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Frieden schaffen ohne Waffen? Kleine Geschichte der Friedensbewegung

Claudia Kemper

/ 15 Minuten zu lesen

Die Geschichte der Friedensbewegung in Deutschland ist eine wechselvolle. Kurzfristige Erfolge waren selten, doch hat sie langfristig zu gesellschaftlichen Umwälzungen in Ost wie West beitragen können. Angesichts neuer Kriege steht sie vor alten und neuen Herausforderungen.

Seit jeher wird über Frieden gestritten. Es gehört zum Wesen dieses vielgestaltigen und letztlich offenen Begriffs, dass er oft heftige Debatten darüber auslöst, mit welchen Mitteln welche Art von Frieden anzustreben sei. Seit dem 19. Jahrhundert schälte sich zunehmend der Pazifismus als ideelle Grundlage von Friedenskonzepten heraus; mit ihm flossen Ideen ein, die Krieg und Gewalt als Mittel der Auseinandersetzung grundsätzlich ablehnen. Während der Pazifismusbegriff ein gewisses Maß an inhaltlicher Ausrichtung vermitteln soll, bietet der Friedensbegriff zahlreiche, auch sich gegenseitig ausschließende Deutungen. Häufig fungiert er in politischen Diskussionen als „Erwartungsbegriff“, der von einer unsicheren Gegenwart aus einen zukünftigen Zustand beschreiben soll.

Damit aus Friedensforderungen Bewegungen entstehen, müssen Protestierende dauerhaft mobilisiert und Proteste stabilisiert sein; erst dann lässt sich von einer „Friedensbewegung“ sprechen. Hierfür braucht es Netzwerkstrukturen, Organisationen und Gelegenheitsfenster sowie das Potenzial, über das Protestthema hinaus ein kollektiv verbindendes Identitätskonstrukt zu etablieren. Geteilte Werte und sozialmoralische Milieus der Beteiligten bilden hierfür eine Art Humus, wie die Geschichte der Umwelt- und der Friedensbewegung in der Bundesrepublik über Jahrzehnte hinweg zeigt. Entwickeln die Protestierenden zudem eine eigene Agenda und Vision, wie etwa die einer atomwaffenfreien Welt, kann sinnvoll von einer „sozialen Bewegung“ gesprochen werden.

Von bürgerlichen Friedensgesellschaften bis „Nie wieder Krieg“

Von einer Friedensbewegung, also einer mobilisierten kritischen Masse an Menschen, die öffentlichkeitswirksam und mit einer gewissen Dauer konkrete Friedensforderungen stellen, kann für Deutschland ab Anfang des 20. Jahrhunderts die Rede sein. Ein international orientiertes Bürgertum setzte sich bis zum Ersten Weltkrieg für eine Schiedsgerichtsbarkeit als Grundlage eines internationalen Friedens ein. Auch die österreichische Friedensnobelpreisträgerin Bertha von Suttner war Teil dieser Bewegung und erarbeitete in ihren Schriften Grundlagen eines (weiblichen) Friedensengagements. Sie war Mitbegründerin der Österreichischen Gesellschaft der Friedensfreunde (1891) und der Deutschen Friedensgesellschaft (1892), ihr Roman „Die Waffen nieder!“ wurde eines der erfolgreichsten Antikriegsbücher seiner Zeit.

Die Deutsche Friedensgesellschaft mit ihren bis zu 10.000 Mitgliedern zersplitterte mit Ausbruch des Ersten Weltkriegs. In der Weimarer Republik entstanden zahlreiche neue Friedensgruppen, die ganz unterschiedlich gegen Militarismus vorgehen oder für demokratische Werte einstehen wollten. Friedensaktivismus bedeutete in der Weimarer Republik unweigerlich, über grundsätzliche Fragen des Zusammenlebens nach dem verlorenen Krieg zu diskutieren. Auch deshalb waren viele Frauen in der Friedensbewegung engagiert, die so auch Emanzipationsforderungen Gehör verschafften. Das Spektrum der oft uneinigen Friedensbewegung reichte von gemäßigt bürgerlich bis revolutionär und sowjetfreundlich. Wirklich einig war man sich nur beim Ausruf „Nie wieder Krieg“, der an das Kriegsleid und die Opfer des Krieges erinnern sollte. Jährlich zum 1. August fanden Anti-Kriegs-Demonstrationen in Berlin statt, zu denen 1920 zwischen 10.000 und 20.000 Teilnehmende kamen; ein Jahr später waren es schon 100.000 bis 200.000.

