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Jugend in der Finanz- und Wirtschaftskrise

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Jugend in der Finanz- und Wirtschaftskrise

Johann de Rijke Martina Gille Wolfgang Gaiser

/ 14 Minuten zu lesen

Die Reaktion junger Menschen auf die Finanz- und Wirtschaftskrise ist ambivalent. Es werden Orientierungsprobleme und Gerechtigkeitswahrnehmungen vor dem Hintergrund objektiver Lebensbedingungen und subjektiver Erfahrungen untersucht.

Einleitung

Die gegenwärtige Krise des Finanz- und Wirtschaftssystems ist vielfältig anhand ökonomischer Indikatoren beschrieben worden. Es stellt sich jedoch die Frage nach der gerechten Verteilung der Lasten. Zudem ist nicht nur die Mittelschicht verunsichert: Gerade die Jugendgeneration steht bei der Einmündung in die Arbeitswelt vor besonderen Problemen. Wie reagieren junge Menschen? Nehmen Orientierungsprobleme und Ungerechtigkeitsempfindungen zu, welche Faktoren fördern, welche begrenzen sie? Welche Rolle spielen Einflüsse von Ungleichheitsdimensionen (Bildung) und unterschiedlichen regionalen Kontexten des Aufwachsens (West - Ost)? Wie wirken sich Belastungserfahrungen in der sozialen Nahwelt (Arbeitslosigkeit/Geldprobleme) aus?

Solchen Themen soll anhand empirischer Untersuchungen nachgegangen werden. Es geht dabei um Analysen im Zeitvergleich und um Differenzierungen auf der Ebene von unterschiedlichen Ressourcen, Belastungen und Handlungskompetenzen.

Umbruch der Jugendphase in der Wirtschaftskrise

Die gesellschaftliche Situation der vergangenen Jahre, vor und während der Finanz- und Wirtschaftskrise, bedeutet gerade für Heranwachsende besondere Herausforderungen. Junge Menschen reagieren mit einer verstärkten Leistungsbereitschaft. Sie fragen sich aber auch, ob sich ihre Orientierung am Kompetenzerwerb lohnt und ob die Verteilung des gesellschaftlichen Reichtums gerecht ist. Solche Bewertungen wirken sich auf die Zufriedenheit aus und spielen in der politischen Auseinandersetzung um die wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung eine nicht unbeträchtliche Rolle. So wurde vom Vorsitzenden des Deutschen Gewerkschaftsbundes Michael Sommer für das Jahr 2011, das als eines nach der großen Krise angesehen werden kann, die Leitforderung aufgestellt, dass die Arbeitnehmer endlich ihren gerechten Anteil am Wirtschaftswachstum erhalten.

Der Beginn der Jugendphase als Bildungsphase ist durch Prozesse der zunehmenden Verdichtung und Formierung gekennzeichnet. Die Jugendlichen bemühen sich mit ihren Wertorientierungen und alltäglichen Prioritätssetzungen den hohen Ansprüchen zu genügen. Inwieweit sich die Investitionen dann beim Übergang in die Arbeitswelt auch auszahlen, ist fraglich. Oft geht die individualisierte Kompetenzorientierung zu Lasten der Aktivität in der "Bürgergesellschaft".

Der Übergang in die Arbeitswelt ist durch viele Hürden und Belastungen gekennzeichnet (Praktika/Zeitverträge/Teilzeit/Flexibilität/permanente Verfügbarkeit) und erweist sich für viele als Lebensphase mit "open end". Eine Einmündung in eine sicherere Erwerbsbiografie, die weitere Schritte zum Erwachsenwerden ermöglicht (Partnerschaft, Familiengründung, selbständiges Wohnen) hat fast schon Seltenheitswert. Gerade beim Übergang in die Arbeitswelt werden Jugendliche zu unfreiwilligen Vorreitern einer immer flexibler werdenden Berufswelt. Berufsbiografien von jungen Menschen werden prekär. Ein großer Teil der Schulabgänger findet keinen betrieblichen Ausbildungsplatz oder muss sich mit einer schlechten Alternative zufrieden geben. Häufig müssen junge Menschen in unsicheren Verhältnissen arbeiten und finden sich in Leiharbeit, Scheinselbständigkeit oder unfreiwilliger Teilzeit wieder. Oft werden sie in langen Praktikumsphasen als billige Arbeitskräfte ausgenutzt und arbeiten zu Niedriglöhnen, die kaum zur Befriedigung alltäglicher Bedürfnisse ausreichen.

