Es kommt vor, dass Kandidaten in einer mündlichen Prüfung mit ihrer Meinung anecken. So ging es einem jungen Mann, der in den frühen 1950er Jahren Landwirtschaftsgehilfe werden wollte und Zweifel an der Berechtigung eines vielseitigen Ackerbaus hegte. Die erlauchten Prüfer waren überwiegend landwirtschaftliche Praktiker, und die sahen in diesem Punkt wenig Grund für lange Diskussionen. Sie waren selbstverständlich für einen breit aufgestellten bäuerlichen Betrieb, und damit waren sie typisch für ihre Generation. Ein paar Jahre später war in einer landwirtschaftlichen Zeitschrift zu lesen: „Stellt man diese Frage heute dem Betriebsleiter eines Hofes von etwa 10–15ha LN [landwirtschaftliche Nutzfläche], so erhält man in den meisten Fällen die traditionelle Antwort: ‚Aus je mehr Strichen (= Betriebszweigen) die Milch (= Geld) fließt, desto besser für den Betrieb und seine Menschen!‘“
Wir wissen von dieser Prüfungssituation, weil der aufmüpfige Kandidat ein Dutzend Jahre später Redakteur bei der „Deutschen Landwirtschaftlichen Presse“ war. Der Umbruch der landwirtschaftlichen Produktionsmethoden war in vollem Gange, viele Betriebe wuchsen rasant und spezialisierten sich immer mehr auf einzelne Produkte, und von der traditionellen Liebe zum vielseitigen Ackerbau war auf den Feldern immer weniger zu sehen. Da war die Gelegenheit günstig, eine alte Rechnung zu begleichen. Feixend schrieb der Redakteur rückblickend über „den allgemeinen Unwillen aller Anwesenden (…), als er im theoretischen Teil der Prüfung vorsichtig Zweifel daran äußerte, ob der vielseitig organisierte Betrieb immer richtig und notwendig sei“.
Wie in einem Brennglas zeigt diese Geschichte, wie tiefgreifend und rasch sich Landwirtschaft in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg veränderte. Innerhalb einer Generation wandelte sich auf dem Lande so gut wie alles: Produktionsverfahren, Technikeinsatz, Finanzierungsmodelle und eben auch die Wertschätzung der Vielfalt. Es entstand die Welt der billigen Nahrungsmittel, die wir heute in jedem Supermarkt sehen, und diese Lebensmittel stammen in ihrer überwältigenden Mehrheit von eng spezialisierten Betrieben. Was für den selbstbewussten Redakteur alternativlos wirkte, war tatsächlich das glanzlose Ende einer großen Tradition. Seit der Aufklärung im 18. Jahrhundert war vielfältiges Wirtschaften für Landwirte mehr als eine nette Idee – es war der Kern von Landwirtschaft als rationalem, wissenschaftlich fundiertem Projekt.
Revolution auf dem Lande
Man wird wohl nie erfahren, wann erstmals ein Landwirt über den Wert der Vielfalt nachgedacht hat. Die Neolithische Revolution, mit der der Ackerbau zum Teil der Menschheitsgeschichte wurde, war schließlich weniger ein Ereignis als ein langsames Tasten und Lernen über den Umgang mit Pflanzen, und dabei merkten kluge Beobachter vermutlich schnell, dass ein gelegentlicher Wechsel seine Vorteile hatte. Wer immer nur die gleichen Getreidesorten pflanzte, laugte auf Dauer den Boden aus und zog zudem Parasiten und Krankheiten an, die meist auf einzelne Arten spezialisiert waren. Zudem war man mit mehreren Nutzpflanzen besser aufgestellt, wenn eine Dürre oder plötzlicher Regen die Ernte verdarb. Wenn Pflanzen zu verschiedenen Zeiten heranreiften, verteilte sich die Landarbeit auch besser über das Jahr. Pflanzenbau war harte Arbeit, wenn der Acker bestellt und die Ernte eingebracht werden mussten, aber dazwischen gab es viel Zeit, den Pflanzen beim Wachsen zuzuschauen. Da war es günstig, wenn es mehrere Pflanzen gab, bei denen Aussaat und Ernte zeitlich auseinanderlagen.
