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Das Gesellschaftsbild des Reality-TV | Streaming – Medien und Öffentlichkeit im Wandel | bpb.de

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Das Gesellschaftsbild des Reality-TV Zwischen Inszenierung und Spiegelbild

Dr. Yulia Yurtaeva-Martens

/ 9 Minuten zu lesen

Reality-TV unterhält, polarisiert und prägt. Wie formt das Genre Perspektiven auf Klasse, Körper und Zugehörigkeit und warum ist kritische Medienkompetenz im Umgang damit unverzichtbar?

Illustration: www.leitwerk.com (© bpb)

„Reality-TV ist mein Ankerpunkt im Leben. Wenn es mir nicht gut geht, ich Entspannung suche oder einfach eine gute Zeit haben will, schalte ich den Fernseher ein und lasse mich beschallen – von mehr oder weniger bekannten Trash-TV-Sternchen“ (Öztürk o. J.) – schwärmt die Autorin eines digitalen Stadtmagazins, bevor sie mit einem Überblick entsprechender „ultimativer“ Formate für ihre Leser*innen startet.

„Bauer sucht Frau“: In der Langzeitreihe werden Landwirte bei der Suche nach einer Beziehung und beim Alltag auf ihren Höfen begleitet. Foto: © RTL

Reality-TV ist eines der meistbeachteten Genres in der jüngeren Fernsehgeschichte und vereint Elemente aus Dokumentationen, Spielshows, Seifenopern und Melodramen. Es handelt sich um ein hybrides Genre oder – genauer gesagt – um eine Genrefamilie, die inhaltlich vor allem auf Grenzüberschreitungen setzt (vgl. Kavka 2012, S.1–9; Klaus 2006, S. 83–85; dies. 2008, S.161; Krämer 2020, S. 255). Seit den 1990er-Jahren ist Interner Link: Reality-TV fest in der modernen Fernsehlandschaft verankert und hat die Art und Weise, wie Fernsehinhalte produziert, konsumiert und diskutiert werden, nachhaltig verändert. Auch im Streaming-Bereich sind Reality-Formate längst zu einem zentralen Bestandteil der Programmstrategien geworden: RTL+ setzt schon einige Jahre auf Eigenproduktionen wie „Temptation Island – Versuchung im Paradies“ (seit 2019, RTL) oder auf die Bereitstellung etablierter Formate wie „Ich bin ein Star – Holt mich hier raus!“ (seit 2004, RTL)“, die zur Profilbildung der Plattform beitragen und hohe Abrufzahlen erzielen. Auch bei Joyn gehören Formate wie „Promis unter Palmen“ (seit 2020, SAT. 1) oder „Germany’s Next Topmodel“ (seit 2006, ProSieben) zu den meistgestreamten Inhalten. Zugleich zeigt die wachsende Zahl an Reality-Eigenproduktionen, dass Streaming-Anbieter gezielt in das Genre investieren.

„Schwiegertochter gesucht“: In dem Dating-Format suchen alleinstehende Männer mithilfe ihrer Mütter nach einer Partnerin. Foto: © RTL

In Deutschland wird diese Entwicklung oft mit einem Qualitätsverlust des Fernsehens gleichgesetzt, wobei Reality-TV insbesondere im journalistischen Diskurs häufig synonym als Trash-TV bezeichnet wird (Rützel 2017). Dabei ist Reality-TV eines der diversesten Genres im Fernsehen, indem es Menschen aus verschiedenen ethnischen, religiösen, sozialen und kulturellen Hintergründen darstellt (vgl. Deller 2019, S. 24–25). Die Reality-TV-Formate geben vor, das echte Leben abzubilden, doch sie sind konstruiert, inszeniert und stellen gut komponierte mediale Erzählungen dar, die bestimmte narrative und emotionale Effekte beim Publikum erzielen wollen. Die Geschichten folgen oft einer Drehbuchvorlage und sind „gescripted“ (vgl. Bleicher 2019, S. 2), Konflikte und Dramen werden bewusst verstärkt, um Spannung zu erzeugen. Reality-TV-Sendungen wie „Bauer sucht Frau“ (seit 2005, RTL) oder „Schwiegertochter gesucht“ (2007-2024, RTL) zeigen auf den ersten Blick das Leben „normaler“ Menschen in außergewöhnlichen Situationen.

