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Internationaler Tag der indigenen Bevölkerungen der Welt

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Internationaler Tag der indigenen Bevölkerungen der Welt

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Die Vereinten Nationen begehen jährlich am 9. August den Tag der indigenen Bevölkerungen der Welt. In diesem Jahr steht die Rolle indigener Frauen bei der Weitergabe von Wissen im Mittelpunkt.

Am 6. April 2022 haben tausende Indigene in Brasilien gegen die Regierung von Präsident Jair Bolsonaro und zur Verteidigung ihrer Territorien demonstriert. (© picture-alliance, EPA | Joedson Alves)

Mit Externer Link: Resolution 49/214 vom 23. Dezember 1994 beschloss die Generalversammlung der Vereinten Nationen, dass der Internationale Tag der indigenen Bevölkerungen der Welt jedes Jahr am 9. August begangen werden soll. 1982 fand an jenem Datum die Eröffnungssitzung der UN-Arbeitsgruppe zu indigenen Bevölkerungen statt.

Der diesjährige UN-Tag ist der Rolle indigener Frauen bei der Bewahrung und Weitergabe traditionellen Wissens gewidmet. Dabei soll die zentrale Bedeutung von Frauen als "Rückgrat der Gemeinschaften indigener Völker", "Hüterinnen der natürlichen Ressourcen" und "Bewahrerinnen von wissenschaftlichem Wissen" gewürdigt werden.

Gewalt gegen indigene Frauen

Verschiedenen Studien zufolge sind besonders indigene Frauen Gewalt und Diskriminierungen aufgrund ihres Geschlechts, ihrer Klasse, ihrer ethnischer Zugehörigkeit und ihres sozioökonomischen Status' ausgesetzt. Wie aus einer Externer Link: Studie des US-Justizministeriums von 2010 hervorgeht, haben 56 Prozent der indigenen Frauen in den USA sexuelle Gewalt und 55 Prozent der Frauen körperliche Gewalt von einem Partner erfahren.

Laut einem Externer Link: Bericht der Initiative "Missing and murdered Indigenous women" (MMIW) wurden 2016 in den USA 5.712 indigene Frauen und Mädchen vermisst, doch nur 116 Fälle in der Datenbank des US-Justizministeriums registriert. MMIW macht für das Defizit die Strafverfolgungsbehörden und deren unklare Zuständigkeitsfragen sowie unzureichende Kommunikation verantwortlich. 2018 führte der US-Kongress mit Externer Link: Savanna’s Act eine Reformierung der Strafverfolgung ein, benannt nach einer indigenen Frau, die ermordet wurde. Die Reform verändert nicht nur die Datenerhebung, sondern zielt auch darauf ab, indigenen Menschen den Zugang zu Kriminalitätsdatenbanken zu erleichtern.

Über 470 Millionen Angehörige indigener Bevölkerungen weltweit

Es gibt keine allgemein anerkannte Definition des Begriffs "indigene Bevölkerungen". Die damalige Leiterin der Arbeitsgruppe für indigene Völker, Erica-Irene Daes, schlug 1996 vier Kriterien vor: Die zeitlich erstmalige Besiedelung eines bestimmten Territoriums, die freiwillige Bewahrung von kulturellen Unterscheidungsmerkmalen, Selbstidentifikation und gleichzeitig auch Anerkennung durch andere Gruppen oder Staaten sowie eine Erfahrung von Unterdrückung, Marginalisierung oder Diskriminierung. Nicht alle diese Kriterien treffen dabei gleichermaßen auf sämtliche indigene Bevölkerungen zu.