Selbst wenn auf den ersten Blick gesehen "die" Jugend ihre Lebenslage und Zukunft überwiegend positiv einschätzt, zeigt sich, dass Jugendliche aus sozial benachteiligten Familien nur zu einem Drittel optimistisch sind. Genau genommen kann also nicht von "der" Jugend die Rede sein. Differenziert man nämlich nach Dimensionen sozialer Ungleichheit, sei es die Herkunft oder der Bildungsabschluss, so zeigen sich Aspekte der Exklusion. Benachteiligung durch die Herkunftsfamilie oder Bildung verbinden sich auch mit anderen Aspekten verringerter gesellschaftlicher Teilhabe: weniger Demokratiekompetenz, weniger Mitgliedschaften, weniger soziale Inklusion.

Auch in international vergleichenden Untersuchungen über Auswirkungen des Globalisierungsprozesses auf individuelle Lebensläufe erweisen sich junge Menschen als besonders stark von negativen Globalisierungseffekten betroffen. Hohe Bildung und komplexe Handlungskompetenzen werden für eine erfolgreiche Integration in den Arbeitsmarkt nahezu unverzichtbar. Besonders Berufseinsteiger ohne Qualifikation werden hart von den Veränderungen getroffen. Globalisierung verstärkt die soziale Ungleichheit innerhalb der jungen Generation. Die Erfahrung von ökonomischen und zeitlichen Unsicherheiten (Teilzeitarbeit, Einkommensverluste, Arbeitslosigkeit, befristete Arbeitsverhältnisse) hat problematische Konsequenzen für Entscheidungsprozesse in der privaten Lebensplanung.

Auch in Deutschland ist die Verunsicherung der Jugend im Zeichen der Finanzmarktkrise deutlich gestiegen. Der Wunsch nach öffentlicher Kontrolle und Regulierung des Finanzmarktes hat sich verstärkt und herrscht vor allem bei Jugendlichen mit einfacher Bildung und schlechter persönlicher Wirtschafts- und Finanzlage vor. Die Verunsicherung beruht aber auch auf vielfältigen und bereits länger wirksamen Faktoren: Erosion traditioneller gesellschaftlicher Bindungen und sozialökologischen Milieus, Sorgen und Belastungen wegen des Abbaus des Sozialstaates sowie der Eindruck, den gesellschaftlichen Anforderungen nicht gewachsen zu sein.

Zum Konzept von Gerechtigkeitsvorstellungen und Orientierungsunsicherheit

Um solche Entwicklungen und Differenzierungen empirisch zu beleuchten, soll im Folgenden der Fokus auf zwei generelle Orientierungen gelegt werden: Sicherheitsgefühle und Gerechtigkeitsbewertungen.

Zum einen soll Orientierungssicherheit bezüglich eigener Handlungsmöglichkeiten betrachtet werden. Gemeint sind damit subjektive Antworten auf gesellschaftlichen Veränderungen. Orientierungsunsicherheit beschreibt die Einschätzung einer unklaren oder fehlenden Kontrolle über die eigenen Handlungsmöglichkeiten in einer gesellschaftlichen Situation des Umbruchs und der Veränderungen, der gegenüber man sich als nur unzureichend gewappnet empfindet. Eine solche Verunsicherung kann sich in problematischen Einstellungen und Orientierungsmustern wie etwa Resignation oder deviantem Verhalten niederschlagen und mangelnder sozialer Integration Vorschub leisten. Verunsicherung wird hier auf einer sehr allgemeinen Ebene gemessen, welche die derzeitige (relativ unsichere) Situation einer früheren gegenüberstellt, in der Normen allgemein gültig waren. Es werden also keine bestimmten Unsicherheiten angesprochen wie etwa die Angst vor Arbeitslosigkeit sowie Unklarheiten der Ausbildungschancen oder der weiteren Lebensschritte nach beendeter Ausbildung.

