In Deutschland dringt das Thema Biodiversität zunehmend in den öffentlichen Diskurs, denn Berichte über Artensterben, Verluste von Lebensräumen und Rückgang der Zahlen selbst häufiger Arten zeigen, wie verletzlich die natürlichen Grundlagen unseres Lebens geworden sind. Gleichzeitig wächst politisch wie gesellschaftlich der Druck, wirksame Maßnahmen zum Schutz der Biodiversität zu ergreifen – nicht zuletzt, weil sie eine zentrale Grundlage für Klimaanpassung, Ernährungssicherheit und Lebensqualität ist. Ein starkes Signal setzen dabei die sogenannten 30-bis-30-Ziele der UN-Biodiversitätskonferenz in Montreal 2022: Bis 2030 sollen 30 Prozent der Erde, an Land wie im Meer, unter Schutz stehen; Ökosysteme wie Wälder, Flüsse und Korallenriffe sollen sich erholen können; und Umweltverschmutzung sowie Artensterben sollen spürbar gebremst werden.
Was ist Citizen Science?
Citizen Science bezeichnet die aktive Beteiligung von Bürgerinnen und Bürgern an wissenschaftlichen Projekten, beispielsweise durch Beobachten, Messen, Sammeln, Auswerten oder sogar Mitgestalten von Forschung. Die Praxis ist dabei deutlich älter als der Begriff selbst, der erst Mitte der 1990er Jahre geprägt wurde. Schon im 19. Jahrhundert trugen engagierte Amateurforschende wertvolle Daten zu Vogelwanderungen, Wetterphänomenen oder botanischen Funden bei und legten damit den Grundstein für große Datensammlungen, die bis heute genutzt werden.
Ein frühes Beispiel ist der rege Briefwechsel, den der Naturforscher Charles Darwin (1809–1882) über Jahre hinweg mit Bürgern aus ganz Europa pflegte. Sie meldeten ihm Beobachtungen zu Pflanzen, Tieren oder Zuchtexperimenten, wodurch ein weit verzweigtes Netzwerk entstand, das ihm für sein bahnbrechendes Werk zur Evolutionstheorie wertvolle Unterstützung leistete.
Mit der Digitalisierung hat Citizen Science nochmal eine komplett neue Dynamik gewonnen: Über Apps, Online-Plattformen und offene Datenbanken können sich Menschen ortsunabhängig und in großer Zahl einbringen. Am bekanntesten sind Projekte, bei denen Bürgerinnen und Bürger Daten sammeln, etwa Naturbeobachtungen, Messwerte oder Fotos, wie bei der „Stunde der Gartenvögel“ oder dem Insektenmonitoring des Naturschutzbundes Deutschland (NABU), die jedes Jahr Tausende Menschen zur aktiven Teilnahme motivieren. Solche „kontributiven“ Formate nutzen oft digitale Werkzeuge und ermöglichen es, große Datenmengen zu erfassen, die einzelne Forschungsteams allein nicht erheben könnten. In Deutschland werden dazu unter anderem Apps und Portale wie iNaturalist, Flora Incognita, Observation.org oder Naturgucker.de genutzt, mit denen Freiwillige Beobachtungen von Tieren und Pflanzen direkt an wissenschaftliche Projekte übermitteln können.
Darüber hinaus gibt es aber auch ko-kreative Ansätze, die weit über das reine Datensammeln hinausgehen. Dabei arbeiten Bürgerinnen und Bürger gemeinsam mit Forschenden an Fragestellungen, Methoden oder sogar an der Interpretation der Ergebnisse mit.
Citizen Science reicht damit von offenen Mitmachangeboten bis hin zu gemeinschaftlich entwickelten Forschungsprozessen, die Wissenschaft und Gesellschaft eng miteinander verzahnen. Die Qualität der Ergebnisse hängt dabei wesentlich vom Umfang und der Intensität der Beteiligung ab. Citizen-Science-Projekte unterscheiden sich auch stark hinsichtlich ihrer Skalierbarkeit. Während klassische Datensammelprojekte dank klarer Abläufe und geringer Einstiegshürden problemlos größere Gruppen einbinden, stoßen ko-kreative Formate deutlich schneller an Grenzen. Sie sind weniger massentauglich, denn sie erfordern mehr Betreuung, Abstimmung und Engagement. Für Bürgerinnen und Bürger bedeutet echte Mitgestaltung daher auch zusätzlichen Zeitaufwand und höhere inhaltliche Anforderungen – und damit eine größere Einstiegshürde. Gerade diese anspruchsvolleren Formate besitzen jedoch besonderes Potenzial: Sie ermöglichen ein tieferes Verständnis wissenschaftlicher Prozesse, fördern demokratische Teilhabe und stärken den gesellschaftlichen Dialog.
