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15.1.2008

Info 01.03 Eine "verlorene Generation" darf nicht entstehen

Maria Böhmer, die Beauftragte der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration, äußert sich zum Thema Integration. Sie stellt die Kampagne "Vielfalt als Chance" als Beispiel für den Versuch, Chancengleichheit herzustellen heraus.

Vor kurzem machten drei Jugendliche arabischer Herkunft aus Berlin Schlagzeilen: Nicht etwa als Gewalttäter oder Kriminelle, sondern als Retter in der Not. Sie hatten beobachtet, wie eine Frau auf der Straße überfallen und mit einem Messer angegriffen wurde. Ohne lange nachzudenken, sind sie dem Opfer zu Hilfe geeilt, haben den Angreifer in die Flucht geschlagen und der Frau damit möglicherweise sogar das Leben gerettet. Ich habe die drei jungen Männer zu mir ins Kanzleramt eingeladen, weil ich mich persönlich bei ihnen für ihren mutigen Einsatz und ihre Zivilcourage bedanken wollte. Eine Zeitung beschrieb sie anschließend mit den Worten: "Das sind Helden, die so gar nicht dem Klischee entsprechen."

Vielleicht war es ein Zufall, dass zwei von ihnen die Neuköllner Rütli-Oberschule besuchen und der dritte bis vor kurzem ebenfalls auf dieser Schule war. Wir erinnern uns noch alle an den Hilferuf der Lehrer vom März 2006. Gegen die Gewalt an der Rütli-Schule wussten sie damals sie kein anderes Mittel mehr. Inzwischen entspricht auch die Rütli-Schule nicht mehr dem Klischee einer Hauptschule im "sozialen Brennpunkt". Dafür hat der neue Schulleiter gemeinsam mit den anderen Lehrerinnen und Lehrern, den Schülerinnen und Schülern und den Eltern gesorgt. "Rütli" ist inzwischen über die Grenzen von Neukölln hinaus eine positiv besetzte Marke, sei es als Logo auf eigens von den Schülern entworfenen T-Shirts – bei der Herstellung und beim Vertrieb erwerben sie nebenher wichtige Qualifikationen wie Umgang mit Computern, Grafik und Betriebswirtschaft – sei es durch das "Rütli"-Musical, das mehr als 900 Zuschauer anlockte.

Mit Recht ist die ganze Schule nun stolz auf ihre drei Jungs. Sie sind Vorbilder nicht nur für junge Migrantinnen und Migranten, sondern für alle jungen Menschen in unserem Land geworden. Die drei stammen aus einer palästinensischen Flüchtlingsfamilie. Deutschland ist ihnen zur Heimat geworden, sie gehen hier ihren Weg: Ihre Traumberufe sind Polizist, Bankkaufmann und Zahntechniker, einer besucht inzwischen ein Oberstufenzentrum. Sie wissen, dass eine gute Ausbildung der Schlüssel für ein persönlich wie beruflich erfülltes Leben in unserem Land ist. Sie wollen und werden ihre Chancen nutzen. Und sie machen anderen Jugendlichen Mut, es ihnen gleichzutun.

Solche Mutmacher, solche Vorbilder brauchen wir. Denn Staat und Politik allein können die entscheidende Zukunftsaufgabe Integration nicht lösen. Wir müssen alle mit einbinden: Wirtschaft und Gewerkschaften, Stiftungen, den Sport, die Medien, Organisationen der Zivilgesellschaft und natürlich die Migrantinnen und Migranten selbst. Genau das haben wir mit dem Nationalen Integrationsplan getan.

Wie wichtig diese Aufgabe ist, zeigt ein Blick auf die aktuellen Bevölkerungszahlen: Im Jahr 2010 wird in den großen deutschen Städten jeder zweite Einwohner unter vierzig Jahren eine Migrationshintergrund haben. Jedes dritte Kind unter sechs Jahren stammt bereits heute aus einer Zuwandererfamilie, in einigen Großstädten sind es schon zwei Drittel.

