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TV auf Abruf | Streaming – Medien und Öffentlichkeit im Wandel | bpb.de

Streaming – Medien und Öffentlichkeit im Wandel Was bedeutet Streaming? Mediennutzung und Verständnis TV auf Abruf Flexibel, individuell, überfordert? Vom Bildschirm zum Meme Alle für sich und doch alle zugleich? Streaming-Plattformen: Unterschiede und Dynamiken Der deutsche Video-Streaming-Markt Jung, digital, schwer erreichbar? Streaming im Umbruch Die Darstellung von Macht und Gesellschaft im Streaming-Angebot Politik, Popkultur und Plattformen Vom Widerstand bis zur Utopie Politik im Serienkosmos Das Gesellschaftsbild des Reality-TV Queere Sichtbarkeit in Streaming-Formaten Streaming und politische Bildung: Potenziale und Grenzen Perspektiven für politische Bildung Geschichte on Demand Zwischen Klickzahlen und Kontroversen Quellenverzeichnis Weitere Angebote

TV auf Abruf Wie Streaming das Fernsehen verändert

Dr. Jana Zündel

/ 4 Minuten zu lesen

Ob Netflix oder ARD-Mediathek: Fernsehen findet längst auch online statt. Der Artikel beleuchtet, wie Streaming das klassische TV ablöst, ergänzt und manchmal einfach nur neu verpackt.

Illustration: www.leitwerk.de (© bpb)

Ob in den Mediatheken der Öffentlich-Rechtlichen (ÖRR), über Abos bei RTL+, Joyn, Netflix, Prime Video, Disney+ und vielen anderen oder auf Video-Sharing-Plattformen wie YouTube und TikTok – im Internet haben Mediennutzende unzählige Möglichkeiten, audiovisuelle Inhalte, seien es Filme, Serien, Dokumentationen oder Kurzvideos, zu streamen. Streaming, das Abrufen und Anschauen oder Anhören von Video- bzw. Audiobeiträgen im Internet, wird häufig in einen vermeintlichen Gegensatz zum Fernsehen gesetzt.

Fernsehsender und -formate in der ZDF-Mediathek (Bildschirmaufnahme)

Dabei haben die webbasierte Darbietung und die Rezeption audiovisueller Inhalte viel mit dem linearen TV-Programm gemeinsam, so etwa die Organisation der Formate in Listen, Episoden und Segmenten, die fortgesetzte Wiedergabe von kausal oder auch zufällig aufeinander folgenden Beiträgen (Autoplay als neuer Fernseh-Flow) und die begleitenden Informationen per Textankündigung und -einblendung (den sogenannten Bauchbinden und dem Teletext im Fernsehen nacheifernd). Bedeuten Mediatheken, Videoportale und Streaming-Plattformen also tatsächlich einen Bruch mit dem herkömmlichen Medienkonsum durch Fernsehsender? Oder sind sie nur weitere Möglichkeiten, um „fernzusehen“?

Online ist die neue Prime Time

Die Diskussion um (Video-)Streaming dreht sich häufig um vereinfachte Sichtweisen zu Fernsehen und Internet: Während Fernsehen oft als linear und ortsgebunden betrachtet wird, gelten Video-on-Demand-Angebote (kurz VoD) im Internet als flexibel und mobil (vgl. Bottomley 2019; Sanz und Crosbie 2016). Dabei werden Fernsehen und Internet sowohl hinsichtlich Produktion und Distribution als auch aus Sicht des Publikums schon lange zusammengedacht. Klassische TV-Sender bieten ihre Formate sowie eine Menge zusätzliches Material (Teaser, Trailer, Featurettes, Making-ofs etc.) auf diversen Online-Kanälen und -plattformen an. Im Gegenzug streamen die Zuschauer*innen diese Inhalte auf unterschiedlichsten Geräten (Smart-TV, Laptop, Tablet oder Smartphone) und in verschiedensten Situationen (in der Bahn, im Klassenzimmer, im Warteraum etc.). Durch Streaming wird „Fernsehen“ zu einem Alles-Medium, das nicht nur live sendet, sondern auch auf Abruf verfügbar ist. Zugleich wird es zu einer Vollzeitbeschäftigung, die den alltäglichen Gebrauch und Konsum von medialen Inhalten entfesselt. Vertiefende Informationen hierzu gibt es in dem Artikel „Interner Link: Flexibel, individuell, überfordert? Streaming als Medienalltag“.

TV trifft Plattform: Konkurrenz oder Kooperation?

