Angesichts der weltweit voranschreitenden Biodiversitätskrise fordert der Weltbiodiversitätsrat IPBES (Intergovernmental Science-Policy Platform on Biodiversity and Ecosystem Services) einen umfassenden transformativen Wandel, verbunden mit grundlegenden Veränderungen von Sichtweisen, Strukturen und Praktiken.
Schon heute gibt es weitreichende Zielkonflikte in diesem Zusammenhang – etwa zwischen Klimaschutz, Klimaanpassung und Naturschutz oder zwischen dem Schutz der Ökosysteme und deren Nutzung. Je stärker der Druck auf die biologische Vielfalt zunimmt, desto häufiger kommt es zu Konkurrenz und Konflikten. Dies zeigt sich sowohl in Ländern des sogenannten globalen Südens als auch in reichen Industrieländern wie Deutschland.
Sozial-ökologische Konflikte
Biodiversitätskonflikte berühren grundlegende normative Fragen: In welche Richtung sollen die Beziehungen zwischen Menschen, Gesellschaft und Natur verändert werden? Was braucht die Natur? In welcher Natur wollen wir leben?
Die Bezeichnung „Biodiversitätskonflikte“ kann zahlreiche Konstellationen umfassen, die allesamt durch ein enges Zusammenspiel von natürlichen und gesellschaftlichen Faktoren geprägt sind. Biodiversitätskonflikte sind insofern keine rein sozialen Konflikte, sondern sind als sozial-ökologische Konflikte zu betrachten, bei denen die Wirkungszusammenhänge zwischen Gesellschaft und Natur komplexe Krisendynamiken auslösen können.
Um derartige Konflikte in ihrer Tiefe und Dynamik zu erfassen und konstruktive Handlungsansätze zu entwickeln, bietet sich ein systemischer Zugang an.
Die Art und Weise der Landnutzung zählt zu den zentralen Ursachen für den Biodiversitätsverlust – sie steht daher auch bei möglichen Gegenmaßnahmen besonders im Fokus. Diese wiederum gehen mit vielfältigen Konflikten einher, zu deren Bearbeitung die sozial-ökologische Forschung einen wichtigen Beitrag leisten kann, wie die beiden folgenden Beispiele Renaturierung und Waldnutzung zeigen.
Konfliktbeispiel Renaturierungen
Am Beispiel der Renaturierung von Fließgewässern und der Rolle der Landwirtschaft wird deutlich, wie wichtig Partizipation, Mitsprache und Anerkennung des praktischen Wissens gesellschaftlicher Anspruchsgruppen für eine konstruktive Konfliktbearbeitung sind. Die zentrale Herausforderung für Renaturierungsmaßnahmen – also Maßnahmen zur Wiederherstellung von Natur – besteht darin, eine Politik zu entwickeln, die Synergien zwischen Naturschutz und Landnutzungsinteressen erzeugen und Zielkonflikte minimieren kann.
Der Schutz und die ökologische Aufwertung von Fließgewässern sowie aller anderen terrestrischen und marinen Ökosysteme ist gesetzlicher Auftrag. Mit der sogenannten Wiederherstellungsverordnung von 2024 (EU 2024/1991) hat die Europäische Union die rechtlichen Rahmenbedingungen zum Schutz von Ökosystemen und Biodiversität jüngst erst gestärkt. Der Schutz und die ökologische Aufwertung von Fließgewässern werden durch weitere wasserrechtliche Vorgaben der EU, des Bundes und der Länder reguliert. So verpflichten etwa die Europäische Wasserrahmenrichtlinie, das Bundesnaturschutzgesetz und das deutsche Wasserhaushaltsgesetz dazu, bis spätestens 2027 einen „guten ökologischen Zustand“ oder ein „gutes ökologisches Potenzial“ zu erreichen.
In Deutschland wurden im 19. und 20. Jahrhundert nahezu alle Fließgewässer durch Begradigung, Uferbefestigung, Entfernung von Ufergehölzen oder regelmäßige Entkrautung tiefgreifend verändert – mit negativen Auswirkungen auf die Biodiversität. Zahlreiche Wehre und andere Querbauwerke unterbrechen zum Beispiel die Durchgängigkeit vieler Bäche und Flüsse für wandernde Fischarten. Die Errichtung von Deichen schränkt bei Auen deren Anbindung und Vernetzung ein und hat bereits zu einem weitreichenden Verlust von auentypischen Lebensgemeinschaften geführt.
