Als politische Ideologie und politische Strömung prägte der Konservatismus die transatlantische Moderne seit dem 18. Jahrhundert. Dabei wurde er oft als Chamäleon beschrieben – wie das Schuppenkriechtier durch Flexibilität im Körperbau und das Vermögen, seine Farbe zu wechseln, in immer neuer Gestalt erscheine, den Beobachter verwirre und alle Versuche der Festlegung unterlaufe, so entziehe sich der Konservatismus der analytischen Beschreibung.
Die Geschichtswissenschaft rechnet mit der Wandelbarkeit des Konservatismus und versteht ihn als plurales, mitunter diffuses Phänomen der europäischen Moderne. Sie geht von einem breiten Spektrum von Konservatismen aus, die sich intellektuell, parteipolitisch, kulturell und sozial in jeweils unterschiedlicher Gestalt manifestierten. Dabei treten deutsche Besonderheiten vor allem im Vergleich mit Großbritannien und den Vereinigten Staaten hervor, in denen der Konservatismus sowohl als politische Ideologie als auch als parteipolitisch manifeste Strömung seit dem späten 18. Jahrhundert fest etabliert ist. Im Vergleich zu der kontinuierlichen Entwicklung dort ist der deutsche Konservatismus durch starke Brüche gezeichnet. Die gescheiterte Revolution 1848/49, die Nationalstaatsbildung 1871, die demokratische Revolution 1918/19, die nationalsozialistische Machtusurpation 1933, die totale Kriegsniederlage 1945 mit deutscher Teilung und die deutsche Einheit 1989/90 zwangen Konservative dazu, sich in diversen politischen Systemen jeweils neu zu positionieren, sich mit grundstürzendem Wandel auseinanderzusetzen und Kontinuität in Situationen zu konstruieren, in denen alte Werte als obsolet galten. Auch der deutsche Föderalismus prägte sich dem deutschen Konservatismus ein und wirkt bis in die Gegenwart fort: Die konservative Pluralität rührte zu einem Gutteil aus den föderal verstärkten konfessionellen, sozialen, ökonomischen und parteipolitischen Bruchlinien, die seit 1871 den Nationalstaat ausmachten.
Besonderen Einfluss auf die Konservatismusforschung hat die These vom deutschen Sonderweg in die Moderne genommen, die bis an die Jahrtausendwende die Geschichtsschreibung bestimmte. Sie ging davon aus, dass im Vergleich mit den „alten“ Demokratien Westeuropas und den USA das deutsche Demokratiedefizit und insbesondere die Ermöglichung von NS-Regime und Holocaust durch die intransigente Haltung der alten, konservativen, vornehmlich preußischen Eliten aus Adel, Militär und Bürokratie gegenüber einer Demokratisierung des politischen Systems sowie gegenüber der kulturellen Moderne per se zu erklären sei. Aus dieser Perspektive waren Konservatismus und extreme Rechte seit spätestens dem deutschen Kaiserreich wesensgleich.
Kritik an der Aufklärung im Lichte der Aufklärung
Die Geschichte des Konservatismus setzte mit der aufklärerischen Kritik an der Aufklärung ein – diese paradoxe Konstellation charakterisiert den modernen Konservatismus bis heute. Justus Möser (1720–1794) und Albrecht von Haller (1708–1777) etwa kritisierten die intellektuelle Aufklärung ebenso wie den aufgeklärten Absolutismus der Fürsten. Die Französische Revolution bündelte die vielstimmige Aufklärungskritik und gab ihr eine gemeinsame Richtung. Sie wurde zum Kristallisationsmoment konservativen Denkens, das sich als antirevolutionäres Projekt gegen „1789“ konstituierte und ein heterogenes Gegenprogramm zu liberalen Weltentwürfen entwickelte. Es kreiste um die Infragestellung der rationalen Erfassung und Ordnung der Welt, richtete sich gegen Volkssouveränität und geschriebene Verfassungen, gegen den Kapitalismus und die Auflösung tradierter sozialer Ordnungen, gegen Emanzipation und individuelle Freiheit, gegen die Zerstörung des Hergebrachten und das Denken mit Utopien.
