Die biologische Vielfalt unseres Planeten befindet sich in einer beispiellosen Krise. Wissenschaftliche Berichte zeichnen ein alarmierendes Bild. Der Weltbiodiversitätsrat IPBES (Intergovernmental Science-Policy Platform on Biodiversity and Ecosystem Services) konstatiert, dass eine Million Arten vom Aussterben bedroht sind; die Aussterberaten liegen um ein Vielfaches über dem natürlichen Niveau.
Konzept und Dimensionen
Der Begriff „Biodiversität“ wurde erst 1988 vom Biologen Edward Wilson als Verschmelzung aus dem griechischen bios (Leben) und dem lateinischen diversitas (Vielfalt) geprägt.
Die Biodiversitätsforschung unterscheidet weitere Facetten. Neben der Artenzahl spielt deren relative Häufigkeit eine wichtige Rolle. Dominieren wenige häufige Arten, ist die Diversität niedriger, als wenn Individuen gleichmäßig auf Arten verteilt sind. Räumlich wird zwischen Artenvielfalt innerhalb einer einzelnen Lokalität (Alpha-Diversität) und Gesamtvielfalt einer Region (Gamma-Diversität) unterschieden. Zudem ist von Interesse, wie stark sich die Artenzusammensetzungen zwischen Lokalitäten unterscheiden (Beta-Diversität) – was besonders in heterogenen Regionen mit vielfältigen Lebensräumen der Fall ist.
Die funktionale Diversität erfasst, wie unterschiedlich die ökologischen Rollen der Arten sind. Zum Beispiel ist ein Grasland mit zehn Arten ähnlicher Wuchsform funktional ärmer als eines mit zehn Arten unterschiedlicher Wurzelsysteme und Blühzeitpunkte. Die phylogenetische Diversität misst, wie weit die evolutionären Verwandtschaftsverhältnisse zurückreichen.
Messung und globale Muster
Die Beschreibung und Quantifizierung der Vielfalt des Lebens gehören zu den ältesten Forschungsfragen der Biologie. Jedoch gibt es keinen Biodiversitätsfühler, den man einfach irgendwo hinhängen könnte. Die Erfassung erfolgt auch heute meist durch Zählen von Individuen und Bestimmen von Arten – ein aufwendiger, zeitintensiver Prozess. Zum Beispiel müssen Insekten über Wochen im Feld gesammelt, im Labor sortiert und von spezialisierten Taxonom*innen bestimmt werden, was mehrere Jahre dauern kann. Hinzu kommt, dass Fachleute rar sind. Viele Daten werden von Ehrenamtlichen gesammelt.
Die schiere Menge an Arten macht es unmöglich, sie alle zu erfassen. Eine Strategie ist es, stellvertretend einzelne Artengruppen als Indikatoren zu untersuchen. Jedoch zeigt sich, dass Artenzahlen zwischen verschiedenen Gruppen nur schwach korrelieren.
Die globale Verteilung der Biodiversität zeigt ein ausgeprägtes Gefälle vom Äquator zu den Polen: Mit wenigen Ausnahmen nimmt der Artenreichtum von den Tropen zu den gemäßigten und polaren Breiten hin ab. Ein einziger Hektar tropischer Regenwald kann mehr Baumarten beherbergen als ganz Europa. Warum die Tropen so artenreich sind, ist nicht abschließend erforscht. Eine zentrale Hypothese ist die höhere Energieverfügbarkeit durch ganzjährig warmes, feuchtes Klima. Die relative Klimastabilität über evolutionäre Zeiträume ermöglichte zudem längere Perioden der Artenbildung ohne eiszeitbedingte Auslöschungen.
Die Erde lässt sich außerdem in unterschiedliche Floren- und Faunenreiche gliedern – großräumige Gebiete mit charakteristischer Artenzusammensetzung.
Der Naturschützer Norman Myers identifizierte vor 25 Jahren weltweit 36 Biodiversitäts-Hotspots, die prioritär geschützt werden sollten. Er definierte diese als Gebiete mit mindestens 1500 endemischen (also nur dort vorkommenden) Gefäßpflanzenarten, die mindestens 70 Prozent ihrer ursprünglichen Vegetation verloren haben.
Auch Deutschland verfügt über eine bemerkenswerte Biodiversität: Etwa 48000 Tierarten und über 9500 Gefäßpflanzenarten sind bei uns heimisch.
Warum ist Biodiversität wichtig?
Neben ethischen Argumenten für den Schutz von Biodiversität liefert das Konzept der Ökosystemdienstleistungen eine utilitäre Begründung.
Wie die Funktionsfähigkeit von Ökosystemen von ihrer Artenvielfalt abhängt, wird in Biodiversitätsexperimenten untersucht. Eines der international umfangreichsten Experimente ist das von der Deutschen Forschungsgemeinschaft finanzierte Jena-Experiment.
