Dass seit einigen Jahren wieder verstärktes Interesse am Konservatismus besteht, dürfte kaum einem Beobachter entgangen sein: Werke biografischer Art schmücken ebenso die Schaufensterauslagen wie solche, die eine konservative Renaissance herbeisehnen oder vor einer konservativen Radikalisierung warnen. Unvermeidlich wird dabei auch einiges Schindluder mit dem Begriff getrieben, ein Schicksal, das er mit vielen strahlkräftigen Ismen teilt.
Nur kann sich der Konservatismus insofern besonders schlecht gegen diesen Missbrauch zur Wehr setzen, als keinerlei Maßgabe dafür besteht, was als konservativ zu gelten habe und was nicht. Es gibt kein konservatives Manifest, keinen Kanon, ja noch nicht einmal eine feste Weltanschauung im Sinne geteilter politischer Positionen. In Schulbüchern und Fachliteratur ist zwar häufig vom irisch-britischen Philosophen Edmund Burke als Vater des konservativen Denkens die Rede, doch anders als so mancher Liberale oder Sozialist war Burke kein originärer Ideenschmied; seine „Reflections on the Revolution in France“ sind nicht als Programm von ewiger Gültigkeit angelegt. Vielmehr handelt es sich um einen philosophisch gesättigten Angriff auf die Hauptfiguren der Französischen Revolution, deren Projekt Burke dem Abgrund entgegengehen sieht. Bei allem Streben nach Fortschritt habe es nämlich das Wesen des Menschen, seine seelische Verfasstheit, aus den Augen verloren und sei herabgesunken zu einem Karneval politischer Frivolität. Was sei auch gewonnen mit all den „extravagant and presumptuous speculations which have taught your leaders to despise all their predecessors, and all their contemporaries, and even to despise themselves, until the moment in which they became truly despicable“?
Seine heutige Stellung als konservativer Ahnherr verdankt Burke vorrangig dem Umstand, dass ihm, der die „Glorious Revolution“ gegen den englischen Absolutismus verteidigt hatte und erhebliche Sympathien für den Unabhängigkeitskampf der jungen amerikanischen Nation besaß, ob dieser spezifischen Revolutionskritik eine allgemein antirevolutionäre Haltung nachgesagt wurde. Ein konservativer Neuerungswert ergibt sich erst daraus, dass durch die Vergröberung dieser Position eine Denklinie in der politischen Theorie aufbricht, die Stabilität statt Wandel in den Fokus rückt; die nicht länger nach den Bedingungen für Revolution und Königsmord fragt, sondern nach jenen für den Erhalt des nun zum Sollzustand aufgestiegenen Status quo.
Verteidigung des Gegenwärtigen
Dieses „Reflexivwerden des Traditionalismus“, wie es der Soziologe Karl Mannheim bezeichnet hat, bleibt seinem Wesen nach aber reaktiv und ist demnach als Schwächephänomen zu deuten. Was ungefährdet ist, braucht nicht erst aus dem politischen Dornröschenschlaf geweckt zu werden. Zugleich zeigen sich in ihm bereits die Grenzen des Konservatismus, der, anders als das utopische Denken, gegenwartsgebunden ist und mit dem allmählichen Verblassen dieser Gegenwart eine Form annehmen muss, die ihn auch aus Sicht der Folgegegenwart noch verständlich erscheinen lässt. In der Konsequenz kann sich der heutige Konservative als Verteidiger des Gegenwärtigen und Gegenwartsnahen nur bedingt an den Revolutionen der Vergangenheit abarbeiten; der heutige Revolutionär aber umstandslos aus ihrem Erbe schöpfen, ihre Vollendung, Erfüllung und nicht selten auch Übersteigerung fordern.