Für vormoderne Landwirte bedeutete es stets ein Risiko, wenn es Richtung Monokultur ging, und zwar in mehr als einer Beziehung. Für den größten Teil der menschlichen Geschichte war Landwirtschaft ein Balanceakt am Rande des Hungers. Es gab die Latifundien der römischen Antike, es gab auch riesige Großstädte wie das chinesische Xi’an oder das mesopotamische Bagdad, die auf eine zuverlässige Versorgung mit Lebensmitteln aus dem Umland angewiesen waren. Die meisten Landwirte hatten jedoch stets im Blick, dass das eigene Überleben an den erwirtschafteten Erträgen hing. Wer da genau hinschaute, entwickelte mit einer gewissen Folgerichtigkeit ein Gespür für den Wert der Vielseitigkeit, und so gab es selbst dort eine agrarische Vielfalt, wo es auf den ersten Blick nach Monokultur aussah. Die Plantagenwirtschaften der Karibik wirkten in der Frühen Neuzeit wie eine Inselwelt, in der alles auf Zuckerrohr, Indigo und Tabak ausgerichtet war, aber oft wurden nebenher auch Nahrungsmittel angebaut, häufig von den als Arbeitskräften unverzichtbaren Sklaven. Ein Plantagenbesitzer, der seinen Sklaven Grund und Boden für eigenverantwortliches Gärtnern überließ, sparte damit Geld für den Kauf von Nahrungsmitteln und schuf überdies einen Anreiz für sie, sich der brutalen Behandlung auf der Plantage nicht durch Flucht zu entziehen.
So war das Nachdenken über Vielfalt auf dem Acker längst selbstverständlicher Teil des ländlichen Lebens, als man im England und im Flandern der Frühen Neuzeit über Fruchtfolgen nachzudenken begann. Das Ergebnis wird heute in jedem Lehrbuch als eine Agrarrevolution gefeiert, aber so revolutionär war die Idee gar nicht. Neu war lediglich, dass die Suche nach ausgeklügelten Fruchtfolgen schriftlich fixiert und mit dem Geist der Aufklärung überformt wurde: Systematisches Experimentieren, genaues Messen der Resultate und rationales Nachdenken galten als Beitrag zu einem wissenschaftlichen Landbau, der den tumben Traditionalismus des Mittelalters hinter sich lassen würde. Das Ergebnis waren Erfindungen wie das „Norfolk four-course system“: eine Fruchtfolge mit vier verschiedenen Pflanzen, die ohne die regelmäßige Brache der traditionellen Dreifelderwirtschaft auskam. So konnte aus dem in Mitteleuropa stets knappen Land mehr Ertrag herausgeholt werden.
Solche modellhaften Fruchtfolgen waren keine Patentrezepte. Die richtige Kombination hing stets von den lokalen Bedingungen ab: Bodenqualität, Klima, verfügbare Arbeitskräfte und die Anbindung an den nächsten größeren Markt schufen unterschiedliche Anreize, die in endlosen Debatten verhandelt wurden. Ziemlich oft gehörte der Klee zu den Gewinnern. Das lag zum einen daran, dass sich das Nachdenken über Fruchtfolgen nicht auf die Pflanzenwelt beschränkte. Es ging zudem um Futter für Nutztiere, die nicht nur das Spektrum der Agrarprodukte erweiterten, sondern durch ihre Exkremente auch wertvollen Dünger lieferten. Zudem war Klee in der Lage, atmosphärischen Stickstoff zu binden und in Stickstoffdünger zu verwandeln, einen Stoff, der mehr als jeder andere Pflanzennährstoff das Wachstum anregt. Das verstand man jedoch erst im späten 19. Jahrhundert, als der Agrikulturchemiker Hermann Hellriegel die Stickstofffixierung im Boden durch Leguminosen (Hülsenfrüchtler) wissenschaftlich klärte.
Die Vielfalt war seither ein Eckpfeiler der Pflanzenbauwissenschaften, und Agrarwissenschaftler schrieben sich auf der Suche nach den besten Fruchtfolgesystemen die Finger wund. Wie alle Errungenschaften der europäischen Moderne wurde das Hohelied des vielseitigen Ackerbaus auch in andere Weltregionen exportiert, und so mahnten Forscher und Berater rund um den Globus zur Diversifizierung. Das traf nicht überall auf offene Ohren. In den Südstaaten der USA kritisierten Experten vergeblich die Monokultur auf den Baumwollplantagen, obwohl jeder hellsichtige Beobachter die Probleme erkennen konnte. An der Baumwolle hing jedoch das System der „rassisch“ determinierten Hierarchien nach dem Amerikanischen Bürgerkrieg, und das setzte der Innovationsfreude der Landbesitzer enge Grenzen. Was würden die ehemaligen Sklaven wohl anstellen, wenn sie nicht mehr auf ihren Baumwollfeldern schufteten? Da blieb man lieber bei der vertrauten Monokultur, solange es irgendwie ging.