Allerdings verhinderte die dauerhafte organisatorische Konkurrenz zwischen pazifistischen Organisationen und linken Parteien eine Stabilisierung der Bewegung. Hinzu kam eine Atmosphäre von ungebrochenem Militarismus, verletztem Nationalstolz und Kriegsschulddebatten. Zunehmend kam es zu schweren Übergriffen auf pazifistische Veranstaltungen. Als sich Ende der 1920er Jahre das politische Klima weiter verschärfte, gerieten pazifistische Aktivist:innen mehr denn je unter den Verdacht des Vaterlandsverrats. Mit Beginn der NS-Diktatur konnte von einer Friedensbewegung in Deutschland endgültig nicht mehr die Rede sein.

Friedensbewegung in der jungen Bundesrepublik

Wie bei vielen Bewegungen riss die NS-Zeit auch bei der Friedensbewegung eine erhebliche Lücke, sowohl personell-organisatorisch als auch konzeptionell und erinnerungspolitisch. Ab etwa 1950 erlaubte das antikommunistische Klima der jungen Bundesrepublik kaum mehr eine Anknüpfung an die pazifistischen Ideen der Weimarer Zeit, die zumeist sozialistischen Ursprungs waren. Vielmehr entwickelte sich der Friedensbegriff schon bald zur Kampfvokabel zwischen DDR und Bundesrepublik, die mit einem harten Westintegrationskurs vor allem den Begriff der Freiheit nach vorne stellte. Mit der Atombombe und der neuen Gewaltordnung des Kalten Krieges existierten seit 1945 zudem völlig neuartige Bedrohungen, die den Friedensdiskurs massiv beeinflussten.

Nur wenige Jahre nach Gründung der Bundesrepublik strebte die CDU-Regierung unter Bundeskanzler Konrad Adenauer danach, die Westbindung der Bundesrepublik durch einen Beitritt ins Militärbündnis Nato abzusichern. Die Wiederbewaffnung und die damit verbundene Etablierung der Bundeswehr stießen jedoch in der Bevölkerung, die erst kurz zuvor Krieg, Vertreibung und Verwüstung erlebt hatte, auf breite Ablehnung. Angesichts des beginnenden Koreakrieges und der geografischen Lage unmittelbar am Eisernen Vorhang wuchs ein Gefühl von Unsicherheit. Die Angst vor einer Eskalation war ebenso verbreitet wie die Sorge, sich an weiteren kriegerischen Konflikten beteiligen zu müssen. Folgerichtig kam es bis zur Gründung der Bundeswehr 1955 zu zahlreichen Protesten vor allem junger Menschen mit antimilitaristischen oder auch neutralistischen Haltungen.

Gewerkschaften, Sozialdemokratie, Kirchen und die noch nicht verbotene KPD engagierten sich gegen die Wiederbewaffnung, konnten jedoch keine gemeinsame Haltung zu der damit verbundenen Frage der Westbindung entwickeln. Die als „Ohne-mich-Bewegung“ bekannten Proteste wurden prominent unterstützt von der Paulskirchenbewegung, in der sich unter anderem Vertreter der SPD und der Gesamtdeutschen Partei zu einem Bündnis gegen Remilitarisierung zusammengeschlossen hatten. Der Konflikt um die Wiederbewaffnung war von vehementen ideologischen Frontstellungen gekennzeichnet: Einerseits zeigte sich in den oft einseitig ausgerichteten Forderungen der Bewegung eine starke kommunistische Präsenz, andererseits nahmen antikommunistische Maßnahmen von staatlicher Seite gegen Friedensaktivist:innen zu. Vor allem jedoch litt diese erste bundesdeutsche Friedensbewegung unter einer mangelnden institutionellen Basis und dem Fehlen einer klar formulierten Alternative zur Wiederbewaffnung. Den parlamentarischen Beschluss zum Nato-Beitritt der Bundesrepublik konnte die „Ohne-mich-Bewegung“ nicht verhindern.

