„Die ewigen Wahrheiten und ewigen Rechte haben stets am Himmel der menschlichen Erkenntnis aufgeleuchtet, aber nur gar langsam wurden sie von da herab geholt. (…) Eine jener Wahrheiten ist die, dass Frieden die Grundlage und das Endziel des Glückes ist, und eines jener Rechte ist das Recht auf das eigene Leben. Der stärkste aller Triebe, der Selbsterhaltungstrieb, ist gleichsam eine Legitimation dieses Rechtes, und seine Anerkennung ist durch ein uraltes Gebot geheiligt, welches heißt: ‚Du sollst nicht töten‘.“ Mit diesen Worten eröffnete die österreichische Pazifistin Bertha von Suttner am 18. April 1906 ihre Vorlesung anlässlich der Verleihung des Friedensnobelpreises. Sie umriss damit die Kernprinzipien eines Pazifismus, der im Vorfeld des Ersten Weltkriegs nicht nur individuelle Haltungen, sondern auch staatliches Handeln im Sinne des Prinzips der Gewaltfreiheit beeinflussen wollte.
Dass die mit dem Pazifismus verbundenen „Wahrheiten und Rechte“ 120 Jahre später Wirklichkeit geworden wären, lässt sich angesichts einer Welt voller neuer und alter Kriege schwerlich behaupten. Stattdessen drehen sich die gesellschaftlichen Diskurse der Gegenwart notgedrungen um Kriegstüchtigkeit, Aufrüstung und Wehrhaftigkeit. Doch zeigt die Geschichte des Pazifismus, dass seine Ideen keineswegs so wirkungslos waren, wie man vielleicht meinen könnte. Die völkerrechtliche Ordnung des 20. Jahrhunderts ist ein in Institutionen gegossenes Gewaltverbot – und ein Versprechen, den Angriffskrieg zu ächten und Konflikte friedlich zu lösen.
Strittig bleibt gleichwohl, wie genau Frieden erreicht und Menschen vor Gewalt und Tod beschützt werden können – und ob dazu nicht doch mitunter Waffengewalt, Abschreckung und Gewaltandrohung vonnöten sind. Dass sich liberale Gesellschaften der damit verbundenen moralischen Dilemmata bewusst sind und mit diesen Fragen ringen, ist ein großer zivilisatorischer Fortschritt. Sähe man nun noch – bei allem notwendigen Streit in der Sache – davon ab, Pazifistinnen und Pazifisten als „naiv“ und „gefährlich“ und ihre Kritiker als „kriegstreibend“ oder gar „kriegslüstern“ zu denunzieren: Man hätte ein bisschen mehr Erkenntnis vom Himmel herabgeholt.