Noch augenfälliger wird dieses Ungleichgewicht bei der Lektüre anderer als Klassiker des Konservatismus ausgewiesener Denker wie Joseph de Maistre. Unweigerlich gerät man ins Grübeln, wenn dieser über das hehre Konzept der Volkssouveränität spottet, es sei erstaunlich, wie viele Souveräne dazu bestimmt seien, zu sterben, ohne je regiert zu haben, oder bekundet, „Nation“ sei als Begriff „höchst bequem, denn man macht daraus, was man will“. Kaum ein Konservativer unserer Tage würde sich an diesen Grundlagen des modernen Verfassungsstaates stoßen, während sie für de Maistre noch kontaminiert waren vom Ungeist der Revolution. Und ebenso wenig würden die meisten Zeitgenossen wohl das Urteil teilen, die feudale Ordnung habe sich, nachdem sie einmal zur Reife gelangt sei, als das „Vollkommenste“ erwiesen, „was man [je] auf Erden gesehen hat“. Gewiss finden sich in den Schriften des Savoyers auch allerlei zeitlose Einsichten, und seine Polemiken gegen die pathostrunkenen Jakobiner erscheinen im Lichte neojakobinischer Tendenzen beinahe modern. Aber am Ende schwingt er sich eben doch zum Parteigänger einer Welt auf, die ihrer Lebenswirklichkeit nach weit abseits unseres Gegenwartsempfindens steht. Der Marxist – so stellt man nicht ohne Bedauern fest – kann noch immer insofern Überzeitlichkeit für sich beanspruchen, als er im historischen Materialismus eine erforschbare Naturgesetzlichkeit zu erkennen glaubt; der Konservative dagegen sieht sich ohne wirkliches Fernziel von den Fluten einer Geschichte umspült, in der er immerzu neue (und andere) Bewahrungskämpfe auszutragen hat. Manche haben diesen sisyphoshaften Kampf gegen den Strom der Zeit gar zum Anlass genommen, die Existenz konservativer Philosophie grundsätzlich infrage zu stellen. Eine solche sei eine reine Konstruktion ex post und habe wenig mit dem Denken Burkes gemein, der keiner bestimmten Form von Eigentum oder Religion das Wort geredet habe, sondern allein dem Schutz dieser Werte vor ihrer vollständigen Auflösung. Man ist schließlich auch kein Denkmalschützer, nur weil man nicht gleich den ganzen Stadtteil wegsprengen möchte.
Bewährtes bewahren
Aus derlei Vorüberlegungen wird deutlich, dass allem Konservativen eine unmittelbare Kontextbindung zugrunde liegt. Es gibt kein singuläres Prinzip wie Freiheit oder Gerechtigkeit, das über allen anderen thront, dessen Konturen weitgehend stabil bleiben und das daher zum überzeitlichen Wegmarker taugt. Stattdessen lässt sich der Konservatismus wohl am ehesten als eine Haltung beschreiben, die Bewährtem einen inneren Wertgehalt zuspricht und Bewahren als normativen Vorgang versteht. Denn indem man Bewährtes bewahrt, so das konservative Versprechen, verhilft man der Gesellschaft zu einem stabilen Fundament und dem Einzelnen zu Orientierungsplanken für das eigene Leben: Stützen, deren wahre Bedeutung sich häufig erst im Moment ihres Verlustes erschließt. In diesem Sinne steht der Konservatismus regressiven wie progressiven, auf die Änderung des Bestehenden zielenden Strömungen entgegen, bleibt aber mehr Denkweise als ausgereifte Ideologie. Und wo er doch Ideologie ist, ist er eine der Praxis, die ihren Ausdruck in der erfolgreichen Bewältigung des Alltags und nicht etwa im Begehen verwinkelter Theoriegerüste findet. So erklärt sich auch, weshalb für den einstigen Maoisten und späteren Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann „Nachhaltig das neue Konservativ“ ist, während andere ihren Fluchtpunkt in eine Vergangenheit legen, die vielen Zeitgenossen bereits als Periode sittlichen Verfalls galt.
