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Streaming im Umbruch | Streaming – Medien und Öffentlichkeit im Wandel | bpb.de

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Streaming im Umbruch Von Prestige-Serien zur Werbemaschine

Jannis Schakarian

/ 13 Minuten zu lesen

Streaming galt als Zukunft des Fernsehens – werbefrei, flexibel, hochwertig. Doch die Fassade bröckelt: Inhalte werden standardisiert, Plattformen fusionieren zu Superportalen und die Werbung ist zurück.

Illustration: www..leitwerk.de (© bpb)

Das Goldene Zeitalter des Streaming ist vorbei. Und die Landschaft der Streaming-Dienste ist dabei, sich neu zu sortieren. Geschäftsmodelle ändern sich und damit auch das Angebot, das Nutzenden gemacht wird. Im Folgenden werden diese Entwicklungen nachgezeichnet und Perspektiven betrachtet, was als Nächstes folgen könnte.

Das „Golden Age of Television“

In den vergangenen zwanzig Jahren sind viele der stilprägendsten Fernsehserien aller Zeiten entstanden. Die meisten TV-Kritiker sind sich einig, dass dieses (zweite) Goldene Zeitalter des Fernsehens im Jahr 1999 mit der HBO-Serie „The Sopranos“ begann – als erstes Goldenes Zeitalter werden in der Regel die 1950er-Jahre in den USA bezeichnet mit Produktionen wie „Playhouse 90“ oder „Twilight Zone“. HBO ist ein Kabelsender in den USA, der sich durch hohe Abogebühren finanziert und dafür keine Werbung zeigt. Das inhaltlich Neue der Serie war der sogenannte horizontale Erzählbogen mit Figurenentwicklungen, der sich über die komplette Staffel oder sogar die gesamte Serie erstreckte. Ein Unterschied zu den sogenannten Procedurals, also Fernsehserien, in denen zwar Woche für Woche zum Beispiel ein neuer Fall gelöst werden musste, die Grundkonstellation aber gleichblieb oder sich nur im Gletschertempo bewegte. Populäre Beispiele sind „Emergency Room“ oder „CSI“, auch die meisten Sitcoms („Die Simpsons“, „Friends“, „Two and a Half Men“) folgen dieser Erzählstruktur.

HBO hat sich mit der neuen Erzählweise eine Nische geschaffen: Traditionell war die Primetime für HBO der Sonntagabend, da strahlte der Sender seine High-Quality-TV-Series aus, konnte mit verschiedenen Serien erfolgreich einen Hype kreieren und zog so ein breites Publikum an.

Fernsehen – so gut, dass man einschaltet

Der Begriff des Quality-TV ist wissenschaftlich definiert, unter anderem als Fernsehen, das kulturelle Signifikanz entfaltet und einen wichtigen Platz in unserem Leben einnimmt (vgl. Logan 2016, S. 145). Mindestens ist es aber so gut, dass man gezielt dafür einschaltet. Das unterscheidet sich von dem Ansatz, den das klassische Fernsehen über weite Strecken des Tages im linearen Programm verfolgt: Dort geht es vor allem darum, dass Zuschauer*innen nicht abschalten, sondern unmittelbar von einem gesehenen Inhalt zum nächsten mitziehen. Dieses Dranbleiben bezeichnet man als Zuschauerwanderung oder „Audience Flow“ (vgl. Kuchenbuch 2006, S. 156).

Inhaltlich steckt zwischen dem gezielten Einschalten und dem Nichtabschalten ein fundamentaler Unterschied: Ein Inhalt, bei dem niemand abschalten soll, produziert den kleinsten gemeinsamen Nenner, etwas, das niemanden stört oder verärgert. Flache Hintergrundbeschallung des Nebenbei-Mediums Fernsehen. Wenn jemand aber einen Stoff aus einer Flut an Angeboten auswählen soll, wird die Person sehr sicher das auswählen, was sie persönlich direkt anspricht. So führt der Weg zu einerseits hochpersonalisierten und andererseits mutigen Stoffen.