Keine zwei Jahre nach Gründung der Bundeswehr gingen die Menschen wieder auf die Straße, nachdem Bundeskanzler Adenauer hatte verlauten lassen, die Armee mit Atomwaffen ausstatten zu wollen. Die Verhinderung der atomaren Aufrüstung wurde zum klar formulierten Ziel der sich bald (wieder) formierenden Friedensbewegung. Getragen von SPD, Gewerkschaften und Kirchen fand die „Kampf dem Atomtod“-Kampagne 1957/58 starken Zulauf in der Bevölkerung – auch, weil dort durch Berichte über Hiroshima und Nagasaki der atomare Schrecken mittlerweile tief saß. Die SPD nutzte die Gelegenheit zunächst für Oppositionsarbeit, schlug dann aber bald einen realpolitischen Kurs ein und zog sich, wie auch die Gewerkschaften, aus der Kampagne zurück. Viele Engagierte blieben enttäuscht zurück.

Auch wenn es in der Folgezeit nicht zur atomaren Aufrüstung der Bundeswehr kam: Die Etablierung der Ostermärsche zu Beginn der 1960er Jahre kann als eine Reaktion auf die Adenauersche „Politik der Stärke“ gesehen werden. Christlich-pazifistisch motiviert und auf die aus der eigenen Geschichte erwachsende Verantwortung zur Friedfertigkeit verweisend, initiierten maßgeblich Konrad und Helga Tempel die Ostermarschbewegung. Die Eheleute hatten sich schon länger unter anderem für Kriegsdienstgegner und für die Ausarbeitung eines Zivildienstgesetzes engagiert. Durch Kontakt zur britischen Friedensbewegung übernahmen sie die Idee des Ostermarsches gegen die Atombewaffnung in Ost und West. 1960 führte erstmals ein Sternmarsch zum britischen Atomwaffenstützpunkt Bergen-Hohne in der Lüneburger Heide; ein Jahr später wurde er bereits an vielen anderen Orten des Landes nachgeahmt. In den folgenden Jahren öffnete sich die Initiative auch für andere politische Akteure, sodass die Ostermärsche ab 1963 über 100.000 Teilnehmende zählten. Gegen Ende der 1960er Jahre wuchs die politische Heterogenität der Bewegung weiter an, von der Studentenbewegung wurde sie zunehmend für Forderungen nach einer Beendigung des Vietnamkriegs vereinnahmt. Die anti-atomare Ausrichtung des Ostermarsches rückte in den Hintergrund, stattdessen wurde der Anti-Imperialismus prominenter.

Friedensbewegung als Oppositionsbewegung in West und Ost

Gegen den von den USA seit 1965 offiziell geführten Vietnamkrieg gab es in zahlreichen westlichen Staaten Protest. Vor allem in den USA selbst engagierten sich neben Studierenden auch Bürgerrechtsaktivist:innen, Christ:innen, Politiker:innen und Kriegsveteranen gegen die Kriegsführung in Vietnam und den Kriegsdienst. In der Bundesrepublik sammelte der Sozialistische Deutsche Studentenbund (SDS) die Kräfte für die Anti-Vietnam-Proteste. Durch eigene Kontakte und die zunehmende mediale Präsenz war die Studentenbewegung international orientiert und formulierte grundsätzliche Kritik an staatlichen Machtverhältnissen. Letzteres führte zu heftigen innergesellschaftlichen Konflikten, wie nicht zuletzt die Entzweiung von SDS und SPD zeigte. Faktisch schlossen die Sozialdemokraten schon 1961 den SDS wegen seiner radikalen Positionen als parteiinterne Organisation aus. Der Protest gegen den Vietnamkrieg und Militarismus war damit ganz in der Außerparlamentarischen Opposition (APO) angekommen. Auch wenn die in der Neuen Linken verankerte APO kaum Friedensthemen im engeren Sinne adressierte, regte sie zahlreiche Reflexions- und Demokratisierungsprozesse an.