Der nachrevolutionäre Konservatismus war eine eng vernetzte westeuropäische Bewegung von Intellektuellen und politisch Verantwortlichen. Die von Revolution und Krieg über ein Vierteljahrhundert hinweg gepeinigten Gesellschaften bildeten einen fruchtbaren Resonanzboden für die konservativen Versprechungen von Stabilität, Ordnung und Kontinuität. Nach und nach wurde dieses Denken als „konservativ“ bezeichnet – seit Ende des 18. Jahrhunderts wurde das englische „conservative“ zum Referenzpunkt, 1818 begründete François-René de Chateaubriand in Frankreich die Zeitschrift „Le Conservateur“, und seit den 1830er Jahren setzte sich der Begriff „konservativ“ im politischen Diskurs durch. Hauptsächlich zwei Fragen trieben die europäischen Konservativen des frühen 19. Jahrhunderts um: Wie konnten Monarchie und Konstitutionalismus verbunden werden, ohne die Absolutheitsansprüche der Monarchie zu gefährden? Und in welcher Weise war eine Gesellschaftsordnung realisierbar, die auf organischer Entwicklung, Hierarchie und tradierten Ordnungen basierte, ohne die vorrevolutionäre Ständegesellschaft wiederherzustellen?
Vier konservative Positionen lassen sich in dieser Phase idealtypisch unterscheiden:
Zwischen Deutschem Bund und Bismarckreich
Die Entwicklung des Konservatismus im deutschsprachigen Europa wurde entscheidend von der Vielgestaltigkeit der politischen Landkarte geprägt. Während nach 1815 in vielen Klein- und Mittelstaaten konstitutionelle und parlamentarische Ordnungen etabliert wurden, blieb dies in Preußen aus. Dort waren die Vertreter einer konservativen Haltung eng an Monarchie und Staatsbürokratie gebunden, dachten und argumentierten in engen antikonstitutionellen und antiliberalen Bahnen – so etwa ein einflussreicher Kreis um den preußischen Kronprinzen, den späteren Friedrich Wilhelm IV., der sich im Berlin der 1830er Jahre mit den Brüdern Ernst Ludwig und Leopold von Gerlach gebildet hatte. Letztere sollten über Jahrzehnte den preußischen „Hochkonservatismus“ in enger Bindung an die Hohenzollerndynastie bestimmen. Er war durch und durch orthodox protestantisch, altständisch, antikapitalistisch, ostelbisch und adelig und beruhte auf einer entsprechenden Interessenkoalition. In den konstitutionellen Staaten des Dritten Deutschland hingegen entwickelten sich politische Konservatismen, die, auch durch den Katholizismus geformt, liberalem Denken offener gegenüberstanden.
Die bürgerliche Revolution der Jahre 1848/49 zwang die Konservativen zur organisierten Vertretung ihrer Interessen, zur Schärfung ihrer Positionen und zur Auseinandersetzung mit den politischen Gegnern. Die parlamentarische Fraktionsbildung in der Paulskirche schloss an bestehende Netzwerke an, vor allem stand sie in Kontinuität zur losen Gruppenbildung im 1847 unter Druck einberufenen Vereinigten Landtag in Preußen, in dem sich „conservativ“ als Bezeichnung für die Unterstützer des Hofes etabliert hatte. Die Spannweite des konservativen Spektrums reichte seinerzeit von reaktionären bis zu konstitutionellen Ansätzen. Mit der „Neuen Preußischen Zeitung“ („Kreuzzeitung“) schuf sich der preußische Konservatismus 1848 seine zentrale publizistische Plattform. Seine inneren Differenzen wirkten auch nach dem Scheitern der Revolution fort und manifestierten sich in zwei Lagern: einem reaktionären – vertreten in der „Kreuzzeitung“ – und einem reformorientierten, das sich publizistisch im „Preußischen Wochenblatt zur Besprechung politischer Tagesfragen“ (1851–1861) konstituierte.