Netflix und der Durchbruch des Binge-Watching

Die Dramedy „Orange Is the New Black“ (Netflix, 2013–2019) gehört zu den ersten großen Serienerfolgen von Netflix und erzählt vom Leben verschiedener Frauen in einem US-Gefängnis. Verhandelt werden Themen wie Machtmissbrauch und Solidarität. Foto: Patrick Harbron / Netflix

Das ist die Ausgangssituation für den Erfolg von Netflix und in der Folge auch der anderen Streaming-Dienste. Die High-Quality-TV-Serien mit ihren komplexen Handlungssträngen eigneten bzw. eignen sich für die On-Demand-Nutzung und prägen später das Binge-Watching-Verhalten (das stundenlange Anschauen mehrerer Folgen einer Serie hintereinander und ohne Unterbrechung). Eine Serie mit vielen Figuren und Seitensträngen kann besser verfolgt werden, wenn die Nutzer*innen sie im eigenen Tempo schauen können, statt Woche für Woche erinnern zu müssen, was bisher geschah. Die erfolgreichen Serien verschiedener Plattformen wurden im Verlauf zu Werbematerial für die Plattformen selbst. Wer hat nicht bereits begeistert von einer der Serien erzählt und geendet mit dem Ausruf: „Die musst du unbedingt gesehen haben!“ Genau um diese „Talk-of-the-town“-Produktionen rissen sich alle Streaming-Plattformen. Und Zuschauende haben sie genossen. Doch die Streaming-Plattformen bewegen sich zunehmend davon weg.

Auch das Historiendrama „The Crown“ (Netflix, seit 2016) erhielt zahlreiche Auszeichnungen. Die Serie zeichnet die Regierungszeit von Königin Elizabeth II. nach und verknüpft biografische Erzählung mit Umbrüchen der britischen Monarchie. Foto: Stuart Hendry / Netflix

Denn Quality-TV ist – wie der Name schon sagt – sehr teuer, da es aufwendig produziert wird und dementsprechend längere Produktionszeiten benötigt. Hinzu kommt: Es bleibt ein kreatives „Hit-or-miss-Business“, also ein den Erfolg betreffendes unsicheres Geschäft, das sich schlecht vorhersehen lässt.

Nutzungsgewohnheit: Quantität über Quality-TV

Quality-TV hat eine wichtige Rolle beim Aufbau von Netflix gespielt. Doch am meisten geschaut wurden andere Stoffe. Während man mit „House of Cards“, „Orange is the new Black“ oder „The Crown“ Emmy-Preise nach Hause trug, waren die meistgeschauten Serien auf der Plattform andere: „Friends“ oder „The Office“, also klassische Network-Sitcoms aus dem „alten“ Fernsehen (vgl. Porter 2021). Der Vorteil: Beide waren gleich mit zehn bzw. neun langen Staffeln verfügbar. Und das sollte zu einem entscheidenden Ass im Ärmel beim Wetteifern der Streaming-Anbieter werden.

Ein aktueller Erfolg in der Streaming-Welt ist die Krankenhausserie „The Pitt“, die in den USA bei Max läuft, also dem Streaming-Dienst, zu dem auch HBO gehört. Anders als gewöhnlich wurden für die erste Staffel direkt 15 Folgen anstelle von üblichen acht bis zehn Folgen beauftragt und am Stück produziert. Die sogenannte Blockproduktion erlaubt es, deutlich günstiger und – in einem feststehenden Set – einfacher zu produzieren. Gegen die Sendung läuft ein Rechtsstreit, weil die Erben des Autors von „Emergency Room“, eine der erfolgreichsten Krankenhausserien aller Zeiten, zu viele Parallelen sehen (vgl. Maddaus 2025).

Die „Streaming Wars“ und ihre Taktiken

Natürlich blieb der Erfolg von Netflix nicht unbemerkt. Im Gegenteil, immer mehr Medienkonzerne sahen, dass hier Ansätze für die Zukunft des Fernsehens entwickelt und die nächste Generation für den Bewegtbildkonsum geprägt wurde. In den folgenden Jahren gingen immer mehr Streaming-Dienste an den Start: HBO Max, Paramount+, CNN+, Peacock, Disney+, Hulu, Apple TV+, Amazon Prime Video, um nur einige zu nennen.

