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It’s (not only) a Man’s World Konservativer Feminismus in den USA

Annett Meiritz Juliane Schäuble

/ 15 Minuten zu lesen

Die konservative Frauenbewegung in den USA ist kein neues Phänomen, hat mit den beiden Präsidentschaften Donald Trumps aber erheblich an Schwung gewonnen. Sie ist emanzipatorisch in der Form und konservativ im Ergebnis – und vielleicht auch ein Menetekel für Europa.

Als Donald Trump im Juli 2024 in der Arena des Messezentrums in Milwaukee auf die Bühne lief, um sich zum republikanischen Spitzenkandidaten küren zu lassen, spielte die Parteitagsregie den James-Brown-Hit „It’s a Man’s Man’s Man’s World“. Zufall? Wohl kaum. Im Vorfeld der Präsidentschaftswahl am 5. November war es für Beobachter vielmehr ein weiteres Indiz dafür, dass der „Gender Gap“ dieses Mal besonders groß ausfallen würde – dass also Männer eher für den Republikaner Trump und Frauen eher für die Demokratin Kamala Harris stimmen würden. Doch Trump konnte am Ende nicht nur seinen Vorsprung bei Männern ausbauen, sondern auch stärker bei Frauen punkten. 46 Prozent aller weiblichen Wähler in den USA wollten ihn erneut im Weißen Haus sehen, also fast jede zweite Frau.

52 Prozent der weißen Frauen, 38 Prozent der hispanoamerikanischen Frauen und 37 Prozent der Frauen unter 30 Jahren entschieden sich bei ihrer Stimmabgabe für Trump – um nur einige Zahlen der Wahlanalysen zu zitieren. Ja, es gab unter schwarzen Frauen mit einem Anteil von 92 Prozent eine überwältigende Zustimmung für Harris. Doch das reichte bei Weitem nicht, um die Verluste der US-Demokraten in fast allen anderen Gruppen auszugleichen.

Zwar waren zu Harris’ Kundgebungen Hunderttausende Anhängerinnen geströmt, das Publikum war oft jung, weiblich, divers. Viele trugen demonstrativ Katzen-T-Shirts, in Anspielung auf Trumps damaligen running mate und heutigen Vizepräsidenten JD Vance, der sich über kinderlose „cat ladies“ echauffiert hatte. Eine junge Frau in der Warteschlange einer Harris-Rally erklärte damals, für sie sei es immens wichtig, dass „endlich jemand wie ich und Millionen andere Mädchen und Frauen“ das Land regierten. Aber am Ende war Trump für eine Mehrheit der US-Amerikaner der Kandidat, der überzeugender darlegte, dass er ihren Alltag verbessern würde. Das wichtigste Thema für Wählerinnen war die Inflation. „Ähnlich wie Männer stimmen Frauen über eine Vielzahl von Themen ab, wie Wirtschaft, Kriminalität und Einwanderung. Harris bot den Wählern wenig, was ihnen das Vertrauen gab, dass sie diese Top-Themen bewältigen könnte“, erklärte die US-Kolumnistin Ingrid Jacques kurz nach der Wahl.

Eine Lehre der vergangenen Präsidentschaftswahl war also, dass Frauen in den USA ihre Wahlentscheidungen nicht aufgrund eines einzigen Themas treffen – und auch nicht aus vermeintlicher Solidarität heraus für eine weibliche Kandidatin. Sie wägen ab und votieren am Ende für denjenigen, der ihren Interessen am ehesten nutzen kann. Klassische „Männer-“ und „Frauenthemen“ sind ohnehin nur bedingt voneinander zu trennen: Die Existenzkrise junger und älterer Männer, die sämtliche Statistiken bei Arbeitslosigkeit, Krankheiten, Suizidraten oder Verkehrsunfällen anführen, beunruhigt auch Mütter, Großmütter, Töchter, Partnerinnen.

Bezeichnend ist, dass Harris bei Frauen ohne akademischen Abschluss genauso schlecht abschnitt wie Joe Biden vier Jahre zuvor. Die Demokraten wurden als zu elitär wahrgenommen – auch bei einer ihrer Kernzielgruppen, den Frauen.

Warum unterstützen Frauen Trump?