Doch statt realistische Einblicke zu gewähren, bemüht die Inszenierung teilweise eine verzerrte und/oder stereotype Darstellung. Diese medialen Erzählungen sind jedoch stets eng mit der Alltagskultur verwoben, da sie sowohl Diskurse als auch Praktiken des täglichen Lebens widerspiegeln und beeinflussen können. Daraus ergibt sich die Frage, welches gesellschaftliche Wissen durch die mediale Darstellung unterschiedlicher Lebensrealitäten im Reality-TV vermittelt werden kann (vgl. Voglmayr 2012, S. 3).

Stereotype im Alltag: Reale Lebenswelten unter der Lupe

Reality-TV kann zentrale soziale Diskurse anregen bzw. beeinflussen und ist damit vor allem ein Forum, in dem auch gesellschaftliche und politische Themen verhandelt werden (vgl. Kavka 2022, S. 2–9). Die mediale Repräsentation von Lebensrealitäten – ob durch soziale Ungleichheiten, prekäre Lebenslagen oder Geschlechterverhältnisse – formt oder verstärkt ein bestimmtes Bild der Gesellschaft. Die Teilnehmenden geben nicht nur ihre Privatsphäre und Emotionen preis, sondern liefern sich auch öffentlicher Kritik aus (vgl. Wegener 1994, S. 145-149; Klass 2004, S. 56–57; Krämer 2020, S. 199–203). Reality-TV, insbesondere in Form der Sozialreportage, wird mitunter dafür genutzt, um soziale Schichten, vor allem Menschen aus sogenannten sozialbenachteiligten Milieus, zur Schau zu stellen. Sendungen wie „Hartz und herzlich“ (seit 2016, RTLZWEI) tragen dazu bei, die Protagonist*innen als Problemgruppe der Gesellschaft darzustellen, indem sie deren Situation oft auf moralische und persönliche Schwächen der Individuen zurückführen. Dabei muss jedoch erkannt werden, dass hinter den oftmals prekären Lebensverhältnissen strukturelle Probleme der Gesellschaft stehen, die diese Realitäten formen und aufrechterhalten. Das Format bildet ab, wie sich Menschen durch langfristige Transferleistungsbezüge und damit verbundene strukturelle Benachteiligungen in einem Teufelskreis aus Arbeitslosigkeit, finanzieller Not und gesellschaftlicher Marginalisierung befinden (zur Kritik an Reality-TV-Formaten wie „Hartz und herzlich“ siehe auch Gäbler 2020, S. 23–40). So greift „Hartz und herzlich“ zentrale Aspekte und Bruchstellen des deutschen Sozialstaats insbesondere im Hinblick auf Armut, Ausgrenzung und die wachsende soziale Schere in Deutschland auf. Dabei wird allerdings deutlich, dass die Darstellung dieser Lebensrealitäten oftmals auf eine defizitorientierte Weise erfolgt, die stereotype Bilder reproduziert und der Gefahr des medialen Voyeurismus Vorschub leistet. Formate wie dieses stehen damit exemplarisch für die Spannung zwischen Sichtbarmachung und sozialer Stigmatisierung.

Durch Formate wie „The Biggest Loser“ (seit 2009, ProSieben, Kabel Eins, Sat.1), „Extrem schön! – Endlich ein neues Leben“ (2009–2017, RTLZWEI) oder „Beauty & The Nerd“ (2013, Neuauflage seit 2020, ProSieben) wird das Thema der Selbstverantwortung mit Blick auf den eigenen Körper projiziert, indem persönliche Probleme auch als Folge individueller Fehlentscheidungen dargestellt werden. Analysen weltweit zeigen, dass in Reality-TV-Formaten häufig die Normen der Mittelschicht abgebildet werden, insbesondere trifft das auf Makeover-Sendungen zu (vgl. Kraidy 2009, S. 1–13; Skeggs und Wood 2012, S. 3–10; Stiernstedt und Jacobsson 2016, S. 699, S. 711). Es wird zudem beobachtet, dass Menschen mit geringerem Einkommen oder ohne akademischen Hintergrund in diesen Sendungen oft negativ porträtiert werden (vgl. Franco 2008, S. 477–480). Reality-TV adressiert dabei durchaus auch ein gebildetes Publikum, das sich aber über die dargestellten sozialen Gruppen erheben kann. Somit können Reality-TV-Formate die gesellschaftliche Spaltung verstärken, indem sie soziale Unterschiede ritualisieren und reproduzieren (vgl. Krotz 2012, S. 72). Die gesellschaftlichen Hierarchien werden hierdurch eher stabilisiert als hinterfragt (vgl. Bleicher 2019, S. 8).

