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Konservatismus Editorial Was heißt heute "konservativ"? Die bürgerliche Mitte im Strudel der Zeit Kleine Geschichte des Konservatismus in Deutschland Krise des Konservatismus – Krise der Demokratie? Vom Nutzen und Schaden der „Brandmauer“ Warum eine hermetische Brandmauer undemokratisch ist Warum die Brandmauer mehr Vor- als Nachteile hat Linkskonservatismus als Inkorporationsgefüge It’s (not only) a Man’s World. Konservativer Feminismus in den USA

Was heißt heute "konservativ"? Die bürgerliche Mitte im Strudel der Zeit

Mariam Lau

/ 16 Minuten zu lesen

Das Etikett „konservativ“ hat eine wechselvolle Geschichte hinter sich, auch und gerade in der bundesdeutschen Politik. Insbesondere die Unionsparteien ringen derzeit um den richtigen Kurs zwischen linksliberaler Herausforderung und autoritärer Zumutung.

Die Karriere des Wortes „konservativ“ in Kreisen der bürgerlichen Mitte ist verblüffend wechselhaft. Wer beispielsweise in den frühen 2000er Jahren schrieb, Friedrich Merz sei „konservativ“, erhielt sehr schnell einen Anruf aus dessen Büro. Also das sei Merz nun ganz sicher nicht. Dieses Etikett sei vielmehr längst zu einem Kampfbegriff des politischen Gegners geworden, mit dem die Union als reformorientierte Partei verunglimpft werden solle. Die Zuschreibung wurde als unpassend, als geradezu gefährlich empfunden. Sogar die Autoren des 2007 in der Union Furore machenden Manifests „Moderner bürgerlicher Konservatismus“ beeilten sich zu versichern, man sei „konservativ im Geiste, progressiv im Herzen“. Merz wollte damals als neoliberaler Modernisierer gesehen werden, als Herausforderer des „Systems Kohl“ – fest untergehakt übrigens mit einer gewissen Angela Merkel.

Das ist heute ganz anders. Das Wort „neoliberal“ ist inzwischen ein Schimpfwort. Niemand möchte mehr so genannt werden, nicht einmal Christian Lindner.

Bewahrenswertes

„Konservativ“ hingegen ist inzwischen fast zu einer Auszeichnung geworden, zu etwas Kostbarem, das Schutz verdient. Der Gedanke, dass liberale Demokratien nicht ohne eine starke rechte Mitte überleben können, ist inzwischen weitgehend Allgemeingut geworden. Konservative Parteien, so sagt es der Politologe Thomas Biebricher, „sind entscheidend dafür, wie sich gesellschaftlicher Wandel vollzieht. Ob Neuerungen als Bedrohungen und Gefahr wahrgenommen und ob dann Ressentiments gegen Minderheiten geschürt werden. Hat man eine Atmosphäre, in der alles hyperpolitisiert ist – oder gibt es Konservative, die den Wandel skeptisch, aber konstruktiv begleiten?“ Es werde keine sozialökologische Transformation der Marktwirtschaft geben, ohne dass die Konservativen mit im Boot sind. Dasselbe gelte für eine moderne Migrationspolitik.

„Konservativ“, so sagt Friedrich Merz selbst bei einem Gespräch Anfang 2025 im bayerischen Seeon, „ist eine Lebenshaltung: nicht ständig auf der Suche nach etwas Neuem und nach Aufstand und Revolution zu sein, sondern vielleicht auch einmal das schätzen zu lernen, was man hat. Es anzunehmen und letztlich auch so zu verändern, dass man nicht gleich den Tisch mit allen Gläsern umwirft. Mit einer gewissen Skepsis offen für Neues sein. Respektvoll im Umgang mit anderen Menschen und anderen Meinungen. Ich bin von meinen Reisen zum Beispiel immer gerne wieder nach Hause gekommen. Aber ich bin dann auch immer gerne wieder losgefahren. Diese Ambivalenz zwischen Nähe und Ferne, zwischen Heimatverbundenheit und Weltoffenheit, die hat mir immer gut gefallen.“

Was der CDU-Vorsitzende hier mit wenigen Pinselstrichen andeutet, macht schon klar, wie sich die politische Kulisse für den Konservatismus in den vergangenen zwanzig Jahren verändert hat. Der grundsätzlich optimistische, zuversichtliche Ton, das Gefühl für das, was man tut (und was eben nicht), die Abwesenheit eines Feindbildes – all das ist unter rechten Parteien der Gegenwart inzwischen eine Seltenheit.