Zum anderen soll ein Aspekt betrachtet werden, bei dem es um Gefühle beziehungsweise persönliche Einschätzungen von sozialer Ungerechtigkeit oder "relativer Deprivation" geht, bezogen auf den gesellschaftlichen Reichtum und die Teilhabe am möglichen Wirtschaftswachstum. Solche Bewertungen stellen eine Art Maßstab der subjektiv empfundenen Verteilungsgerechtigkeit in der Gesellschaft dar. Diese ist zunächst unabhängig beziehungsweise auf einer anderen Ebene angesiedelt als eine Einschätzung auf der Makroperspektive, bei der es darum geht, zu bewerten, ob und inwieweit die Verteilungsprinzipien gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Wohlstands insgesamt als gerecht angesehen werden. Relative Deprivation, so wie sie hier betrachtet wird, verweist auf einen subjektiven Vergleich der eigenen Lebenssituation mit der anderer Personen oder Gruppen in der Gesellschaft und die Einschätzung, ungerechterweise schlechter gestellt zu sein. Solche Urteile zum "gerechten Anteil" basieren auf komplexen Bewertungsprozessen der Abwägung von Ansprüchen und sozialen Vergleichen mit wichtigen Referenzgruppen. Entscheidend für das Konzept ist, dass darin Unzufriedenheit mit der eigenen gesellschaftlichen Positionierung im Kontext von Ungleichheitsstrukturen zum Ausdruck kommt. Solche Bewertungen können sich auf wahrgenommene Handlungsmöglichkeiten und die Zufriedenheit auswirken.

Strukturelle Einflussfaktoren

Inwieweit junge Menschen die gestiegenen Leistungsanforderungen im Bildungs- und Ausbildungsbereich sowie auch die Tendenzen zunehmender Prekarisierung und Flexibilisierung in der Arbeitswelt wahrnehmen und sich trotzdem positive Chancen ausrechnen, sich diesen Herausforderungen zu stellen, soll im Folgenden zunächst anhand der Gerechtigkeitsbewertungen junger Menschen dargestellt werden. Wie bewerten junge Menschen ihre Lebensverhältnisse und auch ihre Chancen im Vergleich zu anderen? Empirisch belastbare Daten für die Zeit der Wirtschafts- und Finanzkrise 2009 liegen mit dem DJI-Survey "Aufwachsen in Deutschland: Alltagswelten" (AID:A) vor. Gewisse Trends lassen sich auch für Entwicklungen seit Anfang der 1990er Jahre anhand der breit angelegten repräsentativen Längsschnittstudie des DJI-Jugendsurvey beleuchten.

In der AID:A-Erhebung zeigt sich, dass sich nur eine Minderheit benachteiligt fühlt: Bei den 18- bis 32-Jährigen beurteilen 70% ihren Anteil am Lebensstandard im Vergleich zu anderen als "gerecht", 7% als "sehr viel mehr als gerecht". Nur ein Fünftel hat diesbezüglich ein negatives Urteil und fühlt sich "relativ depriviert": 17% sagen, sie bekommen "weniger als den gerechten Anteil", 3% "sehr viel weniger als den gerechten Anteil".

Von welchen Faktoren hängt ein solches Gefühl der relativen Deprivation bei jungen Menschen ab? Insbesondere das Bildungsniveau erweist sich als wichtig. Befragte ohne Bildungsabschluss oder nur mit Hauptschulabschluss bewerten häufiger ihren Anteil am gesellschaftlichen Wohlstand als ungerecht im Vergleich zu Befragten mit mittlerem und höherem Bildungsniveau (sh. Tabelle 1 in der PDF-Version). Junge Menschen mit geringeren Bildungsressourcen bewerten also ihren erschwerten Zugang zu guten Ausbildungs- und Arbeitsplätzen und damit einer ökonomischen Absicherung als wenig gerecht. Auch die gesellschaftliche Platzierung der Herkunftsfamilie - als Indikator wurde der höchste Schulbildungsabschluss von Mutter bzw. Vater gewählt - vermittelt ein unterschiedliches Empfinden von sozialer Gerechtigkeit: Jugendliche aus "bildungsfernen" Elternhäusern nehmen sich häufiger als relativ depriviert wahr. Studentinnen und Studenten sowie die Schülerinnen und Schüler sind demgegenüber die am stärksten zufriedenen Gruppen. Ungesicherte Lebensumstände wie Arbeitslosigkeit führen dagegen häufiger zu dem Urteil, weniger als den gerechten Anteil zu erhalten. Der Migrationshintergrund hat für die Wahrnehmung von Gerechtigkeit keinen großen Einfluss: Hier zeigen sich nur geringe Unterschiede zwischen einheimischen jungen Menschen und solchen mit Zuwanderungserfahrung.

