„Aber die Zahl der Schriften, aus denen die Jugend Gewinn für Wissen und Charakter ziehen kann, ist verschwindend klein. (…) Der größte Teil der spezifischen Jugendliteratur besteht aus Tendenzschriften.“ (Wolgast 1905, S. 19 ff.)
Der Reformpädagoge Heinrich Wolgast war der Ansicht, dass man Kinder nur zu selbstständigen und selbstbestimmten Individuen erziehen könne, wenn ihnen Literatur zur Verfügung gestellt werde, die sie herausfordert. Er wandte sich gegen wohlmeinende „Tendenzliteratur“, die den Leser im Sinne einer bestimmten Weltanschauung beeinflussen will, und empfahl die Lektüre der Klassiker.
Dieser Diskurs scheint sich bis heute fortzusetzen. Insbesondere in der postkolonialen Theorie wird darauf hingewiesen, dass im Hinblick auf Bildung und Erziehung kultur- und identitätspolitische Themen eine herausgehobene Rolle spielen. Die „Critical Race Theory“ geht davon aus, dass impliziter Rassismus und kulturelle Privilegien verknüpft sind, wobei deren Überwindung ein grundlegendes „Unlearning“ (Spivak 1996) althergebrachter Muster bedarf. Hat man demnach eine gerechte, fortschrittliche und kulturell vielfältige Weltgesellschaft zum Ziel, erscheint es unabdingbar, Ungleichheiten abzubauen, Chancengleichheit herzustellen und die Verfehlungen der Vergangenheit zu reflektieren. Dazu gehört auch die Auseinandersetzung mit problematischen Überzeugungen und Vorstellungen.
In diesem Zusammenhang stellt sich die Frage, wie mit dem kulturellen Erbe der Vergangenheit umzugehen ist, wozu auch die klassische Kinder- und Jugendliteratur gehört. Die Literaturwissenschaftlerin Lisa Pychlau-Ezli geht davon aus, dass rassistische und koloniale Strukturen bis heute fortgeschrieben werden, weil jedes Stück Literatur immer auf dem bereits vorhandenen aufbaut und sich darauf bezieht (Pychlau-Ezli 2022). Ein Beispiel ist Astrid Lindgrens Erzählung „Pippi in Taka-Tuka-Land“. In exotischem Ambiente wird ihr Vater König und regiert die indigene Bevölkerung, die in kindlicher Unschuld ein nahezu paradiesisches Gebiet bewohnen. Auch die China-Darstellung in Michael Endes Roman „Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer“ strotzt vor Klischees.
Mittlerweile wurden die Texte bearbeitet und problematische Passagen entfernt bzw. verändert. Doch reicht dies aus - kann man durch Tilgung und Überschreibung die strukturell verankerten Vorurteile aufheben? Pipis Vater mag zwar nun Südsee-König genannt werden und Jim Knopf das Land Mandala besuchen, der koloniale Bezug bleibt dennoch unterschwellig lebendig. Was ist zu tun?
Es ist unstrittig, dass sich Sprache dynamisch wandelt und sehr eng mit gesellschaftlichen Veränderungen verknüpft ist. Begriffe weisen je nach Kontext unterschiedliche Bedeutungen auf. Als markantes Beispiel sei hier auf den Begriff des „Indianers“ in seiner Vieldeutigkeit hingewiesen.
„Indianer“ ist eine koloniale Fremdbezeichnung, die auf einen Irrtum Christoph Kolumbus’ zurückgeht, der sich in Indien wähnte und die angetroffene Urbevölkerung „indianos“ nannte.
„Indianer“ ist ein literarischer Begriff, der, jenseits aller Tatsachen eine vermeintlich ursprüngliche Gesellschaft zu charakterisieren sucht. Ein Beispiel ist der fiktive Apachenhäuptling Winnetou in den Reiseerzählungen von Karl May.
„(American) Indian“ ist eine Selbstbezeichnung der indigenen Bevölkerung der USA, die gleichrangig neben anderen Begriffen wie ›Native American‹, ›First American‹, ›First Nations‹, ›First People‹ oder ›Indigenous People‹ Verwendung findet; er ist ein Ausdruck des Empowerments im Zusammenhang mit der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung der 1960er Jahre.
Diese drei Bedeutungen des Begriffs ›Indianer‹ drücken ganz Verschiedenes aus, und jede Bedeutung hat ihre eigene Problematik.
Zunächst ist die Wort- und Begriffsgeschichte von Sprache wie gezeigt derart komplex, dass sie nicht pauschal in eine einzige Richtung interpretiert werden kann. Die Sichtbarmachung von derartigen Unterschieden ist generationenvermittelnd und unterstreicht die Abhängigkeit von Wertvorstellungen. Die Vorstellung, dass technischer und gesellschaftlicher Fortschritt gleichzeitig mit einer ethischen Fortentwicklung einhergehen, mag zwar ein Ausgangspunkt für Utopien sein, ist aber letztlich Ausdruck einer fehlgeleiteten Ideologie. Es braucht also Sichtbarkeit, um historische Konzepte und Formen wahrzunehmen und kritisch zu reflektieren.