Diese Dienste versuchten, sich mit High-Quality oder Prestige-TV-Serien einen Namen zu machen. Aber einige hatten einen anderen Vorteil: einen Katalog mit erprobten und beliebten Stoffen. So zog NBC „The Office“ von Netflix ab, um damit exklusiv den eigenen Dienst Peacock zu schmücken (vgl. Schakarian 2019). Warner Media tat dasselbe mit „Friends“ und zahlte den Darsteller*innen für eine einzige Reunion bis zu drei Millionen Dollar (vgl. Goldberg 2020).

Disney setzte vor allem auf seine bekannten Marken Marvel und Star Wars. Beinahe wöchentlich versorgte der Video-on-Demand-Anbieter die Fans mit neuem Stoff aus ihren Lieblingsuniversen. Marken mit einem großen Fandom entwickelten sich auch zu einem entscheidenden Vorteil gegenüber Netflix, das zwar erfolgreiche Serien, aber wenig Franchise-Universen, ein Geschäftsmodell, bei dem ein Unternehmen seine Produkte durch Einzelhändler*innen in Lizenz verkaufen lässt, hervorgebracht hatte (vgl. The Quorum 2022).

Vom Prestige zur Profitlogik

So angespannt die Konkurrenzlage in Bezug auf Marken, Stars und Talente auch war, zunächst verzeichneten viele Streaming-Dienste einen Zulauf an Zuschauenden. Denn durch die Corona-Pandemie und die Lockdowns stieg die Streaming-Nutzung weiter an (vgl. Mikos 2021, S. 82–85). Die Entwicklung des gesamten Streaming-Marktes schien aufwärtszugehen.

Mit der Eskalation des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine, den steigenden Lebenshaltungskosten und der Vielzahl an Abonnements schauten die Menschen kritischer auf ihre Konsumausgaben – und damit auch auf ihre Abodienste. Dies zeigte sich auch in den Zahlen der Streaming-Dienste: Im zweiten Quartal 2022 blieb der Branchenprimus Netflix nicht nur hinter den Wachstumserwartungen zurück, sondern er verlor sogar zum ersten Mal seit Bestehen massiv Abonnent*innen – fast eine Million (vgl. Krouse 2022). Der Aktienkurs von Netflix brach ein. Damit standen plötzlich das gesamte Wachstumsversprechen und das Geschäftsmodell infrage: All die teuren Serien, nur damit Menschen kurz ein Abonnement abschließen und dann bis zur nächsten Staffel wieder kündigen (in der Branche als engl. „Churn“ bezeichnet, auf dt. „Abwanderungsrate“)? Den Fokus ausschließlich auf den Ausbau von Abonnements zu legen, schien kein profitables Geschäft auf Dauer zu sein. Der Beitrag „Interner Link: Der deutsche Video-Streaming-Markt“ von Sven Stollfuß gibt einen Überblick über die verschiedenen Geschäftsmodelle von Streaming-Anbietern.

Reality, Sport, Talk: Formate für die Verweildauer

Die Reality-Show “Love Is Blind” (dt. Titel: „Liebe macht blind“, Netflix, seit 2020) gilt laut Nielsen-Streaming-Daten als bislang erfolgreichstes ungeskriptetes Streaming-Format. In der Show daten sich Teilnehmende, ohne sich zu sehen. Foto: Adam Rose / Netflix

Netflix verfolgte lange das reine Subscription-Video-on-Demand-Modell (SVoD-Modell), bei dem Videos via Streaming abgerufen werden können und Kund*innen dafür in einem Abonnement eine monatliche oder jährliche Summe zahlen. Doch nun musste neues Wachstum her, um der Börse zu zeigen, dass mehr Kundschaft und höhere Abozahlen möglich sind. Also führte der Anbieter 2023 einen günstigeren Werbetarif ein. Disney+ folgte diesem Beispiel und auch Amazon Prime Video spielt in seinem Standardtarif mittlerweile Werbespots aus. Netflix schaffte in der Folge den Basistarif nach und nach ab, um immer mehr Kund*innen in den Werbetarif zu locken. Der werbefreie Premiumtarif wiederum wurde sowohl bei Netflix als auch bei den anderen Anbietern stetig teurer, denn schnell zeigte sich, dass sich mit Werbung auf Dauer pro Nutzer*in mehr Geld verdienen ließ. Hier wird als Kennzahl häufig der ARPU herangezogen – das steht für „Average Revenue per User“, also die durchschnittlichen Einnahmen pro Nutzer*in.