Einst Feindbild in der Ära rot-grüner Hegemonie der späten 1990er und frühen 2000er Jahre, muss sich die rechte Mitte, wie Friedrich Merz und die CDU sie verkörpern, heute so sehr wie nie zuvor Angriffen von rechts außen erwehren. Parteien wie Donald Trumps MAGA-Republikaner oder die Tories in Großbritannien haben längst das Bewahrende abgestreift und wollen „den Tisch mit allen Gläsern umwerfen“, wie Merz sagt, wollen Revolution und Disruption. Ein bisschen davon, ein bisschen Disruption möchte Merz natürlich auch. Wer ihn je über die Plastikflaschenverordnung der EU hat wüten hören, wer ihn je hat rufen hören: „Ab Tag eins meiner Kanzlerschaft werde ich …“ – der kann den Impuls spüren.

Gleichwohl sind die Konservativen – jedenfalls die, die sich als Bewahrer der liberalen Demokratie verstehen – inzwischen explizit zum Feindbild der äußersten Rechten geworden. Kaum je wird das in amtlichen Dokumenten so explizit formuliert wie in der neuen Nationalen Sicherheitsstrategie (NSS) der US-Administration. Dort ist die Rede von Europas „zivilisatorischer Selbstauslöschung“ durch Migrationspolitik, Unterdrückung der freien Meinungsäußerung und dem Verlust nationaler Identität und „zivilisatorischen Selbstvertrauens“.

Zwei Konzepte von Zivilisation treffen hier aufeinander: ein christlich-weißes-nationales und ein universalistisch-pluralistisch-liberales. Ausdrücklich wird in der NSS den „patriotischen Parteien“ versprochen, man werde „den Widerstand“ gegen Europas fehlgeleitete Richtung fördern.

Spannungen

Tritt man einen Schritt zurück, beschreibt Merz in seinem Statement aber eine Spannung, die dem Konservatismus auch ohne seine neuen Feinde von rechts schon immer innewohnte. Der Konservatismus trat nach der Französischen Revolution zwar als Gegner des Liberalismus auf den Plan, überlebte aber in der Moderne, indem er mit ihm kooperierte – und nach 1945 fast immer und überall dominierte.

Die Reserven gegenüber der Demokratie haben Konservative dabei nie ganz abschütteln können, allerdings ist keine Demokratie lebensfähig, die von der Rechten nicht akzeptiert und gestützt wird. „So verwirrend das klingt“, schreibt der Autor Edmund Fawcett in seiner fabelhaften Geschichte des Konservatismus, „die Konservativen haben eine liberale, moderne Welt geschaffen und zu beherrschen gelernt, in der sie niemals ganz zu Hause sein können.“ Denn wie sich das Beharren auf Traditionen und Heimatverbundenheit mit der kreativen Zerstörung vertragen, ohne die es keinen Wohlstand und keine freie Marktwirtschaft gibt, ist eine offene Frage.

Konservative misstrauen dem Gleichheitsgedanken und glauben nicht erst seit Friedrich Nietzsche, dass die Liberalen sich da etwas in die Tasche lügen. Dass Leute sich unterscheiden – und dass Respekt oder öffentliche Anerkennung an Leistung, Verdienst und hergebrachte Autorität geknüpft sein müssen. In der Auseinandersetzung über das Bürgergeld im Wahlkampf 2025 konnte man hören, wie viel dieser Gedanke in der CDU noch zählt. Dass die Sozialdemokraten gerade in ihren früheren Hochburgen im Ruhrgebiet so viele Stimmen an die AfD verlieren, erklärt man sich im bürgerlichen Lager neben der Migrationspolitik auch damit, dass ihr der Respekt für Leistung verloren gegangen sei.

