Seit jeher wird über Frieden gestritten. Es gehört zum Wesen dieses vielgestaltigen und letztlich offenen Begriffs, dass er oft heftige Debatten darüber auslöst, mit welchen Mitteln welche Art von Frieden anzustreben sei. Seit dem 19. Jahrhundert schälte sich zunehmend der Pazifismus als ideelle Grundlage von Friedenskonzepten heraus; mit ihm flossen Ideen ein, die Krieg und Gewalt als Mittel der Auseinandersetzung grundsätzlich ablehnen.
Damit aus Friedensforderungen Bewegungen entstehen, müssen Protestierende dauerhaft mobilisiert und Proteste stabilisiert sein; erst dann lässt sich von einer „Friedensbewegung“ sprechen. Hierfür braucht es Netzwerkstrukturen, Organisationen und Gelegenheitsfenster sowie das Potenzial, über das Protestthema hinaus ein kollektiv verbindendes Identitätskonstrukt zu etablieren.
Von bürgerlichen Friedensgesellschaften bis „Nie wieder Krieg“
Von einer Friedensbewegung, also einer mobilisierten kritischen Masse an Menschen, die öffentlichkeitswirksam und mit einer gewissen Dauer konkrete Friedensforderungen stellen, kann für Deutschland ab Anfang des 20. Jahrhunderts die Rede sein.
Die Deutsche Friedensgesellschaft mit ihren bis zu 10.000 Mitgliedern zersplitterte mit Ausbruch des Ersten Weltkriegs. In der Weimarer Republik entstanden zahlreiche neue Friedensgruppen, die ganz unterschiedlich gegen Militarismus vorgehen oder für demokratische Werte einstehen wollten.
Allerdings verhinderte die dauerhafte organisatorische Konkurrenz zwischen pazifistischen Organisationen und linken Parteien eine Stabilisierung der Bewegung. Hinzu kam eine Atmosphäre von ungebrochenem Militarismus, verletztem Nationalstolz und Kriegsschulddebatten. Zunehmend kam es zu schweren Übergriffen auf pazifistische Veranstaltungen. Als sich Ende der 1920er Jahre das politische Klima weiter verschärfte, gerieten pazifistische Aktivist:innen mehr denn je unter den Verdacht des Vaterlandsverrats.
Friedensbewegung in der jungen Bundesrepublik
Wie bei vielen Bewegungen riss die NS-Zeit auch bei der Friedensbewegung eine erhebliche Lücke, sowohl personell-organisatorisch als auch konzeptionell und erinnerungspolitisch. Ab etwa 1950 erlaubte das antikommunistische Klima der jungen Bundesrepublik kaum mehr eine Anknüpfung an die pazifistischen Ideen der Weimarer Zeit, die zumeist sozialistischen Ursprungs waren.
Nur wenige Jahre nach Gründung der Bundesrepublik strebte die CDU-Regierung unter Bundeskanzler Konrad Adenauer danach, die Westbindung der Bundesrepublik durch einen Beitritt ins Militärbündnis Nato abzusichern. Die Wiederbewaffnung und die damit verbundene Etablierung der Bundeswehr stießen jedoch in der Bevölkerung, die erst kurz zuvor Krieg, Vertreibung und Verwüstung erlebt hatte, auf breite Ablehnung. Angesichts des beginnenden Koreakrieges und der geografischen Lage unmittelbar am Eisernen Vorhang wuchs ein Gefühl von Unsicherheit.
Gewerkschaften, Sozialdemokratie, Kirchen und die noch nicht verbotene KPD
Keine zwei Jahre nach Gründung der Bundeswehr gingen die Menschen wieder auf die Straße, nachdem Bundeskanzler Adenauer hatte verlauten lassen, die Armee mit Atomwaffen ausstatten zu wollen. Die Verhinderung der atomaren Aufrüstung wurde zum klar formulierten Ziel der sich bald (wieder) formierenden Friedensbewegung. Getragen von SPD, Gewerkschaften und Kirchen fand die „Kampf dem Atomtod“-Kampagne 1957/58 starken Zulauf in der Bevölkerung – auch, weil dort durch Berichte über Hiroshima und Nagasaki der atomare Schrecken mittlerweile tief saß. Die SPD nutzte die Gelegenheit zunächst für Oppositionsarbeit, schlug dann aber bald einen realpolitischen Kurs ein und zog sich, wie auch die Gewerkschaften, aus der Kampagne zurück.