Den Konservatismus als eine solche Praxis des Bewahrens zu begreifen, eröffnet einen weiten Gestaltungsspielraum ohne konzeptuelle Versteifung. Die mitunter anzutreffende Gegenüberstellung eines modernitätskompatiblen (und daher guten) Wertkonservatismus und eines modernitätskritischen (und daher schlechten) Strukturkonservatismus sucht eine künstliche Trennwand in diesen Raum einzuziehen, übersieht aber, dass sich Werte auch in Strukturen ausdrücken und Strukturen aus einer sich allmählich verfestigenden Werteordnung hervorgehen können. Nicht weniger schwierig ist die Überführung in ein politisches Programm, denn Konservatismus im obigen Sinne bedeutet ja nicht Stillstand, nicht äonenlanges Einfrieren aller sozialen Verhältnisse, sondern verlangt naturgemäß die Trennung des zu Bewahrenden von jedem Ballast. Das zieht neben den unvermeidlichen Gewichtungs- auch allerlei Grundsatzfragen nach sich, etwa, ob eine Abkehr vom Status quo im Kleinen notwendig sein kann, um diesen im Großen zu erhalten. Oder ob es (wie beim „Schiff des Theseus“) gerade die sich auftürmende Vielzahl der Abwendungen ist, die die Integrität der Sache irreversibel schädigt. Auch aus diesem Grund besteht eine gewisse Scheu vor der Aneignung des Begriffs, besonders in Deutschland, wo es seit der Auflösung des Zentrums keine genuin konservative Partei mehr gegeben hat. Die Unionsparteien – denen man eine solche Rolle gewöhnlich zuweist – mögen in parlamentarischer Nomenklatur zwar als „Mitte-Rechts“ gelten, doch erschiene es wohl kaum angebracht, diese Vertreter einer aus unterschiedlichen Traditionssträngen schöpfenden und machtpolitisch vereinnahmten Christdemokratie in der konservativen Fackelträgerrolle zu wähnen. Die AfD wiederum bedient zwar konservativ zu nennende Normvorstellungen, wird aber getragen vom Geist einer fundamentalen Institutionenkritik. Sie ist in vielerlei Hinsicht eine revolutionäre Kraft, auch wenn die meisten ihrer Vertreter dieses Label wohl zurückweisen würden.
Links und konservativ?
Was nun den titelgebenden Linkskonservatismus anbelangt, so handelt es sich bei ihm nicht etwa um eine Neuschöpfung unserer Zeit (in der das Zusammenbinden von echten oder scheinbaren Gegensätzen zum guten Ton gehört), sondern um ein Kompositum mit einiger Geschichte. Bereits in seiner Besprechung von William Angus Sinclairs „Socialism and the Individual“ aus dem Jahr 1956 erklärte der Philosoph Herbert W. Schneider den Autor und Politiker kurzerhand zum „left wing conservative“, weil dieser der Meinung sei, dass die Conservative Party sich schon bald als sozialpolitisch fortschrittlichste Kraft erweisen werde. Ein Irrtum, aus dem der enttäuschte Sinclair den Schluss zog, zur Labour Party überzulaufen. „Socialism and the Individual“ ist ebenso polittheoretische Exegese wie persönliches Demissionsschreiben.
Gar noch frühere Verwendungsbelege finden sich (selbst für den deutschen Sprachraum) im Zeitungswesen. So berichtete die „Sächsische Volkszeitung“ 1919 von einer kontroversen Debatte in der Weimarer Nationalversammlung, in der „der deutschnationale Abgeordnete Pfarrer Traub“ zuerst die Charakterfehler der Gegenseite aufs Korn nahm, sich anschließend aber von dieser vorhalten lassen musste, doch selbst erst „linksliberal, dann nationalliberal, dann linkskonservativ und jetzt rechtskonservativ“ gewesen zu sein. Das NS-Blatt „Hakenkreuzbanner“ argwöhnte 1936 wiederum, die französische Provinz werde wohl „noch lange (…) linkskonservativ“ bleiben, was konkret bedeute, „radikalsozialistisch, sozialistisch, vielleicht jetzt auch in verstärktem Maße kommunistisch“ zu wählen. Und in einem 1920 erschienenen Beitrag für die christliche „Aufwärts“ räsonierte eine Unterstützerin der Deutschen Volkspartei, sie habe sich einst „linkskonservativ oder rechtsnationalliberal“ verortet, so ganz klar sei das aber nicht, denn die Inhalte „beider Parteien stimmten im Wesentlichen überein“.