Nach Harris’ Niederlage würde, so hieß es, in naher Zukunft wohl keine der beiden großen Parteien mehr eine Frau für das Präsidentenamt nominieren. Das Land, sagte etwa Michelle Obama nach der Wahl, sei schlicht nicht „bereit“ für eine Frau im Weißen Haus.

Das Trump-Unterstützerlager hingegen war euphorisch: Trumps Sieg sei „die Befreiung der Frauen aus den dunklen Tagen des sogenannten Feminismus“, so Tiffany Justice, die der rechtskonservativen Organisation „Moms for Liberty“ vorsteht. „Das hier“, erklärte sie, „ist echter amerikanischer Feminismus“. Im linken politischen Spektrum lösten Sätze wie diese Entsetzen und Unverständnis aus. Denn es war doch Harris, die als Anwältin für Frauenrechte angetreten war, sich auf reproduktive Rechte, „female empowerment“, Inklusion aller Geschlechter und Ethnien sowie Chancengleichheit konzentrierte. Harris hatte alle Idole weiblicher Anbetung auf ihrer Seite, von Taylor Swift bis Beyoncé, Oprah Winfrey, J.Lo und Michelle Obama. Und auf Trumps Wahlkampfbühnen? Da zerriss sich der – inzwischen verstorbene – Wrestler Hulk Hogan das Muskelshirt, und der Tech-Multimilliardär Elon Musk präsentierte seine Wohlstandswampe.

Leiden die Trump-Frauen etwa an kollektiver geistiger Umnachtung? Ist es ihnen egal, dass Trump – wie wir nach mehreren Strafprozessen gerichtlich bestätigt bekommen haben – korrupt und kriminell ist? Dass er wegen sexueller Nötigung verurteilt wurde und prominente Frauen als „dumm“, „dämlich“, „Spatzenhirn“, „Pferdegesicht“ oder „durchgeknallt“ beschimpfte?

In der politischen Landschaft der USA sind konservative Frauen keine neue Erscheinung. Bereits in der Mitte des 20. Jahrhunderts mobilisierte die antifeministische Ikone Phyllis Schlafly Millionen Anhängerinnen erfolgreich gegen das Equal Rights Amendment (ERA), das gleiche Rechte für Frauen in der Verfassung festschreiben sollte und dem beide Kammern des Kongresses 1972 nach jahrzehntelanger Diskussion schon zugestimmt hatten. Schlafly prägte eine ganze Ära konservativer Frauenpolitik, indem sie traditionelle Vorstellungen von Familie und Geschlechterrollen mit einer organisatorisch schlagkräftigen politischen Bewegung verband. Ihr Aktivismus gilt als Blaupause für die gegenwärtige konservative Mobilisierung weiblicher Wähler.

Die Bewegung von heute ist breiter, diverser und technologisch versierter als ihre historischen Vorläuferinnen. Organisationen wie die „National Federation of Republican Women“, die „Concerned Women for America“ oder in jüngerer Zeit die bereits erwähnten „Moms for Liberty“ bilden ein eng geknüpftes Netzwerk von Trainingsprogrammen, Lobbystrukturen und Mobilisierungskanälen. Sie agieren professionell und strategisch. Viele republikanische Spitzenpolitikerinnen – von Nikki Haley über Elise Stefanik bis Kristi Noem – verdanken diesen Organisationen wesentliche Teile ihrer politischen Sozialisation. Republikanische Frauen vernetzen sich zudem ganz gezielt, um die Machtstrukturen auf dem Capitol Hill, dem Sitz des US-Kongresses, aufzubrechen. Das wiederum stärkt die konservative Bewegung als Ganze.

Heute sind die Themen und Ziele konservativer Frauen in den USA breit gestreut, die Bewegung speist sich aus unterschiedlichen sozialen und ideologischen Milieus. Ein Teil rekrutiert sich aus evangelikalen Gemeinden, ein anderer aus Mittelschichtsfamilien amerikanischer Suburbs, zunehmend aber auch aus hispanischen und asiatisch-amerikanischen Communities, die sich kulturell oder religiös nicht im progressiven Feminismus repräsentiert sehen. Und sichtbarer werden auch konservative schwarze Frauen, auch wenn diese Wählergruppe insgesamt immer noch deutlich stärker zu den Demokraten tendiert. Angesichts zunehmend knapper Wahlentscheidungen können indes schon leichte Verschiebungen den Ausschlag geben.

