Die Jahrzehnte nach großen Kriegen, zumal solchen, in denen die militärische Gewalt nicht nur als Mittel zur Durchsetzung politischer Ziele diente, sondern sich, wie etwa im Dreißigjährigen Krieg, von ihren politischen Vorgaben entfernte und verselbstständigte – oder auch die Zeit nach dem Ersten und Zweiten Weltkrieg, als die Entwicklung und der Einsatz neuer Waffensysteme das Kriegsgeschehen in einer bis dahin unvorstellbaren Weise entgrenzt hatten –,
Beschäftigt man sich jedoch etwas genauer mit der Priorisierung des Friedens im Pazifismus, so zeigen sich darin fundamentale Differenzen: Einige treten für den Frieden im Sinne der Formel des spätrömischen Militärschriftstellers Vegetius ein, wonach, wer den Frieden wolle, stets auf Krieg vorbereitet sein müsse („si vis pacem, para bellum“), was man auch als Friedenssicherung durch Abschreckung bezeichnen kann.
Da eine kritische Befassung mit Containerbegriffen wegen deren Heterogenität nicht möglich ist, kommt man, so die zweite Vorbemerkung, um eine begrifflich-sachliche Begriffsverengung nicht herum. Unter Pazifismus wird hier darum nicht das bloße Wollen des Friedens, sondern die uneingeschränkte Priorisierung des Friedens als Ziel verstanden, unbeschadet aller damit verbundenen „Kosten“, wie politischer Selbstschwächung, Inkaufnahme ökonomischer Nachteile und Verzicht auf Gegengewalt im Falle einer persönlichen Bedrohung. Das individuelle Agieren, sei es nun religiös, moralisch oder politisch motiviert, tritt damit ins Zentrum des Begriffs und grenzt ihn gegen alle anderen Bemühungen um den Frieden ab. Pazifismus ist damit der direkte und symmetrische Gegenbegriff zu Bellizismus, der den Krieg, zumindest die Androhung von Kriegsgewalt, als Instrument politischer Interessenverfolgung präferiert.
Eine dritte Vorbemerkung bezieht sich auf den Begriff der Kritik. Hier ist zu unterscheiden zwischen dem, was Kant unter Kritik verstanden hat, und dem, was von Hegel, der Hegelschen Schule und von Marx als Kritik bezeichnet worden ist. Kant ging es in seinen drei großen „Kritiken“ um eine Reichweitenbestimmung dessen, was vonseiten der reinen Vernunft, der praktischen Vernunft und der Urteilskraft mit Gründen ausgesagt werden kann, also um eine Begrenzung der Vernunft gegenüber dem, was mit philosophischen Argumenten nicht begründet werden kann. Hegel und die ihm Folgenden dagegen haben Kritik im Sinne von Negation verstanden und ihr damit eine Wirkung attestiert, durch die dem der Kritik Verfallenen der Einfluss auf das reale Geschehen entzogen werden sollte. Kritik wird damit als ein zentrales Element des Fortschreitens der Menschheit angesehen. Im Folgenden wird der Kritikbegriff ausschließlich im kantschen Sinn verwendet, also als Versuch, die Reichweite des Pazifismus und seiner Argumente im Sinne einer individuellen Entscheidung mit dem Anspruch, politisch folgenreich zu sein, abzuschreiten. Dabei geht es weniger um die individuelle Motivation als um ihren Anspruch, mehr als bloß eine persönliche Entscheidung für sich selbst zu sein und durch sie Einfluss auf andere auszuüben. Die individuelle Entscheidung soll zu einem politischen Faktor werden.