Das Reality-Format „Werwölfe“ (DasErste, 2025) zeigt, dass auch öffentlich-rechtliche Anbieter zunehmend auf das Genre setzen. Hier werden Gruppendynamiken, strategisches Handeln und psychologische Prozesse ins Zentrum gerückt. (© Bild: ARD / BR / SWR / stock.adobe.com / Homayoun Fiamor / Jackson Pearson / Aro / Victor / by-studio / Montage: Carina Urban / Fotos: Marc Rehbeck)

Ein Geschäftsmodell, das auf Werbung basiert, braucht andere Inhalte. Hier reicht es nicht, dass die Nutzenden einmal einschalten. Sie müssen möglichst lange dranbleiben, dürfen nicht abschalten, denn umso mehr Werbung kann an sie ausgespielt werden. Netflix setzt zwar schon lange auch auf Reality-Formate, doch das Angebot in diesem Bereich wird immer größer und vielfältiger. Kürzlich kündigte der Dienst sogar an, koreanische Reality-Shows mit Stimmsynchronisation zu versehen, um einen konstanten Strom an neuen Shows gewährleisten zu können (vgl. Sohn und Martin 2024). Denn Reality-Shows sind deutlich einfacher, schneller und günstiger zu produzieren als die Hochglanzshows, bei denen die nächste Staffel oft Jahre auf sich warten lässt. Die Ausweitung des Genres lässt sich auf nahezu allen Plattformen beobachten.

Im Juli 2024 gab Prime Video einen elfjährigen Rechtevertrag mit der NBA und eine Verlängerung mit der WNBA bekannt. Ab der Saison 2025/26 überträgt Prime Video zahlreiche Spiele und Turniere beider Ligen. Foto: Philip Faraone / Getty Images for Prime Video

Auch andere Genres kommen für die Streaming-Anbieter nun in Betracht, wenn es um das Gewinnen von neuer und das Halten vorhandener Kundschaft geht. Sport ist traditionell ein Genre, in dem hohe Werbeerlöse erzielt werden. So hat sich Amazon inzwischen umfangreiche Sportrechte gesichert, Netflix überträgt Boxkämpfe (vgl. Müller 2024). Aktuelle Entwicklungen legen nahe, dass weitere Genres folgen werden: Netflix zeigt beispielsweise erste Gehversuche im Bereich von Talkshows und Events wie Comedy Roasts (eine Form der Comedy-Show, bei der sich eine prominente Person von anderen prominenten Personen auf humorvolle Weise verspotten lässt).

Plattformgewohnheiten als neue Fernsehrealität

Was bleibt also von dieser Zeit der Streaming-Revolution? Nun, die Gewohnheiten, die sich herausgebildet haben. Eine ganze Generation ist damit aufgewachsen, nicht den Fernseher einzuschalten, sondern eine App zu öffnen. Und ältere Generationen ziehen nach. Wie nachhaltig diese Routine ist, zeigt eine Statistik aus der ARD/ZDF-Onlinestudie 2023. Laut dieser Untersuchung liegen Netflix und Amazon Prime bei der Gesamtnutzung zwar gleich auf, die Mediatheken von ARD und ZDF sogar noch etwas weiter vorn, aber bei der täglichen Nutzung geht Netflix klar als Sieger hervor. 36 Prozent der deutschsprachigen Wohnbevölkerung ab 14 Jahren öffnen demnach jeden Tag Netflix. Hier hat also offenbar eine Selbstverständlichkeit in der Nutzung eingesetzt, denn eine komplette Generation ist es inzwischen gewohnt, Inhalte auf diesem Weg – und auf dieser Plattform – zu konsumieren.

