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19.1.2006 | Von:
Friedemann Müller

Machtspiele um die kaspische Energie?

Die kaspische Region ist aufgrund ihrer Energieressourcen sehr begehrt. Die Region wurde zum Spielball fremder Mächte. Die USA, Russland und China bringen ihre Interessen deshalb intensiv zum Ausdruck.

Einleitung

Machtspiele um kaspische Energie sind so alt wie die Geschichte des modernen Erdölzeitalters, dessen Beginn um die Mitte des 19. Jahrhunderts angesetzt wird. Dabei ist die Gier nach kaspischem Erdöl noch viel älter, doch sind die Machtspiele früherer Jahrhunderte unzureichend dokumentiert. Bohrungen wurden bereits im 10. Jahrhundert in bis zu zwölf Metern Tiefe vorgenommen, um den wertvollen Rohstoff Erdöl zu gewinnen.[1]



Doch das moderne Erdölzeitalter ist mit der Industrialisierung und Motorisierung der neueren Geschichte verbunden, und im Zuge dessen wurde eine relativ kleine Fläche um Baku in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zur Boomregion fast amerikanischen Ausmaßes. 1863 wurde dort die erste Erdöl-Raffinerie eröffnet. Die Brüder Ludwig und Robert Nobel ließen sich in Baku nieder und kauften 1875 das große Balachany Erdölfeld. Russland brüstete sich als Kolonialmacht bei der Pariser Weltausstellung 1878 mit dem neuen Erdölzentrum und dank Investoren mit internationaler Reputation floss mehr Kapital in die Region. So kamen 1893 beispielsweise die Rothschilds und gaben der Erdölgewinnung einen neuen Schub. Zwischen 1898 und 2003 wurde in keiner Region der Welt mehr Erdöl produziert als im Raum Baku, im Jahr 1901 sollen hier sogar 50 Prozent der Weltproduktion gewonnen worden sein. Das architektonische Gesicht Bakus ist heute noch wie wohl keine andere Stadt östlich des Bosporus von dieser Gründerzeit geprägt.

Bald nach der Jahrhundertwende führte die Jagd nach dem flüssigen Treibstoff zu weltweit neuen Entdeckungen. In Russland wurde Erdöl an der Wolga, also näher an den großen Industriezentren des Landes, entdeckt, so dass die kaspischen Ressourcen trotz Produktionswachstums relativ an Bedeutung verloren. Doch der Mythos blieb. Im Zweiten Weltkrieg nahm die Wehrmacht die Erdölquellen von Baku ins Visier und wurde nicht weit davor vernichtend geschlagen. Nach dem Zweiten Weltkrieg lag für die Sowjetunion die Bedeutung des Erdöls von Baku und dem Nordkaukasus mehr darin, dass dort die Industrieanlagen für die Ausrüstung zur Erdölerschließung und Ausbildungsstätten für die Ingenieure angesiedelt waren. Der Anteil des Erdöls an der sowjetischen Produktion nahm jedoch weiter ab. Allerdings wurden in Kasachstan und dem übrigen Zentralasien neue Erdölregionen erschlossen, die sich aber ebenfalls nicht mit dem großen Projekt in Westsibirien messen konnten. Doch gewannen die Erdgasfelder in Turkmenistan, zum kleineren Teil auch in Usbekistan und Kasachstan, an Bedeutung. 1990 trug Turkmenistan etwa 15 Prozent zur Gesamtproduktion der Sowjetunion, dem mit Abstand größten Erdgasproduzenten der Welt, bei. Zu dieser Zeit zeichnete sich auch ein neuer Erdölboom in Kasachstan ab, denn in der Region Tengiz, am nördlichen Ostufer des Kaspischen Meeres, wurde das damals größte unerschlossene Erdölfeld der Welt entdeckt.

So ist nicht verwunderlich, dass sich mit der Unabhängigkeit der kaspischen Anrainerstaaten Aserbaidschan, Kasachstan und Turkmenistan der Mythos der unermesslichen Energieschätze erneuerte. Der Titel von Rudyard Kiplings Roman "Great Game", der das imperialistische Gezerre zwischen Russland und England in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts beschreibt, hat wie kein anderes Schlagwort die internationale Wahrnehmung der postsowjetischen Entwicklung dieser Region geprägt. Die Öffentlichkeit sieht sich jetzt mit der Neuauflage eines recht unappetitlichen Machtkampfes zwischen großen Mächten, diesmal Russland, USA und China, in diesem Raum konfrontiert. Nur geht es nun nicht mehr um kolonialen Landgewinn, sondern um die begehrte Ressource Erdöl. Zbigniew Brzezinskis Buch "The Grand Chessboard"[2] hat zu diesem Eindruck beigetragen, doch mag auch er unterschätzt haben, dass die Globalisierung neue Spieler und Spielregeln hervorbringt. Deshalb sollte die derzeitige Erschließung der Energieressourcen am Kaspischen Meer nicht aus dem Blickwinkel des 19. Jahrhunderts bewertet werden. Ohne Zweifel gibt es Einflussversuche, welche eher an die Zeit vor den Weltkriegen erinnern, doch alle Entwicklungen unter diesem Licht zu betrachten, würde die Analyse in eine schiefe Lage bringen.


Fußnoten

1.
Vgl. Michael P. Croissant/Bülent Aras, Oil and Geopolitics in the Caspian Sea Region, London 1999, S. 4.
2.
Zbigniew Brzezinski, The Grand Chessboard. American Primacy and Its Geostrategic Imperatives, New York 1997.