Vier Typen der Friedensordnung jenseits der Imperative eines eng definierten Pazifismus
Eine erste Reichweitenbegrenzung des Pazifismus beruht auf dem Umstand, dass die mit dem Imperativ der Intentionalität argumentierenden Pazifisten keineswegs die Monopolisten der Friedensstiftung sind, sondern dass sich mindestens vier Friedensordnungen beschreiben lassen, die gerade nicht auf einer ausgeprägten Friedensgesinnung beruhen, sondern aus Mächtekonstellationen und Mechanismen erwachsen, die ohne religiöse oder moralische Imperative auskommen und insofern zum dezidierten Pazifismus konkurrierende Modelle der Friedensordnung darstellen:
Imperiale Friedensordnung
Der erste Typ von Friedensordnung ist der großer Imperien, die ganzen Epochen den Namen geben: Pax Romana, Pax Mongolica, Pax Britannica und schließlich Pax Americana – um nur die wichtigsten zu nennen.
Das heißt jedoch nicht, dass Pazifisten deswegen in das Regime der Unterdrückung und Ausbeutung einwilligen. Sie lehnen nur dessen gewaltsame Beseitigung in Form eines Befreiungskrieges ab. Formen gewaltfreien Widerstands sind durchweg mit pazifistischen Überzeugungen vereinbar. Diese setzen darauf, dass durch die einseitige Gewaltausübung des Regimes gegen Demonstrierende und Streikende dessen Sicherheitskräfte mit der Zeit demoralisiert werden, bis sie den Dienst verweigern. Der Zusammenbruch des äußeren Rings, der das Sowjetimperium ereilte – mit dem Mauerfall in Berlin am 9. November 1989 beginnend und nur im Falle Rumäniens mit bewaffneten Auseinandersetzungen verbunden –, ist das prominenteste Beispiel einer solchen Entwicklung.
Es wäre indes falsch, die schon bald so bezeichnete „friedliche Revolution“ in Mittel- und Osteuropa als pazifistische Antwort auf repressive Gewalt zu verallgemeinern. Die Ereignisse von 1989 waren in ihrem Verlauf von konkreten historischen Bedingungen abhängig: dem desolaten wirtschaftlichen Zustand der Sowjetunion sowie ihrer Satelliten, der Erklärung Michail Gorbatschows, dass die Sowjetarmee sich an der Niederschlagung von Demonstrationen nicht beteiligen werde, und dem Zweifel der diversen nationalen Führungen daran, dass die bewaffneten Kräfte ihrer Staaten entsprechenden Befehlen auch folgen würden. Die friedliche Revolution war eher eine Ausnahme als die Regel, wie man an der gewaltsamen Niederschlagung der Proteste gegen den Wahlbetrug Alexander Lukaschenkos in Belarus 2020 und 2021 oder der brutalen Unterdrückung der Protestbewegungen gegen das Mullahregime im Iran sehen kann. Der Erfolg einer pazifistischen Vorgaben folgenden Widerstandsbewegung ist somit von Konstellationen abhängig, die kontingent sind und auf die die Pazifisten selbst keinen Einfluss haben. Sie beruhen obendrein auf einer „heroischen“ Opferbereitschaft der Demonstrierenden, die in einem gewissen Widerspruch zu den pazifistischen Imperativen steht, wenn man nicht den Heroismus des Erduldens, also das Martyrium, als einzig legitimen Heroismus ansehen will.
Gleichgewichtssysteme als Friedensordnungen
Ein anderer Typ von Friedensordnung beruht auf einem sich mechanisch ausbalancierenden System von Staaten, das so beschaffen ist, dass keine der beteiligten Mächte in der Lage ist, einen anderen Staat niederzuwerfen und sich große Teile seines Territoriums einzuverleiben, weil dann alle anderen dem System angehörenden Mächte dem Unterliegenden zu Hilfe kommen – wenn nicht eine Mehrheit der Staaten sich dahingehend verabredet, den angegriffenen Staat unter sich aufzuteilen. Das war im 18. und 20. Jahrhundert bei den Teilungen Polens der Fall. Um Letzteres zu verhindern, muss das System so konstruiert sein, dass eine relevante Mehrheit der ihm angehörenden Mächte kein Interesse am Verschwinden eines Staates hat, sondern im Gegenteil ihre eigenen Interessen durch den Fortbestand des Angegriffenen gewährleistet sieht und ihm deswegen zu Hilfe kommt.
