„Reality-TV ist mein Ankerpunkt im Leben. Wenn es mir nicht gut geht, ich Entspannung suche oder einfach eine gute Zeit haben will, schalte ich den Fernseher ein und lasse mich beschallen – von mehr oder weniger bekannten Trash-TV-Sternchen“ (Öztürk o. J.) – schwärmt die Autorin eines digitalen Stadtmagazins, bevor sie mit einem Überblick entsprechender „ultimativer“ Formate für ihre Leser*innen startet.
„Bauer sucht Frau“: In der Langzeitreihe werden Landwirte bei der Suche nach einer Beziehung und beim Alltag auf ihren Höfen begleitet. Foto: © RTL
„Bauer sucht Frau“: In der Langzeitreihe werden Landwirte bei der Suche nach einer Beziehung und beim Alltag auf ihren Höfen begleitet. Foto: © RTL
Reality-TV ist eines der meistbeachteten Genres in der jüngeren Fernsehgeschichte und vereint Elemente aus Dokumentationen, Spielshows, Seifenopern und Melodramen. Es handelt sich um ein hybrides Genre oder – genauer gesagt – um eine Genrefamilie, die inhaltlich vor allem auf Grenzüberschreitungen setzt (vgl. Kavka 2012, S.1–9; Klaus 2006, S. 83–85; dies. 2008, S.161; Krämer 2020, S. 255). Seit den 1990er-Jahren ist
„Schwiegertochter gesucht“: In dem Dating-Format suchen alleinstehende Männer mithilfe ihrer Mütter nach einer Partnerin. Foto: © RTL
„Schwiegertochter gesucht“: In dem Dating-Format suchen alleinstehende Männer mithilfe ihrer Mütter nach einer Partnerin. Foto: © RTL
In Deutschland wird diese Entwicklung oft mit einem Qualitätsverlust des Fernsehens gleichgesetzt, wobei Reality-TV insbesondere im journalistischen Diskurs häufig synonym als Trash-TV bezeichnet wird (Rützel 2017). Dabei ist Reality-TV eines der diversesten Genres im Fernsehen, indem es Menschen aus verschiedenen ethnischen, religiösen, sozialen und kulturellen Hintergründen darstellt (vgl. Deller 2019, S. 24–25). Die Reality-TV-Formate geben vor, das echte Leben abzubilden, doch sie sind konstruiert, inszeniert und stellen gut komponierte mediale Erzählungen dar, die bestimmte narrative und emotionale Effekte beim Publikum erzielen wollen. Die Geschichten folgen oft einer Drehbuchvorlage und sind „gescripted“ (vgl. Bleicher 2019, S. 2), Konflikte und Dramen werden bewusst verstärkt, um Spannung zu erzeugen. Reality-TV-Sendungen wie „Bauer sucht Frau“ (seit 2005, RTL) oder „Schwiegertochter gesucht“ (2007-2024, RTL) zeigen auf den ersten Blick das Leben „normaler“ Menschen in außergewöhnlichen Situationen.
Doch statt realistische Einblicke zu gewähren, bemüht die Inszenierung teilweise eine verzerrte und/oder stereotype Darstellung. Diese medialen Erzählungen sind jedoch stets eng mit der Alltagskultur verwoben, da sie sowohl Diskurse als auch Praktiken des täglichen Lebens widerspiegeln und beeinflussen können. Daraus ergibt sich die Frage, welches gesellschaftliche Wissen durch die mediale Darstellung unterschiedlicher Lebensrealitäten im Reality-TV vermittelt werden kann (vgl. Voglmayr 2012, S. 3).