Lernen, hinter die Kulissen zu schauen: Medienbildung und Marktlogik

Gerade angesichts dieser strukturellen Dimensionen wird ein medienpädagogischer Umgang mit Reality-TV-Formaten besonders relevant. In pädagogischen Kontexten können diese Sendungen als Ausgangspunkt genutzt werden, um mit Jugendlichen und jungen Erwachsenen über mediale Repräsentation, Stereotype und gesellschaftliche Ungleichheiten ins Gespräch zu kommen. Medienkompetenz bedeutet in diesem Zusammenhang nicht nur technisches Wissen, sondern vor allem die Fähigkeit, mediale Inszenierungen kritisch zu reflektieren und eigene Perspektiven auf mediale Bilder zu entwickeln. Durch eine entsprechende Begleitung kann der oftmals defizitorientierten Darstellung marginalisierter Gruppen etwas entgegengesetzt werden – etwa durch Perspektivwechsel, Kontextualisierung oder Gegenbilder.

Zum Erwerb von Medienkompetenz gehört es, auch die ökonomischen Bedingungen der Medienproduktion zu verstehen. Gerade Reality-TV-Formate entfalten ihre Wirkung nicht nur als kulturelle Artefakte, sondern ebenso als erfolgreiche Geschäftsmodelle. Um den Erfolg der Formate einzuordnen, ist es wichtig, auch ihren wirtschaftlichen Nutzen für die Medienindustrie zu verstehen. Diese Formate bieten der Medienindustrie neue Möglichkeiten zur Monetarisierung durch die langfristige Bindung der Zuschauer*innen. Ein treues Publikum über mehrere Staffeln hinweg sorgt für stabile Werbeeinnahmen, zieht Sponsoren an und ermöglicht den Verkauf von Merchandising und Zusatzinhalten. Darüber hinaus profitieren Streaming-Plattformen durch Abonnements, da Zuschauer*innen regelmäßig auf neue Staffeln und exklusive Inhalte warten. Engagement wird hier nicht nur durch Einschaltquoten und Social-Media-Aktivitäten gemessen, sondern auch durch die emotionalen und kognitiven Beziehungen, die die Zuschauenden zu den Teilnehmenden der Sendungen aufbauen. Das Publikum wird in ein komplexes System der Prominentenproduktion eingebunden, in dem sowohl Talentformate als auch sogenannte No-Talent-Formate existieren (vgl. Kavka 2022, S. 11). Diese erzeugen Prominenz nicht durch Fähigkeiten, sondern durch die Zurschaustellung des Alltäglichen und die Instrumentalisierung sozialer Identitäten wie Geschlecht und Klasse.