Im Zentrum der Bewegung steht ein ideologisches Dreieck: Familie, Religion und Freiheit – und „die Erzählung, dass sich das Land gefährlich verändert“, wie die Politikprofessorin Melissa Deckman sagt. Verteidigt werde das Ideal des schlanken Staates, „gemischt mit Kulturkämpfen und christlichen Werten“. Die Familie gilt als kleinste politische Einheit und als Kern gesellschaftlicher Stabilität. Für konservative Frauen ist Mutterschaft nicht nur ein privater Lebensentwurf, sondern ein politisches Mandat. Der Schutz von Kindern – verstanden sowohl physisch als auch moralisch – steht im Vordergrund.

Dass weibliche Wähler die USA vor Trump „bewahren“ werden, war deshalb eines der größten Missverständnisse der Wahl 2024. Schaut man sich den Langzeittrend an, konnte Trump bei jeder Präsidentschaftswahl stetig mehr weibliche Unterstützung hinzugewinnen. 2016 bekam er 41 Prozent der „female vote“, 2020 stieg der Anteil auf 44 Prozent, 2024 steigerte sich Trump erneut. Die Annahme, dass der selbsternannte „Macho Man“ (auch diesen Song hört man auf Trumps Veranstaltungen häufig) Frauen massenhaft vergraulen würde, unterschätzt nicht nur, welche Wucht seine Kandidatur hatte – und wie unbeliebt die Demokratische Partei in den vier Jahren unter Biden und Harris geworden war –, sondern auch, welchen Einfluss Frauen inzwischen auf allen politischen und gesellschaftlichen Ebenen haben – und das eben längst nicht nur im progressiven Lager des politischen Spektrums. Konservative Frauen seien heute, da linker Feminismus und die weibliche Emanzipation gerade in jüngeren Generationen voranschreiten, fast immer in der Minderheit, erklärt die amerikanische Juraprofessorin und Genderforscherin Tonja Jacobi. „Aber gleichzeitig sind sie die leidenschaftlichsten, lautstärksten Kämpferinnen für ihre Interessen.“

Lang unterschätzte Bewegung

In Europa gilt die konservative Frauenbewegung häufig noch als Randgruppe eines männlich dominierten Rechtspopulismus oder als kulturelle Besonderheit der USA. Dabei werden international Rechtspopulisten und Trump-Kopien zu einem beträchtlichen Teil von Frauen unterstützt – oder zum Teil angeführt, wie die AfD von Alice Weidel oder die italienische Regierungspartei Fratelli d’Italia von Giorgia Meloni. 18 Prozent der Wählerinnen bei der Bundestagswahl 2025 gaben ihre Zweitstimme der AfD, ein Zuwachs von zehn Prozentpunkten im Vergleich zur vorangegangenen Wahl. Bei den Europawahlen 2024 verzeichnete der Kontinent einen Rechtsruck, zum Teil auch wegen der zunehmenden Unterstützung von Frauen. „Früher waren rechte Parteien viel männlicher“, sagte seinerzeit der niederländische Politikwissenschaftler Matthijs Rooduijn. "Die Forschung zeigt, dass Frauen empfindlicher auf Stigmatisierung reagieren. Wenn diese Stigmatisierung verschwindet, wählen Frauen eher radikale Parteien.“

Angesichts vieler Probleme, die die USA und Europa teilen – Unmut über illegale Migration, wirtschaftliche Unsicherheit, eine instabile geopolitische Lage –, ist es sicher nicht verkehrt, sich die Entwicklungen in den USA genauer anzuschauen und mögliche Lehren für Europa daraus zu ziehen. Schließlich wurde in den Vereinigten Staaten der konservative Feminismus lange unterschätzt, und seine Anliegen wurden pauschal als gestrig und überholt abgetan. So legte etwa Hillary Clinton nach der verlorenen Präsidentschaftswahl 2016 nahe, dass Trumps Anhängerinnen nicht für sich selbst denken könnten. Insbesondere weiße Frauen stünden „unter enormem Druck von Vätern, Ehemännern, Freunden und männlichen Arbeitgebern“, nicht für die weibliche Kandidatin zu stimmen. Und Michelle Obama behauptete damals: „Jede Frau, die gegen Hillary Clinton gestimmt hat, hat gegen sich selbst gestimmt.“ Aus Sätzen wie diesen kann man Enttäuschung und Fassungslosigkeit angesichts abweichender Wertvorstellungen herauslesen – gepaart mit einer gehörigen Portion Arroganz, die den Demokraten bei Trumps zweitem Wahlsieg auf die Füße fiel.