Selbst Firmen, die mit Monokultur viel Geld verdienten, wussten um den Wert der biologischen Vielfalt. Sogar ein Konzern wie der Bananenproduzent United Fruit schuf eine firmeneigene Versuchsstation in Honduras, um alternative Pflanzen und ihre Produkte zu untersuchen. Dahinter stand keine botanische Liebhaberei, sondern kühles wirtschaftliches Denken. United Fruit merkte, dass biologische Probleme in den großen Bananenplantagen rasch eskalierten, und parallel zu den Investitionen in Chemie und Technik suchte der Konzern nach einem Plan B.
Kreislaufdenken und Modernisierung
Die Vielfalt der Landwirtschaft war stets eine konditionierte Form der Biodiversität. Sie entsprang nicht moralischen oder ästhetischen Imperativen oder allein naturwissenschaftlichen Erkenntnissen, sondern war letztlich eine Frage des wirtschaftlichen Kalküls. Auf Dauer wirtschaftete man als Landwirt rentabler und solider, wenn man auf eine gewisse Vielfalt setzte, und selbstverständlich stieß die agrarische Biodiversität an Grenzen, wenn es um den Ertrag ging. Wenn Insekten über Nutzpflanzen herfielen oder Unkräuter wertvolle Pflanzennährstoffe aufsogen, waren Agrarier stets unerbittlich. Für Biologen gehört es zu den Leitsätzen der Biodiversität, dass prinzipiell jede Art ihre eigene Daseinsberechtigung hat, aber mit einer solchen Denkweise kam man nicht weit, wenn es um das tägliche Brot ging. Für Landwirte gab es in der Welt der Botanik eine klare Hierarchie: Erst kamen die Nutzpflanzen und dann alles andere.
Es fehlten jedoch lange Zeit die Mittel, gegen biologische Konkurrenz mit Macht vorzugehen. Bis ins späte 19. Jahrhundert gab es noch keinen chemischen Pflanzenschutz und keine schweren Maschinen, mit denen sich Unkräuter bequem unterpflügen ließen, und das änderte sich zunächst nur langsam. Die ersten Pflanzenschutzmittel waren industrielle Abfallprodukte wie etwa Arsenpräparate, die niemand mit großer Begeisterung in die Hand nahm. Die leidenschaftlichen Debatten über Fruchtfolgen entsprangen einer Welt, in der man mit begrenzten Mitteln wirtschaften musste. Mineralischer Dünger war teuer, sofern er überhaupt verfügbar war. Auch Zugkraft war begrenzt, und deshalb setzte man am besten auf geschlossene Kreisläufe. In der idealen Fruchtfolge ergänzten sich verschiedene Pflanzen und Tiere gegenseitig, Nährstoffe zirkulierten durch den Betrieb, und viele Krankheiten blieben in ihren Folgen begrenzt. So hing die Vielfalt in der Landwirtschaft am organischen Denken: Es musste alles so gut wie möglich zusammenpassen.
Das agrarische Kreislaufdenken wurde im Laufe des 19. Jahrhunderts durch zwei Entwicklungen herausgefordert. Zum einen entstand mit der Expansion des Welthandels ein Anreiz, mit der Konzentration auf besonders profitable Produkte viel Geld zu verdienen. Nachdrücklich zeigte sich das im Preiskollaps auf dem Weltmarkt für Weizen, der dem Deutschen Reich in den 1870er Jahren den ersten Globalisierungsschock verpasste. Für die Gutsbesitzer in Ostelbien wurde der Verfall des Getreidepreises zu einer Existenzfrage, aber wer in den USA, im Süden Russlands oder in Argentinien Weizen anbaute, konnte mit Monokultur viel Geld verdienen. Weizen war leichter anzubauen als andere Pflanzen, man konnte auch den eigenen Maschinenpark besser auslasten, und in den großen Getreidesilos der Hafenstädte war der neue Exportschlager auch viel einfacher zu lagern als Kartoffeln oder Salatköpfe. Auf den globalen Märkten des kapitalistischen Zeitalters zählten Volumen und Preis – und damit eine Logik, die quer zur Tradition der Vielfältigkeit lag.
