bpb-Publikationen

18.6.2003

5.1 Überwachung

Arbeitsplatzüberwachung

Nahezu in allen Bereichen der Arbeitswelt wird der Druck auf die Arbeitnehmer verschärft. Telefongespräche, Online-Verhalten, E-Mails, Fahrten mit dem Dienstwagen, selbst Zigaretten- und WC-Pausen werden immer häufiger digital erfasst und analysiert. Je mehr Arbeit informatisiert und digitalisiert wird, um so leichter und weitreichender funktioniert die Überwachung.

In vollständig digitalisierten Arbeitsumgebungen, wie etwa Call-Centers oder E-Commerce-Betrieben, ist daher das ständige Monitoring der Leistung von Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen weit verbreitet. Arbeitstempo, Effizienz und Pünktlichkeit, aber auch Pausendauer- und Häufigkeit, Online-Verhalten und Telefongespräche werden in Echtzeit überwacht und die Mitarbeiter damit in eine Leistungshierarchie gegliedert, die aufgrund ihrer technischen Präzision und Objektivität kaum mehr angezweifelt werden kann. In vielen Betrieben übernehmen Systemadministratoren die Aufgabe, E-Mail- und Internetverkehr von Angestellten zu überprüfen. All das ist in Firmennetzwerken recht einfach zu bewerkstelligen.

Etwas mehr Aufwand ist erforderlich, wenn einzelne Mitarbeiter oder Mitarbeiterinnen gezielt überwacht werden sollen, etwa weil im Zuge von Routine-Überwachungen der Verdacht entstand, der oder die Betreffende könnte Interesse an einem Firmenwechsel haben und daher möglicherweise Firmeninterna ausplaudern. Dann kommen gerne Keyboard Monitoring Systems zum Einsatz, die den getippten Text direkt von der Tastatur drahtlos an die Kontrollstelle senden – eine Überwachungstechnologie, gegen die auch Verschlüsselung nichts ausrichtet. Hergestellt werden derartige Systeme beispielsweise vom britischen Produzenten Vascom.

Ebenso zur Werkzeugkiste der Arbeitsplatzüberwacher gehören Geheimkameras und mikrofone, die in Teeküchen, Garderoben und ähnlichen Orten des "informellen Informationsaustausches" angebracht werden. Denn wenn es um die Besetzung verantwortungsvoller Positionen geht, will so mancher Chef genau wissen, wer von den Angestellten wirklich vertrauenswürdig ist.

Privatausflüge mit dem Firmenwagen lassen sich anhand des GPS-Navigationssystems und einer speziellen Software aufdecken, die analysiert, wo sich ein Fahrzeug an einem bestimmten Zeitpunkt aufgehalten hat. Noch leichter wird derartiges Tracking, wenn Autos mit Internet-Anschluss ausgestattet sind – aber nicht nur die firmeninterne Überwachung wird damit unkomplizierter, auch die Fahrzeughersteller lassen sich so ihre eigenen Kundendatenbanken bequem und kostenlos aktualisieren.

Überwachte Telefonleitungen gehören zum Standardrepertoire der meisten Überwachungssituationen. Digitale Verbindungen lassen sich aber nicht nur abhören, sondern auch in allen Einzelheiten analysieren und mittels Data-Mining auswerten. Telefonsoftware wie etwa die von Harlequin hergestellte WatCall machen es Unternehmen leicht, genaue Profile des Telefonierverhaltens der Angestellten anzufertigen. Das WatCall-Analysesystem wird auch von der britischen Polizei eingesetzt, um Freundschaftsnetzwerke zu identifizieren und die so gewonnenen Daten mit bestehenden Datenbanken zu verknüpfen, womit ein automatischer Überwachungsprozess in Gang gesetzt wird, der abseits von richterlichen Beschlüssen abläuft, ja von dem die Justizbehörden nicht einmal Kenntnis haben. Harlequin erhielt dafür 1998 den britischen Big-Brother Award.[4] Das berüchtigte Überwachungsgesetz Regulation of Investigatory Powers (RIP) hat in Großbritannien zu einem Boom in der Branche geführt: Der Umsatz in Schnüffeltechnologien, mittlerweile unter "RIP-Technologien" bekannt, stieg 2001 um 53 Prozent.[5]

Fußnoten

4.
www.privacyinternational.org/bigbrother/uk-awards.html
5.
www.newmonday.co.uk