Werte, Normen und soziale Erzählungen im Reality-TV

Reality-TV darf nicht unterschätzt werden, wenn es um die Prägung von gesellschaftlichen Werten und Normen geht. Viele Formate richten ihren Fokus häufig auf Themen wie Geschlechterrollen, -verhältnisse oder Schönheitsideale. Formate wie beispielsweise „Germany’s Next Topmodel“ zeigen, wie stark Geschlechterstereotype und normierte Schönheitsideale reproduziert werden können oder versuchen, diese zu durchbrechen (vgl. Schurzmann-Leder 2021, S. 300). Dass das Format auch heute noch eine hohe Relevanz hat, zeigt die JIM-Studie 2025: „Germany’s Next Topmodel“ zählt weiterhin zu den beliebtesten Sendungen unter Mädchen zwischen zwölf und 19 Jahren (MPFS 2025, S. 39). Die Darstellung von Frauen in vielen Formaten bleibt jedoch problematisch, da sie oft auf Äußerlichkeiten reduziert und in ein patriarchales System eingebunden werden. Gerade an diesem Format wird sichtbar, wie die Inszenierung zwischen dem Anspruch auf Empowerment und der Darstellung traditioneller Schönheitsnormen schwankt: Einerseits betont die Sendung Diversität und Selbstverwirklichung, andererseits werden Kandidatinnen weiterhin nach konventionellen Körperidealen bewertet.

Weiterhin setzen derartige Formate auf neoliberale Werte wie Eigenverantwortung, Selbstoptimierung oder Orientierung am Markterfolg (vgl. Stehling 2015, S. 43). Die Verbreitung neoliberaler Ideologien findet man auch in verschiedenen Castingshows wie „Deutschland sucht den Superstar“ (seit 2002, RTL) oder „Das Supertalent“ (2007-2025, RTL). Hier wird vermeintlich jeder Person die Chance auf den sozialen Aufstieg geboten, unabhängig von Geschlecht, Alter oder sozialer Klasse. Das zentrale Versprechen dieser Shows, die soziale Durchlässigkeit, wird dabei stark betont. In der Realität jedoch bleiben diese Formate vorrangig der Unterhaltung verpflichtet, wodurch die neoliberale Erzählung letztlich ein Pseudonarrativ darstellt, das den Zuschauenden ein Bild von individueller Selbstverwirklichung vermittelt, das sich in den meisten Fällen nicht einlöst (vgl. Eichner und Yurtaeva-Martens 2024, S. 98). Auch Dating- und Promi-Formate wie „Der Bachelor“ (2003, Neuauflage seit 2012, RTL), „Sommerhaus der Stars“ (seit 2016, RTL) oder das sogenannte „Dschungelcamp“ bedienen diese Logik, indem sie stark auf Konkurrenz, Emotionalisierung und öffentlich ausgetragene Beziehungskonflikte setzen. Sie inszenieren mediale Identitäten entlang stereotypisierter Geschlechterrollen, sozialer Differenzen und persönlicher Krisen, wodurch Unterhaltungswert mit gesellschaftlicher Deutungsmacht verknüpft wird.

(© Foto: RTL) (© Foto: RTL / Stefan Gregorowius) (© Foto: RTL)

Emotion und Interaktion: Die Rolle des Publikums

Ein zentraler Aspekt von Reality-TV ist die Identifikation und Empathie, die das Publikum mit den Teilnehmenden entwickelt. Dies wird durch die Emotionalisierung und Dramatisierung der gezeigten Inhalte verstärkt. Die Zuschauer*innen nehmen aktiv Anteil am Schicksal der Protagonist*innen und werden durch intime Einblicke in deren Leben emotional involviert. Das Format begleitende Angebote in sozialen Medien und Live-Events tragen zu einer intensiven Bindung der Zuschauenden und zu deren Interaktion bei (vgl. Hill 2017, S. 8–13). Mit dem Aufkommen des Streamings fanden Reality-TV-Formate schnell ihren Weg auf entsprechende Plattformen. Viele Sendungen wurden entweder parallel zur Fernsehausstrahlung oder exklusiv für Streaming-Dienste produziert. Dies veränderte – etwa bei Serienformaten – die Rezeptionsgewohnheiten des Publikums: Streaming ermöglichte es, Reality-TV flexibel und on demand zu konsumieren, was die Bindung an feste Sendezeiten sowie an die Laufzeiten der Sendungen auflöste, wie auch Jana Zündel in dem Artikel „Interner Link: Flexibel, individuell, überfordert: Streaming als Medienalltag“ herausgestellt hat. Nun kann man auch ältere Formate, die nicht mehr gesendet werden, wie beispielsweise „Raus aus den Schulden“ (2007–2019, 2021 RTL) und viele andere weiterhin streamen.