Zum anderen gab es neue technische Mittel, die den Zwang zum Kreislaufdenken auf subtile Weise unterliefen. Wenn man Mineraldünger einfach bei der Genossenschaft um die Ecke zu günstigen Preisen kaufen konnte, dann musste man die notwendigen Nährstoffe nicht mehr aufwendig durch Vorfrüchte oder tierische Exkremente in den Acker bringen. Probleme mit Schadinsekten und Krankheiten ließen sich auch durch wissenschaftliche Erkenntnisse in den Griff bekommen, und eine voranschreitende Technik bot Landwirten, die den Umgang mit Arsenpräparaten scheuten, zunehmend neue Lösungen. Als Forscher nach dem Ersten Weltkrieg entdeckten, dass man den gefürchteten Baumwollkapselkäfer mit Calciumarsenat effektiv bekämpfen konnte, setzten die Baumwollpflanzer in den Südstaaten der USA auf die Verteilung per Flugzeug. Piloten gab es nach dem Krieg in großer Zahl, und wer um 1920 in einer der fliegenden Kisten saß, hatte mehr Angst vor einer Bruchlandung als vor Arsen. Wegen des Baumwollkapselkäfers hatte es vor dem Weltkrieg hitzige Debatten über Diversifizierung gegeben, die aber rasch abkühlten, als die weißen Grundbesitzer die Lösung einfach bei Firmen wie Huff Daland Dusters bestellen konnten. Seither regierte bei solchen Problemen im Zweifelsfall die Chemie, auch wenn Huff Daland Dusters die Lust auf das Geschäft mit Calciumarsenat verlor, als sich zeigte, dass man mit Passagieren mehr Geld verdienen konnte als mit der Verteilung von Gift. Später änderte die Firma auch ihren Namen – seither fliegt sie als Delta Air Lines, und nur der agrarhistorisch informierte Chronist weiß noch, dass sich hinter diesem Namen ein Tribut an die Wurzeln des Konzerns im Delta des Mississippi verbirgt.
Wert der Vielfalt in unsicheren Zeiten
Es ist verlockend, die Geschichte der modernen Landwirtschaft als mehr oder weniger linearen Weg zu immer stärkerer technischer und wissenschaftlicher Überformung zu schreiben. Die Kriegspiloten im Pflanzenschutzdienst waren schließlich nur ein Teil einer veritablen Armee technischer Spezialisten, die alle Schritte der agrarischen Wertschöpfungskette so weit transformierten, dass ein Landwirt seine Erzeugnisse inzwischen nicht mehr per Hand berühren muss. In Wirklichkeit war die Technisierung bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts ein umkämpfter und oft zögerlicher Prozess. So etwa beim Traktor: Brauchbare Maschinen gab es seit dem Ersten Weltkrieg, aber sie kamen mit einem ganzen Strauß von Problemen. Traktoren waren wartungsintensiv, sie brauchten geschultes Personal für Bedienung und Reparaturen, und sie produzierten nicht unerhebliche Verwerfungen im Gefüge der ländlichen Gesellschaft. Der Fahrer eines Traktors gab in der Arbeit auf dem Feld den Takt vor – aber was blieb dann noch von der Autorität des Bauern, dem der Grund und Boden doch schließlich gehörte? Traktoren forderten männliche Egos heraus und verlangten ein Gespür für fehleranfällige Technik. Und dann gab es da noch das Problem der Abhängigkeit von fossiler Energie: Traktoren brauchten Treibstoff, und der war oft nicht leicht zu bekommen.
Die Jahre zwischen 1914 und 1945 gelten in der modernen europäischen Geschichte als die Krisenjahre schlechthin, und die Krise zeigte sich auch in der Landwirtschaft. Kriegswirtschaft, Autarkieregime, neu gezogene Grenzen, dazu die Weltwirtschaftskrise seit 1929 – es war nicht leicht zu wirtschaften, wenn sich Märkte in unberechenbaren Zeiten ständig veränderten. Die traditionelle Vielfalt im ländlichen Betrieb wirkte unter diesen Bedingungen noch überzeugender. Mit einer Mehrzahl von Produkten war man gegen Probleme in einzelnen Sektoren einigermaßen gefeit und konnte nicht so leicht verhungern, wenn sich die Lage zuspitzte. Subsistenz blieb ein wesentliches Ziel der landwirtschaftlich tätigen Bevölkerung und darüber hinaus. So mancher Städter kam auch deshalb über die Runden, weil er sich behelfsmäßig aus einem Schrebergarten versorgte.