Weiter vorn liegt nur noch die Plattform YouTube, die von Beginn an kostenlos und werbefinanziert war und die Netflix selbst nun als die eigentliche Konkurrenz wahrnehmen könnte (vgl. Schakarian 2024). Hier wird der nächste Wettstreit um die Werbegelder stattfinden. Es ist davon auszugehen, dass sich von den Streaming-Plattformen, die im Laufe der Jahre gelauncht wurden, auf Dauer nicht alle halten werden können.

Wer wird Gatekeeper im Streaming-Zeitalter?

Mit diesen neuen Nutzungsgewohnheiten hat ein Wettstreit darum begonnen, wer den direkten Zugang zu den Nutzer*innen behält. Wer ist die erste Anlaufstelle in dieser neuen Medienwelt? So setzen immer mehr Streaming-Dienste darauf, ein Portal zu sein, dass mehrere Anbieter hinter der Oberfläche vereint. Vorn mit dabei ist Amazon Prime Video. Amazon fasste in seiner Strategie unterschiedliche Geschäftsmodelle zusammen: Bei Amazon Prime Video gibt es ein Angebot an Filmen und Serien in der Abonutzung, andere Filme kann man in derselben Oberfläche einzeln ausleihen oder kaufen und dann ansehen. Außerdem ist neben dem eigenen Angebot ein Zugang zu etlichen zubuchbaren Channels von Paramount+ bis hin zu Apple TV+ möglich. Zugleich bietet auch Apple mit seiner TV-App den Zugang zu anderen Streaming-Diensten und versucht, ein einheitliches Nutzungserlebnis zu bieten. Ausgenommen davon bleibt bislang Netflix. Eben weil der Streaming-Dienst so eine starke Verbindung zu den Nutzer*innen hat und vermeiden möchte, dass andere Dienste ihre Nutzungsdaten und -gewohnheiten ablesen können. Dies wurde deutlich, als Netflix kurzzeitig den Zugang über Apple TV+ freischaltete, um ihn dann schnell wieder zurückzunehmen und anschließend als Fehler zu bezeichnen (vgl. Welch 2025).

Auch in Deutschland zeigt sich am Beispiel von Joyn, ARD und ZDF, wie erbittert um den direkten Nutzerzugang gerungen wird. Joyn hatte ein Livestream-Angebot zu den öffentlich-rechtlichen Sendern eingebaut, für diese stand aber die Stärkung ihrer eigenen Mediatheken im Vordergrund. Der ARD-Vorsitzende Florian Hager sprach daraufhin von „modernem Raubrittertum“ und einem „Anschlag auf das komplette System“ (Nünning 2025). Schlussendlich entfernte Joyn die Einbettungen der Mediatheken aus seinem Angebot, nachdem ARD und ZDF eine Klage ankündigten.

Super-Bundles und neue Allianzen

Mit der neu aufgekommenen Vielfalt an Streaming-Diensten ist beim Publikum eine gewisse Übersättigung eingetreten. Es kann sich bei den Nutzenden das Gefühl einstellen, etliche Abonnements zu brauchen, um sämtliche für sie relevante Angebote sehen zu können. Dies führt zu einer erhöhten Fluktuation bei den Streaming-Diensten, dem schon beschriebenen „Churn“ – also die Praxis kurz zu abonnieren, eine Serie zu gucken und vielleicht schon nach einem Monat wieder zu kündigen. Um dem entgegenzutreten, bieten die Streaming-Dienste, wie bereits im Fall Amazon Prime Video ausgeführt, immer mehr sogenannte Bundles an – gemeinsame Abopakete über mehrere Streaming-Anbieter hinweg. Disney etwa verknüpft in den USA seine zwei Streaming-Dienste Disney+ und Hulu. Und es gibt mittlerweile auch umfassendere Pakete über verschiedene Anbieter hinweg. In Deutschland ist das zum Beispiel bei Sky (Entertainment Plus Paket – inklusive Netflix), aber auch bei Magenta-TV von der Telekom zu beobachten. Diese bieten ein Streaming-Bundle an, um auf einen Schlag Disney+, Netflix, RTL+, Apple TV+ und MagentaTV zu abonnieren. Der Gedanke dahinter: Der günstigere Gesamtpreis halte Nutzer*innen länger in den Abos und die Kündigung eines einzelnen Dienstes wird erschwert. Manche Branchenbeobachter interpretieren in dieses Geschäftsmodell schon die Rückkehr des amerikanischen Kabelfernsehens auf Umwegen.

