechtlich verbindlich. Ihre Umsetzung steht in der Kritik: So seien allein 2024 insgesamt 8,1 Millionen Hektar Waldfläche verloren gegangen – ungefähr die Fläche Österreichs.
Bei der COP 26 wurde außerdem ein dreijähriges Arbeitsprogramm mit lokalen Gemeinschaften und indigenen Bevölkerungen beschlossen, bei dem die Stimmen ihrer Vertreterinnen und Vertreter gehört werden sollten. Es gab jedoch auch massive Kritik an der COP 26: Bei den Verhandlungen selbst fehlten Vertreterinnen und Vertreter indigener Bevölkerungen.
Bei der
Gewalt gegen indigene Frauen
Verschiedenen Studien zufolge sind besonders indigene Frauen aufgrund ihres Geschlechts, ihrer Klasse, ihrer ethnischen Zugehörigkeit und ihres sozioökonomischen Status' Gewalt und Diskriminierungen ausgesetzt. Vom US-Justizministerium 2016 veröffentlichten Zahlen zufolge erleben über 84 Prozent der amerikanischen Ureinwohnerinnen im Laufe ihres Lebens Gewalt. Mit dem nach einer ermordeten indigenen Frau benannten „Savanna’s Act“ von 2018 reformierte der US-Kongress nicht nur die Strafverfolgung, sondern auch die Datenerhebung von Fällen vermisster oder ermordeter Indigener und erleichterte den Zugang zu Kriminalitätsdatenbanken für indigene Menschen.
Laut einer Erhebung des US-amerikanischen National Indigenous Women’s Resource Center (NIWRC) waren 2024 insgesamt 5.614 Frauen und Mädchen indigener Herkunft in den USA beim FBI als vermisst gemeldet.
Kanadas nationaler Aktionsplan
Die kanadische Regierung hat im Jahr 2021 einen nationalen Aktionsplan zur Beendigung der Gewalt gegen indigene Frauen, Mädchen, queere Menschen und Two-Spirits (2SLGBTQQIA+)
Gefördert werden sollen insbesondere zivilgesellschaftliche Initiativen indigener und queerer Gemeinschaften. Zu den praktischen Programmen gehören die Bereitstellung mobiler, psychosozialer Krisenteams, die Finanzierung kulturspezifischer Betreuung durch indigene „Elders“ (Älteste) sowie gezielte Infrastrukturprojekte. Zudem fließen Mittel in sicherheitstechnische Pilotprojekte wie das „Red Dress Alert“-System, das bei einer Vermisstenmeldung indigener Personen Alarm schlägt. Gegenstand der Kritik insbesondere indigener Organisationen ist, dass die Finanzierung der Programme nicht nachhaltig sichergestellt sei.
Umdenken in Kanada: Umsetzung der UN-Deklaration der Rechte indigener Völker
Seit 2007 gibt es die UN-Deklaration der Rechte indigener Völker (United Nations Declaration on the Rights of Indigenous Peoples Act). Sie wurde 2007 mit einer Mehrheit von 143 Stimmen in der UN-Generalversammlung verabschiedet. Kanada war damals – neben Australien, Neuseeland und den USA – eines von vier Ländern, die gegen die Deklaration stimmten. Im Jahr 2016 änderte die kanadische Regierung diesen Standpunkt und bekennt sich seitdem als „vollumfängliche Unterstützerin“ der Deklaration. Im Jahr 2021 trat ein Gesetz in Kraft, das die Umsetzung der Deklaration im kanadischen Recht regeln soll. Ziel war es unter anderem, in Kooperation mit den indigenen Völkern Rechtsnormen anzugleichen und einen Aktionsplan zu erstellen. Der Aktionsplan wurde 2023 veröffentlicht. Er enthält 181 Maßnahmen, die bis 2028 umgesetzt werden sollen. Aus Sicht der kanadischen Regierung stellt er einen weiteren Schritt zur Versöhnung dar, soll aber kein „Endpunkt“ sein.
Im Januar 2023 einigte sich die kanadische Regierung mit 325 indigenen Völkern auf eine Entschädigungszahlung in Höhe von 1,9 Milliarden Euro. Damit sollen Folgeschäden begleichen werden, welche bis in die 1990er-Jahre durch die Zwangseinweisung von indigenen Kindern in Internate entstanden sind. Die Kinder wurden von ihrer Kultur abgeschnitten und oft auch körperlich missbraucht.
In der Kritik steht die kanadische Umsetzung der UN-Erklärung über die Rechte indigener Völker, weil mit dem 2025 beschlossenen „Building Canada Act“ die rechtliche Voraussetzung dafür geschaffen wurde, industrielle Großprojekte, wie den Bau von Pipelines, Kraftwerken, Staudämmen oder Straßen, im „nationalen Interesse“ beschleunigt genehmigen zu können – ohne hinreichende Konsultation der davon direkt betroffenen indigenen Völker.
Interner Link: Dossier (Post)kolonialismus und Globalgeschichte Interner Link: Gerd Mackenthun: Recht auf Land: Indigene Gesellschaften und der Siedlerkolonialismus Interner Link: Olaf Kaltmeier: Landgrabbing als Dritte Conquista (APuZ 20-21/2026) Interner Link: Wilke Torres de Melo: Ein Begriff für alle. Indigene in Brasilien