Eng verbunden mit dieser Entwicklung war der grundsätzliche Bedeutungszuwachs von zivilgesellschaftlichen Organisationen für die Friedensbewegung. Von den etablierten Institutionen boten weiterhin die Kirchen einen Raum zur Vernetzung und Verstetigung von Friedensprotesten an. Aus bereits existenten Organisationen wie etwa dem katholischen Friedenswerk Pax Christi, der christlichen Sektion der britischen Campaign for Nuclear Disarmament oder der seit 1966 tätigen Interkerkelijk Vredesberaad (Interkirchlicher Friedensrat, IKV) in den Niederlanden gingen weitere Gruppen und Vernetzungen hervor. Die genannten Organisationen standen paradigmatisch für das interkonfessionelle und auch transnationale Spektrum der Friedensbewegung vor allem in den 1980er Jahren.

In der DDR war die Evangelische Kirche die zentrale Institution der Vernetzung kritischer Stimmen. Bei Weitem nicht oppositionell im Auftreten, setzte sie sich schon Mitte der 1960er Jahre kritisch mit dem ostdeutschen Militärwesen auseinander. Nachdem 1956 die Nationale Volksarmee gegründet und 1962 die Wehrpflicht eingeführt worden war, erlaubte die DDR-Führung ab 1964 einen Wehrersatzdienst. Dieser waffenlose Dienst durfte aber nur wegen „religiöser Anschauungen oder aus ähnlichen Gründen“ gewählt werden. Die Evangelische Kirche veröffentlichte 1965 die wichtige Broschüre „Zum Friedensdienst der Kirche“, worin sie offen die Wehrdienstverweigerung als Form des Friedensgebotes unterstützte. Neben solchen Ratgebern wurden auch Lebensgeschichten von Ersatzdienstleistenden veröffentlicht, zum Beispiel mit Schilderungen ihrer Diskriminierung als Bausoldaten. Ein waffenloser Dienst war in der sozialistischen und militarisierten DDR grundsätzlich verdächtig. Auch der „Friedensdienst“ hatte ein bewaffneter zu sein.

Es waren bespitzelte und zugleich relativ geschützte Räume, in denen in der DDR eine alternative Friedensbewegung entstehen konnte. An öffentlichen Protest war seit der gewaltvollen Niederschlagung des „Volksaufstands“ von 1953 nicht zu denken, stattdessen suchte sich die Unzufriedenheit andere Kanäle. In Leipzig hatte die Evangelische Kirche schon Anfang der 1970er Jahre mit ihrer „Offenen Arbeit“ begonnen, um Jugendlichen einen toleranten Zufluchtsort zu bieten. Die Idee verbreitete sich an zahlreichen Orten, unter anderem in Königswalde im Südwesten von Sachsen, wo mit dem „Christlichen Friedensseminar Königswalde“ eine Art Friedenshochburg in der Provinz entstand.

Ab Mitte der 1970er Jahre war die DDR-Führung bestrebt, ihre Zivilverteidigung neu zu organisieren, offiziell als Reaktion auf die zunehmenden internationalen Spannungen des Kalten Krieges. Die geplante Einführung eines schulischen Wehrunterrichts sorgte für merklichen Unmut in der Bevölkerung. Gegen die Ausweitung des Wehrdienstes auf Frauen organisierten die „Frauen für den Frieden“ auch öffentliche Aktionen und vernetzten sich im weiteren Verlauf republikweit. Daneben gab es weitere Themen, die in den alternativen Gruppen diskutiert wurden, etwa Umweltschäden oder die ausstehende Umsetzung der 1975 verabschiedeten KSZE-Schlussakte. Die alternative Friedensbewegung wurde Teil einer zunehmend sichtbaren, oppositionellen Bürgerrechtsbewegung in der DDR.