Für eine jüngere Studie des Instituts für sozial-ökologische Forschung (ISOE), an der eine Autorin dieses Beitrags beteiligt war, wurden 300 von Fließgewässer-Renaturierung betroffene Landwirt*innen in Hessen, Nordrhein-Westfalen und Bayern zu ihren Einstellungen und ihrer Kooperationsbereitschaft hinsichtlich der Renaturierung befragt.
Zudem zeigte sich, dass für die Befragten nicht nur ökonomische Interessen, sondern auch Aspekte der Mitbestimmung und Mitwirkung eine zentrale Rolle spielten – sei es bei der Planung oder bei der Umsetzung der Maßnahmen. 65 Prozent äußerten sich unzufrieden mit der Art der Beteiligung und ihren Mitbestimmungsmöglichkeiten. Viele erlebten die Verfahren als wenig transparent und inklusiv. Ein großer Teil wünschte sich aber nicht nur finanziellen Ausgleich oder stärkere Beteiligung – vielmehr wurde deutlich, dass bei den landwirtschaftlichen Akteuren das Interesse besteht, ihr Wissen und ihre Expertise bei der Planung und Implementierung einzubringen.
Die in den Ergebnissen zutage tretende Relevanz der Aspekte Wissen und Anerkennung unterstreicht, wie wichtig es für die Konfliktbearbeitung ist, das lokale Praxiswissen der relevanten Stakeholder bei der Planung und Umsetzung von Naturschutzmaßnahmen einzubeziehen. Partizipations- und Teilhabeformate haben wesentlichen Einfluss auf die Zufriedenheit und Akzeptanz und damit auch auf die Kooperationsbereitschaft. So bevorzugten die in der Studie befragten Landwirt*innen beispielsweise die Möglichkeit zum direkten Gespräch mit den Planer*innen gegenüber öffentlichen Informationsveranstaltungen. Zudem können Landwirt*innen aufgrund ihrer Erfahrungen und Ortskenntnisse meist sehr gut einschätzen, welche Landflächen für die Renaturierung geeignet sind – ein Beispiel dafür, dass auch die Maßnahmen selbst durch den Einbezug der relevanten Akteure gewinnen.
Die Ergebnisse decken sich mit den Befunden anderer aktueller Studien.
Konfliktbeispiel Waldnutzung
Die Intensivierung von Waldkonflikten in den vergangenen Jahren ist eng mit den tiefgreifenden Veränderungen in den Ökosystemen verbunden, die sich durch den Klimawandel, den Wandel der biologischen Vielfalt sowie den Ausbau der erneuerbaren Energien (etwa durch den Bau von Windrädern in Waldgebieten) abzeichnen.
Zwar zeigt sich bei vielen Akteursgruppen ein grundsätzliches Verständnis für diese Belange, doch die jeweilige Priorisierung ist in der Regel alles andere als einhellig. Besonders deutlich wird dies bei der Debatte um Biodiversitätsveränderungen im Wald: Forstakteure, Naturschutzverbände, Jäger*innen und lokale Gemeinden bewerten und priorisieren zum Beispiel den Umgang mit Totholz, die Bedeutung natürlicher Sukzession – das heißt der natürlichen Veränderungen der Artenzusammensetzung und Struktur der Habitate und Ökosysteme im Laufe der Zeit – oder den Schutz selten gewordener Arten höchst unterschiedlich. Entscheidend ist jedoch, dass diese abstrakten Konfliktgegenstände nicht losgelöst von ihren lokalen und sozialen Kontexten zu verstehen sind. Sie sind eng verwoben mit standortspezifischen ökologischen Bedingungen sowie sozialstrukturellen Gegebenheiten, etwa Eigentumsrechten und Beziehungen zwischen den Akteuren.