Auch wenn es in der Folgezeit nicht zur atomaren Aufrüstung der Bundeswehr kam: Die Etablierung der Ostermärsche zu Beginn der 1960er Jahre kann als eine Reaktion auf die Adenauersche „Politik der Stärke“ gesehen werden.
Friedensbewegung als Oppositionsbewegung in West und Ost
Gegen den von den USA seit 1965 offiziell geführten Vietnamkrieg gab es in zahlreichen westlichen Staaten Protest. Vor allem in den USA selbst engagierten sich neben Studierenden auch Bürgerrechtsaktivist:innen, Christ:innen, Politiker:innen und Kriegsveteranen gegen die Kriegsführung in Vietnam und den Kriegsdienst.
Eng verbunden mit dieser Entwicklung war der grundsätzliche Bedeutungszuwachs von zivilgesellschaftlichen Organisationen für die Friedensbewegung. Von den etablierten Institutionen boten weiterhin die Kirchen einen Raum zur Vernetzung und Verstetigung von Friedensprotesten an. Aus bereits existenten Organisationen wie etwa dem katholischen Friedenswerk Pax Christi, der christlichen Sektion der britischen Campaign for Nuclear Disarmament oder der seit 1966 tätigen Interkerkelijk Vredesberaad (Interkirchlicher Friedensrat, IKV) in den Niederlanden gingen weitere Gruppen und Vernetzungen hervor.
In der DDR war die Evangelische Kirche die zentrale Institution der Vernetzung kritischer Stimmen. Bei Weitem nicht oppositionell im Auftreten, setzte sie sich schon Mitte der 1960er Jahre kritisch mit dem ostdeutschen Militärwesen auseinander. Nachdem 1956 die Nationale Volksarmee gegründet und 1962 die Wehrpflicht eingeführt worden war, erlaubte die DDR-Führung ab 1964 einen Wehrersatzdienst. Dieser waffenlose Dienst durfte aber nur wegen „religiöser Anschauungen oder aus ähnlichen Gründen“ gewählt werden. Die Evangelische Kirche veröffentlichte 1965 die wichtige Broschüre „Zum Friedensdienst der Kirche“, worin sie offen die Wehrdienstverweigerung als Form des Friedensgebotes unterstützte.
Es waren bespitzelte und zugleich relativ geschützte Räume, in denen in der DDR eine alternative Friedensbewegung entstehen konnte. An öffentlichen Protest war seit der gewaltvollen Niederschlagung des „Volksaufstands“ von 1953 nicht zu denken,
Ab Mitte der 1970er Jahre war die DDR-Führung bestrebt, ihre Zivilverteidigung neu zu organisieren, offiziell als Reaktion auf die zunehmenden internationalen Spannungen des Kalten Krieges. Die geplante Einführung eines schulischen Wehrunterrichts sorgte für merklichen Unmut in der Bevölkerung. Gegen die Ausweitung des Wehrdienstes auf Frauen organisierten die „Frauen für den Frieden“ auch öffentliche Aktionen und vernetzten sich im weiteren Verlauf republikweit.
Friedensbewegung zu Beginn der 1980er Jahre
Auch in der Bundesrepublik wuchsen in den 1970er Jahren die inneren Spannungen, nicht zuletzt, weil sich mit den Protestbewegungen viele junge Menschen politisiert hatten.
Nach einer Findungsphase setzte bis 1983 die Hochphase der Friedensbewegung ein. In dieser Zeit gab es etwa 4.000 friedenspolitisch engagierte Gruppen in der Bundesrepublik, die in der Regel aus 20 bis 50 Personen bestanden. Ihre Zahl nahm stetig zu, auch waren sie mehr und mehr überregional vernetzt.
Obwohl der Einfluss der Friedensbewegung über Parteien wie die Grünen – eine aus der Bewegung heraus entstandene Partei – und teilweise auch die SPD bis ins Parlament reichte, konnte sie die Bundestagswahl im März 1983 nicht entscheidend beeinflussen – und dies, obwohl sie in der Kernphase breit mobilisierte, medial präsent war und die Agenda der öffentlichen Debatte mitbestimmte. Die Unionsparteien gingen mit einem klaren Bekenntnis zum Nato-Doppelbeschluss in die Wahl und gewannen diese schließlich mit den Themen Bekämpfung der Arbeitslosigkeit, Haushaltskonsolidierung und Stärkung der Eigenverantwortung.