Inzwischen finden die Schriften des Soziologen Andreas Reckwitz an der Parteispitze der deutschen Konservativen große Resonanz. Die leise Melancholie, die über dessen Befunden zu Singularisierung und Verlusterfahrung schwebt, teilt Friedrich Merz in Maßen auch, wendet sie aber als erstes gegen den politischen Gegner: „Wir haben es mit einer Krise des übertriebenen und die Gesellschaft spaltenden Liberalismus zu tun. Gerade deshalb bleibt die Soziale Marktwirtschaft jedem anderen System überlegen.“

Aber geht die Verlusterfahrung da nicht längst drüber hinaus? Nicht nur Siemens und VW schwächeln. Inseln versinken, Ordnungen zerfallen, Gletscher schmelzen, Arten sterben, die Zahl der Modernisierungsverlierer steigt, während sich das „Verlustunternehmertum“ in Gestalt von AfD und BSW breit macht. Die Pandemie mit Millionen Todesopfern weltweit hat gerade einer alternden Gesellschaft ihre Verletzlichkeit unter die Nase gerieben. In dieser Lage würden die „Progressiven“, so schreibt Reckwitz, zwangsläufig zu Konservativen, die sich den Schutz des erreichten Fortschritts zu einer zentralen Aufgabe machen. „Dies ist kein klassischer Konservatismus mehr“, so Reckwitz, „dem es um die Bewahrung des Vormodernen ging, denn nun geht es darum, die Errungenschaften der Moderne selbst zu bewahren.“

Merz redet lieber über Fusionsreaktoren als über versinkende Inseln. „Wir sind nicht im Alarmismus unterwegs“, hat er oft über die Grünen gespottet. „Die Welt geht auch morgen nicht unter.“ Aber natürlich hat auch Friedrich Merz die Tragik des Konservatismus erlebt, der immer erst auf den Plan tritt, wenn etwas schon halb verloren und im Begriff ist, zu verschwinden. Wer „Leitkultur“ sagen muss, um den Händedruck zu bewahren, weiß auch, dass er vermutlich nicht mehr zu retten ist.

Konservative Neuerfindung?

„Gute Laune, Optimismus und keinen Hauch Ressentiment“ – so möchte der Mainzer Historiker Andreas Rödder (Jahrgang 1967) seinen Konservatismus verstanden wissen. Nicht viele Intellektuelle finden den Weg zur CDU. Rödder, ein Kind des ländlich-katholischen Siegerlands, will ihr wieder zu bürgerlichem Selbstbewusstsein und einer geistig-moralischen Spannkraft verhelfen. Er hat, auf Bitten von Friedrich Merz, mit am neuen Grundsatzprogramm der Partei geschrieben, er will die CDU herausholen aus dem, was er mit einigem Groll den „richtungslosen Pragmatismus“, die „soft-grüne Anpassung“ der Merkel-Ära, die inzwischen beendete Zeit der „grünen Hegemonie“ genannt hat. Wer wissen will, wie sich eine der letzten europäischen Volksparteien der rechten Mitte im Sturm der weltweiten Radikalisierung des Konservativen in den USA und anderswo behauptet, sollte Andreas Rödder im Auge behalten.

Die Union müsse mehr tun als lediglich „Probleme lösen“, schrieb Rödder im Frühjahr 2025 in einem Essay über die „konservative Neuerfindung“. Vielmehr brauche sie eine eigene Idee, die sich sowohl von „grüner Ideologie als auch gegenüber neurechten Narrativen“ abhebe.

CDU-Parteifreunden, die sich in der Mitte eigentlich ganz wohl fühlen, vergeht die gute Laune allerdings schlagartig, wenn man Rödders Namen nennt. Im „Spiegel“-Essay schreibt er, die „Brandmauer“ gegen die AfD sei „die goldene Fessel, mit der die rot-grüne Linke die Union in die Gefangenschaft ihrer Deutungshoheit nimmt“, ihre Zurückweisung daher für die CDU existenziell. Weder mit linker noch mit rechter „Identitätspolitik“ solle die Union sich gemein machen.

Das war auch genau die Losung, die Friedrich Merz im Januar vor der Bundestagswahl 2025 und vor der gemeinsamen Abstimmung über seine Migrationswende mit der AfD ausgegeben hatte: „Ich gucke nicht nach rechts, ich gucke nicht nach links. Ich gucke in diesen Fragen nur geradeaus.“ Das magere Wahlergebnis von 28,5 Prozent, das die Union nach diesem Manöver einfuhr, wurde inzwischen in einer Studie der Konrad-Adenauer-Stiftung (KAS) auch dieser gemeinsamen Abstimmung zur Last gelegt.