Stereotype im Alltag: Reale Lebenswelten unter der Lupe
Reality-TV kann zentrale soziale Diskurse anregen bzw. beeinflussen und ist damit vor allem ein Forum, in dem auch gesellschaftliche und politische Themen verhandelt werden (vgl. Kavka 2022, S. 2–9). Die mediale Repräsentation von Lebensrealitäten – ob durch soziale Ungleichheiten, prekäre Lebenslagen oder Geschlechterverhältnisse – formt oder verstärkt ein bestimmtes Bild der Gesellschaft. Die Teilnehmenden geben nicht nur ihre Privatsphäre und Emotionen preis, sondern liefern sich auch öffentlicher Kritik aus (vgl. Wegener 1994, S. 145-149; Klass 2004, S. 56–57; Krämer 2020, S. 199–203). Reality-TV, insbesondere in Form der Sozialreportage, wird mitunter dafür genutzt, um soziale Schichten, vor allem Menschen aus sogenannten sozialbenachteiligten Milieus, zur Schau zu stellen. Sendungen wie „Hartz und herzlich“ (seit 2016, RTLZWEI) tragen dazu bei, die Protagonist*innen als Problemgruppe der Gesellschaft darzustellen, indem sie deren Situation oft auf moralische und persönliche Schwächen der Individuen zurückführen. Dabei muss jedoch erkannt werden, dass hinter den oftmals prekären Lebensverhältnissen strukturelle Probleme der Gesellschaft stehen, die diese Realitäten formen und aufrechterhalten. Das Format bildet ab, wie sich Menschen durch langfristige Transferleistungsbezüge und damit verbundene strukturelle Benachteiligungen in einem Teufelskreis aus Arbeitslosigkeit, finanzieller Not und gesellschaftlicher Marginalisierung befinden (zur Kritik an Reality-TV-Formaten wie „Hartz und herzlich“ siehe auch Gäbler 2020, S. 23–40). So greift „Hartz und herzlich“ zentrale Aspekte und Bruchstellen des deutschen Sozialstaats insbesondere im Hinblick auf Armut, Ausgrenzung und die wachsende soziale Schere in Deutschland auf. Dabei wird allerdings deutlich, dass die Darstellung dieser Lebensrealitäten oftmals auf eine defizitorientierte Weise erfolgt, die stereotype Bilder reproduziert und der Gefahr des medialen Voyeurismus Vorschub leistet. Formate wie dieses stehen damit exemplarisch für die Spannung zwischen Sichtbarmachung und sozialer Stigmatisierung.
Durch Formate wie „The Biggest Loser“ (seit 2009, ProSieben, Kabel Eins, Sat.1), „Extrem schön! – Endlich ein neues Leben“ (2009–2017, RTLZWEI) oder „Beauty & The Nerd“ (2013, Neuauflage seit 2020, ProSieben) wird das Thema der Selbstverantwortung mit Blick auf den eigenen Körper projiziert, indem persönliche Probleme auch als Folge individueller Fehlentscheidungen dargestellt werden. Analysen weltweit zeigen, dass in Reality-TV-Formaten häufig die Normen der Mittelschicht abgebildet werden, insbesondere trifft das auf Makeover-Sendungen zu (vgl. Kraidy 2009, S. 1–13; Skeggs und Wood 2012, S. 3–10; Stiernstedt und Jacobsson 2016, S. 699, S. 711). Es wird zudem beobachtet, dass Menschen mit geringerem Einkommen oder ohne akademischen Hintergrund in diesen Sendungen oft negativ porträtiert werden (vgl. Franco 2008, S. 477–480). Reality-TV adressiert dabei durchaus auch ein gebildetes Publikum, das sich aber über die dargestellten sozialen Gruppen erheben kann. Somit können Reality-TV-Formate die gesellschaftliche Spaltung verstärken, indem sie soziale Unterschiede ritualisieren und reproduzieren (vgl. Krotz 2012, S. 72). Die gesellschaftlichen Hierarchien werden hierdurch eher stabilisiert als hinterfragt (vgl. Bleicher 2019, S. 8).
Lernen, hinter die Kulissen zu schauen: Medienbildung und Marktlogik
Gerade angesichts dieser strukturellen Dimensionen wird ein medienpädagogischer Umgang mit Reality-TV-Formaten besonders relevant. In pädagogischen Kontexten können diese Sendungen als Ausgangspunkt genutzt werden, um mit Jugendlichen und jungen Erwachsenen über mediale Repräsentation, Stereotype und gesellschaftliche Ungleichheiten ins Gespräch zu kommen. Medienkompetenz bedeutet in diesem Zusammenhang nicht nur technisches Wissen, sondern vor allem die Fähigkeit, mediale Inszenierungen kritisch zu reflektieren und eigene Perspektiven auf mediale Bilder zu entwickeln. Durch eine entsprechende Begleitung kann der oftmals defizitorientierten Darstellung marginalisierter Gruppen etwas entgegengesetzt werden – etwa durch Perspektivwechsel, Kontextualisierung oder Gegenbilder.