Beitrag zum Schutz der Biodiversität
Das enorme Potenzial von Citizen-Science-Daten zeigt sich besonders bei gut untersuchten Organismengruppen wie Vögeln, Schmetterlingen oder Blütenpflanzen, für die sehr große Datenmengen vorliegen. Einer aktuellen Studie zur Verbreitung von Vogelarten in Nordamerika liegen 36 Millionen Meldungen auf der Plattform eBird zugrunde, mit deren Hilfe erstmals hochaufgelöste Karten der Vogelbestände erstellt werden konnten, die zeigen, wo Arten lokal stark zu- oder abnehmen, selbst innerhalb kleiner Landschaftsräume.
Auch für Schmetterlinge ist das Monitoring durch Citizen Scientists entscheidend: Seit 1975 erfassen in den USA zahlreiche freiwillige und professionelle Monitoringprogramme Schmetterlingspopulationen auf lokaler bis nationaler Ebene. Eine großangelegte Studie kombinierte Daten von 35 solcher Programme, die mehr als 76000 Surveys umfassen, um landesweite Trends von insgesamt 554 Arten zwischen 2000 und 2020 zu analysieren. Dank dieser jahrzehntelangen systematischen Datensammlung konnte ein Rückgang der Schmetterlingshäufigkeit um 22 Prozent festgestellt werden.
Citizen-Science-Projekte werden häufig in der Annahme begonnen, dass sie nicht nur zur wissenschaftlichen Datenerhebung beitragen, sondern auch das Umweltbewusstsein und das Engagement der Teilnehmenden fördern. Untersuchungen zeigen, dass Freiwillige während ihrer Teilnahme oft ein stärkeres Bewusstsein für den Wert ihrer Zeit und Ressourcen entwickeln, nicht nur im Hinblick auf die unmittelbare Forschungsfrage, sondern auch für den Schutz der beobachteten Arten und ihrer Lebensräume. Beispiele hierfür sind das „Great Pollinator Project“ ab 2007 oder das „Earthwatch Coyote Project“ 2010, bei denen Teilnehmende angaben, ihr Engagement habe ihre Einstellung zu Naturschutz und Umweltverantwortung positiv beeinflusst.
Wie zuverlässig sind Citizen-Science-Daten?
Citizen-Science-Projekte in der Biodiversitätsforschung haben ein enormes Potenzial, wissenschaftliches Wissen zu erweitern, politische Entscheidungen zu beeinflussen und das Ressourcenmanagement zu unterstützen. Voraussetzung ist aber, dass die erhobenen Daten von entsprechender Qualität sind. Zahlreiche Studien zeigen, dass freiwillige Teilnehmende ebenso genaue Daten liefern können wie Fachleute, wenn Projektgestaltung, Schulungen, Validierung durch Expertinnen und Experten sowie statistische Methoden zur Fehlerkontrolle systematisch eingesetzt werden.
Als Leitlinien dienen etwa die sogenannten FAIR-Prinzipien (findable, accessible, interoperable, reusable) für eine langfristige Speicherung in geeigneten Datenbanken oder Repositorien größerer Organisationen, um die Daten dauerhaft zugänglich, interpretierbar und wissenschaftlich nutzbar zu machen. In der Praxis zeigt sich, dass auch weniger präzise Daten durch eine große räumliche oder zeitliche Abdeckung potenziell wertvolle wissenschaftliche Erkenntnisse liefern können. Ein Beispiel hierfür ist das NABU-Projekt „Stunde der Gartenvögel“, bei dem zahlreiche Freiwillige über mehrere Tage hinweg Vögel in Städten und Dörfern in ganz Deutschland zählen. Auch wenn einzelne Beobachtungen ungenau oder unvollständig sein können, ermöglicht die enorme Anzahl an Datensätzen, Trends in der Vogelpopulation und Veränderungen im Artenspektrum über Jahre hinweg zuverlässig zu erkennen. Ausreißer und Falschmeldungen werden dabei durch Plausibilitätsprüfungen, Vergleich mit Referenzdaten und Rückmeldungen an die Teilnehmenden systematisch identifiziert und korrigiert.