Zunehmend rückte die nationale Frage ins Zentrum der Politik. Die auf militärische Macht bauende und auf preußische Dominanz in einem Deutschland ohne Österreich („kleindeutsche Lösung“) zielende Politik Otto von Bismarcks forderte die Konservativen heraus, die sich bis dahin als überzeugte Gegner der liberalen Nationalbewegung positioniert hatten. Die Spaltung des Liberalismus nach 1864/66 und der Einflussgewinn der neu begründeten Nationalliberalen Partei, die bereit war, das Ziel bürgerlicher Freiheit der Schaffung nationaler Einheit unterzuordnen, führten zu einer Rekalibrierung im konservativen Spektrum:
In Opposition zu ihr stand die „Mehrheitspartei“ der ostelbischen Junker. Durch die Reichseinigung 1871 geriet sie in die völlige politische Isolation, aus der sie sich mit einer programmatischen Wende befreite, die 1876 in die Gründung der Deutsch-Konservativen Partei (DKP) mündete. Die DKP erkannte die nationalen und konstitutionellen Realitäten an und formulierte ein Programm für das Reich, nicht nur für Preußen. Die Stoßrichtung, die protestantisch codiert unter dem „Banner christlicher Sittlichkeit“ daherkam, war gleichermaßen antiliberal wie antisozialistisch.
Nicht nur der Föderalismus prägte den deutschen Konservatismus, sondern auch die konfessionelle Dualität zwischen Katholizismus und Protestantismus. Hinzu kam, dass der Liberalismus eine antikatholische Note hatte, die durch den katholischen Ultramontanismus verstärkt wurde. Im „Kulturkampf“, dem harten Vorgehen des Reichs und der Einzelstaaten gegen die katholische Kirche zwischen 1871 und 1878 unter der Führung Bismarcks und der Nationalliberalen, eskalierten die Auseinandersetzungen. Das Parteiensystem hatte sich ohnehin bereits entlang konfessioneller Linien formiert. Seit den 1830er Jahren war ein sozial und kulturell abgestütztes katholisches Milieu entstanden, hatten sich Katholiken gesellschaftlich autonom organisiert – im Rheinland in Opposition zum gouvernementalen preußischen Protestantismus, in Bayern zu den liberalen Ministerien. Spätestens nach 1866 nahm der politisch organisierte Katholizismus deutlich antiliberale Züge an, sowohl hinsichtlich der nationalen Frage als auch in Bezug auf die Verfasstheit von Staat und Gesellschaft. Neben der großdeutschen Präferenz profilierte der politische Katholizismus einerseits konservative Vorstellungen gesellschaftlicher Ordnung und monarchischer Herrschaft, andererseits trat er für den Konstitutionalismus ein, der allein die Autonomie der katholischen Kirche und eine angemessene Vertretung katholischer Interessen zu garantieren schien.
1870 flossen die vielfältigen politischen Bestrebungen in der Zentrumspartei zusammen, die sich der Vertretung katholischer Interessen verschrieb und politisch so divers war wie der sozial, regional und kulturell heterogene Katholizismus selbst. Während im protestantischen Konservatismus Preußens die soziale Frage nur eine Nebenrolle spielte, hatte sich im Katholizismus eine einflussreiche Sozialbewegung herausgebildet, die mit konservativ-paternalistischen Konzepten für die Anliegen der in Not und Elend lebenden Arbeiterschaft der expandierenden Industriegesellschaft eintrat. Die politische Bandbreite des im Zentrum vertretenen politischen Katholizismus reichte von demokratischen bis hin zu konservativen Stimmen; die Ideenlandschaft, aus der er schöpfte, war exklusiv katholisch und dem päpstlichen Lehramt verpflichtet.