Was Rödders inneren politischen Pantheon betrifft, so begegnen einem dort vor allem drei Figuren: der junge Helmut Kohl, der in den 1970er Jahren noch als Rebell mit Rollkragenpullover und Pfeife die Honoratiorenpartei CDU aufmischte, gegen das damalige „Establishment“; sein Doktorvater, der Historiker Eberhard Jäckel, „ein Sozialdemokrat und Gentleman“; und Abraham Lincoln, jener US-Präsident, der für die Abschaffung der Sklaverei sein Leben aufs Spiel gesetzt habe. Rödder sagt, das sei immer sein Lackmustest: „Wärst du im ‚Team Lincoln‘, wenn es darauf ankommt?“

Rödder hat genau vor Augen, wie breite Teile der US-Republikaner mit ihrem Kulturkampf zu einem Teil der destruktiven Kraft geworden sind, die dann am 6. Januar 2021 zum Sturm auf das Kapitol trommelte. Aber er hält eben, wie viele seiner amerikanischen Gesprächspartner, die Ideologie der Wokeness für eine mindestens genauso große Gefahr. In diesem Punkt kann er der Rede, die der amerikanische Vizepräsident JD Vance in München gehalten hat, durchaus zustimmen. „Die Kulturkämpfe sind real“, so Rödder, „auf der Sicherheitskonferenz ebenso wie bei den Demos ‚gegen rechts‘. Die Devise für politische Führung der Union muss daher lauten: Kulturkämpfe anerkennen, um sie zu überwinden, nach links und nach rechts.“

Einer breiteren deutschen Öffentlichkeit wurde der Historiker bekannt durch die Tagung „Wokes Deutschland – Identitätspolitik als Bedrohung unserer Freiheit?“ im November 2022 in Berlin. Organisiert von „R21“, einem Thinktank, den Rödder zusammen mit der früheren CDU-Familienministerin Kristina Schröder gegründet hat, versammelte die Tagung Referenten wie die Kulturwissenschaftlerin Susanne Schröter, die „Chefreporterin Freiheit“ Anna Schneider von der „Welt“, den Psychologen Ahmad Mansour, die FDP-Politikerin Linda Teuteberg oder die Journalistin Judith Sevinç Basad, die bei der „Bild“ aus Protest gegen das vermeintliche Einknicken ausgerechnet der Springer-Verlagsleitung gegenüber der „woken Bewegung“ gekündigt hatte. Man war sich einig: Die Meinungsfreiheit in Deutschland sei akut bedroht – und die CDU merke es nicht einmal mehr.

2018 hatten Merz und Rödder, am Anfang vom Ende der Ära Merkel, das erste Mal telefoniert. Die Kanzlerin hatte den Parteivorsitz abgeben müssen. Merz war sofort aus dem Off auf die Bühne gesprungen, kandidierte – und unterlag, vorerst, gegen das, was er und Rödder gern „das Establishment“ der CDU nannten. Ein Hauch von Umsturz lag in der Luft. Jetzt ist Friedrich Merz unzweifelhaft selbst das „Establishment“. Über die Partei, die der politische Gegner gelegentlich die „Merz-CDU“ nennt, sagte Kristina Schröder, Rödders Mitstreiterin vom Thinktank R21, in den ersten Tagen der schwarz-roten Bundesregierung, das sei inzwischen „viel mehr unsere CDU als sie es in den letzten zwanzig Jahren war“.

Realitätsschock

So klingt es in der „Merz-CDU“ inzwischen nicht mehr. Weder mache Merz eine konservative Gesellschafts- noch eine liberale Wirtschaftspolitik, was man zum Beispiel an der Auseinandersetzung um die potenzielle Verfassungsrichterin Frauke Brosius-Gersdorf oder an den „sozialdemokratischen“ Entscheidungen zu riesigen Schulden und der Haltelinie bei der Rente ablesen könne. Auch sei weder das Selbstbestimmungsgesetz noch die Cannabis-Freigabe abgeschafft worden. Schlimmstes Schimpfwort: Merz „merkelt“, er verwandele sich zusehends in die Altkanzlerin, die jahrelang der Sozialdemokratie die Themen weggenommen und den eigenen konservativen Markenkern aufgegeben habe.