Im Sommer 2025 kündigte RTL Deutschland die Übernahme von Sky Deutschland an. Damit entstünde ein umfassendes Medienbündnis, das Pay-TV, lineares Programm, Sportrechte und Streaming-Angebote zusammenführt; die Übernahme bedarf noch der kartellrechtlichen Zustimmung. Die strategische Integration dürfte das Bundle-Modell mit neuen Kombinationsangeboten und einer noch stärkeren Nutzerbindung weiter stärken. Denn: Welche Rolle solche Allianzen künftig spielen, hängt auch davon ab, wie flexibel und nutzerzentriert sie aufgestellt sind.

Wie YouTube-Stars zu Serienhits werden

Eine weitere Entwicklung, die sich im Wettbewerb um Aufmerksamkeit für neue Serien und Filme abzeichnet, ist, dass die Welt der Content-Creator*innen mit der klassischen TV- und Filmwelt zunehmend verschmilzt – und das sowohl auf inhaltlicher als auch auf technischer Ebene. Technisch kann beobachtet werden, dass YouTube inzwischen in den USA die TV-Ratings anführt und auf dem großen Bildschirm im Wohnzimmer mit am meisten geschaut wird (vgl. Nielsen 2025). Außerdem kommen weitere Plattformen wie Spotify als neue Akteure im Bewegtbildmarkt hinzu, die zuvor ausschließlich auf Audioinhalte gesetzt hatten. Auf Spotify werden nun auch Videos – bevorzugt Musikvideos – und Podcasts als Videoinhalte ausgespielt. Diese Entwicklung führt dazu, dass nun wiederum Netflix Möglichkeiten auslotet, selbst Podcast-Inhalte mit Bewegtbild anzubieten (vgl. Moses und Weiss 2025). Primäres Ziel dabei ist es, die Zeit der Nutzer*innen auf der eigenen Plattform zu erhöhen, um diese möglichst erfolgreich werbevermarkten zu können.

In der internationalen Wettkampfshow „Beast Games“ (Prime Video, 2024) treten 1.000 Teilnehmende in körperlich anspruchsvollen Spielen gegeneinander an. Foto: Courtesy of Prime Video © Amazon Content Services LLC

Inhaltlich bewegen sich die Akteure ebenfalls aufeinander zu: Amazon Prime Video startete mit dem erfolgreichsten YouTuber der Welt MrBeast Externer Link: „Beast Games“, eine Reality-Show, die an den Netflix-Erfolg Externer Link: „Squid Game“ angelehnt ist. In Deutschland war einer der großen Überraschungserfolge der vergangenen Jahre die Survival-Reality-Show „7 vs. Wild“, ein Format, dass auf YouTube startete und inzwischen bei Amazon Externer Link: Prime Video läuft.

Davon inspiriert gibt es mittlerweile zahlreiche Ableger. Joyn setzt verstärkt auf Formate, die populäre Twitch-Streamer wie beispielsweise Externer Link: Papaplatte oder Externer Link: Knossi einbinden. Umgekehrt kommen aus vielen Reality-Formaten Menschen, die sich über die Reichweite der Formate eine eigene Community und eine Social-Media-Karriere als Content-Creator*in aufbauen wie etwa das Dschungecamp-Paar Leyla Lahour und Mike Heiter oder die GNTM-Gewinnerin Stefanie Giesinger.