Kurzum, eine gewisse Vagheit ist dem Begriff seit jeher zu eigen. Mal findet er sich als Fremd- und mal als Selbstbeschreibung, mal als krudes Amalgam und dann wieder als selbstbewusster Hybrid. In jedem Fall aber sucht er, das Bewahrende als konservative Essenz in einen linken Bezugsrahmen zu stellen, womit gemeinhin ein Mehr an sozialem Ausgleich gemeint ist. Ein Vorhaben, das prima facie keinesfalls abwegig erscheint: Warum sollte es schließlich nicht auch Menschen geben, die eine konservative Weltsicht pflegen, etwa die lose Verbindung von Nationalstolz, herkömmlichen Rollenerwartungen und majoritärem Lebensstil, und die zugleich erklärte Befürworter des Sozialstaats und einer forcierteren Umverteilungspraxis sind? Zum einen gibt es auf dem Feld der Empfindungen bekanntlich nichts, was es nicht gibt, und zum anderen entspringen dieser Konstellation längst nicht die Widersprüche, die manche in ihr zu erkennen glauben. Ja, es ließe sich sogar die These formulieren, dass der hiesige Sozialstaat – seinen Ursprüngen nach ohnehin ein Einhegungsprojekt des Konservativen Bismarck – nicht nur ein effektives Instrument zur Abfederung sozialer Spannungen, sondern längst in den bundesrepublikanischen Traditionsbestand eingegangen ist. Und gleichfalls könnte man vermuten, dass aus konservativer Sicht nur wenig gegen Umverteilung spricht, solange ihr die richtigen, also die Ordnung stabilisierenden Erwägungen zugrunde liegen. Anders als zuweilen unterstellt, sind Konservative des beschriebenen Typs nämlich selten Libertäre. Kaum einer von ihnen dürfte besondere Sympathien für einen bis auf die Knochen deregulierten Rumpfstaat haben, in dem allein das Gesetz der größeren Münze entscheidet.
Tatsächlich ist die Passung so gut, dass man meinen könnte, man habe es (je nachdem, was man alles in die Figur des Konservativen hineinlegt) mit einer nicht unerheblichen Zahl linkskonservativer Wähler zu tun: Wähler, die im Sprachgebrauch des GAL-TAN-Modells wirtschaftspolitisch links, gesellschaftspolitisch aber fest auf der TAN-Seite stehen und folglich den linken unteren Quadranten der entsprechenden Matrix bevölkern. Allerdings gerät die Beforschung dieser Gruppe schon deshalb schwierig, weil eine kleine Auswahl gesellschaftspolitischer Variablen für das Gesamtarrangement des Konservatismus nicht repräsentativ sein kann. Wer die Unterscheidung von konservativ und progressiv nicht an der Verschiedenartigkeit der Prinzipien festmacht, sondern daran, ob man sich für oder gegen gleichgeschlechtliche Ehen und mehr Demokratie ausspricht, läuft ohnehin Gefahr, von der Realität überholt zu werden – und blendet zugleich den Umstand aus, dass auch auf Feldern wie der Außenpolitik ein konservativer Angang möglich ist. Die Frage etwa, ob man dem transatlantischen Bündnis die Treue hält, sich in den Fantasiegebilden einer heraufziehenden Multipolarität verliert oder gar den antiimperialistischen Kampf an der Seite der Verdammten dieser Erde aufnehmen möchte, dürfte für viele selbsterklärte Konservative wohl nicht weniger bedeutungsschwer sein als jene nach dem richtigen Grad sexualpolitischer Permissivität.
