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Lagarde, Christine

[* 1.1.1956 in Paris, Frankreich] frz. Politikerin und Präsidentin der Europäischen Zentralbank (EZB) in Frankfurt am Main (seit 1.11.2019), erste Frau in diesem Amt.

1974 als Austauschschülerin in den USA und Hospitanz im US-Repräsentantenhaus. Nach dem Abitur Studium der Politikwissenschaft in Aix-an-Provence (Institut d’Études Politiques) und Paris; Masterabschlüsse in Wirtschaftsrecht und Anglistik, dann weiteres Diplom in Sozialrecht (Aufbaustudium). Seit 1981 Karriere als Anwältin in der international tätigen Wirtschaftskanzlei Baker & McKenzie (Chicago, USA), seit 1987 Teilhaberin der Kanzlei, 1991 übernimmt L. die Leitung der Filiale in Paris. Seit 1995 Vorstandsmitglied und 1999 Vorstandsvorsitzende der genannten, weltweit zweitgrößten Anwaltskanzlei, Rückkehr nach Chicago. Im Juni 2005 Wechsel in die französische Politik als »beigeordnete Ministerin« des Finanz- und Wirtschaftsministers Thierry Breton (seit 1.12.2019 EU-Kommissar für Binnenmarkt) in der konservativ-liberalen Regierung von Dominique de Villepin (UMP). Im Mai 2007 kurzzeitige Berufung als Ministerin für Landwirtschaft und Fischerei in der Regierung von François Fillon, dann seit Juni 2007 Ministerin für Wirtschaft, Finanzen und Beschäftigung; in diesem Amt setzt sie sich mit Wolfgang Schäuble, ihrem deutschen Amtskollegen, für eine weltweite Transaktionssteuer und eine Reform der Finanzmarktregulierung ein. Am 5.7.2011 übernimmt L. das Amt der geschäftsführenden Direktorin des Internationalen Währungsfonds (IWF); hier spielt sie im Rahmen der Euro-Krisenrettungspolitik – zusammen mit der Europäischen Zentralband und der EU-Kommission (»Troika«) – eine wichtige Rolle und unterstützt die verschiedenen Maßnahmen der »Euro-Rettung«, um ein Auseinanderbrechen der Eurozone zu verhindern, die Unmut bei anderen IWF-Mitgliedstaaten ausgelöst haben. Die Wiederwahl L. für eine zweite fünfjährige Amtszeit als IWF-Direktorin scheitert nicht an Berichten über eine Affäre aus ihrer Zeit als Ministerin (hier ging es mutmaßliche Begünstigung des Unternehmers Bernard Tapie); ein Sondergericht hielt ihr zwar »Fahrlässigkeit im Amt« vor, verhängte aber keine Strafe. Am 2.7.2019 einigte sich der Europäische Rat, also die Staats- und Regierungschefs der EU-Mitgliedstaaten, darauf, L. als Nachfolgerin von Mario Draghi zur Präsidentin der Europäischen Zentralbank zu ernennen; am 18.10.2019 bestätigte der Europäische Rat formal diesen Beschluss. L. hat frühzeitig signalisiert, dass sie die (vor allem in Deutschland umstrittene) Niedrigzinspolitik ihres Vorgängers Draghi weiterverfolgen werde; sie hat bei Amtsantritt aber einen neuen und transparenteren Stil in der Kommunikation der EZB-Politik angekündigt: Dadurch mit sollen Entscheidungen der EZB in der Öffentlichkeit verständlicher werden und größere Unterstützng finden, und es soll politisches Vertrauen zurückgewonnen werden. In einem »Spiegel«-Interview hat sie angekündigt, dass sie Deutsch lernen wolle. Darüber hinaus will sie die EZB-Politik auch an neuen Zielen ausrichten (z. B. Bekämpfung des Klimawandels und der sozialen Ungleichheit). L. hat sich regelmäßig dafür ausgesprochen, mehr Frauen in (internationale) Führungspositionen in Politik und Wirtschaft zu bringen.

Internet

Literatur

  • Der Spiegel, Nr. 44 vom 26.10.2019
  • Financial Times, 28.10.2019
  • Munzinger-Archiv
  • New York Times (online) vom 12.12.2019

Siehe auch:
Europäische Zentralbank (EZB)
Draghi, Mario

aus: Große Hüttmann / Wehling, Das Europalexikon (3.Auflage), Bonn 2020, Verlag J. H. W. Dietz Nachf. GmbH. Autor des Artikels: M. Große Hüttmann



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