Denn auch 2024 schienen die US-Demokraten in dieser Hinsicht nichts dazugelernt zu haben. Lockrufe à la „Frauen, kommt rüber auf die richtige Seite“ zogen sich durch Harris’ Kampagne. So sagte der Milliardär und Harris-Unterstützer Mark Cuban: „Ich denke, Frauen werden in großer Zahl für Harris stimmen. Sie werden nicht auf ihre Ehemänner hören, sondern das Richtige tun.“ Die Schauspielerin Julia Roberts appellierte in einem Werbespot für Harris an die weibliche Solidarität und erinnerte verheiratete Frauen daran, dass ihre Gatten nicht mit ihnen in der Wahlkabine stünden.

Diese Haltung legt nahe, dass Trump-Wählerinnen willfährige, schüchterne Heimchen sind, die nicht selbst denken und entscheiden können und unter den strengen Blicken ihrer Männer Marmelade einkochen. Aber überzeugt man damit die „abtrünnigen“ Frauen? „Je mehr Progressive protestieren, dass konservative Frauen sich in ihrem Selbstbild irren, desto stärker werden diese Frauen“, schrieb Anna Rollins, Kolumnistin beim US-Magazin „Slate“. „Das ist ein natürliches, menschliches Verhalten. Wenn eine Person einer anderen sagt, dass sie ihre eigene Lebenserfahrung nicht versteht, führt dies nicht zu einer Bekehrung. Es führt zum Gegenteil.“

Tatsächlich weisen konservative Frauen im Gespräch den Vorwurf der Fremdsteuerung von sich, sie treten häufig souverän und machtbewusst auf. Penny Nance, die Vorsitzende des einflussreichen Verbands „Concerned Women for America“, fasste es treffend zusammen: „Wir konservativen Frauen müssen nicht gerettet werden. Wir können uns hervorragend um uns selbst kümmern.“ Dieses Selbstbild unterscheidet sich grundlegend von dem traditionell eher linksliberalen Feminismus. Konservative Frauen sehen sich nicht als Opfer patriarchaler Strukturen, sondern als Beschützerinnen einer moralisch verstandenen Ordnung. Für viele ist der progressive Feminismus zudem eine Bewegung, die sie ausschließt, weil ihre religiösen Überzeugungen oder ihre Haltung zur Abtreibung keinen Platz darin finden. Die Religionszugehörigkeit – überwiegend evangelikal, zunehmend aber auch katholisch geprägt – nimmt einen großen Raum im Selbstverständnis konservativer Frauen in den USA ein. Religiöse Werte werden dabei nicht als persönliche Glaubensentscheidungen, sondern als gesellschaftliche Grundlagen interpretiert, die politisch zu schützen sind. Die christliche Weltanschauung fungiert als moralische Leitlinie, die die Grenzen der individuellen Freiheit neu definiert.

In den Lagerkämpfen zwischen links und rechts spielen diese Frauen, anders als von Hillary Clinton und Michelle Obama behauptet, eben keine passive Rolle, sondern sie prägen die Politik, nehmen Einfluss auf den medialen Diskurs und die Justiz. So waren es während der Coronapandemie zuerst Frauen, die die Massenschließung von Schulen kritisierten. Die Bewegung erfuhr großen Zulauf: Schulschließungen, Maskenpflicht und staatliche Gesundheitsvorgaben wurden von vielen nicht primär als notwendige Maßnahmen wahrgenommen, sondern als Eingriffe in die elterliche Autorität. Die Pandemie wurde damit zu einem Brandbeschleuniger für die politische Mobilisierung konservativer Frauen.

Spätestens in den Pandemiejahren zeigte sich, dass die amerikanische konservative Frauenbewegung in sich geschlossen auftritt und weniger zerfasert wirkt als der linke Feminismus. Auch deshalb können konservative Frauen ihre Ziele mit Nachdruck verfolgen und dabei erstaunliche Ergebnisse erzielen: So wurde die Abschaffung des bundesweiten Abtreibungsrechts im Sommer 2022 nicht etwa auf Drängen „alter weißer Männer“, sondern wegen der Lobbyarbeit einflussreicher Frauen durchgesetzt. Im Kampf gegen Abtreibung – und neuerdings auch im Kampf für eine Verschärfung der Embryonenschutzgesetze – stehen sie an vorderster Front. Alle großen Anti-Abtreibungsverbände in den USA, häufig mit christlich-religiösem Hintergrund, werden von Frauen geführt. Sie waren es, die mit vereinter Kraft die Klage vor dem Obersten Gericht unterstützten, das schließlich das bundesweite amerikanische Abtreibungsrecht kippte.

