Blick auf den Erdball vom Weltall aus. Im Zentrum des Betrachters ist die nördliche Halbkugel zu sehen. Sie ist kaum von Wolken bedeckt. Im Westen liegt der amerikanisch Kontinent, im Osten liegt Europa. Dazwischen leuchtet blau der Ozean Atlantik.

29.5.2020

Vor 45 Jahren: Gründung der ESA

Am 30. Mai 1975 gründeten zehn westeuropäische Staaten die Europäische Weltraumagentur. Die ESA leistete in den vergangenen Jahrzehnten einen wichtigen Beitrag zur Erforschung des Weltraums und trug dazu bei, Europa technologisch unabhängiger zu machen.

Seit 1990 liefert das Hubble-Weltraumteleskop, ein Gemeinschaftsprojekt der ESA und der NASA, Bilder aus den Tiefen des Weltalls.Seit 1990 liefert das Hubble-Weltraumteleskop, ein Gemeinschaftsprojekt der ESA und der NASA, Bilder aus den Tiefen des Weltalls. (© NASA)

Während des Kalten Krieges lieferten sich die Sowjetunion und die USA auch im All einen Wettbewerb um die militärische und technologische Vorherrschaft. Der Start des ersten künstlichen Satelliten "Sputnik 1", der einen Durchmesser von gerade einmal 58 Zentimetern hatte, sorgte daher für große Verunsicherung in der westlichen Welt. Die Sowjetunion deutete den erfolgreichen Satelliten-Start am 4. Oktober 1957 im Wettstreit der Systeme als Zeichen für die Überlegenheit des Sozialismus.

45 Jahre ESA: Ein Rückblick in Bildern

Unter dem Eindruck des "Sputnik-Schocks" gründeten die USA 1958 die National Aeronautics and Space Administration (NASA) als zivile Raumfahrtbehörde. Der Wettlauf zwischen den Supermächten gewann weiter an Fahrt und spornte auch eine Reihe westeuropäischer Staaten an, eigene Kapazitäten in der Weltraumforschung zu schaffen oder bestehende auszubauen.

Erste europäische Raumfahrt-Bemühungen

Vor allem Großbritannien, Frankreich und Italien bemühten sich, eigene Raumfahrtprogramme umzusetzen, blieben im Vergleich zur Sowjetunion und den USA technologisch aber weit zurück. Eine zwischenstaatliche Zusammenarbeit sollte die westeuropäische Raumfahrt international wettbewerbsfähig machen. Mit Inkrafttreten der Pariser Verträge war es auch der Bundesrepublik Deutschland wieder erlaubt, sich an Raumfahrtprogrammen zu beteiligen.

1964 gründeten zehn westeuropäische Staaten die European Space Research Organisation (ESRO). Sie sollte deren Aktivitäten im Bereich der Weltraumforschung koordinieren. Bereits zwei Jahre zuvor hatten sechs der Staaten, darunter auch die Bundesrepublik Deutschland, die European Launcher Development Organisation (ELDO) ins Leben gerufen – gemeinsam mit Australien, um die dort bereits vorhandenen britischen Raketenstartanlagen nutzen zu können. Beide Organisationen sollten fortan die Entwicklung und Erprobung von Forschungssatelliten vorantreiben. Wichtigstes Ziel war der Bau einer weltraumfähigen Rakete.

Der ESRO gelang es, sieben Forschungssatelliten ins All zu bringen – allerdings nur mithilfe amerikanischer Trägerraketen. Mehrere ab 1968 durchgeführte Versuche, eine eigene Rakete mit Nutzlast erfolgreich in den Weltraum zu schießen, scheiterten. 1973 wurde das sogenannte EUROPA-Projekt eingestellt. Umgerechnet rund drei Milliarden Euro hatte das Programm ohne auch nur einen einzigen Satellitenstart gekostet. Ursache des Scheiterns war nicht zuletzt, dass es von Beginn an nicht gelungen war, die verschiedenen Auftragnehmer für die Einzelteile der EUROPA-Raketen zu koordinieren.

Gründung der Europäischen Weltraumagentur

Um den Bau einer eigenen Trägerrakete zu realisieren, entschieden sich die westeuropäischen Staaten zu einer engeren Zusammenarbeit. Im Juli 1973 einigte man sich auf der Ministerratskonferenz in Brüssel auf ein umfangreiches neues Raumfahrtprogramm. Am 30. Mai 1975 wurde mit dem Zusammenschluss von ESRO und ELDO die Europäischen Weltraumagentur (European Space Administration, kurz: ESA) gegründet.

Die ESA hat ihren Sitz in Paris. Weitere Zentren mit unterschiedlichen Aufgabenbereichen unterhält sie in Darmstadt, Köln, Frascati (Italien), Harwell (Großbritannien), Madrid (Spanien), Noordwijk (Niederlande) und Redu (Belgien). Ihre Missionen ins All startet die ESA vom südamerikanischen Kontinent: Der europäische Weltraumbahnhof liegt in der Nähe der Stadt Kourou im französischen Übersee-Département Französisch-Guayana. Zusammen mit den zehn Gründungsmitgliedern Belgien, Dänemark, Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Italien, Niederlande, Schweden, der Schweiz und Spanien gehören der Organisation mittlerweile 22 Länder an. Mit weiteren Staaten gibt es Kooperationsvereinbarungen.

Aufgabe der ESA ist es, das gemeinsame europäische Weltraumprogramm zu konzipieren und umzusetzen. Ihre Forschung soll ausschließlich friedlichen Zwecken dienen. Die ESA koordiniert zudem eigenständige Projekte und Programme ihrer Mitgliedsstaaten. Die Interessen der Bundesrepublik innerhalb der ESA vertritt das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR).