Friedensbewegung zu Beginn der 1980er Jahre

Auch in der Bundesrepublik wuchsen in den 1970er Jahren die inneren Spannungen, nicht zuletzt, weil sich mit den Protestbewegungen viele junge Menschen politisiert hatten. Nach der Zersplitterung der Neuen Linken bildeten sich spezifische Protestthemen in den Neuen Sozialen Bewegungen heraus, etwa in der Umwelt- oder der Frauenbewegung. Vor allem der Widerstand und Protest gegen lokale, umweltgefährdende Großprojekte wuchs an; von hier war es für viele nur ein kleiner Schritt, um sich ab 1979 gegen die angekündigte Stationierung neuer atomarer Mittelstreckenwaffen an verschiedenen Standorten der Republik zu engagieren. Während auf internationaler Ebene verhandelt wurde, formierten sich vor allem in den Niederlanden, in Belgien, Italien, Großbritannien und in der Bundesrepublik friedenspolitische Proteste. Die westdeutsche Friedensbewegung gegen die atomare Aufrüstung trat erstmals 1981 während des Evangelischen Kirchentages in Hamburg sichtbar in Erscheinung. Sie konzentrierte sich in ihrem Protest vor allem auf die Rolle der Bundesregierung und den Nato-Doppelbeschluss selbst; beides bildete in der sehr heterogenen Bewegung einen kleinsten gemeinsamen Nenner. Darüber hinaus gingen die Meinungen, wie Sicherheit und Frieden herzustellen seien, zwischen den einzelnen Strömungen weit auseinander.

Nach einer Findungsphase setzte bis 1983 die Hochphase der Friedensbewegung ein. In dieser Zeit gab es etwa 4.000 friedenspolitisch engagierte Gruppen in der Bundesrepublik, die in der Regel aus 20 bis 50 Personen bestanden. Ihre Zahl nahm stetig zu, auch waren sie mehr und mehr überregional vernetzt. Ihre Fähigkeit zur massenhaften Mobilisierung führte schließlich auch zu den eindrucksvollsten Bildern der Friedensbewegung der 1980er Jahre: Schon 1979 hatten rund 80.000 AKW-Gegner im Bonner Hofgarten demonstriert, zwei Jahre später versammelten sich dort über 300.000 Friedensdemonstrant:innen. Zum regelrechten Medienereignis geriet dann die Großdemonstration im Oktober 1983, an der rund 500.000 Menschen teilnahmen, bei zahlreichen parallelen Aktionen in der ganzen Republik.

Obwohl der Einfluss der Friedensbewegung über Parteien wie die Grünen – eine aus der Bewegung heraus entstandene Partei – und teilweise auch die SPD bis ins Parlament reichte, konnte sie die Bundestagswahl im März 1983 nicht entscheidend beeinflussen – und dies, obwohl sie in der Kernphase breit mobilisierte, medial präsent war und die Agenda der öffentlichen Debatte mitbestimmte. Die Unionsparteien gingen mit einem klaren Bekenntnis zum Nato-Doppelbeschluss in die Wahl und gewannen diese schließlich mit den Themen Bekämpfung der Arbeitslosigkeit, Haushaltskonsolidierung und Stärkung der Eigenverantwortung. Nachdem der Bundestag im November 1983 nach heftiger Debatte die Stationierung der Pershing-II-Raketen beschlossen hatte, war die Enttäuschung in der Friedensbewegung groß. Die Proteste ließen deutlich nach, dezentralisierten sich und zogen eine Erneuerung der Bewegung nach sich. Oftmals blieb von den Friedensgruppen nur der harte Kern übrig, der nun über veränderte Proteststrategien reflektierte. Mit dem Super-GAU in Tschernobyl 1986 kam dann in den bislang nur auf Rüstung ausgerichteten Gruppen die Kritik an der zivilen Nutzung von Kernenergie als Thema hinzu.

Auch wenn sie keinen direkten Erfolg verbuchen konnte, war die Friedensbewegung der 1980er Jahre mit ihren indirekten und langfristigen Wirkungen die wohl wirkmächtigste außerparlamentarische Protestbewegung in der Geschichte der Bundesrepublik. Der aus ihrer Sicht größte Erfolg bestand darin, den bis zu Beginn der 1980er Jahre wirksamen atomaren Konsens der Bundesrepublik ausgehöhlt zu haben. In der DDR wiederum war die alternative Friedensbewegung untrennbar mit der Kritik an den DDR-internen Zuständen verbunden – und damit eine wichtige Basis für die folgende Bürgerrechtsbewegung.