Während in manchen Ländern statistisch vor allem jene als Indigene erfasst werden, die sich selbst als solche identifizieren, gibt es auch Ansätze, die darüber hinausgehen. Beispielsweise in Myanmar: Aktivist/-innen verwenden dort den Begriff hta-naytain-yin-tha in burmesischer Sprache, um indigene Bevölkerungen zu beschreiben, und berücksichtigen dabei auch nationale Nichtdominanz, historische Kontinuität, angestammte Gebiete und Selbstidentifikation. Laut der verstorbenen Mohawk-Forscherin Patricia Monture-Angus geht es bei der Selbstbestimmung hingegen grundsätzlich um Beziehungen: den Beziehungen zwischen Land, Kultur und Gemeinschaft. Der Bericht „The Indigenous World“ der Internationalen Arbeitsgruppe für indigene Angelegenheiten beschreibt die Identifikation indigener Bevölkerungen als dringendes Problem, da ihre Erfassung eng mit politischer Teilhabe und gesetzlichem Schutz verbunden ist.

QuellentextAuszug aus dem UN-Arbeitspapier zum Konzept der "indigenen Völker"

"Indigene Populationen bilden sich aus den heutigen Nachfahren der Völker, die das gegenwärtige Territorium eines Landes ganz oder teilweise bewohnten zur Zeit, als Menschen einer anderen Kultur oder ethnischen Herkunft aus anderen Teilen der Welt dort ankamen, und die ansässigen Völker unterwarfen und durch Eroberung, Besiedlung oder anderen Mitteln in eine untergeordnete oder koloniale Situation versetzten; die heute mehr in Übereinstimmung mit ihren sozialen, wirtschaftlichen und kulturellen Bräuchen und Traditionen leben als mit den Institutionen des Landes, von dem sie nun Teil sind, unter einer staatlichen Struktur, die hauptsächlich die nationalen, sozialen und kulturellen Merkmale anderer Bevölkerungssegmente verkörpert, die vorherrschend sind." (vgl. E/CN.4/Sub.2/L.566, Chapter 11)

Quelle: Externer Link: Working Paper by the Chairperson-Rapporteur, Mrs. Erica-Irene A. Daes, on the concept of "indigenous people"

Wegen der weit gefassten Definitionsgrundlage gibt es auch unterschiedliche Angaben darüber, wie viele Menschen auf der Welt zu den indigenen Bevölkerungen zu zählen sind.

Laut einem Externer Link: ILO-Bericht von 2019 wird die Zahl der indigenen Menschen weltweit auf mehr als 476 Millionen geschätzt. Sie würden demnach sechs Prozent der Weltbevölkerung ausmachen. Der Bericht sagt zudem aus, dass 19 Prozent aller extrem armen Menschen auf der Welt indigenen Bevölkerungen angehören.

Kampf um politische Rechte

Nach Angaben des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) sind indigene Menschen "überproportional stark von den negativen Auswirkungen der Globalisierung und des Klimawandels" betroffen. Dazu zähle unter anderem die räumliche Bedrohung durch die Agrar- und Rohstoffindustrie. Gleichzeitig werden ihre Rechte vielerorts nicht anerkannt.

Beide Entwicklungen hängen oft zusammen: Die Missachtung der kollektiven Rechte indigener Bevölkerungen gehe oft einher mit wirtschaftlichen Großprojekten zur Ausbeutung von natürlichen Ressourcen in den Siedlungsgebieten. Ein Beispiel dafür ist die Abholzung des Regenwaldes in Brasilien, die unter dem derzeit regierenden Präsidenten Jair Bolsonaro drastisch zugenommen hat. Der rechtspopulistische Politiker hat in seiner Amtszeit die Umweltschutzbehörden gezielt geschwächt und dadurch die illegale Rodung von Waldflächen begünstigt. Das Volk der Karipuna, das auf einer Fläche von 153.000 Quadratkilometern innerhalb des Amazonas-Regenwaldes lebt, hat nun die Regierung von Bolsonaro verklagt. Ihr Gebiet gehört zu den zehn am stärksten von illegaler Abholzung betroffenen Regionen Brasiliens.