Generell ist Reality-TV darauf ausgelegt, ein breites Publikum anzusprechen, indem es soziale Normen, Identitäten und diverse Alltagspraktiken verhandelt. Sendungen wie „Goodbye Deutschland! Die Auswanderer“ (seit 2006, VOX) oder „Frauentausch“ (2003–2021, RTLZWEI) bieten durch ihre dokumentarische Erzählweise besonders intime Einblicke in das Leben der Teilnehmer*innen, was oft eine starke emotionale Bindung beim Publikum erzeugt. Die Darstellung von emotionalen Höhepunkten wie das Scheitern eines Auswanderungsversuchs wird zur kollektiven Erfahrung, die Mitleid und Identifikation beim Publikum wecken können. Gleichzeitig lässt sich jedoch ein voyeuristisches Moment in vielen dieser Formate nicht leugnen. Der öffentliche Konsum persönlicher Krisen und Konflikte dient oft mehr der Unterhaltung als der Reflexion gesellschaftlicher Missstände. Der Erfolg solcher Formate hängt davon ab, wie stark sie das intime Leben der Teilnehmer*innen zur Schau stellen und wie viel an Grenzüberschreitung dabei geboten wird.

Das Publikum nimmt also für das Reality-TV eine zentrale Rolle ein, da es aktiv in die Erzählungen eingebunden wird – sei es durch Abstimmungen, soziale Medien oder andere Formen der Interaktion. Gleichzeitig spielt das Reality-TV mit den Erwartungen des Publikums, indem es bestimmte Typen von Teilnehmenden castet und inszeniert. So können beispielsweise Erwartungen gebrochen werden, wie das berühmte Beispiel von Susan Boyles Auftritt bei „Britain’s Got Talent“ (seit 2007, ITV) zeigt, bei dem eine unerwartet talentierte Teilnehmerin die vorgefertigten Urteile des Publikums unterlief und globale Aufmerksamkeit erregte (vgl. Deller 2019, S. 73–77).

Zwischen Unterhaltung und Erkenntnis – ein Genre mit Wirkung

Reality-TV ist weit mehr als nur „Unterhaltung durch Realitätsdarstellungen“ (Jonas und Neuberger 1996, S. 187). Es hält uns einen Spiegel der gesellschaftlichen Verhältnisse vor, indem es Klassenunterschiede, Geschlechterverhältnisse sowie kulturelle Normen und Werte thematisiert, wenn auch oft in stark verzerrter und emotionalisierter Form. Diese bieten jedoch die Möglichkeit, gesellschaftliche Missstände sichtbar zu machen und Diskurse über soziale Gerechtigkeit zu eröffnen, unabhängig davon, ob Reality-TV über Streaming-Dienste oder im linearen Fernsehen konsumiert wird.

Die Repräsentation unterschiedlicher Lebensrealitäten in diesen Formaten dient nicht nur der Unterhaltung, sondern verbreitet und festigt bestimmte gesellschaftliche Narrative. Dennoch bleibt die Frage, inwiefern diese Formate tatsächlich zur Aufklärung und Sensibilisierung beitragen können oder ob sie vielmehr bestehende Vorurteile verstärken, indem sie soziale und ökonomische Ungleichheiten inszenieren und reproduzieren.

Externer Link: Medienkompetenz – sowohl der Zuschauer*innen im Allgemeinen als auch der Medienbildenden – kann der Schlüssel sein, um Letzterem entgegenzuwirken, ein Wissen aus den Reality-TV-Formaten herauszuziehen und dieses zu vermitteln. Sie kann dazu befähigen, die enthaltenen Botschaften kritisch zu hinterfragen. Durch ein reflektiertes Verständnis der medialen Inszenierung können die Zuschauenden zwischen konstruierter Realität und tatsächlichen gesellschaftlichen Prozessen unterscheiden und die gewonnenen Informationen sinnvoll einordnen.

Quellen / Literatur

  • Bleicher, Joan (2019): Reality TV, in: Geimer, Alexander/Heinze, Carsten/Winter, Rainer (Hrsg.): Handbuch Filmsoziologie, Wiesbaden, S. 1–12.