Hinzu kamen staatlich verordnete Versuche mit neuen Pflanzen. Die Nationalsozialisten propagierten zum Beispiel den Rapsanbau, weil sie in der Versorgung der deutschen Bevölkerung eine kritische „Fettlücke“ zu schließen suchten. Das war keineswegs so gesundheitsbewusst, wie es aus heutiger Sicht wirken mag. Das heute so beliebte Rapsöl ist ein Produkt züchterischer Erfolge nach dem Zweiten Weltkrieg, durch die die Erucasäure aus dem Produkt verbannt wurde. Erucasäure schmeckt extrem bitter, lässt Rapsöl schneller ranzig werden und ist zudem gesundheitlich bedenklich, aber das kümmerte die Agrarfunktionäre des Reichsnährstands nicht groß. Was war schon ein unangenehmer Nachgeschmack, wenn es um den Endsieg ging?
So blieb es bis in die frühe Nachkriegszeit bei breiten Fruchtfolgen und einem Pluralismus der Produkte. Weder Landwirte noch die Agrarverwaltung verspürten eine Lust auf Experimente. „Das Schwergewicht ist und bleibt ein organisch, betriebswirtschaftlich in sich gut organisierter Betrieb, der nicht auf irgendeine Konjunktur eingestellt ist“, hieß es in einem Gesprächsvermerk des nordrhein-westfälischen Landwirtschaftsministeriums vom Oktober 1952.
Logik der Technik
Für einen Traktor gab es vielfältige Aufgaben, aber das sah bei anderen Technologien anders aus. Eine Melkmaschine brauchte es nur für Milchkühe, ein Kartoffelroder konnte nur die Knollenfrüchte ernten, eine Legebatterie ergab nur mit Hennen Sinn, und mit den neuen Technologien hielt auch ein neues Betriebskalkül Einzug auf den Höfen. Die neuen Maschinen waren kostspielig, und ihr rentabler Gebrauch hing an einem ausreichenden Produktionsvolumen. Unter Managern und Beratern sprach man von Economies of Scale: Je größer das Volumen, desto besser die Auslastung und desto niedriger die Stückkosten. Spezialisierung war das Gebot der Technik, und an die Stelle der traditionellen Debatten trat eine neue Frage: Wie weit konnte man mit der Spezialisierung gehen?
In der Bundesrepublik sprach man in bezeichnender Diktion von „Betriebsvereinfachung“. Es würde alles viel einfacher in einer sich rasant verändernden Agrarproduktion, wenn man sich mehr auf einzelne Betriebszweige konzentriere. Dann ließen sich die neuesten Innovationen besser verfolgen und mit mehr fachlicher Kompetenz Spitzenerträge erzielen. Das Lob der Vielfalt wirkte da bald nur noch archaisch: 1965 war in der „Deutschen Landwirtschaftlichen Presse“ spöttisch die Rede von dem „noch immer praktizierten System des zoologischen Gartens auf dem Bauernhof“.
Ökologisch gesehen begab man sich damit auf dünnes Eis. Niemand konnte mit Gewissheit sagen, ob die Böden Mitteleuropas die intensive Bewirtschaftung tolerieren würden oder die verbreiteten Tierkrankheiten aus den neuen Massenställen herausgehalten werden könnten. Im Modernisierungsrausch gab es jedoch kaum die Muße, über solche Zweifel zu diskutieren: „Wachsen oder Weichen“ lautete der neue Kategorische Imperativ der Landwirtschaft. Energie war billig und jederzeit verfügbar, bei anderen Inputs wie Futtergetreide und Agrarchemikalien sah es ähnlich aus, und da hatten immer weniger Betriebsleiter Lust, mit ausgeklügelter Kreislaufwirtschaft zu erreichen, was sich genauso gut mit exzessivem Ressourceneinsatz realisieren ließ. Hinzu kam eine urbane Käuferschaft, die bei Nahrungsmitteln in erster Linie auf den Preis achtete. Mit einer gewissen Fassungslosigkeit konstatiert der Historiker Karl Christian Führer, dass Konsumenten das billige Massenfleisch weiterhin begierig kauften, „obwohl Informationen über dessen problematische Seiten und Konsequenzen spätestens seit Beginn der 1970er Jahre breit zur Verfügung standen.“
Sieger der Geschichte