Eine aktuelle Studie zu Konflikten im Kontext der Wiederherstellung von Schadflächen in europäischen Wäldern zeigt, dass unterschiedliche Werthaltungen, Interessen und Problemdeutungen zu konkurrierenden Vorstellungen von „Wiederherstellung von Natur“ führen, was Konflikte verschärfen kann. Daher sollten zugrundeliegende Werte- und Wissenssysteme nicht erst bei der Umsetzung, sondern frühzeitig in politische Entscheidungsprozesse einbezogen werden.
Die Konflikte spiegeln tiefer liegende, divergierende Beziehungen zwischen Menschen und Wald wider: Der Wald wird gleichzeitig als Wirtschaftsraum, Erholungsraum, kulturelle Heimat und Ökosystem wahrgenommen und bewertet. Nicht selten offenbaren sich hinter materiellen Interessenkonflikten um Land- und Ressourcennutzung weitere Konfliktebenen zwischen den Akteuren: Dies können ökonomische oder kulturelle Deutungen des Waldes sein, aber auch Beziehungskonflikte, die aus mangelnder gegenseitiger Anerkennung, früheren Konflikten oder stereotypen Rollenzuschreibungen entstehen. Eine Rolle spielen zudem Wissenskonflikte, in denen zum Beispiel forstliches Fachwissen, naturschutzfachliche Expertise, lokales Erfahrungswissen und Ortskenntnisse miteinander konkurrieren.
Besonders im Konfliktfeld Wald zeigt sich somit, dass Spannungen und Dispute immer im gegebenen lokalen Kontext und vor dem Hintergrund der je spezifischen Interaktionen zwischen den beteiligten Akteuren untersucht werden müssen. Zum besseren Verständnis der Konfliktdynamik sind dazu die standortspezifischen sozial-ökologischen Bedingungen, Parameter und Dynamiken zu betrachten.
Konfliktbearbeitung am Runden Tisch
Um die komplexen, mehrdimensionalen Biodiversitätskonflikte konstruktiv zu bearbeiten, hat sich ein Ansatz bewährt, der die sozial-ökologische Konfliktanalyse mit mediationsgestützten Formaten der Konfliktbearbeitung verbindet. Wir haben jüngst untersucht, welche Rolle die Methode des moderierten und durch eine Mediation begleiteten Runden Tisches spielen kann.
In einem Fall wurde am Runden Tisch zum Beispiel das Problem der Baumartenwahl zur Wiederbewaldung auf den Kahlflächen behandelt. Naturschutzverbände brachten die Sorge ein, dass zu viele nicht-heimische Baumarten gepflanzt werden könnten, und machten den Vorschlag, den Wald sich selbst regenerieren zu lassen. Forstakteure argumentierten unter anderem, dass der Wald klimaresilient werden müsse, derzeit aber noch kein gesichertes Wissen über die am besten geeigneten Baumarten bestehe. Allein auf Baumverjüngung zu setzen, werde in ehemals reinen Fichtenbeständen nur deren Wachstum begünstigen. Zudem werde dadurch der Bewuchs von Brombeeren und Ginster zunehmen und das Wachstum anderer Baumarten behindern. Jagdpächter*innen wiederum nannten das Problem, dass zu viel Unterwuchs die Sichtbarkeit des Wildes und damit die Bejagung erschwere.
Am Runden Tisch gelang es, einen von den Forstakteuren eingebrachten Vorschlag zur Wiederbewaldung gemeinsam zu diskutieren und zu einem Konzept weiterzuentwickeln, das die unterschiedlichen Perspektiven aufgreift: Demnach sollten auf einem Fünftel der Kahlfläche gezielte Nachpflanzungen von unterschiedlichen (einschließlich nicht-heimischen) Baumarten jeweils als Einzelgruppen gepflanzt werden. Auf den restlichen vier Fünfteln sollte Naturverjüngung ermöglicht werden. Zudem sollten Jagdschneisen auf den Flächen angelegt und freigehalten werden. Der Runde Tisch ermöglichte damit, die verschiedenen und scheinbar gegensätzlichen Perspektiven aufzugreifen und klare Handlungsoptionen zu entwerfen.
Die Runden Tische schufen für die heterogenen Akteure einen neutralen und geschützten Raum, um klar und strukturiert vorgehen zu können – angefangen bei der Themensammlung, -festlegung und der Interessenartikulation über die gemeinsame Problembearbeitung bis hin zur Formulierung von Vereinbarungen. Statt auf eine rasche und kurzfristige Konfliktbeilegung zielten die Runden Tische in erster Linie auf Dialog, Verständigung und den Aufbau von Vertrauen.