Zum Erwerb von Medienkompetenz gehört es, auch die ökonomischen Bedingungen der Medienproduktion zu verstehen. Gerade Reality-TV-Formate entfalten ihre Wirkung nicht nur als kulturelle Artefakte, sondern ebenso als erfolgreiche Geschäftsmodelle. Um den Erfolg der Formate einzuordnen, ist es wichtig, auch ihren wirtschaftlichen Nutzen für die Medienindustrie zu verstehen. Diese Formate bieten der Medienindustrie neue Möglichkeiten zur Monetarisierung durch die langfristige Bindung der Zuschauer*innen. Ein treues Publikum über mehrere Staffeln hinweg sorgt für stabile Werbeeinnahmen, zieht Sponsoren an und ermöglicht den Verkauf von Merchandising und Zusatzinhalten. Darüber hinaus profitieren Streaming-Plattformen durch Abonnements, da Zuschauer*innen regelmäßig auf neue Staffeln und exklusive Inhalte warten. Engagement wird hier nicht nur durch Einschaltquoten und Social-Media-Aktivitäten gemessen, sondern auch durch die emotionalen und kognitiven Beziehungen, die die Zuschauenden zu den Teilnehmenden der Sendungen aufbauen. Das Publikum wird in ein komplexes System der Prominentenproduktion eingebunden, in dem sowohl Talentformate als auch sogenannte No-Talent-Formate existieren (vgl. Kavka 2022, S. 11). Diese erzeugen Prominenz nicht durch Fähigkeiten, sondern durch die Zurschaustellung des Alltäglichen und die Instrumentalisierung sozialer Identitäten wie Geschlecht und Klasse.
Werte, Normen und soziale Erzählungen im Reality-TV
Reality-TV darf nicht unterschätzt werden, wenn es um die Prägung von gesellschaftlichen Werten und Normen geht. Viele Formate richten ihren Fokus häufig auf Themen wie Geschlechterrollen, -verhältnisse oder Schönheitsideale. Formate wie beispielsweise „Germany’s Next Topmodel“ zeigen, wie stark Geschlechterstereotype und normierte Schönheitsideale reproduziert werden können oder versuchen, diese zu durchbrechen (vgl. Schurzmann-Leder 2021, S. 300). Dass das Format auch heute noch eine hohe Relevanz hat, zeigt die JIM-Studie 2025: „Germany’s Next Topmodel“ zählt weiterhin zu den beliebtesten Sendungen unter Mädchen zwischen zwölf und 19 Jahren (MPFS 2025, S. 39). Die Darstellung von Frauen in vielen Formaten bleibt jedoch problematisch, da sie oft auf Äußerlichkeiten reduziert und in ein patriarchales System eingebunden werden. Gerade an diesem Format wird sichtbar, wie die Inszenierung zwischen dem Anspruch auf Empowerment und der Darstellung traditioneller Schönheitsnormen schwankt: Einerseits betont die Sendung Diversität und Selbstverwirklichung, andererseits werden Kandidatinnen weiterhin nach konventionellen Körperidealen bewertet.
Weiterhin setzen derartige Formate auf neoliberale Werte wie Eigenverantwortung, Selbstoptimierung oder Orientierung am Markterfolg (vgl. Stehling 2015, S. 43). Die Verbreitung neoliberaler Ideologien findet man auch in verschiedenen Castingshows wie „Deutschland sucht den Superstar“ (seit 2002, RTL) oder „Das Supertalent“ (2007-2025, RTL). Hier wird vermeintlich jeder Person die Chance auf den sozialen Aufstieg geboten, unabhängig von Geschlecht, Alter oder sozialer Klasse. Das zentrale Versprechen dieser Shows, die soziale Durchlässigkeit, wird dabei stark betont. In der Realität jedoch bleiben diese Formate vorrangig der Unterhaltung verpflichtet, wodurch die neoliberale Erzählung letztlich ein Pseudonarrativ darstellt, das den Zuschauenden ein Bild von individueller Selbstverwirklichung vermittelt, das sich in den meisten Fällen nicht einlöst (vgl. Eichner und Yurtaeva-Martens 2024, S. 98). Auch Dating- und Promi-Formate wie „Der Bachelor“ (2003, Neuauflage seit 2012, RTL), „Sommerhaus der Stars“ (seit 2016, RTL) oder das sogenannte „Dschungelcamp“ bedienen diese Logik, indem sie stark auf Konkurrenz, Emotionalisierung und öffentlich ausgetragene Beziehungskonflikte setzen. Sie inszenieren mediale Identitäten entlang stereotypisierter Geschlechterrollen, sozialer Differenzen und persönlicher Krisen, wodurch Unterhaltungswert mit gesellschaftlicher Deutungsmacht verknüpft wird.