Seit Donald Trump vor einer Dekade auf der politischen Bildfläche erschienen ist, sind amerikanische konservative Frauen immer präsenter geworden. 2018 etwa organisierten sie Proteste zur Unterstützung des umstrittenen Supreme-Court-Kandidaten Brett Kavanaugh, der von Trump nominiert worden war und von der Psychologieprofessorin Christine Blasey Ford beschuldigt wurde, sie zu Highschoolzeiten sexuell missbraucht zu haben. Gruppen wie „Concerned Women for America“, „Tea Party Patriots“ oder „Faith and Action“ schlossen sich zusammen, mieteten einen blutroten Bus, ließen ihn mit gigantischen Buchstaben bekleben („Women for Kavanaugh“) und tourten durchs Land. Es war die Gegenbewegung zur #MeToo-Welle und den „Women’s Marches“ einige Jahre zuvor. Teilweise sind es dieselben Protagonistinnen, die heute, in der zweiten Trump-Präsidentschaft, im Weißen Haus ein und aus gehen, den Präsidenten beraten und juristische Klagen im ganzen Land vorantreiben. Der Einfluss konservativer Aktivistinnen in den USA sei „extrem“, sagt die amerikanische Juristin Mary Ziegler. Ohne diese Interessengruppen wäre es nicht so weit gekommen, dass das bundesweite Abtreibungsrecht gekippt wurde, mehrere US-Bundesstaaten Behandlungen für minderjährige Transpersonen verbieten, künstliche Befruchtung und Embryonenforschung eingeschränkt oder flächendeckend Fördermittel für Diversität und Inklusion eingefroren werden.

„Schoolboard-Moms“ und „MAHA-Moms“

In den vergangenen Jahren ist zudem die Bildungspolitik zu einem weiteren Feld der öffentlichen Auseinandersetzung geworden. Viele konservative Aktivistinnen in den USA sehen in Schulen einen Ort ideologischer Beeinflussung durch linksliberal geprägte Eliten. Um dem entgegenzuwirken, nehmen konservative Frauen Einfluss auf und über Schulbehörden, Elternvereinigungen, Onlinegruppen und Mediennetzwerke. Debatten über Sexualerziehung, Genderidentität, Transrechte oder die Aufarbeitung amerikanischer Rassismusgeschichte haben viele Frauen politisiert und waren bei den vergangenen Wahlen auf lokaler und bundesstaatlicher Ebene von großer Bedeutung.

Dass sich Eltern und Aktivisten überhaupt so stark einmischen können, ist auch der Struktur der School Boards geschuldet, die eine Aufsichtsfunktion einnehmen: In den USA sind Schulen sehr dezentral organisiert, häufig liegen die Schwerpunkte von Unterricht und Lehrmaterial in der Hand der fast 14000 Schulbezirke. Meist unbezahlte Freiwillige kandidieren für den Vorstand der Gremien, viele von ihnen sind Eltern oder ehemalige Lehrer. Sie wählen einen Superintendenten, überprüfen das Budget und kümmern sich um die Verwaltung. In diesen politisierten und polarisierten Zeiten können sie in diesen Positionen erheblichen Einfluss nehmen. Besonders die Republikanische Partei hat dieses Potenzial erkannt. Die US-Republikaner haben die Schule längst als Mobilisierungsthema entdeckt, sie nutzen die Debatten über die Qualität und Ausgestaltung der Schulbildung, um die konservative Basis zu elektrisieren. Die Partei kann dabei auf engagierte Aktivistinnen zählen und auf einen Apparat im Hintergrund, der die Kontroversen am Köcheln hält. Eltern werden „viel zu wenig eingebunden, sie fühlen sich entmachtet“, sagt etwa Nicole Neily, die während der Coronapandemie eine Interessenvertretung gründete. Die Aktivistin sieht in Schulen eine Art „Ground Zero“ für einen Kulturkampf, auf dem ausgefochten wird, wie das „echte Amerika“ aussehen soll.