Neue Bedrohungen

Nach Ende des Kalten Krieges schien für einen kurzen Moment eine friedlichere Welt möglich. Aber schon der gewaltvolle Untergang der Sowjetunion offenbarte, dass sich die internationale Konfliktlage nicht entspannte, sondern vielmehr fragmentierte und differenzierte. Für die Friedensbewegung nicht nur in Deutschland gerieten dann die Bürgerkriege im ehemaligen Jugoslawien zur größten Herausforderung. Zu keinem Zeitpunkt gelang die Mobilisierung größerer Menschenmengen; zu sehr waren Parteien, Organisationen und Öffentlichkeit mit der grundsätzlichen Frage beschäftigt, wie man sich angesichts der offenkundigen Menschenrechtsverbrechen zur Frage der bewaffneten Intervention verhalten sollte – ein Konflikt, der die Friedensdebatten bis in die Gegenwart hinein prägt.

Präsent war die Friedensbewegung in der Folgezeit immer dann, wenn größere internationale Gewaltkonflikte ausbrachen, etwa 1991 im Zweiten Golfkrieg oder bei der US-Intervention im Irak 2003. Unter dem Motto „Kein Blut für Öl“ gingen damals zehntausende Menschen auf die Straße und kritisierten die Interventionen als „Rohstoffkriege“. Seitdem ist der Streit über die Legitimität und den Nutzen militärischer Interventionen, Aufrüstung und Waffenlieferungen zum Zwecke der Befriedung von Gewaltkonflikten nicht abgerissen. Seit Beginn des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine 2014/2022 und dem Krieg in Gaza 2023 steht er wieder ganz oben auf der Tagesordnung.

Eine kleine Geschichte der Friedensbewegung in Deutschland muss ein ambivalentes Resümee ziehen. Friedensorganisationen wie das „Netzwerk Friedenskooperative“, „Ohne Rüstung Leben“ oder die „Deutsche Friedensgesellschaft – Vereinigte KriegsdienstgegnerInnen“ (DFG-VK) sind zwar wichtige zivilgesellschaftliche Akteure, die wertvolle Vernetzungsarbeit leisten; eine breitere Sichtbarkeit stellt sich aber immer nur dann ein, wenn es ihnen gelingt, Sympathisanten in großer Zahl auf die Straße zu bringen. Derzeit erleben sämtliche Protestaktionen, auch die Ostermärsche, wieder steigende Teilnehmendenzahlen. Das Interesse an Friedensthemen ist auch wegen der zu beobachtenden „Rückkehr der Raketen“ und einer damit verbundenen Re-Nuklearisierung der Bedrohungslage schon seit Mitte der 2010er Jahre wieder angestiegen.

Jedoch sind die Herausforderungen vielfältig. Erstens ist der weithin offene Begriff des Friedens nicht davor geschützt, von links bis rechts für eigene Interessen instrumentalisiert zu werden. Zweitens konkurriert die Friedensbewegung mit zahlreichen anderen zivilgesellschaftlichen Akteuren um Aufmerksamkeit, die Themen reichen vom Klima über Rechtsextremismus bis hin zu Armut und Fürsorge. Drittens schließlich muss die Friedensbewegung eine Antwort finden auf die Rückkehr des konventionellen Kriegs nach Europa. Hier stößt sie auf die altbekannte Grundsatzfrage, ob eine Befriedung von Gewaltkonflikten durch mehr oder weniger Waffen zu erreichen ist.

Fussnoten

Fußnoten

  1. Vgl. Karl Holl, Pazifismus in Deutschland, Frankfurt/M. 1988.

  2. Vgl. Dieter Rucht, Massen mobilisieren, in: APuZ 25–26/2012, S. 3–9, hier S. 6.

  3. Vgl. Gangolf Hübinger, „Sozialmoralisches Milieu“. Ein Grundbegriff der deutschen Geschichte, in: Steffen Sigmund et al. (Hrsg.), Soziale Konstellation und historische Perspektive, Wiesbaden 2008, S. 207–227.

  4. Vgl. Roland Roth/Dieter Rucht (Hrsg.), Die sozialen Bewegungen in Deutschland seit 1945, Frankfurt/M. 2008, S. 15; Jay Winter, Dreams of Peace and Freedom: Utopian Moments in the Twentieth Century, New Haven 2006.

  5. Vgl. „Frieden muss immer wieder gestiftet werden“. Interview mit Jost Dülffer über Friedens- und Konfliktforschung und aktuelle Kriege, 1.8.2023, Externer Link: https://lisa.gerda-henkel-stiftung.de/frieden_und_konfliktforschung_duelffer.