Wenn wir von Fernsehen sprechen, meinen wir traditionell das lineare TV-Programm (nachfolgend auch „klassisches Fernsehen“ genannt). Streaming hingegen könnte als Online-Fernsehen bezeichnet werden. Damit stellt sich die Frage, ob Fernsehen mit sich selbst konkurriert und möglicherweise auch im Konflikt steht, wenn es um eine publikumsgerechte Vermittlung politischer Informationen, von Bildungsangeboten, Kultur und Unterhaltung geht. Streaming hat sich zunächst als eine Erweiterung des klassischen Fernsehens etabliert, bevor es zunehmend als dessen Ersatz angesehen wurde (vgl. Lotz 2018). Heute stehen TV-Sender und Streaming-Dienste in einer oftmals symbiotischen, wenn auch nicht ganz reibungsfreien Beziehung. So profitieren beispielsweise Streaming-Plattformen von bekannten TV-Inhalten, um Abonnent*innen zu gewinnen, während die etablierten Sender neue Absatzmärkte und Publikumsschichten durch VoD-Angebote erschließen.

Übersicht von Streaming-Modellen (Eigene Darstellung)

Dabei ist Streaming nicht gleich Streaming: Es gibt verschiedene Modelle – je nach Ursprung und Struktur des Medienanbieters. Viele On-Demand-Services sind tatsächlich Angebote klassischer TV-Sender, darunter die Mediatheken der ÖRR (ARD/ZDF-Mediatheken, funk) und Zusammenschlüsse – sogenannte Joint Ventures – privater Sender (Joyn, RTL+). Bei anderen handelt es sich um Geschäftszweige von E-Commerce- und Technologieunternehmen (Amazon Prime Video, Apple TV+, Google Play), um Expansionen großer Medienkonglomerate (Disney+, HBO Max, Paramount+) oder um Webdienste wie Netflix, die sich ausschließlich auf den Vertrieb von Medieninhalten konzentrieren (vgl. Johnson 2019). Weiterführende Informationen hierzu liefert Sven Stollfuß in seinem Artikel „Interner Link: Der deutsche Video-Streaming-Markt – ein Überblick“. Konkurrenz gibt es vor allem um die Inhalte: Im Fokus stehen bestimmte Serien, Reality-Formate oder Dokumentationsreihen, die sich beim Publikum bewährt haben. Der Begriff „Streaming Wars“ beschreibt hierbei den Wettbewerb um Abonnent*innen wie auch um exklusive Programme zwischen immer mehr (zahlungspflichtigen) Plattformen (Subscription-Video-on-Demand, kurz SVoD). Das Überangebot an Abonnementmodellen führt dazu, dass vermehrt günstigere, werbebasierte Nutzungsmöglichkeiten von Streaming-Plattformen entwickelt werden (Advertisement-Video-on-Demand, kurz AVoD) sowie Bündelangebote, die unterschiedliche Dienste zusammenbringen. Vertiefende Informationen stellt Jannis Schakarian in dem Artikel „Interner Link: Streaming im Umbruch: Von Prestige-Serien zur Werbemaschine“ bereit.

Streaming als „besseres Fernsehen“?

In diesem Zusammenhang wird Streaming oft als das „bessere“ Fernsehen dargestellt, weil es vermeintlich flexibler und günstiger ist (vgl. Tefertiller 2018). Zeitversetztes Fernsehen, individuelle Empfehlungen und mobile Nutzung sind jedoch keine Erfindungen der Streaming-Dienste, sondern Entwicklungen im Zuge der Digitalisierung, die das Fernsehen schon immer mitgestaltet hat. Dennoch zeigen Nutzerschaften wie die sogenannten Cord-Cutter, die ihren Fernsehanschluss zugunsten von VoD-Angeboten kündigen (vgl. ebd.), und die sogenannten Cord-Nevers (vgl. Burroughs 2019), die von vornherein nie einen TV-Anschluss besaßen, dass Streaming einerseits Kontinuität zu den bisherigen Fernseherfahrungen bietet und sich andererseits als umfassende, flexible Alternative zum linearen Modell etabliert hat. Seien es Nachrichten, Sportübertragungen, Fernsehfilme, Serien, Dokumentationen, Reportagen, Magazine oder Talkshows: Heutzutage gibt es kaum noch Sendungen im linearen Fernsehen, die nicht auch im Internet anzusehen wären. Zudem bespielen Streaming-Plattformen den Fernsehmarkt kontinuierlich mit eigenen Produktionen, was den Medienkonsum für Zuschauer*innen zwar abwechslungsreicher und diverser, aber auch zu einer nicht zu bewältigenden Herausforderung macht.

Quellen / Literatur

  • Johnson, Catherine (2019): Online TV, London und New York.

  • Lotz, Amanda D. (2018): We Now Disrupt This Broadcast: How Cable Transformed Television and the Internet Revolutionized It All, Cambridge.

Fussnoten

Weitere Inhalte

Dr.in Jana Zündel ist Medienwissenschaftlerin und aktuell Postdoktorandin am DFG-Graduiertenkolleg „Konfigurationen des Films“ an der Goethe-Universität Frankfurt. Ihre Schwerpunkte in Lehre und Forschung liegen in den Bereichen digitale Medienkultur, Fernsehwissenschaft und Serienforschung sowie Meme Studies. Sie ist Redaktionsmitglied der Zeitschrift „montage AV“, Autorin für den Blog Fernsehmomente und Sprecherin der AG Fernsehen (Gesellschaft für Medienwissenschaft e. V.).