Eine andere wichtige Bewegung – die sich zum Teil am europäischen Homöopathie-Boom sowie der europäischen Lebensmittelregulierung orientiert – ist die ebenfalls sehr weiblich geprägte „Make America Healthy Again“-Strömung (MAHA), angeführt von Trumps Gesundheitsminister Robert F. Kennedy Jr. Die US-Influencerin Alex Clark zum Beispiel, die eng mit dem Kennedy-Team verbunden ist, spricht in ihrem Podcast „Culture Apothecary“ über „toxinfreies Leben“ mit unpasteurisierter Milch und natürlicher Verhütung, aber auch über ein Leben ohne Röntgen, Ultraschall und Impfungen. Damit zieht sie in den USA ein immer größeres, junges und meist weibliches Millionenpublikum an. Clark ist ein Aushängeschild der MAHA-Bewegung, die der Pharmaindustrie misstraut und sich für alternative Heilmethoden begeistert.

Die weibliche, konservative US-Bewegung gerade im Bereich MAHA führt vor Augen, wie entscheidend digitale Kommunikationsräume für politische Entwicklungen sind. Influencerinnen, Lifestyle-Inszenierungen auf Instagram und Tiktok sowie Communitys, die Gleichgesinnte finden lassen, können konservative Weltbilder gleichzeitig ästhetisieren, emotionalisieren und professionalisieren. Der Einfluss entsteht weniger durch traditionelle Parteipolitik, sondern durch soziale Medien als Bühne. Auch in Europa sollte man verstehen, dass konservative Frauenbewegungen nicht „altmodisch“ kommunizieren, sondern modern – und dass die emotionale Ebene wichtiger sein kann als programmatische politische Inhalte. Gepaart mit gesellschaftlichen Krisenerfahrungen können sich auch junge Frauen von rechtskonservativen und sogar radikalen Botschaften angesprochen fühlen. So schwappen Teile der sogenannten „Tradwife“-Ästhetik (Vintage-Kleidung, „homemaking“, „naturverbundenes Muttersein“) auch in die sozialen Medien des deutschsprachigen Raums, Skandinaviens und Osteuropas herüber. Vor allem jüngere Frauen, die vom feministischen Credo der Vereinbarkeit von Kind und Karriere desillusioniert sind, werden damit abgeholt. Die konservative Gegenbewegung verspricht eine Aufwertung häuslicher und familiärer Rollen – nicht als Unterdrückung, sondern als bewusste und souveräne Lebensentscheidung.

Wird Europa wie die USA?

Das bedeutet nicht, dass daraus automatisch eine politische Massenbewegung wird. Schließlich unterscheidet sich Europa auf mehreren Ebenen erheblich von den USA. Religiöse Bindungen sind schwächer ausgeprägt, das Bildungssystem ist staatlicher organisiert, die Medienlandschaft ist pluraler, und es existiert kein Gericht wie der Supreme Court mit vergleichbarem gesellschaftlichen Gestaltungswillen. Europäische Staaten stellen zudem vergleichsweise umfassende soziale Sicherungssysteme bereit (Mutterschutz, Elternzeit, Kindergeld), was Forderungen wie „Zurück zur Familie“ weniger radikal wirken lässt. Und: In den USA gibt es ein stark polarisiertes Zwei-Parteien-System, das identitätspolitische Konflikte deutlich zuspitzt, sowie eine stärker gespaltene Massenmedienkultur.

Gleichzeitig zeigt sich aber, dass kulturelle Konflikte zunehmend international ausgetragen werden und rechtspopulistische, nationalistische und rechtskonservative Parteien sich spätestens seit Trumps zweitem Wahlsieg in rasantem Tempo transatlantisch vernetzen – eine Entwicklung, die wir in unserem Buch „Die Allianz der Neuen Rechten“ beleuchten. Das bedeutet in der Praxis, dass konservative Influencerinnen aus den USA in Europa wachsende Reichweite bekommen – und dass rechtskonservative Leitthemen wie „Anti-Wokismus“, „Anti-Eliten“ und „Anti-Migration“ auf beiden Seiten des Atlantiks vorangetrieben werden. Der Rechtsruck bei den Europawahlen 2024 zeigte: Europa ist zumindest empfänglich für jene Dynamiken, die die USA prägen.