Die mangelnde Repräsentation indigener Menschen gilt als ein weiteres Problem, das oft auch direkt mit politischen Entscheidungen verknüpft ist. In Brasilien leben zwar 900.000 Menschen, die sich als indigen identifizieren, ihr Gesamtanteil an der Bevölkerung ist jedoch mit 0,5 Prozent eher gering – zudem sind sie laut eines Berichts der Konrad-Adenauer-Stiftung von Marginalisierung und Ausgrenzung von politischen Entscheidungsgremien betroffen.

Es gibt jedoch auch Beispiele von Ländern, in denen indigene Bevölkerungen in den vergangenen Jahren punktuell an politischen Einfluss gewonnen haben. Der langjährige bolivianische Präsident Evo Morales gehörte beispielsweise dem indigenen Volk der Aymara an. Auch an der Spitze Indiens steht seit Juli mit der neu gewählten Präsidentin Draupadi Murmu eine Angehörige eines indigenen Volkes.

Bedeutung indigener Bevölkerungen beim Kampf gegen den Klimawandel

Häufig wird indigene Gruppen eine wichtige Rolle beim Kampf gegen den Klimawandel zugeschrieben. Laut einem 2021 veröffentlichten Bericht der Vereinten Nationen sind die Wälder in Siedlungsgebieten indigener Gruppen weit besser geschützt als anderswo. Insgesamt sind in diesen Flächen 34 Milliarden Tonnen CO2 gespeichert, die Verluste an Waldflächen durch Abholzung waren dort fast durchgängig niedriger. Auch die Biodiversität sei in diesen Siedlungsgebieten vergleichsweise hoch.

Gleichzeitig steht die Bewahrung des Naturerbes bisweilen auch im Konflikt mit technologischen Infrastrukturprojekten der weltweiten Energiewende. In Lateinamerika gab es in den vergangenen Jahren vermehrt Widerstand von indigenen Gruppen gegen den Bau von Sonnen- und Windkraftwerken. Ein wichtiger Faktor dabei ist ein über viele Jahre gewachsenes Misstrauen gegenüber Vertretern der Energiebranche.

COP26 beschließt Programm zum Schutz von Waldflächen

Bei der Interner Link: UN Climate Change Conference (COP26) in Glasgow, die im November 2021 stattfand, wurde auch über den Schutz indigener Bevölkerungen debattiert – wegen ihrer großen Bedeutung beim Kampf gegen den Klimawandel. Insgesamt 14 Staaten und Einzelspender/-innen haben die Finanzierung eines Programms in Höhe von mindestens 1,7 Milliarden Dollar zugesagt, dass die Nutzungsrechte von indigenen Bevölkerungen an Waldflächen sichern soll. Außerdem wurde unter anderem ein dreijähriges Arbeitsprogramm mit lokalen Gemeinschaften und indigenen Bevölkerungen beschlossen, mit dem die Stimmen Vertreterinnen und Vertreter gehört werden sollen. Es gab jedoch auch massive Kritik an der COP26: Bei den Verhandlungen selbst saßen keine Vertreterinnen und Vertreter indigener Bevölkerungen mit am Tisch.

Vor dem Hintergrund des Interner Link: russischen Angriffskrieges in der Ukraine, rückt auch die Förderung von fossilen Brennstoffen erneut in die Debatte. In Kanada, wo auch Deutschland Flüssiggasreserven ankaufen will, werden die Rohstoffe unter anderem in den Siedlungsgebieten von indigenen Bevölkerungen verarbeitet. Die Mi’kmaq-Nation in Nova Scotia hat sich gegen den Bau einer LNG-Verladestation ausgesprochen, von der aus Flüssiggas nach Deutschland transportiert werden soll. Vertreterinnen und Vertreter berufen sich auf die UN-Erklärung über die Rechte indigener Völker, die 2007 verabschiedet wurde – unter anderem auch von Deutschland und Kanada. Indigenen Bevölkerungen wird darin das Recht zugesprochen, bei wichtigen politischen Entscheidungen in die Findungsprozesse einbezogen zu werden.

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