Merz selbst scheint in der Tat verblüffend unideologisch. Sein Konservatismus kommt weitgehend ohne Kulturkampf aus. Bei einem Empfang zum 25. Geburtstag der Lesben und Schwulen in der Union (LSU) im Herbst 2023 spielte sich eine Szene ab, die einigen der Anwesenden die Sprache verschlug. Es hatte Canapés und Schampus gegeben, und eine aufblasbare, goldene „25“ thronte auf der Bühne. Der Weg bis zur Anerkennung als offizielle Vereinigung der CDU – auf Augenhöhe mit der Senioren- und der Frauen-Union oder den Vertriebenen – war lang und steinig. Noch 2020 hatte der um den Parteivorsitz kämpfende Merz auf die Frage, ob er sich einen schwulen Kanzler vorstellen könne, eine frostige Antwort gegeben: „Solange sich das im Rahmen der Gesetze bewegt“, so Merz, „und solange es nicht Kinder betrifft – an der Stelle ist für mich allerdings eine absolute Grenze erreicht –, ist das kein Thema für die öffentliche Diskussion.“ Die Assoziation von Homosexualität mit Pädophilie war für die LSU ein verbaler Schlag in die Magengrube. Das Coming-out des früheren Berliner Bürgermeisters Klaus Wowereit (SPD) hatte Merz 2001 mit der Bemerkung pariert: „Solange er sich mir nicht nähert, ist mir das egal.“

Doch hier nun, bei der Feierstunde im Konrad-Adenauer-Haus, stand Merz mit Mikrofon an die Bühnenwand gelehnt und schlug einen völlig anderen Ton an. Das Frostige war einer selbstironischen Heiterkeit gewichen. „Wir [die CDU und die LSU] haben zu lange in wilder Ehe gelebt“, so Merz. „Wir waren zu lange nur verpartnert.“ Inzwischen sei es längst Teil der CDU-Grundüberzeugungen, dass auch in gleichgeschlechtlichen Partnerschaften christliche Werte gelebt würden. Dann hob er auch noch zur Selbstrevision an, stand ernst und sogar ein wenig demütig da – wie jemand, der die eigene innere Hartschale eigentlich gar nicht so ungern abgeworfen hat. „Auch ich habe gelernt, die Dinge anders zu sehen. Ich kann mir vorstellen, wie Ihnen zumute war in Zeiten mangelnder Anerkennung. Das muss weh getan haben, geradezu brutal geklungen haben.“ Anerkennung müsse homosexuellen Paaren auch dann zukommen, „wenn sie Kinder adoptieren“. Der Applaus war herzlich – und verblüfft. Sprachlos schauten sich die Gäste im Publikum an. Dieser einfühlsame, lässig angelehnte Nachbar – das soll Friedrich Merz sein, Schreck der Frauen und Schwulen und Ausländer und Minderheiten aller Art? Dass es sich bei Merz’ Statement nicht um den Versuch billiger Ranschmeiße handelte, merkte man wenige Sätze später. Da nämlich erklärte der Parteichef, man sei jetzt keineswegs in allen Fragen ein Herz und eine Seele. Er, Merz, bleibe beispielsweise bei seiner Ablehnung der Aufnahme eines Verbots sexueller Diskriminierung ins Grundgesetz. Das werde damit überfrachtet.

In einem Telefonat wenige Tage nach der Veranstaltung sagte Merz, er sei „viel offener und liberaler als viele meinen“. Als Oppositionsführer müsse er gelegentlich zuspitzen, nur so kämen die notwendigen Diskussionen in Gang. Er achte allerdings mehr denn je darauf, selbst bei „hinreichend großer Boshaftigkeit nicht missverstanden“ zu werden. Am gleichen Abend berief sich derselbe Merz im „Bericht aus Berlin“ wohlwollend auf den Autor und früheren SPD-Politiker Thilo Sarrazin, der mit seinen ins Soziogenetische ausgreifenden Thesen über die „Gemüsehändler und Kopftuchmädchen“ eine damals ganz neue Härte und Feindseligkeit in die Integrationsdebatte gebracht hatte. Waren diese Schwankungen im Auftreten Betriebsunfälle – oder Absicht? Wie kam Merz vom „Offenen und Liberalen“ zum Abweisenden und Ausgrenzenden? War Friedrich Merz’ Selbstbeschreibung so zu verstehen, dass der wahre Merz der oben beschriebene Liberale war, während er den scharfzüngigen Oppositionsführer, der auch mal zulangt, nur zwangsweise gab?