Der zentrale Mechanismus hinter diesen Biodiversitätseffekten ist Komplementarität. Arten unterscheiden sich in funktionellen Eigenschaften, was zu unterschiedlichen Beiträgen im Ökosystem führt. Zum Beispiel konkurrieren Pflanzen unterschiedlicher Arten mit unterschiedlichen Wurzeltiefen weniger stark um Bodennährstoffe und erschließen gemeinsam ein größeres Bodenvolumen als Pflanzen der gleichen Art, die alle in gleicher Tiefe wurzeln. Auch Pflanzen, die zu verschiedenen Zeiten wachsen oder unterschiedliche Nährstoffe bevorzugen, ergänzen sich. Diese „Teamarbeit“ macht artenreiche Gemeinschaften produktiver als Monokulturen.
Bestandsaufnahme
Dass Arten aussterben, ist ein natürlicher Prozess. Im Laufe der Erdgeschichte sind mindestens 99 Prozent aller jemals existierenden Arten wieder verschwunden. Doch das aktuelle Tempo des Artensterbens ist alles andere als natürlich. Die Journalistin Elizabeth Kolbert schrieb 2014 vom „sechsten Massenaussterben“ der Erdgeschichte; für ihr Buch wurde sie mit dem Pulitzerpreis ausgezeichnet.
Die Zahlen sind alarmierend. Die natürliche Hintergrundrate des Aussterbens liegt bezogen auf eine Million Arten bei unter einer Art pro Jahr. Die aktuellen Raten liegen mindestens zehn- bis hundertfach, nach einzelnen Quellen sogar tausendfach, über dieser natürlichen Rate.
Das Problem beschränkt sich nicht nur auf das komplette Verschwinden von Arten. Mindestens ebenso besorgniserregend ist der dramatische Rückgang der Populationsgrößen. Die Umweltorganisation WWF dokumentiert, dass die beobachteten Wirbeltierbestände zwischen 1970 und 2020 im Durchschnitt um 73 Prozent geschrumpft sind.
Am Keilberg bei Regensburg, wo Schmetterlingsbegeisterte seit 1854 Falter erfassen, lässt sich belegen, dass die Anfänge des Artenschwunds bis ins 19. Jahrhundert zurückreichen – in die Zeit der Agrarrevolution.
Gibt es auch positive Entwicklungen? Aktuelle Analysen deuten darauf hin, dass sich die globalen Aussterberaten etwas verlangsamt haben könnten,
Ursachen der Biodiversitätskrise
Der IPBES identifiziert fünf Haupttreiber des Artensterbens: Veränderungen der Land- und Meernutzung, direkte Ausbeutung von Organismen, Klimawandel, Umweltverschmutzung und invasive gebietsfremde Arten (Abbildung).
Landnutzungsänderungen bedeuten primär Flächenverbrauch und Verlust von Lebensräumen. In Deutschland wuchs die Siedlungs- und Verkehrsfläche zwischen 2020 und 2023 durchschnittlich um 51 Hektar pro Tag.
Die Ursachen für den Rückgang der biologischen Vielfalt in der Agrarlandschaft liegen im Wesentlichen in Veränderungen der Nutzungsweise, der Nutzungsintensität und der Struktur der Landschaft.
Neben dem Verlust an Strukturvielfalt spielt die Intensität der Landnutzung eine zentrale Rolle für den Biodiversitätsverlust, insbesondere durch den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln und Düngung. Denn Düngung führt zu vermehrtem Wachstum, insbesondere von starkwüchsigen Arten. Diese sind dann meist konkurrenzstark und verdrängen andere Arten. So nahmen etwa in den intensiv genutzten Ackerlandschaften Mittel- und Norddeutschlands die Ackerwildkräuter von den 1950er/60er Jahren bis 2009 im Mittel um 23 Prozent ab.
Der Einsatz von Pestiziden gegen Unkraut, Pilze, Schnecken und Insekten ist ein weiterer Haupttreiber der Effekte von Landwirtschaft, wie eine europaweite Studie im Weizenanbau exemplarisch für Ackerwildkräuter, Laufkäfer und Vögel zeigt.
Der Klimawandel wirkt als zusätzlicher Stressfaktor, der bestehende Belastungen verschärft. Noch ist er zwar nicht der global dominante Treiber der Biodiversitätskrise – dies ist weiterhin die Landnutzung –, mit fortschreitender Erderwärmung könnte er es aber werden.
Die unterschiedlichen Treiber und ihre Wechselwirkungen verdeutlichen, dass effektiver Biodiversitätsschutz mehrere Ursachen gleichzeitig angehen muss. Einzelmaßnahmen greifen zu kurz, wenn grundlegende Faktoren wie die Art und Intensität unserer Landnutzung unverändert bleiben.
Folgen des Biodiversitätsverlusts
Die Folgen des Biodiversitätsverlusts sind für viele Menschen noch nicht unmittelbar sichtbar – und gerade darin liegt eine Gefahr. Der Prozess vollzieht sich schleichend, er ist „mehr ein stilles Sterben“.