Aber auch hier gilt: Gut dokumentierte Metadaten, transparente Methoden und klare Angaben zu Einschränkungen sind entscheidend, damit die Daten für andere Forschende nachträglich verlässlich nutzbar bleiben. Vor allem Verzerrungen in der Datenerhebung (sampling bias) sind ein typisches Problem bei Citizen-Science-Daten, da unterschiedliche räumliche und zeitliche Muster die Genauigkeit von Populations- und Trendanalysen beeinflussen können. Einfachere Modelle, die solche Verzerrungen nicht einkalkulieren, liefern oft fehlerhafte Ergebnisse. Komplexere Modelle hingegen, die berücksichtigen, dass räumliche und zeitliche Faktoren sich gegenseitig beeinflussen, ermöglichen deutlich bessere Schätzungen. Daher ist es wichtig, Verzerrungen zu erkennen, zu schätzen und geeignete Modellierungsansätze zu verwenden, um die Zuverlässigkeit der Analysen und die Interpretation von Citizen-Science-Daten zu erhöhen.
In der öffentlichen Debatte wird Citizen Science teils als pragmatische Reaktion auf begrenzte staatliche Ressourcen betrachtet und somit bisweilen als eine Art Ersatz für professionelle Forschung verstanden. Diese Perspektive greift jedoch zu kurz. Zwar besteht das Risiko, dass politische Entscheidungsträger die Beteiligung freiwilliger Akteure als Begründung heranziehen, wissenschaftliche Einrichtungen nicht ausreichend zu finanzieren. Gleichzeitig zeigt sich aber, dass Citizen Science eigenständige wissenschaftliche, gesellschaftliche und bildungspolitische Funktionen erfüllt, die über die eigentliche Forschungsfrage hinausgehen. So entstehen durch die aktive Einbindung von Bürgerinnen und Bürgern nicht nur umfangreiche Datensätze, sondern auch ein vertieftes Verständnis für Biodiversitätsthemen sowie eine stärkere Wahrnehmung der Bedeutung wissenschaftlicher Evidenz.
Barrieren und Spannungsfelder
Freiwillige in Citizen-Science-Projekten sammeln nicht nur Daten, sondern erweitern, teilen und nutzen Wissen, etwa durch eigene Fragestellungen, Datenanalysen, Diskussionen zu Biodiversität und Umweltpolitik oder praktische Naturschutzmaßnahmen. Analysen großer Onlineprojekte zeigen, dass Citizen Science überwiegend von älteren und gut ausgebildeten Personen getragen wird, wodurch marginalisierte Gruppen und bestimmte Problemlagen in den Daten unterrepräsentiert bleiben.
In einer Zeit, in der digitale Technologien selbstverständlicher Bestandteil des Alltags geworden sind, rücken unter dem Stichwort „postdigital Citizen Science“ Fragen nach Teilhabe und den zugrunde liegenden Machtverhältnissen verstärkt in den Fokus. Citizen Science steht dabei in mehrfacher Hinsicht unter Spannung: Zum einen soll die Beteiligung der Öffentlichkeit gefördert werden, zum anderen bestehen nach wie vor technische, soziale und rechtliche Hürden, die viele Menschen abschrecken bzw. ausschließen.
Citizen Science als politische Bildung
In den vergangenen Jahren hat der Deutsche Bundestag zunehmend anerkannt, dass Wissenschaftskommunikation in der demokratischen Gesellschaft eine wichtige strategische Aufgabe ist.
Teilnehmende erwerben zentrale demokratische Kompetenzen wie kritisches Denken, den systematischen Umgang mit Datenerhebung und -bewertung sowie das Verständnis, dass wissenschaftliche Erkenntnisse durch kontinuierliche Beobachtung, Überprüfung und Austausch entstehen. Zugleich stärkt Citizen Science das methodische Verständnis und die Fähigkeit, Forschungsergebnisse im öffentlichen Diskurs einzuordnen – was angesichts zunehmender Desinformation immer wichtiger wird. Die direkte Mitwirkung in Citizen-Science-Projekten fördert somit demokratische Teilhabe, indem sie Bürgerinnen und Bürger in die Lage versetzt, besser nachvollziehen zu können, wie politische Entscheidungen, etwa im Umweltbereich, getroffen werden und welche Herausforderungen nachhaltige Lösungsansätze mit sich bringen.