Was "regionale" Unterschiede und differente Erfahrungen in beiden Teilen Deutschlands angeht, ist eine Analyse seit Beginn der 1990er Jahre interessant. Mit der deutschen Wiedervereinigung trafen unterschiedliche Verständnisse von sozialer Gerechtigkeit aufeinander: das stark an Gleichheit orientierte Gerechtigkeitsverständnis der Ostdeutschen und das eher individualistische und meritokratische Verständnis der Westdeutschen. Obwohl es in den vergangenen zwei Jahrzehnten Angleichungen bei den Gerechtigkeitseinstellungen gab, blieb eine deutliche Ost-West-Differenz erhalten. Auch im Hinblick auf die Wahrnehmung des gerechten Anteils am Lebensstandard zeigten sich insbesondere zu Beginn der 1990er Jahre große Ost-West-Differenzen: Die Ostdeutschen fühlen sich gegenüber den Westdeutschen deutlich unterprivilegiert. Auch in AID:A findet sich für die 18- bis 32-Jährigen im Jahr 2009 die beschriebene Einstellungsdifferenz (sh. Tabelle 1 in der PDF-Version).

Im Zeitvergleich ist eine deutliche Annäherung zwischen den west- und ostdeutschen jungen Menschen zu konstatieren (sh. Abbildung 1 in der PDF-Version). Hierin spiegelt sich möglicherweise die zunehmende Angleichung der Lebensverhältnisse und -perspektiven in beiden Landesteilen wider, denn die Veränderungen des Erwerbslebens im Hinblick auf Flexibilisierung und prekäre Beschäftigungsverhältnisse trifft ost- und westdeutsche Jugendliche und junge Erwachsene gleichermaßen. Insgesamt nimmt aber der Anteil derjenigen zu, die zufrieden mit der Verteilung des gesellschaftlichen Wohlstands sind. Eine Interpretationsmöglichkeit dieser überraschenden Tendenz liegt darin, dass jenseits strukturell zunehmender Generationsungerechtigkeit die Jugendlichen heute sich in ihrem Verständnis einer gerechten Verteilung des gesellschaftlichen Wohlstands nicht mit früheren Jugendgenerationen vergleichen, sondern ihre Maßstäbe an aktuellen Gegebenheiten ausrichten.

Bei der zweiten hier betrachteten Dimension "Orientierungsunsicherheit", die oben skizziert wurde, geht es um Einstellungen gegenüber solchen gesellschaftlichen Veränderungen, die Verunsicherung und Desorientierung gegenüber eigenen Handlungsmöglichkeiten zum Ausdruck bringen (Einzelitems in Tabelle 2 in der PDF-Version). Dabei weisen nach AID:A 2009 22% der 18- bis 32-Jährigen ein geringes, 47% ein mittleres und 31% ein hohes Niveau an Orientierungsunsicherheit auf. Darüber hinaus zeigt sich ein Zusammenhang zwischen sozialer Desorientierung und relativer Deprivation bei jungen Menschen: Jugendliche, die sich verunsichert fühlen, neigen auch eher dazu, sich als relativ depriviert wahrzunehmen. Außerdem geht soziale Desorientierung bei jungen Menschen häufig mit dem Gefühl einher, sich als fremdbestimmt wahrzunehmen, das heißt sich als wenig selbstbestimmt im Hinblick auf die eigene Lebensplanung zu erleben.