Aufbau und Budget

Das wichtigste Gremium in der Weltraumagentur ist der ESA-Rat. Er trifft die Grundsatzentscheidungen und steuert das europäische Weltraumprogramm. Jedes Mitgliedsland ist mit einer Stimme im ESA-Rat vertreten – unabhängig von der jeweiligen Größe und Beitragshöhe. Der ESA-Rat wählt den Generaldirektor. Seit 2015 hat der Deutsche Johann-Dietrich Wörner dieses Amt inne.

Die ESA unterteilt ihre Aktivitäten in ein "Pflichtprogramm" sowie optionale Projekte. Das Pflichtprogramm finanzieren alle Mitgliedstaaten gemeinsam. Der Beitragsanteil der Staaten richtet sich nach dem jeweiligen Bruttoinlandsprodukt. Bei den optionalen Projekten ist es jedem einzelnen Staat freigestellt, ob er sich an den Kosten beteiligt. Im Jahr 2020 beläuft sich der Gesamthaushalt der Weltraumagentur auf rund 6,7 Milliarden Euro. Für 26,9 Prozent davon kommt Frankreich auf, Deutschland zahlt etwas mehr als ein Fünftel des Budgets.

Konkurrenz für das GPS-System

Die Ziele der ESA-Projekte sind vielfältig: Erforscht werden die Erde, das Sonnensystem sowie andere Teile des Universums. Die Forschung ist zudem auf die Interessen verschiedener europäischer High-Tech-Industrien ausgerichtet. Die ESA wirkte etwa an der Entstehung satellitengestützter Technologien mit. So will Europa mit der von der ESA entwickelten satellitengestützten Navigation "Galileo" dem amerikanischen GPS-System Konkurrenz machen.

Wichtigstes Projekt der ESA war zunächst die Entwicklung des Ariane-Trägersystems. Diese Rakete startete erstmals im Jahr 1979 erfolgreich in den Weltraum. Sie wurde zu einem der wichtigsten Satellitenträger überhaupt. Die verschiedenen Typen der Ariane-Trägerraketen spielten für die kommerzielle Raumfahrt weltweit eine enorme Rolle. So wurden etwa Wetter- und Kommunikationssatelliten mit der Ariane in die Erdumlaufbahn geschossen. Die Europäer verfügen mittlerweile über ein umfassendes Satellitennetz.

Aktuell nutzt die ESA die Ariane 5. In den vergangenen Jahren trieb die Weltraumagentur die Entwicklung der Ariane 6 voran, deren Erstflug für dieses Jahr geplant war – wegen der Corona-Pandemie muss dieser voraussichtlich verschoben werden. Die Arbeit auf dem Weltraumbahnhof in Französisch-Guayana ruhte zuletzt.

ESA als wichtiger Partner bei der Internationalen Raumstation ISS

Eine spezielle Version der Ariane-Rakete trug in mehreren Flügen bis 2014 gut 20 Tonnen schwere europäische Versorgungsraumschiffe (ATVs) in den Erdorbit – von dort aus flogen diese selbstständig mit neuen Vorräten weiter zur Internationalen Raumstation ISS. Die bemannte Raumfahrt ist nach wie vor ein wichtiges Einsatzgebiet der ESA, Versorgungsflüge übernehmen aber mittlerweile ISS-Partner wie Russland. Mit anderen Weltraumagenturen wie der US-amerikanischen NASA arbeitete die ESA auch bei diversen anderen Missionen wie der Entwicklung des Hubble-Teleskops eng zusammen.

Auch bei der Erkundung von Kometen und anderen Himmelskörpern spielt die ESA eine maßgebliche Rolle. Bahnbrechend war etwa die Mission "Giotto" – der ersten Raumsonde, die 1986 Detailbilder eines Kometenkerns (Halley) zur Erde funkte. 2014 gelang es den Europäern im Rahmen der "Rosetta"-Mission erfolgreich eine Tochtersonde auf einem Kometenkern abzusetzen.

Mit der laufenden Mission "Gaia" will die ESA über eine Milliarde Sterne der Milchstraße mehrfach vermessen und so die bisher detaillierteste Karte unserer Galaxie anfertigen. Im Jahr 2022 soll die Wissenschaftsmission "Juice" zu den Eismonden des Jupiters fliegen, und Mitte des Jahrzehnts im Rahmen der ESA-Asteroidenmission "Hera" erstmals ein Raumfahrzeug ein binäres Asteroidensystem untersuchen.

Im Orbit wird es eng

Ohne die ESA wäre Europa in wichtigen Bereichen wie der Telekommunikation deutlich abhängiger von anderen Industriemächten wie den USA und China. Zuletzt bekamen die Russen, Amerikaner und Europäer verstärkt Konkurrenz aus Asien: Indien und China planen bemannte Flüge zum Mond.

Neben den großen staatlichen Weltraumagenturen spielen auch private Anbieter wie die Firma SpaceX, hinter der der Unternehmer Elon Musk steht, für die Raumfahrt eine immer wichtigere Rolle. Am 27. Mai 2020 sollte SpaceX erstmals zwei NASA-Astronauten mit einer kommerziellen Rakete zur ISS befördern. Der Start musste aufgrund schlechter Wetterbedingungen jedoch verschoben werden.

Kehrseite der zunehmenden Kommerzialisierung im All: Die Zahl der Satelliten wächst rasant, sodass etwa das Unfallrisiko steigt. So musste 2019 ein ESA-Satellit einem SpaceX-Modell ausweichen, um eine Kollision zu vermeiden.

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