Radikalisierung des preußischen Konservatismus
Im Zuge der tektonischen Verschiebungen in der politischen Kultur des nun wilhelminischen Kaiserreichs seit den 1890er Jahren radikalisierte sich der preußische Konservatismus zusehends. Urbanisierung, Industrialisierung und Technisierung hatten die Gesellschaft enorm verändert, die Ubiquität der Wissenschaften hatte neue Weltdeutungen ermöglicht, der Globalisierungsschub Märkte geöffnet und imperiale Überlegenheitsnarrative popularisiert. Das allgemeine und direkte Männerwahlrecht zum Reichstag hatte einen politischen Massenmarkt geschaffen, Partizipationsforderungen dynamisiert und die Politisierung breiter Bevölkerungskreise vorangetrieben. Viele Konservative reagierten mit Unbehagen auf diese gewaltigen Umbrüche, ergingen sich in Kulturkritik und Verfallsnarrativen und pflegten einen prononcierten Antisozialismus, der in der staatlichen Verfolgung der Sozialdemokratie zwischen 1878 und 1890 einen ersten Höhepunkt erreichte. Konservatives Denken integrierte völkische, antisemitische, agrarromantische, auf Rasse und Biologie rekurrierende Deutungen des Sozialen, die sich durch die Schriften Paul de Lagardes (1827–1891), Julius Langbehns (1851–1907) oder Houston Stewart Chamberlains (1855–1927) sowie die Rezeption der Werke von Richard Wagner, Friedrich Nietzsche oder Arthur de Gobineau in der bürgerlichen Welt verbreitet hatten.
Die Parteien und ihre sozialexklusiven Eliten wurden an der Jahrhundertwende mit Partizipationsforderungen konfrontiert, die durch populistische Bewegungen fundiert waren. So erging es auch der Deutsch-Konservativen Partei, deren gouvernementaler Kurs 1892/93 über keinerlei Legitimation mehr verfügte. Die grundsätzliche Neuorientierung wurde entscheidend von dem 1893 gegründeten Bund der Landwirte beeinflusst, der in der Agrarkrise unter Führung von Großgrundbesitzern mittels Massenmobilisierung und populistischem Protest die agrarischen Interessen lautstark zu Gehör brachte und seine Plattform auf Antisemitismus und Antisozialismus gründete. Die DKP wurde zur Partei des Landes und des landwirtschaftlichen Interesses und integrierte zunehmend das zu jener Zeit neue völkische und radikalnationalistische Denken. 1909 wandte sie sich endgültig von der Regierung ab, stürzte den Reichskanzler und isolierte sich damit selbst. Die Partei ging schließlich eine Koalition mit dem Alldeutschen Verband ein, dem politischen Zentrum des Radikalnationalismus, der Antisemiten, extreme Antisozialisten, Imperialisten und Völkische in sich vereinte. Aus den preußischen Konservativen waren rechte Radikalnationalisten geworden.
Nach dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs im Juli 1914 fügten sich die Konservativen zunächst in die nationale Einheitsfront des Burgfriedens ein. Zahlreiche Anknüpfungspunkte bot die intellektuelle Fundierung des Krieges durch die „Ideen von 1914“. Sie wurden von bekannten Intellektuellen in Opposition zu den „westlichen“ Überzeugungen der Französischen Revolution formuliert und gerieten zum Schaukasten eines angeblich der deutschen Nation charakterlich eingeschriebenen Antiliberalismus, Autoritarismus und kulturellen Elitismus.
Weimarer Republik und Nationalsozialismus
Die Revolution vom November 1918, genauso wie ihre Radikalisierung im Frühjahr 1919, prägte sich dem deutschen Konservatismus tief ein. Der Sturz der deutschen Monarchien, der Aufstand der perhorreszierten „Massen“, die drohende sozialistische Umgestaltung von Staat und Gesellschaft und die Gewalteskalation 1919 schockierten – sie rissen die Fundamente der staatlichen und gesellschaftlichen Ordnung weg, die als gut und gerecht galten und konservative Interessen geschützt hatten. Der zweite Schock war der Versailler Vertrag, der mit der Zuweisung der Alleinschuld, den Reparationsverpflichtungen und den Gebietsverlusten als nationale Demütigung empfunden wurde. Verwoben zur Verschwörungserzählung der Dolchstoßlegende wurden sozialistische Revolution und Versailler Vertrag, unterschrieben von den republiktragenden Kräften, zur Mobilisierungsplattform der extremen Rechten gegen die neu begründete Republik, die weit ins konservative Spektrum hineinreichte.