Insekten bilden die Nahrungsgrundlage für unzählige Vögel, Fledermäuse, Amphibien und andere Tiere. Ihr Rückgang erschüttert Nahrungsnetze fundamental und kann Kaskadeneffekte auslösen. Beim sekundären Aussterben verschwinden Arten als Folge des Verschwindens anderer Arten. In Nordamerika und Europa leben heute bereits drastisch weniger Vögel als noch 1970, nicht zuletzt wegen der schwindenden Insektenpopulationen, die ihre Nahrungsgrundlage sind.
Ein dramatisches Beispiel der Auswirkungen bereits einzelner drastisch dezimierter Arten liefert Indien, wo innerhalb weniger Jahre über 99 Prozent der Geier starben – mehr als 40 Millionen Vögel. Die Ursache war das Schmerzmittel Diclofenac, das Rindern verabreicht worden war; ihr Fleisch war für die Aasfresser nun tödlich. In der Folge kam es zu einer explosionsartigen Vermehrung streunender Hunde, drastisch steigenden Tollwutfällen und verseuchten Gewässern durch verwesende Kadaver. Derartige Kettenreaktionen auf einen einzelnen Verlust lassen sich im Vorhinein kaum abschätzen.
Die intensive Landwirtschaft hat vielerorts wilde Bestäuber wie Wildbienen stark dezimiert. Gleichzeitig hängen gut 17 Prozent der globalen Ernte von Bestäubung durch Tiere ab. Dafür werden Honigbienen eingesetzt. Doch selbst diese domestizierten Bestäuber überleben kaum. Das Beispiel der USA zeigt, wie eine zentrale Ökosystemdienstleistung industriell ersetzt werden muss, wenn natürliche Systeme kollabieren: Inzwischen werden Zehntausende kommerzieller Bienenvölker quer durchs Land auf Plantagen gefahren. Transport und Pestizidbelastung stressen die Tiere und machen sie anfälliger für Krankheiten. Die Verluste sind dramatisch – zwischen Juni 2024 und Januar 2025 starben in den USA 62 Prozent aller kommerziellen Bienenvölker. Fachleute warnen, dass diese Form der industrialisierten Bestäubung nicht dauerhaft aufrechtzuerhalten ist. Zudem konkurrieren die eingesetzten Honigbienen mit den verbliebenen wilden Bestäubern um Nahrung und verstärken deren Rückgang zusätzlich.
Die ökonomische Dimension der Biodiversitätskrise ist enorm. Nach Berechnungen des Weltwirtschaftsforums sind 55 Prozent der gesamten globalen Wirtschaftsleistung direkt auf Ökosystemleistungen und Naturressourcen angewiesen und daher gefährdet. Fünf der zehn größten Risiken für das nächste Jahrzehnt fallen in die Kategorie Umwelt, mit Biodiversitätsverlust auf Platz zwei.
Was muss geschehen? Ansatzpunkte und Perspektiven
Noch lässt sich der Trend des Biodiversitätsverlusts umkehren. Dies bedarf jedoch einer beispiellosen Anstrengung, wie modellierte Zukunftsszenarien zeigen.
Wenn integrierte Strategien notwendig sind, tragen alle Bereiche der Gesellschaft eine Verantwortung – Politik, Wirtschaft, Wissenschaft, Bildung und letztlich jede*r Einzelne. Noch fristet das Thema ein Schattendasein, aber es gehört mitten hinein in die politische und gesellschaftliche Auseinandersetzung. Biodiversität darf nicht als Luxus gelten, sondern als das, was sie tatsächlich ist: unsere Lebensgrundlage und damit schiere Notwendigkeit.
Die Notwendigkeit breiter gesellschaftlicher Mobilisierung zeigt sich auch in historischer Perspektive: Bereits 1992 appellierten über 1700 Wissenschaftler*innen – darunter die Mehrheit der lebenden Nobelpreisträger*innen – in ihrem „World Scientists’ Warning to Humanity“ an die Menschheit, die Umweltzerstörung einzudämmen. Sie warnten eindringlich vor Ozonabbau, Süßwasserknappheit, Waldverlust, Biodiversitätszerstörung und Klimawandel. Die Bilanz nach 25 Jahren war ernüchternd: Mit Ausnahme der stabilisierten Ozonschicht hatte sich die Lage bei nahezu allen Indikatoren verschlechtert. 2017 folgte deshalb eine zweite Warnung – diesmal unterzeichnet von mehr als 15000 Wissenschaftler*innen aus 184 Ländern. Die Botschaft ist unmissverständlich: Wissenschaftliche Evidenz allein genügt nicht. Vielmehr bedarf es zivilgesellschaftlichen Drucks, politischer Führung und grundlegender Verhaltensänderungen auf individueller wie institutioneller Ebene.
Dass Erholung möglich ist, zeigen Erfolge wie die Rückkehr von Storch, Biber und Luchs nach Deutschland.