Die Einflussfaktoren auf Orientierungsunsicherheit gehen in die gleiche Richtung wie bei der relativen Deprivation. Junge Menschen mit geringen Bildungsressourcen sind deutlich stärker verunsichert (sh. Tabelle 2 in der PDF-Version); dies gilt in abgeschwächter Form auch für junge Menschen, deren Eltern ein niedriges formales Bildungsniveau haben. Auch für die Statusgruppen zeigen sich im Hinblick auf Orientierungsunsicherheit ähnliche Zusammenhänge wie bei der relativen Deprivation. Die Studierenden sind am geringsten verunsichert, die Arbeitslosen dagegen am meisten. Der Migrationshintergrund hat hier eine gewisse Bedeutung: Insbesondere Jugendliche der ersten Einwanderergeneration haben Schwierigkeiten, sich in den gesellschaftlichen Gegebenheiten zurechtzufinden.

Erstaunlich sind die 2009 feststellbaren Ost-West-Unterschiede, hat doch die hier betrachtete Altersgruppe der 18- bis 32-Jährigen mehrheitlich nur Erfahrungen mit dem wiedervereinigten Deutschland gemacht. Möglicherweise haben die jungen Menschen über die Eltern vermittelt Verunsicherungen miterlebt, die durch den Transformationsprozess ausgelöst worden sind. Der mit der "Wende" beginnende rapide Wandel in den Lebensbedingungen in den neuen Bundesländern kann als wichtige Ursache von Orientierungsunsicherheit angesehen werden, wie auch allgemein desintegrierende Folgen der Individualisierung und Globalisierung.

Betrachtet man das Ausmaß von Orientierungsunsicherheit bei jungen Menschen seit Beginn der 1990er Jahre, so zeigt sich, dass die Verunsicherung bei den Ostdeutschen zwar etwas abgenommen hat, aber nach wie vor über dem Niveau der westdeutschen Befragten verbleibt (sh. Abbildung 2 in der PDF-Version). Während Anfang der 1990er Jahre junge Menschen in den neuen Bundesländern ein deutlich größeres Ausmaß an sozialer Desorientierung aufwiesen, hat sich diese Ost-West-Differenz in den vergangenen zwei Jahrzehnten verkleinert: Wir können 2009 nur noch geringe Unterschiede in der sozialen Desorientierung west- und ostdeutscher junger Erwachsener finden. Insgesamt aber sind seit 1997 junge Menschen zunehmend verunsichert. Hier kommt wohl zum Ausdruck, dass sie mit gesellschaftlichen Veränderungsprozessen konfrontiert sind, die eine individuelle und berufliche Lebensplanung immer schwieriger machen. Die Orientierungsunsicherheit nimmt also - anders als die Bewertung des gerechten Anteils - nicht ab, sondern steigt in Westdeutschland sogar deutlich an.

Engagement in Vereinen und subjektive Einflussfaktoren

Im Folgenden wird nach der Bedeutung von Engagement in Vereinen und Verbänden sowie von Belastungen und persönlich erlebtem Stress im Hinblick auf Gerechtigkeitsvorstellungen und Orientierungsunsicherheit gefragt. Mitgliedschaft und Mitarbeit in Vereinen und Verbänden sowie in freieren Assoziationen bieten für Jugendliche und junge Erwachsene Möglichkeiten der sozialen Vernetzung, der Kommunikation und der Interessensrealisierung. Ein solches Engagement in organisatorisch engen oder weiten Kontexten spielt für soziale Integration und den Erwerb von "sozialem Kapital" eine große Rolle und wird seit einiger Zeit mit starkem Forschungsinteresse beobachtet. Insbesondere die möglichen Wirkungen auf demokratische Orientierungen und demokratisches Engagement sind hier von Interesse. Es lässt sich auch vermuten, dass eine solche soziale Vernetzung, ein Eingebundensein in interessenorientierte Organisationen und Gruppierungen jenseits der familiären Bindungen, Gefühlen von Unsicherheit und Ungleichheit entgegenwirken.