Die Strukturmerkmale des wilhelminischen Konservatismus perpetuierten sich in die Weimarer Republik: die Schwäche des gemäßigten Konservatismus; die konfessionelle Spaltung des Parteiensystems; die Kohäsionskraft von Antiliberalismus und Antisozialismus; der Radikalnationalismus als Identitätskern, der aus völkischem und konservativem Denken eine neuartige radikal-rechte Ideologiemischung entstehen ließ, die in letzter Konsequenz Abschied von den Grundfesten des Konservatismus nahm. Kontinuitäts- und Gleichgewichtsdenken wurden aufgegeben zugunsten eines radikalen Dezisionismus sowie der Vorstellung, dass ein revolutionärer Bruch nötig sei, weil nichts mehr da sei, das zu bewahren sich lohne. Ein republikstützender Konservatismus hatte so keine Chance, sich zu einer übergreifenden politischen Kraft zu entwickeln. Dafür währte die erste deutsche Demokratie zu kurz, war die Republik mit zu großen sozialen und ökonomischen Problemen konfrontiert, die politische Kultur zu fragmentiert und die extreme Rechte zu stark – sowie für einen nach rechts offenen Konservatismus zu attraktiv.
Zur Sammlungspartei des rechten, republikfeindlichen Konservatismus wurde die Deutschnationale Volkspartei (DNVP), gegründet im November 1918 in bewusster Abgrenzung zu DKP und Freikonservativen.
Gemäßigt konservative Positionen, die zwar in Skepsis gegenüber der Republik verharrten, aber doch einen Vernunftrepublikanismus pflegten, auf innenpolitische Reformen und außenpolitische Revisionen setzten, waren in der Deutschen Volkspartei (DVP) sowie in der Zentrumspartei beziehungsweise der Bayerischen Volkspartei (BVP) zu finden.
Dagegen erdachten die Theoretiker der „neuen Rechten“ in der brodelnden intellektuellen Landschaft der Weimarer Republik radikale Varianten eines Konservatismus, die sich von den Grundsätzen konservativen Denkens so weit entfernten, dass sie mit „konservativ“ kaum mehr bezeichnet werden konnten.
Mit der NSDAP war eine populistische, rechtsextreme Volkspartei entstanden, die über eine gewaltbereite Massenbasis verfügte und sich durch einen neuen, aktivistischen Politikstil auszeichnete. Die autoritäre Überformung der Weimarer Verfassung in den Präsidialkabinetten beförderte den Schub nach rechts und führte zur parteipolitischen Zersplitterung. Die konservativen Eliten glaubten indes, durch die Einbindung der NSDAP sich deren Mobilisierungskraft nutzbar machen und sie überhaupt zähmen zu können. Das Gegenteil war bekanntlich der Fall: Der NSDAP wurde mit der Einsetzung Adolf Hitlers als Reichskanzler am 30. Januar 1933 die Macht übertragen, die diese in genau jenem revolutionären Gestus, der von der intellektuellen Rechten propagiert worden war, für sich zu nutzen wusste. Ein völkischer, radikaler Konservatismus hatte die Nationalsozialisten aufs Schild gehoben, die Kooperation aus alten preußischen und neuen nationalsozialistischen Eliten wurde am 21. März 1933, dem so titulierten „Tag von Potsdam“, besiegelt.
Im NS-Regime fand so mancher vormalige Konservative als Nationalsozialist seinen Platz; andere zogen sich ins Private zurück; wieder andere suchten Distanz in der Verteidigung konservativer Enklaven, besonders in der protestantischen Kirche. Sehr wenige entschlossen sich zum Widerstand. Mit dem gescheiterten Attentat des 20. Juli 1944 wurden aus Militär, Adel und Bürgertum konservative, preußische Traditionen aufgerufen, die aus Nationalismus, Protestantismus und Elitismus schöpften, weder liberal noch demokratisch waren, und sich doch dem Nationalsozialismus verweigerten.
