bpb-Publikationen

18.6.2003

5.1 Überwachung

Überwachungsgesellschaft

In "Überwachen und Strafen" legt Foucault (1994) diesem Gesellschaftsmodell das von Jeremy Bentham im 18. Jahrhundert entworfene Gefängnismodell des Panopticons zu Grunde. Im panoptischen System werden die Gefangenen von einer für sie unsichtbaren Aufsichtsperson überwacht und wissen daher nie, ob sie gerade unter Beobachtung stehen oder nicht. Bentham schloss daraus, dass die Gefangenen aufgrund der Möglichkeit der Beobachtung von unerlaubten Aktivitäten Abstand nehmen und sich der Gefängnisautorität unterwerfen und diszipliniert verhalten würden.
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Jeremy Bentham (1748 - 1832), Erfinder des Panoptikons
© Sonoma State University

Dem klassischen Souveränitätsmodell, das auf Gesetzen und Sanktionsandrohungen und einer punktuellen Machtausübung beruht, stellt Foucault das Modell der Überwachung gegenüber, das ohne einen physisch greifbaren Souverän auskommt, weil das Verhalten der Menschen durch eine ständig vorhandene Möglichkeit des Überwachtwerdens diszipliniert würde. Die entsprechenden Technologien, von Überwachungskameras bis zu Tracking-Technologien im Internet, vom Abhören von Telekommunikation bis zum Keyboard-Monitoring (der Aufzeichnung der Tastaturanschläge) am Arbeitsplatz, sind mittlerweile in den informationsbasierten Gesellschaften weit verbreitet. Polizei, Wachpersonal und ähnliche Vertreter der Autorität werden von Kameras und Überwachungssoftware ersetzt, ihre sichtbare Präsenz weicht der Omnipräsenz der Überwachungstechnologien. Deren öffentliche Wahrnehmung und Kritik scheint dabei weit hinter ihrer Präsenz zurückzuliegen. Denn einerseits werden Überwachungstechnologien als neutrale Instrumente der Verbrechensbekämpfung missverstanden und willkommen geheißen, andererseits stoßen sie auf resigniertes Schulterzucken. Letzteres kann jedoch bereits als typische und notwendige Auswirkung der Überwachung selbst verstanden werden: Sich in jedem Augenblick und in jeder Lage der Möglichkeit der Überwachung bewusst zu sein und auf sie zu achten, scheint unweigerlich zur Übermüdung und zum kommentarlosen Hinnehmen des Status quo zu führen.