  • Deller, Ruth A. (2019): Reality Television: The TV Phenomenon That Changed the World, Bingley.

  • Eichner, Susanne/Yurtaeva-Martens, Yulia (2024): Klasse/Arbeit/Gender im Unterhaltungsfernsehen am Beispiel von Germany's Next Topmodel, in: Hoffmann, Dagmar/Krauß, Florian/Stock, Moritz (Hrsg.): Fernsehen und Klassenfragen, Wiesbaden, S. 91–111.

  • Franco, Judith (2008): Extreme Makeover: The Politics of Gender, Class, and Cultural Identity, in: Television & New Media 9 (2008) 6, S. 471–486.

  • Hill, Annette (2017): Reality TV Engagement: Producer and Audience Relations for Reality Talent Shows, in: Media Industries 4 (2017) 1, S. 1–17.

  • Jonas, Markus/Neuberger, Christoph (1996): Unterhaltung durch Realitätsdarstellungen: „Reality TV“ als neue Programmform, in: Publizistik 41 (1996) 2, S. 187–202.

  • Kavka, Misha (2012): Reality TV, Edinburgh.

  • Klass, Nadine (2004): Rechtliche Grenzen des Realitätsfernsehens: Ein Beitrag zur Dogmatik des Menschenwürdeschutzes und des allgemeinen Persönlichkeitsrechts, Tübingen.

  • Klaus, Elisabeth (2006): Grenzenlose Erfolge? Entwicklung und Merkmale des Reality-TV, in: Frizzoni, Brigitte/Tomkowiak, Ingrid (Hrsg.): Unterhaltung: Konzepte – Formen – Wirkungen, Zürich, S. 83–106.

  • Klaus, Elisabeth (2008): Fernsehreifer Alltag: Reality TV als neue, gesellschaftsgebundene Angebotsform des Fernsehens, in: Thomas, Tanja (Hrsg.): Medienkultur und soziales Handeln, Wiesbaden, S. 157–174.

  • Kraidy, Marwan M. (2009): Reality Television and Arab Politics: Contention in Public Life, Cambridge.

  • Krämer, Carmen (2020): Menschenwürde und Reality TV: Ein Widerspruch?, hrsg. v. Filipović, Alexander/Schicha, Christian/Stapf, Ingrid: Kommunikations- und Medienethik: Band 13, Baden-Baden.

  • Krotz, Friedrich (2012): Reality-TV: Unterschichtsfernsehen oder rationale Vorbereitung auf eine Gesellschaft, die immer mehr zwischen oben und unten spaltet?, in: Hajok, Daniel/Selg, Olaf/Hackenberg, Achim (Hrsg.): Auf Augenhöhe? Rezeption von Castingshows und Coachingsendungen, Konstanz, S. 71–83.

  • Rützel, Anja (2017): Trash-TV. 100 Seiten. Reclam, Stuttgart.

  • Schurzmann-Leder, Lena (2021): Körper, Leistung, Selbstdarstellung: Medienaneignung jugendlicher Zuschauerinnen von Germany's Next Topmodel, Bielefeld.

  • Skeggs, Beverley/Wood, Helen (2012): Reacting to Reality Television: Performance, Audience and Value, London und New York.

  • Stehling, Miriam (2015): Die Aneignung von Fernsehformaten im transkulturellen Vergleich: Eine Studie am Beispiel des Topmodel-Formats, Wiesbaden.

  • Voglmayr, Irmtraud (2012): Mediale Inszenierung prekärer Lebenswelten: am Beispiel von „In der Schuldenfalle“, in: kommunikation.medien 1 (2012), Externer Link: https://doi.org/10.25595/463, Zugriff am 27.01.2026.

Fussnoten

Weitere Inhalte

Dr.in Yulia Yurtaeva-Martens ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft der Freien Universität Berlin. Zuvor hat sie an der Filmuniversität Babelsberg Konrad Wolf promoviert und gearbeitet. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen in der europäischen Fernseh- und Mediengeschichte aus transnationaler Perspektive, in populärer Fernsehunterhaltung und Rezeptionsforschung sowie in Fragen von Gender und medienindustriellen Aspekten.