Die Ergebnisse zeigen (sh. Tabellen 3 und 4 in der PDF-Version), dass dies in gewissem Umfang durchaus der Fall ist: Bei denjenigen, die in keiner der Organisationen aktiv sind, ist der Anteil mit Orientierungsunsicherheit deutlich höher als bei den Aktiven (38% gegenüber 27%). Sie haben auch den Eindruck, dass sie weniger als den gerechten Anteil am gesellschaftlichen Reichtum erhalten (24% gegenüber 18%). Allerdings sind die Differenzen nicht so stark, dass man von einem dominanten Einfluss sprechen möchte. Andere Faktoren dürften bei der Verstärkung von Unsicherheits- und Ungleichheitsgefühlen wichtiger sein.

Erfahrungen mit Belastungen im persönlichen Umfeld wie bereits erlebte "länger andauernde Arbeitslosigkeit in der Familie" und "große Geldprobleme in der Familie" scheinen hierbei bedeutsam zu sein, ebenso Aspekte der Lebensbewältigung wie Gelassenheit oder Stress, die eher auf grundlegendere Einstellungen beziehungsweise Dispositionen abzielen (sh. Tabellen 3 und 4 in der PDF-Version). Belastungserfahrungen und Stress hängen eng mit Gefühlen sozialer Deprivation und Orientierungsunsicherheit zusammen. Starke Stresserfahrungen gehen mit dem Eindruck von Ungerechtigkeit ("weniger als den gerechten Anteil" - bei hohem Stress 32%, bei niedrigem nur 14%) und sozialer Unsicherheit (48% gegenüber 21%) einher. Und auch die Erfahrung von länger dauernden wirtschaftlichen Belastungen geht mit entsprechenden Orientierungen einher.

Es zeigt sich also, dass Erfahrungen von ökonomischem Druck und Belastungen sich deutlich in den hier betrachteten Orientierungen gesellschaftlicher Unsicherheit oder Unzufriedenheit niederschlagen, stärker sogar als so manche grundlegenderen Dimensionen sozialer Ungleichheit oder sozialer Unterstützung.

Zusammenfassung und Ausblick

Insgesamt gesehen sind die Tendenzen in den subjektiven Reaktionen junger Menschen auf die gesellschaftlichen Entwicklungen nicht ganz eindeutig. So haben einerseits Einschätzungen, nicht den gerechten Anteil am gesellschaftlichen Wohlstand zu erhalten, nicht zugenommen. Andererseits haben sich Gefühle einer generellen Orientierungsunsicherheit eher verstärkt und sind nach wie vor in den ostdeutschen Bundesländern höher als im Westen. Es sind also ambivalente Einschätzungen der eigenen Lebenssituation bei jungen Menschen in der gegenwärtigen gesellschaftlichen Situation zu konstatieren.

Allerdings gilt - wie zumeist in der Jugendforschung hervorgehoben -, dass nicht undifferenziert von "der" Jugend gesprochen werden kann. Sowohl bei der Frage nach Verteilungsgerechtigkeit als auch nach Orientierungssicherheit finden sich zum Teil deutliche Differenzierungen. Insbesondere gilt dies bezüglich struktureller Faktoren sozialer Ungleichheit, vor allem dem Bildungsniveau und Merkmalen der Erwerbsposition. Dazu aber spielen auch subjektive Faktoren, die jedoch häufig aus Erfahrungen soziostruktureller Benachteiligung herrühren, eine große Rolle: Biografische Erfahrungen wie Belastungen in der sozialen Nahwelt, wie längere Arbeitslosigkeit oder große Geldprobleme in der Familie, erweisen sich als bedeutsam für das Gerechtigkeitsempfinden und das Ausmaß an Orientierungsunsicherheit.

Betrachtet man die strukturellen Einflussfaktoren auf Einschätzungen gesellschaftlicher Gerechtigkeit sowie auf Orientierungssicherheit, so zeichnen sich für Politik, Praxis und politische wie ökonomische Bildung zwei Kontexte ab, um junge Menschen umfassender auf den Umgang mit gesellschaftlichen, ökonomischen und biographischen Unwägbarkeiten vorzubereiten: das Bildungssystem und die Träger der vielfältigen verbandlichen und bürgerschaftlichen Beteiligungsangebote.