Strategische Eingemeindung
Der linkskonservative Wähler erscheint vor diesem Hintergrund eher als Nebenprodukt einer unausgereiften Operationalisierungspraxis denn als feste Erhebungsgröße. Stellt man statt traditioneller oder autoritärer Einzelpositionen aber das konservative Bewahrungsanliegen in den Mittelpunkt, lässt sich mit „linkskonservativ“ ebenso auch eine Art des Politiktreibens bezeichnen, bei der das Linke das Konservative bewusst in seine Eigenlogik eingemeindet – oder umgekehrt auch das Konservative das Linke. Der Nutzwert solcher Inkorporationen ergibt sich dabei aus der Sache selbst, denn so, wie den meisten Konservativen an der Befriedung sozialer Konflikte gelegen ist, möchten die meisten Linken zunächst den Wohlfahrtsstaat institutionell wetterfest machen, ehe sie sich an Vorhaben der Güteklasse Weltrevolution versuchen. Die einen werden sich also ohne größere Bedenken aus dem linken und die anderen aus dem konservativen Werkzeugkasten bedienen. Von Bedeutung bleibt allein, welches Prinzip das jeweils andere vereinnahmt, welches in den Worten des Koalitionsdiktums Gerhard Schröders also konzeptueller Koch und welches instrumenteller Kellner ist. In beiden Fällen tut man aber gut daran, die Inkorporation nicht leichtfertig zur Fusion zu verklären, sondern sie als strategisches Moment zu begreifen: geboren aus der Einsicht, dass links und konservativ zwar habituelle Differenzen aufweisen mögen, sich aber nicht zwangsläufig zueinander verhalten wie Wasser zu Öl. Je nach Sachverhalt ist das eine vielmehr als Schmiermittel des anderen geeignet, auch ohne dass daraus direkt eine ideologische Zwitterfigur eigenen Zuschnitts erwachsen müsste.
Ein taugliches Anschauungsbeispiel für diese Dynamik ist das 2024 gegründete Bündnis Sahra Wagenknecht (BSW), über dessen ideologische Verortung bis heute eifrig diskutiert wird. Bemerkenswert ist dabei nicht zuletzt die Beharrlichkeit, mit der insbesondere die Kritiker der Partei versuchen, ihr das linkskonservative Label anzuheften, denn sowohl seiner Form als auch seiner Entstehungsgeschichte nach erscheint das BSW als durchweg linke Kraft. Allerdings als eine (und dies genügt wohl, um die Geister zu verwirren), die materialistisch statt postmaterialistisch denkt, den in der Gegenwartslinken dominanten Progressismus hintanstellt und ihr Linkssein nicht der Hoheit identitätspolitischer Dogmen unterwerfen möchte. Welchen Nutzen, fragt Wagenknecht in ihrem Bestseller „Die Selbstgerechten“, hat etwa die Mindestlohnbeschäftigte im Einzelhandel von einer Frauenquote für Vorstände oder anderen Mechanismen zur Diversifizierung der gesellschaftlichen Beletage? Und weshalb verkämpfen sich Linke immer wieder in Scharmützeln um den Genderstern oder veganes Kantinenessen, wo ihr eigentlicher Auftrag doch in der Anwaltschaft für eine nicht gendernde und erst recht nicht vegan lebende Bevölkerungsmehrheit bestehen sollte? Bald dränge sich der Verdacht auf, dass hier vor allem das Lebensgefühl eines großstädtischen Milieus verteidigt werden soll, bei dem die letzten Restbestände klassischer Bildung längst einem obskurantistischen Jargon gewichen sei. Man mag das für ein Zerrbild halten, doch das Interessante an Zerrbildern ist ja, dass sie die Dinge verfälschen, indem sie sie überbetonen. Und nicht etwa, indem sie sie gänzlich unzutreffend darstellen.