Viele Migrantinnen und Migranten sind gut in unsere Gesellschaft integriert, absolvieren erfolgreich die Schule und eine Berufsausbildung, tragen mit ihren Fähigkeiten und Leistungen zum Wohlstand und zur gesellschaftlichen und kulturellen Vielfalt unseres Landes bei. Aber gerade innerhalb der zweiten und dritten Generation bestehen zum Teil erhebliche Integrationsdefizite. Zahlreiche Jugendliche mit Migrationshintergrund sprechen schlecht Deutsch, auch wenn sie hier geboren wurden. Überdurchschnittlich viele junge Migrantinnen und Migranten haben keinen Schulabschluss, rund 40 Prozent keinen Berufsabschluss. 47 Prozent aller jungen erwachsenen Ausländer sind arbeitslos.

Diese Fakten sind alarmierend. Wir müssen verhindern, dass fehlende Perspektiven und mangelnde Akzeptanz, die eine große Zahl jugendlicher Zuwanderer verspüren, in gesellschaftspolitische Sackgassen führen. Eine "verlorene Generation" darf nicht entstehen. Das gilt auch mit Blick auf die demografische Entwicklung in unserem Land: Eine älter werdende Gesellschaft kann es sich nicht leisten, die Potenziale rechtmäßig hier lebender Kinder und Jugendlicher aus Zuwandererfamilien nicht zu nutzen und zu fördern. Es ist daher wichtig, dass wir die Bildungs- und Berufschancen insbesondere der zweiten und dritten Zuwanderergeneration entscheidend verbessern. Gute deutsche Sprachkenntnisse, Bildung und Ausbildung sind die Schlüssel für eine gelungene Integration.

Deshalb ist der Nationale Integrationsplan vor allem eine große Qualifizierungsoffensive für Menschen aus Zuwandererfamilien, insbesondere für die zweite und dritte Generation. Alle Beteiligten – mehr als 350 Experten von Bund, Länder und Kommunen, gesellschaftlichen Gruppen und Migrantenorganisationen haben ihn gemeinsam erarbeitet – haben eine große Zahl von Selbstverpflichtungen abgegeben, um die Bildungs- und Ausbildungssitutation junger Menschen aus Zuwandererfamilien zu verbessern. [...]

Bessere Bildungs- und Ausbildungsmöglichkeiten für Kinder und Jugendliche aus Zuwandererfamilien liegen nicht nur im Interesse der zugewanderten jungen Menschen, sondern auch im Interesse unserer Wirtschaft. Vielfalt bringt ökonomische Vorteile, das erkennen immer mehr Unternehmen in Deutschland. Der Erfolg der von mir gemeinsam mit vier deutschen Großunternehmen ins Leben gerufenen Unternehmensinitiative "Charta der Vielfalt" zeigt das deutlich. Zur Unterstützung der Charta habe ich die Kampagne "Vielfalt als Chance" und eine Wettbewerbsreihe für Vielfalt in der Ausbildung gestartet. Im Februar kommenden Jahres werde ich erstmals Betriebe und öffentliche Einrichtungen für besonders gelungene Integrationsprojekte im Bereich Ausbildung auszeichnen.

Diese und weitere Maßnahmen werden dazu beitragen, mehr Chancengerechtigkeit für junge Migrantinnen und Migranten in unserem Land herzustellen. Damit das gelingt, müssen die jungen Menschen aber auch selbst Anstrengungen erbringen. Sie müssen die angebotenen Möglichkeiten ergreifen und ihr Bestes geben, um gute Schul- und Berufsabschlüsse zu erlangen und später ein beruflich wie privat selbstbestimmtes, zufriedenes und erfülltes Leben führen zu können. Die besten Förderprogramme nützen nichts, wenn die Jugendlichen nicht mit am selben Strang ziehen. Die vielfältigen Angebote sind eine Einladung, aber auch eine Verpflichtung für junge Menschen aus Zuwandererfamilien, die vielen Chancen, die unser Land bietet, zu nutzen.

Maria Böhmer (Jg. 1950) stammt aus Mainz. Nach dem Studium der Mathematik, Physik, Politikwissenschaft und Pädagogik schlug die habilitierte Pädagogin die politische Laufbahn ein. Seit 1985 ist sie Mitglied der CDU. Angela Merkel hat die stellvertretende Fraktionschefin der CDU/CSU 2005 als Staatsministerin und Beauftragte der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration ins Bundeskanzleramt berufen.

Aus: Maria Böhmer: Eine "verlorene Generation" darf nicht entstehen, in: Deutsches Jugendinstitut: Thema 2007/10 Integration – diskriminiert oder selbst ausgegrenzt?, http://www.dji.de/cgi-bin/projekte/output.php?projekt=777 (19.12.2007).