Auch wenn sie keinen direkten Erfolg verbuchen konnte, war die Friedensbewegung der 1980er Jahre mit ihren indirekten und langfristigen Wirkungen die wohl wirkmächtigste außerparlamentarische Protestbewegung in der Geschichte der Bundesrepublik. Der aus ihrer Sicht größte Erfolg bestand darin, den bis zu Beginn der 1980er Jahre wirksamen atomaren Konsens der Bundesrepublik ausgehöhlt zu haben. In der DDR wiederum war die alternative Friedensbewegung untrennbar mit der Kritik an den DDR-internen Zuständen verbunden – und damit eine wichtige Basis für die folgende Bürgerrechtsbewegung.
Neue Bedrohungen
Nach Ende des Kalten Krieges schien für einen kurzen Moment eine friedlichere Welt möglich. Aber schon der gewaltvolle Untergang der Sowjetunion offenbarte, dass sich die internationale Konfliktlage nicht entspannte, sondern vielmehr fragmentierte und differenzierte. Für die Friedensbewegung nicht nur in Deutschland gerieten dann die Bürgerkriege im ehemaligen Jugoslawien zur größten Herausforderung. Zu keinem Zeitpunkt gelang die Mobilisierung größerer Menschenmengen; zu sehr waren Parteien, Organisationen und Öffentlichkeit mit der grundsätzlichen Frage beschäftigt, wie man sich angesichts der offenkundigen Menschenrechtsverbrechen zur Frage der bewaffneten Intervention verhalten sollte – ein Konflikt, der die Friedensdebatten bis in die Gegenwart hinein prägt.
Präsent war die Friedensbewegung in der Folgezeit immer dann, wenn größere internationale Gewaltkonflikte ausbrachen, etwa 1991 im Zweiten Golfkrieg oder bei der US-Intervention im Irak 2003. Unter dem Motto „Kein Blut für Öl“ gingen damals zehntausende Menschen auf die Straße und kritisierten die Interventionen als „Rohstoffkriege“. Seitdem ist der Streit über die Legitimität und den Nutzen militärischer Interventionen, Aufrüstung und Waffenlieferungen zum Zwecke der Befriedung von Gewaltkonflikten nicht abgerissen. Seit Beginn des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine 2014/2022 und dem Krieg in Gaza 2023 steht er wieder ganz oben auf der Tagesordnung.
Eine kleine Geschichte der Friedensbewegung in Deutschland muss ein ambivalentes Resümee ziehen. Friedensorganisationen wie das „Netzwerk Friedenskooperative“, „Ohne Rüstung Leben“ oder die „Deutsche Friedensgesellschaft – Vereinigte KriegsdienstgegnerInnen“ (DFG-VK) sind zwar wichtige zivilgesellschaftliche Akteure, die wertvolle Vernetzungsarbeit leisten; eine breitere Sichtbarkeit stellt sich aber immer nur dann ein, wenn es ihnen gelingt, Sympathisanten in großer Zahl auf die Straße zu bringen. Derzeit erleben sämtliche Protestaktionen, auch die Ostermärsche, wieder steigende Teilnehmendenzahlen. Das Interesse an Friedensthemen ist auch wegen der zu beobachtenden „Rückkehr der Raketen“ und einer damit verbundenen Re-Nuklearisierung der Bedrohungslage schon seit Mitte der 2010er Jahre wieder angestiegen.
Jedoch sind die Herausforderungen vielfältig. Erstens ist der weithin offene Begriff des Friedens nicht davor geschützt, von links bis rechts für eigene Interessen instrumentalisiert zu werden. Zweitens konkurriert die Friedensbewegung mit zahlreichen anderen zivilgesellschaftlichen Akteuren um Aufmerksamkeit, die Themen reichen vom Klima über Rechtsextremismus bis hin zu Armut und Fürsorge. Drittens schließlich muss die Friedensbewegung eine Antwort finden auf die Rückkehr des konventionellen Kriegs nach Europa. Hier stößt sie auf die altbekannte Grundsatzfrage, ob eine Befriedung von Gewaltkonflikten durch mehr oder weniger Waffen zu erreichen ist.