Themen Mediathek Shop Lernen Veranstaltungen kurz&knapp Die bpb Meine Merkliste Geteilte Merkliste PDF oder EPUB erstellen Mehr Artikel im

Editorial | Konservatismus | bpb.de

Konservatismus Editorial Was heißt heute "konservativ"? Die bürgerliche Mitte im Strudel der Zeit Kleine Geschichte des Konservatismus in Deutschland Krise des Konservatismus – Krise der Demokratie? Vom Nutzen und Schaden der „Brandmauer“ Warum eine hermetische Brandmauer undemokratisch ist Warum die Brandmauer mehr Vor- als Nachteile hat Linkskonservatismus als Inkorporationsgefüge It’s (not only) a Man’s World. Konservativer Feminismus in den USA

Editorial

Sascha Kneip

/ 2 Minuten zu lesen

Das Verhältnis des Konservatismus zur Moderne ist ebenso wechselhaft wie vielschichtig. Entstanden als heterogene und bisweilen diffuse Gegenbewegung zu den Ideen der Aufklärung, hat sich der Konservatismus seit dem 18. Jahrhundert zu einer zentralen politischen Strömung der westlichen Welt entwickelt. Während er im Vereinigten Königreich oder in Frankreich vergleichsweise rasch zum mitunter skeptischen, aber stützenden Begleiter der sich demokratisierenden Gesellschaften wurde, taten sich Konservative in Deutschland deutlich schwerer mit einer konstruktiven Unterstützung des Wandels.

In der Entwicklung des deutschen Konservatismus spiegeln sich die historischen Brüche der deutschen Staats- und Nationsbildung; seine Geschichte ist vom Ringen zwischen gemäßigt-demokratischen und radikal-autoritären Positionen geprägt. Dem gemäßigten Konservatismus geht es um die Bewahrung des Bewährten, um die Verteidigung einer als natürlich verstandenen Ordnung, um die Erhaltung eines als schützenswert erkannten Zustands. Revolutionäre Neuerungen sind ihm fremd, schrittweise Veränderungen und Reformen sollen auf dem Bewährten aufbauen. Mit den heute vielerorts von der radikalen Rechten geforderten Disruptionen, mit der Lust am Umsturz, hat diese Form konservativen Denkens wenig bis nichts gemein. Dass die autoritäre Rechte die gemäßigt konservativen Parteien zu ihren Hauptgegnern erklärt hat, ist daher folgerichtig. Ihr Erstarken bringt nicht nur Gefahren für die liberale Demokratie mit sich, sondern auch für den Konservatismus selbst.

Im Ringen um die Zukunft der Demokratie kommt in Deutschland den Unionsparteien, die nach 1945 die Errichtung und Konsolidierung der Demokratie maßgeblich geprägt haben, eine besondere Rolle zu. Nur sie können dem rechtsautoritären Niedergangsnarrativ eine christlich-konservativ grundierte Politik entgegensetzen, die jene Teile der Gesellschaft anspricht, die sich von den Krisen der Gegenwart überfordert fühlen und der Demokratie abhanden zu geraten drohen. Dass ausgerechnet der Konservatismus die liberale Demokratie vor ihren Gegnern retten soll, ist im deutschen Kontext eine interessante Pointe der Geschichte.