Der eingangs erwähnte Prüfling, der mit seinen Zweifeln an einem vielseitigen Ackerbau in den 1950er Jahren noch für Stirnrunzeln gesorgt hatte, konnte sich in den 1960er Jahren als Redakteur dem sicheren Gefühl hingeben, auf der richtigen Seite des Fortschritts zu stehen. Der bundesdeutsche Drang zur „Betriebsvereinfachung“ war Teil eines globalen Trends. Die Monokultur siegte rund um den Planeten: in neuen Massenställen für Schweine und Geflügel, in Plantagen für Datteln oder Apfelsinen, in Weizenfeldern auf dem indischen Subkontinent, die mit dem Saatgut der sogenannten Grünen Revolution neue Höchsterträge erzielten. Über die Kosten und Nebenwirkungen, die all dies mit sich brachte, sprachen zunächst nur wenige. Aus der Unzufriedenheit über eine chemieintensive Massenproduktion entstand jedoch ein breites Streben nach alternativen Methoden, und Ökolandbau verzeichnete in vielen Ländern seit den 1970er Jahren ein stetiges Wachstum – blieb aber letztlich eine Marktnische. Wo Ökobetriebe fern von urbanen Konsumenten wirtschaften, gibt es überdies längst einen Drang zur Spezialisierung, der durch die Regeln der alternativen Verbände nur notdürftig im Zaum gehalten wird. Monokultur wirkt in der Ernährungsindustrie des 21. Jahrhunderts wie ein Schicksal, aus dem es kein Entrinnen gibt. Aber war sie deshalb auch eine gute Idee?
Der Prüfling äußerte seine Zweifel im theoretischen Teil, und da brauchte es eigentlich ein klares Modell. Spezialisierung war gängige Praxis in der Nachkriegszeit, aber dahinter stand kein plausibles Leitkonzept, und das änderte sich auch nicht, als der Abschied von der Vielfalt Züge von Besessenheit gewann. Bis heute gibt es keine überzeugende Theorie der Monokultur – und dafür viele praktische und konzeptionelle Belege für den Wert der Vielfalt. Diversität ist weiterhin eine gute Idee, wenn es um nachhaltige Landwirtschaft geht. Nur rentabel ist sie nicht mehr, auch weil die Agrarpolitik längst auf die Stabilisierung von Monokultur ausgerichtet ist. Wenn Preise verfallen oder Tierseuchen Massenschlachtungen erzwingen, gibt es garantiert eine Initiative aus dem Landwirtschaftsministerium, um die finanziellen Folgen für die Produzenten abzufedern.
Die größte Annäherung an eine Theorie der Monokultur sind Projektionen aus der industriellen Welt: Fließbandproduktion, Standardisierung, rationale Arbeitsteilung – all das ist nur plausibel, wenn man ignoriert, dass Agrarproduktion auf organischen Prozessen beruht, die ihre eigene Logik haben. Die erwähnte Bananenkrankheit ist nur einer von zahlreichen Hinweisen, dass die ökologischen Gefährdungen spezialisierter Produktionsregime wachsen, und das ist im Grunde genommen nur logisch: Biologisch gesehen sind Monokulturen die perfekte Versuchsanordnung, um immer gefährlichere Krankheitserreger und Parasiten heranzuzüchten. Seit der Mitte des 20. Jahrhunderts haben Wissenschaft und Technik immer wieder Innovationen hervorgebracht, um solche Probleme in Schach zu halten, und so konnten sich Monokulturen im ständigen Krisenmodus durchmogeln. Was theoretisch nicht möglich ist, kann praktisch durchaus funktionieren. Aber wie lange noch?
Vielleicht kommen die Monokulturen mit intensivem Ressourceneinsatz noch ein paar Jahrzehnte durch. Oder vielleicht erleben wir derzeit den langsamen Niedergang einer agrarischen Welt, die an Problemen kollabiert, die sie selbst geschaffen hat. Im letzteren Fall könnte es auf eine neue Wertschätzung der Vielfalt hinauslaufen, auf eine Landwirtschaft, die mit Biodiversität arbeitet und damit krisenfester und langfristig profitabler ist. Es würde die Menschen des 21. Jahrhunderts vielleicht verwundern – und erst recht alle, die bei Diversität noch immer reflexhaft an alternative Utopien denken; aber das sagt vielleicht mehr über das Denken von Menschen in ihren politischen Blasen aus. In der Landwirtschaft war Diversität nie links. Sie war einfach nur eine ziemlich gute Idee.