Ein Ratschlag des US-Radiomoderators Bernard Meltzer an seine Hörer lautete einst: „Before you speak, ask yourself: Is it necessary? Is it true? Is it kind? If the answer is no, then what you were about to say should better be left unsaid.“ Mit dem Begriff „konservativ“ verbinden viele als allererstes einen bestimmten Habitus: Höflichkeit, Aufrichtigkeit, Prinzipientreue und einen manierlichen Anzug. Ein Gefühl dafür, was sich gehört und was nicht. Der feste Händedruck. Pünktlichkeit. Nicht aufs Handy schauen im persönlichen Gespräch. Eine Abneigung gegenüber dem Schrillen und Lauten, gegenüber dem Unernst ebenso wie gegenüber der Utopie oder dem Universalismus. „Wenn jeder dein Bruder ist, bist du ein Einzelkind“, sagen die Politologen Stephen Holmes und Ivan Krastev. Vielleicht gehört auch eine gewisse Melancholie dazu, die daher rührt, dass man menschliche Abgründe und Scheitern nicht wegorganisieren zu können glaubt.

Natürlich muss der Vorsitzende einer konservativen Partei Dinge sagen dürfen, die „rechts“ sind. Das Misstrauen der CDU gegen NGOs, die sich – mit zum Teil erheblicher staatlicher Unterstützung – dem Kampf „gegen rechts“ verschrieben haben und dabei auch explizit Merz und die Christdemokraten meinen („Fritze Merz fischt frische Faschos“; „Ganz Berlin hasst die CDU“), scheint da durchaus berechtigt. Aber es ist eben eine Sache, zu sagen, dass es nur zwei biologische Geschlechter gibt und man da nicht an eine „Selbstbestimmung“ glaubt – und eine andere, zu spotten und zu höhnen und Homosexualität in die Nähe von Pädophilie zu rücken. Das eine ist konservativ, das andere reaktionär.

Mit den Kirchen über Kreuz

Friedrich Merz ist katholisch, geht auch regelmäßig in die Kirche, hat aber kein großes Sendungsbewusstsein in dieser Frage. Schwer vorstellbar, dass er auf die Idee eines „Kreuzerlasses“ käme, wie ihn die Bayern einst durchgesetzt haben. Spürbar setzt sich aber unter ihm fort, was lange vor seiner Wahl zum Parteichef begonnen hatte: die Entfremdung zwischen den Kirchen und der Union. Kaum war Merz 2022 im Amt, schaltete er sich in den Missbrauchsskandal ein, der ihn, wie er in einem Telefonat seinerzeit sagte, „sehr beschwert“. Er forderte nicht nur eine öffentliche Aufarbeitung, sondern auch, dass alle noch anhängigen Fälle zur Anzeige gebracht werden müssten; die Betroffenen hätten Anspruch auf Wiedergutmachung.

In dieser Stimmung wurde ein Gedanke laut, der seinerzeit in der CDU für einige Unruhe sorgte. Wie wäre es, so hatte der schon erwähnte Andreas Rödder damals gefragt, wenn man das „C“ einfach aus dem Namen der Partei striche? Es sei doch inzwischen „weithin zu einer Chiffre für eine allgemeine Humanität reduziert“ – andererseits natürlich auch ein „eingeführter Markenname“, der für eine „integrative Funktion“ stehe.

Ein Gefühl von Entfremdung gegenüber der Kirche hatte sich bei vielen Unionschristen auch aus anderen Gründen breitgemacht. Seenotrettung, Kirchenasyl oder eine Verehrung für Greta Thunberg – damit hatten viele Konservative in der CDU ein Problem. Und in ihren migrationspolitischen Positionen blieben die Kirchen hartnäckig auf Merkel-Kurs: Kurz vor der Wahl 2025 schickten die beiden Berliner Prälaten der Evangelischen Kirche in Deutschland und der Deutschen Bischofskonferenz den Abgeordneten des Bundestags ein Papier, in dem die migrationspolitischen Pläne von Friedrich Merz als rechtswidrig, verfassungswidrig und potenziell diffamierend zurückgewiesen wurden. Aus den Unionsparteien kam die Antwort ebenso prompt wie brüsk. Das lese sich wie die Stellungnahme einer „säkularen NGO“, hieß es. „Überrascht nicht, interessiert nicht.“ CSU-Chef Markus Söder wurde deutlich: „Wir wollen Partner der Kirchen sein, wir wollen Kirchen im Staat haben“, sagte er im Frühjahr 2025 auf einem Parteitag in Nürnberg und verwies auf Kirchensteuer, Gehälter, Feiertage und den Religionsunterricht, den der Freistaat garantiert. „Aber vielleicht kümmert ihr euch manchmal auch um die ein oder anderen christlichen Themen? Den Lebensschutz beispielsweise oder das Leben nach dem Tod?“