Nächster Halt: Hollywood

Nachdem die Streaming-Revolution den TV-Markt umgekrempelt hat, macht sie auch vor Hollywood nicht halt. Wie oben beschrieben haben große Hollywoodstudios wie Disney inzwischen eigene Streamingdienste gestartet. Paramount mit dem Dienst Paramount+ wurde mittlerweile an eine Investorengruppe um den Gründer der Softwarefirma Oracle verkauft. Warner Bros. steht aktuell ebenfalls vor einem möglichen Verkauf; als aussichtsreichster Kandidat gilt Netflix. Doch nicht nur auf struktureller Ebene, sondern auch inhaltlich zeigen sich Auswirkungen der Streaming-Logik auf das Filmschaffen. So verriet der Schauspieler und Produzent Matt Damon in einem Podcast-Interview, dass sich die Machart eines Netflix-Films grundlegend vom klassischen Hollywood-Aufbau unterscheide. „Die Standardmethode, einen Actionfilm zu drehen, die wir gelernt haben, besteht darin, dass man normalerweise drei Schlüsselszenen hat. Eine im ersten Akt, eine im zweiten und eine im dritten“, erklärte Damon. „Das meiste Geld gibt man für die Szene im dritten Akt aus. Das ist das Finale. Und jetzt sagen sie: ‚Können wir in den ersten fünf Minuten eine große Szene einbauen? Wir wollen, dass die Leute dranbleiben. Und es wäre nicht schlimm, wenn man die Handlung drei- oder viermal im Dialog wiederholen würde, denn die Leute schauen währenddessen auf ihre Handys‘“ (Dunn 2025). Vor diesem Hintergrund wird in Hollywood die mögliche Übernahme von Warner Bros. durch Netflix als strukturell langfristig bedeutsam diskutiert (vgl. Barnes / Hubler 2025).

Die Entwicklung des Streaming-Marktes ist auch eine Wiederholung der Fernsehgeschichte – mit neuen technischen Möglichkeiten

Die Entwicklung des Streaming-Marktes zeigt Ähnlichkeiten zur Entwicklungsgeschichte des Fernsehens. Auf das Goldene Zeitalter folgt eine Effizienzsteigerung in den Produktionen, es geht nun darum, die Verweildauer der Zuschauenden zu steigern, um höhere Werbeerlöse zu erzielen. Dadurch bleibt der Streaming-Markt in Bewegung: Neue Allianzen, Plattformmodelle und Nutzungsweisen entstehen. Manche sind kurzfristige Trends, andere verändern den Markt nachhaltig. Streaming-Plattformen fungieren dabei längst nicht mehr nur als zusätzliche Distributionswege für Inhalte. Sie nehmen aktiv Einfluss darauf, welche Formate produziert, beworben und empfohlen werden. Maßgeblich sind dabei wirtschaftliche Interessen und technologische Faktoren – etwa algorithmische Empfehlungssysteme und die Auswertung von Nutzungsdaten. Hinzu kommen globale Lizenzstrategien, die den Zugang zu Inhalten und deren internationale Verwertung steuern. All diese Faktoren beeinflussen, für wen welche Inhalte entwickelt werden und wie sich Produktionslogiken verändern.

Inhaltlich zeichnet sich ab, dass Plattformen auf eine Balance zwischen massenattraktiven Franchise-Universen, günstigen Reality-Produktionen und Nischeninhalten setzen, die algorithmisch optimal auf Zielgruppen zugeschnitten sind. Technologisch wird mit neuen Empfehlungssystemen, KI-generierten Formaten und crossmedialen Ökosystemen experimentiert. Zugleich wandeln sich Monetarisierungsstrategien rasant: Werbemodelle gewinnen an Bedeutung, exklusive Inhalte werden gezielter hinter Bezahlschranken platziert und Plattform-übergreifende Superbundles binden die Nutzenden langfristig an einzelne Anbieter. Welche Trends sich verstetigen und welche Strukturen sich neu ordnen, wird bestimmen, wie Streaming künftig genutzt, finanziert und verstanden wird.

Weitere Inhalte

Jannis Schakarian ist Journalist und Medienmanager. Er studierte Publizistik und Filmwissenschaft im Bachelor sowie Medienmanagement im Master. Aktuell arbeitet er für den „SPIEGEL“ und ist darüber hinaus Autor von „Hastig Abenteuer“ sowie Herausgeber von netzfeuilleton.de. Im Newsletter „Streamletter“ analysiert er aktuelle Entwicklungen im deutschen und internationalen Streaming-Markt.