Die empirischen Ergebnisse unserer Studie verdeutlichen einerseits das transformative Potenzial dieses Formats, andererseits aber auch seine Grenzen. Bemerkenswert ist, dass sich die gemeinsam entwickelten Positionen nicht auf materielle Interessenkonflikte beschränkten. Der moderierte Prozess ermöglichte es vielmehr, belastete Beziehungen sichtbar zu machen und nach und nach die gegenseitige Wahrnehmung zu verändern, stereotype Rollenzuschreibungen aufzubrechen und Vertrauen zu entwickeln. So konnte trotz verbleibender Differenzen in Werten, Interessen und Bewertungen eine Bereitschaft zum gemeinsamen Handeln entstehen. Die Vielfalt der vertretenen Interessen und Expertisen ermöglichte es, in der letzten Phase gut begründete und tragfähige Empfehlungen auszuhandeln, die nicht nur einzelne Positionen widerspiegeln, sondern gemeinsam getragene Perspektiven repräsentieren. In den erforschten Fallstudien nahmen die kommunalen Entscheidungsgremien, also die Gemeinderäte, die entwickelten Empfehlungen einstimmig an. Dies belegt, dass die Runden Tische von den politisch Verantwortlichen als legitime, sachlich kompetent besetzte und ausgewogen moderierte Beteiligungsformate wahrgenommen wurden.
Erwartungsgemäß konnten nicht sämtliche Streitpunkte gelöst werden. Bei zentralen, gemeinsam definierten Themen gelang jedoch eine einvernehmliche und verbindliche Einigung, die sich institutionell durch die Verabschiedung der Empfehlungen durch den Gemeinderat niederschlug. Mediierte Runde Tische fördern damit in besonderer Weise die Verständigung zwischen Teilnehmenden und deren aktive Übernahme von Verantwortung. Um Konflikte nachhaltig zu bearbeiten, ist schließlich auch entscheidend, Differenzen und Heterogenität nicht zu nivellieren oder zu verdrängen. Wie unsere Ergebnisse zeigen, können diese stattdessen in partizipativen und längerfristigen Prozessen konstruktiv als Ressourcen für gemeinsam definierte Herausforderungen genutzt werden.
Der Prozess der Runden Tische verdeutlicht zudem, dass die beteiligten Wissenschaftler*innen nicht externe Beobachtende, sondern selbst Teil des von ihnen erforschten sozial-ökologischen Systems sind bzw. werden. Damit besteht durchaus das Risiko, dass die Forschenden selbst in die Konfliktdynamik geraten. Umso wichtiger ist es, neben dem Potenzial auch die Grenzen dieser Art des wissenschaftlichen Arbeitens klar zu benennen und kritisch zu reflektieren.
Strukturelle Voraussetzungen und Verantwortung der Politik
Die geschilderten Beispiele zeigen, dass die Etablierung und Verstetigung partizipativer Formate nicht allein von lokalen Initiativen getragen werden kann. Lokale Akteure, die Runde Tische umsetzen möchten, benötigen Rückendeckung aus der Kommunal-, aber auch aus der Landes- und der Bundespolitik – durch Zusammenarbeit, institutionelle Unterstützung und gezielte finanzielle Förderung. Von zentraler Bedeutung ist, dass die Politik die Anregungen und Erkenntnisse aus solchen lokalen oder regionalen Gremien ernst nimmt und diese in ihre Entscheidungsfindung einbezieht. Die Akteure der Runden Tische vereinen eine Vielfalt von Perspektiven, Wissen und Kompetenzen und sind dadurch in der Lage, strukturelle Hürden im Umgang mit dem jeweiligen Gegenstand (in unserem Beispiel: mit dem Wald) zu identifizieren und Lösungsvorschläge zu unterbreiten, die zugleich lokal verankert und fachlich fundiert sind.
Partizipation ist eine essenzielle Voraussetzung für gelingende Konflikttransformation, reicht jedoch nicht aus. Sie muss von kohärenten Politiken begleitet und in diese eingebettet sein.