In jedem Fall wirkt die Abgrenzung des BSW vom Progressismus als Einladung, ihm im Umkehrschluss eine konservative Motivlage zu unterstellen. Jedoch: Statt von Volk und Nation als üblichen Bewahrungsbegriffen ist im Parteiprogramm lediglich von den „vielen Menschen“ die Rede. Statt eine Lanze für traditionelle Rollenbilder zu brechen, werden mehr Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern sowie die Straffreiheit von Abtreibungen angemahnt. Und auch sonst wird dem Bewahrensprinzip vor allem dort Platz eingeräumt, wo das Erfolgsmodell der sozialen Marktwirtschaft mit ihrem „starken Mittelstand, starken Gewerkschaften und Arbeitnehmerrechten [und] sozialem Zusammenhalt“ zur Sprache kommt und eine gewisse Zweckgeordnetheit erzeugt. Einen leistungsstarken Sozialstaat gibt es nun einmal nicht ohne kohäsives Gemeinwesen im nationalen Futteral. In geradezu lehrbuchmäßiger Weise zeigt sich so, wie die Mittelstandsgesellschaft als konservatives Strukturelement der Wohlfahrt als linkem Gestaltungselement dienstbar gemacht wird, obschon das Label linkskonservativ eine innere Gleichrangigkeit nahelegt. Doch ist das Konservative für das BSW eben kein Selbstzweck, und je mehr es zur bloßen Akzeptanz gesellschaftlicher Realitäten diffundiert, umso eher endet man letztlich bei einem Begriffsverständnis, das mit einigem Recht sozialdemokratisch genannt werden darf. Vertreten von einer Partei, die den Erhalt des Status quo (beziehungsweise die Wiederherstellung dessen, was noch vor Kurzem als Status quo galt) keineswegs um seiner selbst willen anstrebt.
Summarisch lässt sich in Sachen Linkskonservatismus somit ein differenziertes Bild zeichnen. Je nach Gemengelage kann konservatives, also auf Bewahrung gerichtetes Denken durchaus mit linken Positionen koharmonieren, allerdings weniger in Form einer Synthese als in der einer Inkorporation. Durch das Nutzbarmachen konservativer Werte, Strukturen und Ziele können linke Projekte häufig reibungsärmer verwirklicht werden als durch ostentatives Abgrenzen, doch erhebt dieses Inkorporiertwerden das Konservative noch lange nicht zu einem gleichwertigen Konterpart. Das zeigt sich auch in der Parteien- und Einstellungsforschung, durch die der Linkskonservatismus überhaupt erst wieder ins politikwissenschaftliche Schlaglicht gerückt ist; angesichts der konzeptuellen Verkürzung des Konservatismusbegriffs sind die dortigen Befunde aber mit dem allfälligen Körnchen Salz zu genießen.
Interessanter als der Begriff erscheint bei näherer Betrachtung aber ohnehin die Frage, was mit seinem Gebrauch bezweckt werden soll. Eine stigmatisierende Absicht ist längst nicht immer gegeben, und als ernsthafte Analysekategorie ist er zu schwachbrüstig. Womöglich, so ließe sich mit Blick auf das BSW als vermeintlich linkskonservativem „Exhibit A“ vermuten, spricht aus ihm vor allem das affektive Unverständnis darüber, dass man auch in den zwanziger Jahren unseres Jahrhunderts noch immer – oder wieder? – links sein kann, ohne sein Augenmerk auf allerlei Nischenanliegen richten zu müssen. Ja, vielleicht ist es am Ende nichts anderes als das Hervortreten des ökonomischen Grundimpulses der Linken und die damit verbundene Sprachlosigkeit, aus der sich der Drang zu einer solchen Vokabel ergibt, die sich dem begrifflich Unbedarften sodann als neueste Mode aus der Kleiderkammer der Ideologien darbietet. Am Ende gilt aber doch: Nichts Neues unter der Sonne.