Zu einem System des ausbalancierten Gleichgewichts der Mächte gehört somit immer auch der Krieg oder die Kriegsbereitschaft als Instrument der Ausbalancierung. In ihr ist der Frieden zwar Norm und Ziel, aber der Krieg ein Mittel, dieses Ziel zu erreichen. Das heißt, dass zwar Niederwerfungs- oder Vernichtungskriege ausgeschlossen sind, nicht aber ein Krieg zur Korrektur von Ungleichgewichten. Solche Kriege wurden – zumeist – im Aufeinandertreffen professioneller Heere entschieden, bei dem eine Beeinträchtigung der Zivilbevölkerung weithin vermieden wurde. Man hat diese Art des Krieges auch als „gezähmte Bellona“ bezeichnet.
Vertragsbasierte und institutionell gesicherte Friedensordnungen
Da solche Gleichgewichtssysteme freilich instabil sind, kam schon früh die Idee auf, man solle nicht nur auf die mechanische Balance der großen Mächte setzen, sondern dieser multipolaren Ordnung durch Verträge,
Das Eingreifen der USA in den Ersten Weltkrieg 1917 wurde von US-Präsident Woodrow Wilson als ein im Prinzip pazifistischer Akt begründet, als er erklärte, der Krieg, den er führe, sei ein „war to end all wars“.
Kant und die Theorie des demokratischen Friedens
Bleibt schließlich als viertes Modell die Idee, dass die Unterstellung der Politik unter den Willen des Volkes beziehungsweise der jeweiligen Bürgerschaft dazu führen werde, dass es keine Kriege mehr geben und die Androhung militärischer Gewalt zwecks Durchsetzung politischer Ziele aus dem Arsenal der Staaten verschwinden werde. Dieses Modell hängt – im Unterschied zum vertragsbasierten – nicht an der Durchsetzungsfähigkeit internationaler Institutionen, sondern beruht auf den wohlverstandenen Eigeninteressen des Volkes. Da deren Geltendmachen nur in funktionierenden Demokratien möglich ist, spricht man auch von der Theorie des demokratischen Friedens.
Am klarsten und deutlichsten ist dieses Modell einer Verfriedlichung der zwischenstaatlichen Beziehungen durch die republikanische Verfassung
Des Weiteren lehnt er die Errichtung einer Universalmonarchie als Friedensgarant, wie sie von Pazifisten häufig ins Spiel gebracht wird, entschieden ab, weil diese auf einen „seelenlosen Despotismus“ hinauslaufe, der zuletzt in Anarchie verfalle. Er konstatiert, dass es „das Verlangen jedes Staates (oder seines Oberhaupts) [ist], auf diese Weise sich in den dauernden Friedenszustand zu versetzen, [so] daß er, wo möglich, die ganze Welt beherrscht“. Es ist die Idee des imperialen Friedens, die Kant hier entschieden ablehnt und von der er annimmt, sie könne infolge „der Verschiedenheit der Sprachen und Religionen“ auch nicht verwirklicht werden.
Sprachen und Religionen trennen die Menschen; sie befördern „den wechselseitigen Hass“ und sind „ein Vorwand zum Kriege“. Doch die „anwachsende Kultur“ und die Einwilligung der Menschen in Prinzipien ermöglichen einen Frieden, „der nicht, wie jener Despotism (auf dem Kirchhofe der Freiheit), durch Schwächung aller Kräfte, sondern durch ihr Gleichgewicht, im lebhaftesten Wetteifer derselben, hervorgebracht und gesichert wird“.