Wird gesellschaftlich in diesen Kontext investiert, kann das kulturelle und soziale Kapital junger Menschen gestärkt werden, damit sie vermehrt befähigt werden, ihre Interessen und Lebensperspektiven auch in Krisenzeiten kompetent und aktiv umzusetzen.

Fussnoten

Fußnoten

  1. Vgl. Süddeutsche Zeitung vom 31.12.2010.

  2. Vgl. Christian Lüders, Entgrenzt, individualisiert, verdichtet. Überlegungen zum Strukturwandel des Aufwachsens, in: SOS Dialog, (2007), S. 4-10.

  3. Nach den Ergebnissen des DJI-Surveys von 2009, "Aufwachsen in Deutschland: Alltagswelten" (kurz AID:A; Projekthomepage: www.dji.de/jugendsurvey und www.dji.de/aida), ist die Leistungsorientierung gestiegen. Sekundäranalysen der Freiwilligensurveys von 1999, 2004 und 2009 verweisen darauf, dass zwar der prozentuale Anteil engagierter Jugendlicher (14-19 Jahre) nur leicht abnimmt, dass aber die Zeit, die sie für ihr Engagement aufbringen, deutlich zurückgeht. Vgl. Sibylle Picot, Engagement und Lebenslagen im Wandel, in: Jugendpolitik, (2010) 4, S. 14-20.

  4. Vgl. Martina Gille, Familien- und Lebensmodelle junger Männer, in: Karin Jurczyk/Andreas Lange (Hrsg.), Vaterwerden und Vatersein heute. Neue Wege - neue Chancen!, Gütersloh 2009.

  5. Vgl. Shell Deutschland Holding (Hrsg.), Jugend 2010 - Eine pragmatische Generation behauptet sich, Frankfurt/M. 2010.

  6. Vgl. Johann de Rijke/Wolfgang Gaiser/Martina Gille/Sabine Sardei-Biermann, Wandel der Einstellungen junger Menschen zur Demokratie in West- und Ostdeutschland - Ideal, Zufriedenheit, Kritik, in: Diskurs Kindheits- und Jugendforschung, (2006) 3, S. 335-352; Wolfgang Gaiser/Johann de Rijke, Gesellschaftliche und politische Beteiligung Jugendlicher und junger Erwachsener in Deutschland, in: Tanja Betz/Wolfgang Gaiser/Liane Pluto (Hrsg.), Partizipation von Kindern und Jugendlichen. Forschungsergebnisse, Bewertungen, Handlungsmöglichkeiten, Schwalbach/Ts. 2010, S. 35-56.

  7. Vgl. Hans-Peter Blossfeld/Erik Klijzing/Melinda Mills/Karin Kurz (eds.), Globalization, Uncertainty and Youth in Society, London-New York 2005.

  8. Vgl. John Bynner, Rethinking the Youth Phase of the Life-course: The Case for Emerging Adulthood?, in: Journal of Youth Studies, 8 (2005) 3, S. 367-384; Walter R. Heinz, Youth transitions in an age of uncertainty, in: Andy Furlong (ed.), Handbook of Youth and Young Adulthood. New perspectives and agendas, London-New York 2009.

  9. Vgl. Klaus Hurrelmann/Heribert Karch (Hrsg.), Jugend, Vorsorge, Finanzen - Herausforderung oder Überforderung?, Frankfurt/M.-New York 2010.

  10. Vgl. etwa Dagmar Krebs, Soziale Desorientierung und Devianzbereitschaft, in: Ursula Hoffmann-Lange (Hrsg.), Jugend und Demokratie in Deutschland. DJI-Jugendsurvey 1, Opladen 1995, S. 337-357.

  11. Vgl. etwa Heinz-Herbert Noll/Bernhard Christoph, Akzeptanz und Legitimität sozialer Ungleichheit - Zum Wandel von Einstellungen in West- und Ostdeutschland, in: Rüdiger Schmitt-Beck/Martina Wasmer/Achim Koch (Hrsg.), Sozialer und politischer Wandel in Deutschland. Analysen mit ALLBUS-Daten aus zwei Jahrzehnten, Wiesbaden 2004; Juliane Achatz, Lebensverhältnisse in Deutschland im Spiegel subjektiver Wahrnehmung, in: Martina Gille/Winfried Krüger (Hrsg.), Unzufriedene Demokraten. DJI-Jugendsurvey 2, Opladen 2000.