  6. Vgl. Anne Bieschke, Historisches Vorbild. Bertha von Suttner und die Frauen für den Frieden, in: Wissenschaft und Frieden 3/2018, Externer Link: https://wissenschaft-und-frieden.de/artikel/historisches-vorbild.

  7. Vgl. Dieter Riesenberger, Geschichte der Friedensbewegung in Deutschland. Von den Anfängen bis 1933, Göttingen 1985.

  8. Vgl. Guido Grünewald, „Der bewaffnete Friede ist bankerott.“ Bertha von Suttner, ihre MitstreiterInnen und der große Krieg, in: Forum Pazifismus. Zeitschrift für Theorie und Praxis der Gewaltfreiheit 1–2/2014, S. 22–27.

  9. Vgl. Riesenberger (Anm. 7), S. 152.

  10. Für eine justizhistorische Darstellung siehe Amelie Tscheu, Publizistischer Landesverrat in der Weimarer Republik. Die Reichsgerichtsurteile gegen pazifistische Kritiker der illegalen Rüstung, Tübingen 2024.

  11. Vgl. den Eintrag „Pazifismus“ in Thorsten Eitz/Georg Stötzel, Wörterbuch der „Vergangenheitsbewältigung“. Die NS-Vergangenheit im öffentlichen Sprachgebrauch, Darmstadt 2009, S. 345–366.

  12. Vgl. Der Kampf um „Frieden“ und „Freiheit“ in der Systemrivalität des Kalten Krieges. Gespräch mit Anselm Doering-Manteuffel, in: Frank Möller/Ulrich Mählert (Hrsg.), Abgrenzung und Verflechtung. Das geteilte Deutschland in der zeithistorischen Debatte, Berlin 2008, S. 29–42.

  13. Vgl. Philipp Gassert, Bewegte Gesellschaft. Deutsche Protestgeschichte seit 1945, Stuttgart 2018, S. 84f.

  14. Vgl. Wolfgang Kraushaar, Protest gegen die Wiederbewaffnung, in: Friedensforum 6/2005, Externer Link: http://archiv.friedenskooperative.de/ff/ff05/6-61.htm.

  15. Vgl. Stefan Creuzberger/Dierk Hoffmann (Hrsg.), „Geistige Gefahr“ und „Immunisierung der Gesellschaft“. Antikommunismus und politische Kultur in der frühen Bundesrepublik, München 2014.

  16. Vgl. Gassert (Anm. 13), S. 86.

  17. Vgl. Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg (Hrsg.), „Kampf dem Atomtod!“ Die Protestbewegung 1957/58 in zeithistorischer und gegenwärtiger Perspektive, Hamburg 2009.

  18. Vgl. Axel Schildt, „Atomzeitalter“ – Gründe und Hintergründe der Proteste gegen die atomare Bewaffnung der Bundeswehr Ende der fünfziger Jahre, in: Forschungsstelle für Zeitgeschichte (Anm. 17), S. 39–56.

  19. Vgl. Alrun Berger, Die Geschichtskulturen der westdeutschen Friedensbewegung der 1960er-Jahre: Ein Lernprozess?, in: Stefan Berger/Christoph Cornelissen (Hrsg.), Marxistische Geschichtskulturen und soziale Bewegungen während des Kalten Krieges. Fallstudien aus Deutschland, Italien und anderen westeuropäischen Staaten, Cham 2024, S. 193–222, hier S. 197.

  20. Vgl. u.a. Ute Schneider, „Unser Marsch ist eine gute Sache“. Ostermärsche im Ruhrgebiet, in: Jürgen Dinkel/Kai Nowak/Miriam Pfordte (Hrsg.), Märsche der Moderne. Varianten eines globalen Phänomens, Frankfurt/M.–New York 2024, S. 153–170.

  21. Vgl. Andreas Buro, Friedensbewegung, in: Roland Roth/Dieter Rucht (Anm. 4), S. 267–291.

  22. Vgl. zu der bis heute größten Friedensbewegung in den USA z.B. Tom Hayden, Hell No. The Forgotten Power of the Vietnam Peace Movement, New Haven 2017.