Dieser Schulterschluss der transatlantischen Rechten hat weibliche Aushängeschilder. So beantragte die rechte Aktivistin Naomi Seibt, Social-Media-Influencerin und Unterstützerin der AfD, 2025 in den USA Asyl. Seibt sagte uns im Zuge der Recherchen für unser Buch, sie werde in Deutschland wegen ihrer politischen Ansichten verfolgt; sie sei ein Ziel „der Überwachung durch den Geheimdienst“ und von „Verleumdung durch staatliche Medien“. Im November 2025 erklärte die Trump-Vertraute und republikanische Abgeordnete Anna Paulina Luna öffentlich, sie unterstütze Seibt und werde sich beim US-Außenministerium dafür einsetzen, dass diese Asyl erhalte. Die Trump-Regierung hatte zuvor signalisiert, Europäer aufnehmen zu wollen, die in ihrer Heimat „wegen ihrer Ansichten verfolgt werden“. Das Ganze hat eine ernsthafte und diplomatisch weitreichende Dimension – denn sollten die USA tatsächlich einer deutschen Staatsbürgerin Asyl gewähren, weil diese angeblich „politisch verfolgt“ wird, würde das sicher zu neuen transatlantischen Spannungen führen.

Wohin steuert die Bewegung?

Die Frage, ob Donald Trump das Leben der amerikanischen Frauen besser gemacht hat, ist ein Jahr nach seinem Amtsantritt klar zu beantworten: Nein. Trump holte zwar seine Wahlkampfmanagerin Susie Wiles als Stabschefin ins Weiße Haus – als erste Frau in der Geschichte der USA auf diesem Posten. Doch ansonsten sind Frauen in Machtpositionen nach wie vor rar, nur jedes zehnte größere Wirtschaftsunternehmen in den USA hat einen weiblichen Boss. Außerdem lebten 2024 rund 23 Millionen Frauen und Mädchen in den USA in Armut, und die USA führen weiter internationale Statistiken bei der Müttersterblichkeit in wohlhabenden Industrieländern an – Missstände, die weder demokratische noch republikanische Regierungen bislang in den Griff bekommen haben.

Der Abgang einer einst besonders radikalen Trump-Anhängerin wird derweil als mögliches Indiz für eine Spaltung der MAGA-Bewegung interpretiert: Was die republikanische Abgeordnete Marjorie Taylor Greene nach ihrem Ausscheiden aus dem US-Repräsentantenhaus als Nächstes tun wird, ist offen. Eine Möglichkeit, die für das Team Trump eine Herausforderung darstellen würde: Sie könnte zur Trendsetterin werden, indem sie die reine America-first-Lehre authentischer vertritt, als es die derzeitige Regierung tut.

Fest steht, dass konservative Frauen heute eine der entscheidenden mobilisierenden Kräfte der amerikanischen Rechten sind, sowohl als Aktivistinnen in Gemeinden und Schulbezirken als auch als Politikerinnen, Richterinnen, Influencerinnen und Organisatorinnen ganzer Wahlkampfapparate. Ihr Einfluss ist in allen Bereichen des amerikanischen Alltags spürbar. Bei jeder Debatte, jeder politischen Entscheidung reden sie mit, ob es um Abtreibung, Steuern, zensierte Schulbücher, Rassismus oder Impfmandate geht. Sie bestimmen maßgeblich die institutionelle Ausrichtung des Landes, etwa bei der Besetzung des Supreme Court, im Bildungsbereich oder in der Familien- und Gesundheitspolitik. Ihre Bewegung ist zugleich modern und antimodern, digital vernetzt und traditionell verankert, emanzipatorisch in der Form und konservativ im Ergebnis.

Durch diese Ambivalenz fällt es vielen Beobachtern, auch in Europa, schwer, sie einzuordnen und ihre Wirkung zu greifen. Doch wer die Dynamiken der amerikanischen Gesellschaft und Politik verstehen möchte, kommt an dieser Bewegung nicht vorbei.

ist Korrespondentin für Außen- und Sicherheitspolitik im "Handelsblatt"-Hauptstadtbüro. Bis Herbst 2025 war sie US-Korrespondentin in Washington, D.C.

ist US-Korrespondentin der "Zeit" in Washington, D.C. Bis Sommer 2025 war sie in gleicher Funktion für den "Tagesspiegel" tätig.