Doch Sprache ist nicht allein Trägerin von Bedeutungen, sondern hat auch eine ästhetische Ebene. Jeder Eingriff und jede Veränderung verletzt nicht nur das Urheberrecht, sondern verändert die künstlerische Struktur im Ganzen – so als würde man der Mona Lisa einen Bart malen. Künstlerische Texte bestehen nicht allein aus hochgestochenen Begriffen, sondern auch aus ungeschliffenen Wörtern, Umgangssprache und expliziter Sprache. Kunst ist immer sperrig, bedarf der aktiven Aneignung und durchkreuzt etablierte Muster. Sie eröffnet neue Sichtweisen jenseits der Komfortzone und weist darauf hin, dass alles einmal ganz anders sein kann. Kunst ist von seinem Wesen her absolut offen und frei.
Kunst eröffnet auch die Möglichkeit, problematische Situationen zu reflektieren und spielt mit experimentellen Problemlösungen. Im Jahr 2023 entbrannte in Baden-Württemberg eine Diskussion, ob ein zentrales Werk der Nachkriegsliteratur – „Tauben im Gras“ von Wolfgang Koeppen – als Abitur-Lektüre geeignet sei. Der Text thematisiert die Erlebnisse eines amerikanischen Soldaten im Nachkriegs-München, der expliziten rassistischen Angriffen ausgesetzt ist, wobei kontinuierlich das „N-Wort“ verwendet wird. Obwohl der Autor diesen Zusammenhang deutlich macht und sich stilistisch an James Joyce’ „Ulysses“ orientiert, waren viele der Auffassung, dass eine derartige Literatur nicht Gegenstand von Bildungsprogrammen sein dürfe, da sie eine rassistische Haltung fortschreibe. Dabei ist bei genauer Betrachtung das genaue Gegenteil der Fall: Der Text thematisiert in anspruchsvoller Sprache den strukturellen Rassismus der deutschen Alltagskultur. Der Literaturkritiker Ijoma Mangold schrieb dazu: "Ich würde als Deutschlehrer sagen: Was Besseres kann mir nicht passieren."
Gleichzeitig muss die Frage gestellt werden, ob man Kinder und Jugendliche mit einer derart komplexen Kunst konfrontieren darf, oder ob es im Sinne von Heinrich Wollgast nicht erst einer gewissen Reife bedarf. Dem kann man entgegengehalten, dass gerade Kinder über eine grundsätzlich forschende Haltung verfügen, die sich in einem Infragestellen ihrer Lebenswelt bahnbricht. Kindliche Aneignungsprozesse sind Formen einer radikalen Befragung des Gegenwärtigen. Natürlich gibt es Grenzen, die juristisch durch den Kinder- und Jugendschutz festgeschrieben werden. Wichtig ist aber, das pädagogische Situationen geschaffen werden, in denen Kinder Fragen, Irritationen und Erschreckendes benennen und kommunizieren dürfen. Historische Texte sollten daher erhalten bleiben. Notwendig ist aber die Kontextualisierung, und sei es durch ein rahmendes Vorwort.
Literatur ist immer in ihrer Erscheinungszeit verortet und schreibt zwangsläufig Machtgefälle und Vorurteile fort. Aber sie enthält auch Möglichkeiten zur Bildung und Emanzipation, die oft übersehen werden. Darauf verweist die Autorin Mithu Sanyal in ihrer Bezugnahme auf die Texte von Enid Blyton. Sie sind voller Vorurteile und expliziter Rassismen und dennoch: Im Zentrum der abenteuerlichen Erzählungen stehen starke Kinder, die jedes Problem in Eigenregie lösen und sich gegen eine übergriffige Welt der Erwachsenen erfolgreich und zur Wehr setzen, indem sie zusammenarbeiten. In diesen Texten wird Grundsätzliches verhandelt: Was können wir wissen, wie sollen wir leben? Sie enthalten Widersprüchliches: kolonial geprägte Sprache, Bedürfnisse und Wunschphantasien, die Auseinandersetzung mit dem Fremden, das Abenteuer, der offene und unregulierte Raum sowie die Etablierung einer Friedensordnung. Es sind Erzählungen, die zum einen aus der Zeit gefallen zu sein scheinen, zum anderen Ausgangspunkt für Utopien sein können.
Insgesamt verdeutlicht die Debatte um den richtigen Umgang mit Kinder- und Jugendliteratur, dass die Auseinandersetzung mit dem kulturellen Erbe gerade dann fruchtbar werden kann, wenn problematische Inhalte sichtbar werden. Kolonial geprägte Erzählungen und Begriffe zeigen die Wechselwirkung von gesellschaftlichen Verhältnissen und Sprache, und ermöglichen deren Reflexion. Eine Überschreibung der Texte verschleiert diese Zusammenhänge und verhindert ebendiese Reflexion. Gleichzeitig ist Sprache eine eigenständige Kunstform, die vielfältige Erfahrungen ermöglicht und Freiräume zur Selbstbestimmung öffnen kann.
„Seht nur die Berge dort drüben!“ rief Jack. „Hinter ihnen sind wieder Berge, und hinter denen noch mehr Berge – es nimmt kein Ende!“ (Blyton 1973, S. 52)