  23. Vgl. Klaus Arnold, Wie Deutschland begann, sich für Politik zu interessieren. Medienrezeption in den 1960er und 1970er Jahren, in: ders. et al. (Hrsg.), Von der Politisierung der Medien zur Medialisierung des Politischen? Zum Verhältnis von Medien, Öffentlichkeiten und Politik im 20. Jahrhundert, Leipzig 2010, S. 323–346.

  24. Vgl. Timothy Scott Brown, 1968 in West Germany: The Anti-Authoritarian Revolt, in: The Sixties 2/2014, S. 99–116.

  25. Vgl. Florian Butollo/Philipp Kufferath/Jan Schalauske, 40 Jahre 1968 – Die Rolle des SDS. Eine Organisation in Bewegung, Hamburg 2008.

  26. Vgl. Patrick Bernhard, „Make love not war!“ Die APO, der Zivildienst und die sozialliberale Koalition, in: Udo Wengst (Hrsg.), Reform und Revolte. Politischer und gesellschaftlicher Wandel in der Bundesrepublik vor und nach 1968, München 2011, S. 11–29.

  27. Vgl. Sebastian Kalden, Über Kreuz in der Raketenfrage. Transnationalität in der christlichen Friedensbewegung in Westeuropa 1979–1985, Baden-Baden 2017, S. 15.

  28. Vgl. Alexander Leistner, Soziale Bewegungen. Entstehung und Stabilisierung am Beispiel der unabhängigen Friedensbewegung in der DDR, Konstanz 2016, S. 154–160.

  29. Vgl. das Dossier Interner Link: „Der Aufstand des 17. Juni 1953“, 1.6.2018.

  30. Einen Überblick bietet das Projekt „Jugendopposition in der DDR“ der Robert-Havemann-Gesellschaft, Externer Link: https://www.jugendopposition.de.

  31. Vgl. Rainer Eckert, Die unabhängige Friedensbewegung in der DDR, in: Christoph Becker-Schaum et al. (Hrsg.), „Entrüstet Euch!“ Nuklearkrise, NATO-Doppelbeschluss und Friedensbewegung, Paderborn 2012, S. 200–212, hier S. 202.

  32. Vgl. Ingrid Miethe, Die „Frauen für den Frieden“ – Ost, in: Digitales Deutsches Frauenarchiv, 16.7.2018, Externer Link: https://www.digitales-deutsches-frauenarchiv.de/themen/die-frauen-fuer-den-frieden-ost.

  33. Vgl. u.a. Helmut Altrichter/Hermann Wentker (Hrsg.), Der KSZE-Prozess. Vom Kalten Krieg zu einem neuen Europa 1975 bis 1990, München 2011.

  34. Vgl. Nicolas Büchse, Von Staatsbürgern und Protestbürgern. Der Deutsche Herbst und die Veränderung der politischen Kultur in der Bundesrepublik, in: Habbo Knoch (Hrsg.), Bürgersinn mit Weltgefühl. Politische Moral und solidarischer Protest in den sechziger und siebziger Jahren, Göttingen 2007, S. 311–332, hier S. 328.

  35. Vgl. Christian Jansen, „Das Private ist politisch“: (Neue) Soziale Bewegungen von 1970 bis 1989, in: Rüdiger Voigt (Hrsg.), Die halbe Republik. Nation, Staat und Verfassung in der Bonner Republik (1949–1990), Baden-Baden 2026 (i.E.).

  36. Vgl. Philipp Gassert/Tim Geiger/Hermann Wentker (Hrsg.), Zweiter Kalter Krieg und Friedensbewegung. Der NATO-Doppelbeschluss in deutsch-deutscher und internationaler Perspektive, München 2011.

  37. Vgl. Christoph Becker-Schaum, Die institutionelle Organisation der Friedensbewegung, in: ders. et al. (Anm. 31), S. 151–168, hier S. 151f.

  38. Vgl. Andreas Wirsching, Abschied vom Provisorium. Geschichte der Bundesrepublik Deutschland 1982–1990, München 2006, S. 43.

  39. Vgl. Dieter Janssen, Menschenrechtsschutz in Krisengebieten. Humanitäre Interventionen nach dem Ende des Kalten Krieges, Frankfurt/M. 2008.

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ist habilitierte Historikerin und wissenschaftliche Referentin am LWL-Institut für westfälische Regionalgeschichte in Münster.