Uneindeutigkeiten und Begriffskämpfe nach 1945
Nach dem Untergang des NS-Regimes war der Konservatismus angesichts von Kriegsniederlage und Massenverbrechen in den Augen vieler demokratischer Kräfte diskreditiert. Konservative hatten gegen die Republik agitiert, die erste deutsche Demokratie unterminiert und die Nationalsozialisten an die Macht gebracht. Für den demokratischen Neubeginn in den Westzonen des besetzten und geteilten Deutschlands schienen sie jedenfalls nicht zu taugen. Dabei wurde Konservatismus ausschließlich mit seiner radikalen Variante, mit seiner rechtsextremen Überformung assoziiert, die seit der Jahrhundertwende die deutsche Politik dominiert hatte. Als „konservativ“ wollten sich folglich nur wenige verstanden wissen, die sich nach 1945 in den neugegründeten christdemokratischen Parteien für den demokratischen Neuanfang engagierten. Das lag auch daran, dass die zunächst in CDU und CSU bestimmenden Männer und Frauen aus dem politischen Katholizismus kamen und „konservativ“ vorrangig mit dem kulturkämpferischen Protestantismus sowie autoritären, gegen den sozialen Rechtsstaat gerichteten sozialelitären Interessen verbanden. Allein die Deutsche Partei, die Anfang der 1960er Jahre von der CDU aufgesogen wurde, verstand sich als konservative Partei.
Ansonsten beanspruchte zunächst nur der Rechtsintellektualismus, der sich nach 1945 rasch wieder formierte, den Konservatismusbegriff für sich. Das änderte sich erst, als Intellektuelle, Publizisten und auch Unionspolitiker ab den 1950er Jahren eine liberale Variante des Konservatismus entwickelten, die genuin demokratisch war und sich an westlichen Vorbildern orientierte.
Politisch ging diese Strategie so lange auf, bis mit der Alternative für Deutschland (AfD) seit 2013 eine Partei an den Wahlurnen erfolgreich wurde, die sich bewusst in die Tradition des antiliberalen deutschen Konservatismus setzte und ihre ideellen Referenzen aus den radikalkonservativen Denkräumen des 19. und frühen 20. Jahrhunderts bezog.
Dass sich in der Bundesrepublik (nach dem kurzzeitigen Erfolg der Republikaner in den 1980er und 1990er Jahren) erst in den 2010er Jahren eine rechtspopulistische Partei durchsetzen konnte, weist dann aber doch auf die Besonderheiten der Geschichte des deutschen Konservatismus hin. Einerseits ist sie von der Dominanz radikaler Varianten geprägt, von der Vermischung von rechtsextremen und konservativen Ideenbeständen, von dem Bündnis mit der extremen Rechten, das immer letztere obsiegen ließ – und damit auch von der Schwäche des gemäßigten Konservatismus außerhalb der christdemokratischen Tradition. Andererseits prägte sich ihr nach 1945 ein anti-rechter Impuls ein, das Wissen um die Anfälligkeit des Konservatismus für den rechten Radikalismus und die Notwendigkeit von Grenzziehungen. In der Christdemokratie waren insbesondere unter Rückgriff auf gemäßigt konservative Traditionen des politischen Katholizismus und des protestantischen Liberalismus (ohne dass sie so bezeichnet wurden) sowie durch die Rezeption westlicher Vorbilder liberale Varianten des Konservatismus entstanden, die im Kontext der Volkspartei so lange Wirksamkeit entfalten konnten, wie sie durch ein soziales Milieu gestützt und gepflegt wurden. Dieses Milieu ist in Westdeutschland heute nur mehr rudimentär vorhanden; in Ostdeutschland vermochten es CDU und CSU nach 1990 nicht, ein nachhaltiges soziales Vorfeld aufzubauen.
Wie sich der deutsche Konservatismus weiterentwickeln wird, ist offen. Seine Geschichte weist sowohl in eine demokratische als auch in eine radikal-rechte Richtung. Nach über achtzig Jahren Bundesrepublik hat der demokratische, moderate Konservatismus indes an Gestalt und Profil gewonnen. Er verfügt über genügend historische Ressourcen, um einer radikal-rechten Überformung zu wehren. Nicht zuletzt die Geschichtswissenschaft hat die Strategien freigelegt, mit denen die extreme Rechte sich den Mantel des Konservatismus immer wieder angelegt hat, um ihre revolutionären Absichten zu verbergen. Daran zu erinnern, ist eine fortdauernde historische Aufgabe.