Auch hier vertraut Kant auf den wechselseitigen Eigennutz: „Es ist der Handelsgeist, der mit dem Kriege nicht zusammen bestehen kann, und der früher oder später sich jedes Volks bemächtigt.“ Und „weil (…) unter allen, der Staatsmacht untergeordneten, Mächten (Mitteln) die Geldmacht wohl die zuverlässigste sein möchte, so sehen sich Staaten (freilich wohl nicht eben durch Triebfedern der Moralität) gedrungen, den edlen Frieden zu befördern, und, wo auch immer in der Welt Krieg auszubrechen droht, ihn durch Vermittlungen abzuwehren, gleich als ob sie deshalb in beständigen Bündnissen ständen; (…) Auf die Art garantiert die Natur, durch den Mechanism in den menschlichen Neigungen selbst, den ewigen Frieden.“
Intentionalistischer und politischer Pazifismus
In den meisten der hier vorgestellten Ordnungen ist ein politisches Wollen des Friedens möglich, zumindest nicht schädlich, aber es ist nicht zwingend, dass damit Frieden erreicht werden kann. Es ist diese funktionalistische Friedenssicherung, die mit der unbedingten Intentionalität des Pazifismus im engeren Sinn konkurriert. Der intentionalistische Pazifismus ist, streng genommen, eine Selbstverpflichtung moralischer Art, die in der Priorisierung des Friedens gegenüber allen anderen Werten, von der Freiheit bis zur Solidarität mit anderen, nur für den Einzelnen selbst gilt und von ihm im Hinblick auf die Wirkung seines Tuns ständig überprüft werden muss. Ein solcher Pazifismus kann, sobald er nicht nur vereinzelt auftritt, sondern von ganzen Gruppen praktiziert wird, freilich zu einem politischen Problem werden. So sah sich der Kirchenvater Aurelius Augustinus unter dem Eindruck der das Römische Reich im Westen überrennenden germanischen Stammesverbände genötigt, das christliche Friedensgebot zu relativieren, um den Vorwurf zurückzuweisen, die Christen seien am Niedergang Roms schuld. Er unterschied zwischen civitas Dei und civitas terrena, dem göttlichen und dem weltlichen Reich, und bezog das Friedensgebot der Evangelien wesentlich auf das göttliche Reich, während im weltlichen Reich mitunter auch Krieg geführt werden müsse, um den Frieden zu bewahren oder wiederherzustellen. Martin Luther ist ihm in seinen Schriften zur Frage, ob Kriegsleute im „seligen Stand“ sein könnten, weitgehend gefolgt. In der Folge ist der uneingeschränkte Pazifismus zunächst in einige Sekten zurückgedrängt worden und dabei zu einem religiösen Eskapismus geworden.
Vom intentionalistischen ist ein politischer Pazifismus zu unterscheiden, der durch Aufrüstung oder Kriegsrhetorik die Funktionsmechanismen der oben beschriebenen Friedensordnungen bedroht sieht, wie das bei den Demonstrationen der 1980er Jahre gegen den Nachrüstungsbeschluss der Nato der Fall war. Das ist dann keine Frage einer moralgetriebenen persönlichen Entscheidung mehr, sondern eine der politischen Urteilsfähigkeit, die ihrerseits durch spätere Überprüfung evaluiert werden kann – und zwar im Hinblick darauf, ob sie den Funktionsmechanismen einer bestehenden Ordnung des Friedens entsprochen hat, sie gestärkt oder aber geschwächt hat. Da Letzteres nicht ausgeschlossen werden kann, ist auch denkbar, dass Pazifisten durch ihr Eintreten für den Frieden die Chancen zu dessen Bewahrung verringern. Wie es Konversionen zum Pazifismus gibt, gibt es auch solche vom Pazifismus weg, besonders viele in den späten 1930er Jahren, als erkennbar wurde, dass Hitler sich nicht durch eine Politik des Appeasement pazifizieren ließ. Die überzeugte Pazifistin Simone Weil etwa sprach 1943 im Londoner Exil von „meinem verbrecherischen Irrtum vor 1939 über die pazifistischen Kreise und ihr Handeln“ und erklärte die Verteidigung von Demokratie und Freiheit zur existenziellen Pflicht.