Zu den Intellektuellen, die das politische Klima in den USA derzeit prägen, gehören bekanntlich viele zum Katholizismus Konvertierte – allen voran Vizepräsident JD Vance, Autoren wie Patrick Deneen und gleich sechs Richter am Obersten Gericht. Ihr Katholizismus ist explizit national, weiß, antiliberal und sozial konservativ. In Sachen Migration, so Vance, solle die „ordo amoris“ bestimmend sein, die Ordnung der Liebe als konzentrische Kreise, die immer mit dem Eigenen beginnen müsse – eine Art „America first“-Theologie also. Der Papst protestierte umgehend.

Brandmauern

Gelegentlich fühlt es sich so an, als sei der Machtkampf zwischen Konservativen und Extremen, zwischen den beiden womöglich verbliebenen Volksparteien CDU/CSU und AfD im Grunde längst entschieden. Als sei es nur eine Frage der Zeit, bis der Union endgültig die Puste aus- und die AfD als Siegerin vom Platz geht. Wie soll sich eine 24-Prozent-Partei dem scheinbar weltweiten Triumph der Disruptoren und Revoluzzer von rechts entgegenstemmen?

Aus diesem Gefühl heraus hatte das CDU-Präsidium Ende Oktober 2025 beschlossen, einen ganz neuen Anlauf zu starten. Nachdem die „Dämonisierung“ der AfD ebenso wie die „Nazikeule“ gescheitert seien, die AfD aber immer stärker geworden sei, wollte man jetzt umschalten und die Blauen auf dem Feld der Außenpolitik stellen: als Vaterlandsverräter, die den Ausverkauf Deutschlands und Europas an ausländische Mächte betrieben. Zur Verteidigung eines Landes, das viele von ihnen hassten, sei die Partei ausweislich der Wehrdienstdebatte auch nicht bereit. Statt nach „Antifa“ zu klingen, wollte die CDU lieber über potenzielle wirtschaftliche und bündnispolitische Nachteile einer AfD-Regierung sprechen.

Zunächst schien die Strategie zu verfangen. AfD-Bundessprecherin Alice Weidel sah sich genötigt, sich von einer Russlandreise dreier Abgeordneter zu distanzieren und von Russland „Deeskalation“ zu fordern. Doch das währte nicht lange. Die öffentliche Unterstützung der US-Administration für die AfD, wie sie demonstrativ in der „Neuen Sicherheitsstrategie“ der USA zum Ausdruck kommt, führte stattdessen zu der bangen Frage, ob die AfD nun eine bessere „Westbindung“ habe als die Transatlantiker der Union.

Die AfD kann mit einem großzügigen Maß an inneren Widersprüchen leben. Sie muss es sogar. Verlöre sie den Flügel der Putinfreunde im Osten, wäre das eine Art emotionaler Selbstamputation. Verblüffend viele ihrer Funktionäre sind mit russischen Partnerinnen verheiratet; die Bindung ist Herzenssache. Aber wenn sie die CDU aus dem Feld schlagen will, braucht sie im Westen, wo die Mehrheiten gewonnen werden, das Vertrauen, dass sie Deutschland nicht den Russen ausliefern werde. „Die Brandmauer“, so sagt der Thüringer AfD-Abgeordnete Torben Braga am Telefon, „schützt uns vor der Implosion dieser inneren Widersprüche.“ Wenn man den Umfragen glauben darf, finden wenige Deutsche an einer Fusion von MAGA und Putin Gefallen. Trump ist in Deutschland kein Sympathieträger, seine möglichen Thronfolger vermutlich auch nicht. Die Frage ist nur, welchen Schluss die Unionsparteien aus all dem ziehen wollen.

ist Redakteurin im Politikressort der "Zeit". 2025 erschien ihr Buch "Merz: Auf der Suche nach der verlorenen Mitte" im Ullstein-Verlag.