  12. Die Daten entstammen dem Jugendsurvey des Deutschen Jugendinstituts (DJI) sowie AID:A. Das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend unterstützt diese Forschung im Rahmen der Finanzierung des DJI. In den ersten beiden Wellen des DJI-Jugendsurveys (1992 und 1997) wurden jeweils rund 7000 16- bis 29-jährige deutsche Personen befragt, in der dritten Welle 2003 rund 9100 12- bis 29-Jährige mit deutscher und nicht-deutscher Staatsangehörigkeit. In AID:A 2009 wurden aus 25000 Haushalten alle Altersgruppen zwischen null und 55 Jahren einbezogen, 7900 Personen in der Altersgruppe von 18 bis 32 Jahren.

  13. Bei Schülerinnen und Schülern wurde nach dem angestrebten Schulabschluss gefragt.

  14. Vgl. Bernd Wegener/Stefan Liebig, Gerechtigkeitsvorstellungen in Ost- und Westdeutschland im Wandel: Sozialisation, Interessen, Lebenslauf, in: Peter Krause/Ilona Ostner, Leben in Ost- und Westdeutschland, Frankfurt/M.-New York 2010.

  15. Vgl. Wolfgang Glatzer/Ruth Hasberg, Lebensqualität im sozialen Bundesstaat. Subjektive Indikatoren für Ost- und Westdeutschland 1990-2008, in: ebd.

  16. Vgl. Martina Gille/Sabine Sardei-Biermann, Handlungs- und Zukunftsorientierungen Jugendlicher und junger Erwachsener, in: Elisabeth Krekel/Tilly Lex (Hrsg.), Neue Jugend, neue Ausbildung? Beiträge aus Jugend- und Bildungsforschung, Bonn 2011.

  17. Vgl. D. Krebs (Anm. 10).

  18. Grundlegend etwa Robert D. Putnam, Bowling alone. The Collapse and Revival of American Community, New York 2000; vgl. auch W. Gaiser/J. de Rijke (Anm. 6); Mareike Alscher u.a., Bericht zur Lage und zu den Perspektiven des bürgerschaftlichen Engagements in Deutschland, Berlin 2009.

  19. Stress ist in einem gewissen Maß im Jugendalter normal, weil in dieser Lebensphase ein besonderes Spannungsverhältnis zwischen subjektiven Fähigkeiten und Anforderungen existiert; vgl. Amartya Sen, Die Idee der Gerechtigkeit, München 2010. Eine belastende Form des Stresses existiert aber dann, wenn aus der Herausforderung eine Überforderung resultiert, wenn die gesellschaftlichen Anforderungen die Fähigkeiten Jugendlicher übersteigen; vgl. Aron Antonovsky, Salutogenese. Zur Entmystifizierung der Gesundheit, Tübingen 1997.

  20. An anderer Stelle konnte gezeigt werden, in welch hohem Maße diesen beiden Befähigungsbereichen - insbesondere dem Bildungssystem - eine zentrale Rolle bei der Förderung demokratischer Tugenden zukommt. Vgl. Wolfgang Gaiser/Winfried Krüger/Johann de Rijke, Demokratielernen durch Bildung und Partizipation, in: APuZ, (2009) 45, S. 39-46.

Diplom-Soziologe, geb. 1946; wissenschaftlicher Referent am DJI (s. oben). E-Mail Link: rijke@dji.de

Diplom-Soziologin, geb. 1954; wissenschaftliche Referentin am DJI (s. oben). E-Mail Link: gille@dji.de

Dr. rer. soc., Dipl.-Soz., geb. 1946; Grundsatzreferent für Jugendforschung am Deutschen Jugendinstitut e.V. (DJI), Nockherstraße 2, 81541 München. E-Mail Link: gaiser@dji.de