Turnschuhe

30.11.2007

Info 03.02 Rappen über Deutschland

Integration als Inhalt von Hiphop-Liedern? Dieser Text fasst kurz zusammen, wie Rapper mit Migrationshintergrund die Thematik in ihren Songs aufgreifen.

Einleitung

Zuletzt war es der Streit um den Sänger Muhabbet, der deutlich gemacht hat, wie wenig selbstverständlich Muslime und Migranten in Deutschland immer noch sind: Für die einen eben noch der Deutschtürke zum Vorzeigen, wurde Muhabbet wegen seiner Äußerungen zum Mord am holländischen Filmemacher Theo van Gogh für andere zum Symbol einer islamistischen Bedrohung. Zu seiner Verteidigung erklärte Muhabbet, dass sich das Ganze um ein Missverständnis handele und distanzierte sich von jeglicher Gewalt. Während es seine Unterstützer dabei bewenden ließen, verwiesen seine Kritiker auf sexistische und schwulenfeindliche Liedtexte, die der Sänger vor Jahren verfasst hatte.

Nun sind Muhabbets Aussagen in der Tat problematisch. Allerdings spiegeln die kritisierten Texte und Äußerungen des Musikers Haltungen zu Gewalt, Macht und Minderheiten wider, die auch bei anderen nicht-migrantischen Hiphoppern zu finden sind. Das mag nicht eben Grund zur Beruhigung sein, relativiert aber den Islamismus-Verdacht und stellt zudem die unausgesprochene Vorstellung in Frage, jugendliche Migranten seien erst dann "integriert", wenn sie keine Negativ-Schlagzeilen mehr machen. Vielleicht wird andersherum ein Schuh daraus: Jugendliche Migranten sind gerade mit ihren Problemen, Konflikten und Einstellungen als Teil dieser Gesellschaft zu akzeptieren. Schließlich sind die meisten von ihnen mittlerweile hier geboren, sie leben seit Jahrzehnten in Deutschland und unterscheiden sich in Vielem nicht von ihren nicht-migrantischen Altersgenossen. [...]

"... der Umgang mit euch ist gar nicht leicht" – Rappen über Deutschland

In der aktuellen Kontroverse um den deutsch-türkischen Sänger Muhabbet traten die Inhalte seines aktuellen Lieds "Deutschland" in den Hintergrund. In diesem Lied, das er als "Liebeserklärung" an Deutschland beschreibt, setzt er sich mit der Situation von Migranten in Deutschland auseinander.

Dabei geht es nicht um eine konfliktfreie Erfolgsgeschichte der Integration, für die er selbst bisher gerne als Symbol genommen wurde. Im Mittelpunkt des Textes steht vielmehr die Erfahrung, trotz des ausdrücklichen Wunsches, an der Gesellschaft teilzuhaben, auf Ablehnung zu stoßen:
"Deutschland – warum verschließt du dich, Deutschland – leg deine Karten auf den Tisch. Denkst du, ich werde mich ergeben, denkst du, ich halt nicht dagegen, denkst du, dass ich still und schweigend mich hier einfach auf deinen Boden lege?"

Das Verhältnis zu Deutschland und zur deutschen Gesellschaft ist in vielen Hiphop- Liedern der letzten Monate Thema.
Während in "Deutschlands Alptraum" von Königskette SoSa die Abgrenzung gegenüber der 'anderen' Gesellschaft im Vordergrund steht, geht es in dem populären Stück "Ausländer" des Berliner Rappers Alpa Gun vor allem um eine Kritik der Stereotype und Vorbehalte, denen Migranten trotz ihres Bemühens um gesellschaftliche Anerkenung begegnen.

Bei Alpa Gun heißt es:
"Ihr müsst mir glauben, der Umgang mit euch ist gar nicht leicht. Ihr schmeißt uns alle auf einen Haufen und sagt, wir sind alle gleich. Ich hab mich oft geschlagen, doch mein Bruder wollte nicht so sein. Trotzdem kommt er wegen seines Aussehens in keine Disko rein. Türken töten für Ehre und drehen oft krumme Dinger, und manche Deutsche machen lieber Sex mit kleinen Kindern. Nicht jeder von uns würde mit Koks oder Hero dealen. Ich sag doch auch nicht, jeder Deutsche ist gestört und pädophil."

Besondere Beachtung fand auch Ammar 114 mit seinem Lied "Wir sind Deutschland", das sich als wütende Stellungnahme zu den Diskussionen um die Integration von Muslimen und Migranten verstehen lässt. (Die Zahl 114 verweist auf die Anzahl der Suren im Koran.) Der 28-jährige in Äthiopien geborene und zum Islam konvertierte Sänger stößt unter überzeugten jungen Muslimen wegen seiner oft sehr religiösen Texte auf Begeisterung.

In seinem Lied "Wir sind Deutschland" singt er:
"Wir sind Deutschland, ja wir sind ein Teil davon. Es wird Zeit, dass wir endlich volle Rechte bekommen. Wir sind Deutschland. Es wird Zeit, dass ihr das versteht, uns nicht mehr als Gäste seht. Unsere Kinder sind hier geboren, manche fragen sich, was haben die hier verloren. [...] Wir zahlen deutsche Steuern, haben investiert, in den deutschen Staat, der uns jetzt attackiert, uns nicht respektiert, uns die Rechte nimmt. Wir sollen uns integrieren, auch wenn wir Deutsche sind. [...] Haben mit euch aufgebaut, lang genug habt ihr auf uns herab geschaut. Es ist Zeit, dass ihr das versteht, uns als Bürger und nicht mehr als Gäste seht. Ihr wollt uns ausweisen oder raus schmeißen, wir sollen nach eurer Pfeife tanzen oder heim reisen? Hier ist unsere Heimat, also was ist euer Ziel? Soll ich als deutscher Flüchtling ins Exil?"

Aus: Jugendkultur, Religion und Demokratie. Politische Bildung mit jungen Muslimen, Newsletter des Modellprojekts in Berlin-Neukölln und Essen-Katernberg/-Altendorf, hrsg. von der Bundeszentrale für politische Bildung, Nr. 3/ 1. Dez. 2007.