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Zwischen gut und böse: Ambivalente Technologien

Ambivalente Technologien Social Freezing

Zwischen gut und böse: Ambivalente Technologien

Netzdebatte Redaktion

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Technologien bieten teils sehr widersprüchliche Möglichkeiten. Wie wir diese nutzen entscheiden wir im Idealfall als Gesellschaft. Konkret ist das nicht immer der Fall.

Drohnen verkörpern das Dilemma ambivalenter Technologien ganz gut: Sie können eingesetzt werden, um z. B. humanitäre Einsätze zu unterstützen und Aufklärungsarbeit zu leisten. Sie können aber auch überwachen, spionieren und im Zweifelsfall auch töten. (CC, Drone surveillance helps search and rescue in Nepal von DFID Externer Link: DFID) Lizenz: cc by/2.0/de

Wenn wir von ambivalenten, also zwiespältigen Technologien sprechen, dann beschreibt das den inneren Widerspruch der Möglichkeiten, die sie uns bieten: Wozu eine Zahnbürste da ist und wie sie benutzt wird, ist relativ unstrittig. Sollte sie trotzdem einmal als Waffe verwendet werden, dann ist das eine bedauernswerte Zweckentfremdung. Es macht die Zahnbürste aber noch lange nicht zur ambivalenten Technologie. Wenn sich hingegen eine Journalistin oder ein Journalist im Darknet mit einem Informanten austauscht, um dessen Identität zu schützen, während ein Händler die gleiche technische Infrastruktur nutzt, um unbehelligt z. B. mit Kokain und Waffen zu handeln, dann ist das in der Tat ambivalent.

Ambivalente Technologie, das ist ein Sowohl-als-Auch und ein Weder-Noch: Das Darknet ist sowohl Schutzraum für Schutzbedürftige, als auch Spielwiese und Deckmantel für Verbrechen. Big Data ist weder ein völlig unproblematisches Analysewerkzeug, noch eine nur zur Überwachung einsetzbare Technologie.

Eigentlich ist der Begriff "Technologie" in diesem Zusammenhang irreführend, weil natürlich auch wissenschaftliche Errungenschaften ambivalent sein können. Genmanipulation etwa, oder Social Freezing - das vorsorgliche Einfrieren von Eizellen, um diese zu einem späteren Zeitpunkt wieder einsetzen zu lassen - sind zwei kontroverse Beispiele.

  • Auf Eis gelegt: Eizellen einfrieren, um das Kinderkriegen aufzuschieben? Der Eingriff ist umstritten. Wir beleuchten die Positionen in der Debatte. (erscheint in Kürze)

Wir machen den Unterschied

Der Umgang mit ambivalenten Technologien ist also immer ein Abwägen von Chancen und Risiken. Im Idealfall verhandeln wir als Gesellschaft darüber, ob und wie wir diese Technologien einsetzen wollen. Denn: Nicht die Technik entscheidet über ihren Nutzen, sondern wir, die Nutzer/-innen – oder? Nicht ganz.

Technische und wissenschaftliche Errungenschaften können nämlich auch Folgen haben, die während ihrer Entwicklung niemand vorhergesehen hat: Als Einstein an der Relativitätstheorie feilte, hatte er die Atombombe nicht vor Augen. Als Nobel das Dynamit erfand, hätte er nicht gedacht, dass er damit die Kriegsführung revolutioniert. Als die Forscher des Massachusetts Institute of Technology (MIT) damals im Auftrag des amerikanischen Militärs das ARPANET entwarfen, konnten sie sicherlich noch nicht voraussehen, wie das Internet einmal die Welt verändern würde

Wir müssen also nicht nur abschätzen, für welchen konkreten Zweck eine Technologie heute verwendet werden könnte, sondern uns auch fragen, welche mögliche Folgen sie haben könnte, die wir uns heute kaum vorstellen können. "Es hat sich in der Geschichte gezeigt, dass es oft Technikfolgen gibt, die man nicht vorausgesehen hat, die man nicht erwartet hat. Je früher man diese Folgen kennt, desto besser kann man sich darauf einstellen und negativen Folgen vorbeugen", sagt Professor Armin Grunwald vom Büro für Technikfolgenabschätzung beim Deutschen Bundestag (TAB). Um solche möglichen Folgen frühzeitig zu erkennen, entwirft Grunwald mit seinen Kolleginnen und Kollegen so genannte "Szenarien". Diese "wenn-dann-Überlegungen" sind ein Versuch die sozialen, wirtschaftlichen, rechtlichen oder auch ökologischen Folgen einer Technologie rechtzeitig abzuschätzen. Seine Überlegungen teilt Grunwald u.a. mit dem Bundestag, um den Politikerinnen und Politikern Handlungsempfehlungen zu geben, wenn sie den politischen und gesetzlichen Rahmen für eine Technologie festlegen.

Ein Blick in die Kiste

Längst nicht alle Entscheidungen können jedoch auf politischer Ebene getroffen werden. Auch wir als Bürgerinnen und Bürger können Einfluss darauf nehmen, wie Technologien genutzt werden: Durch unsere Entscheidungen als Konsument/-innen, durch politisches Engagement und eine kritische Auseinandersetzung mit unserem eigenen Nutzungsverhalten zum Beispiel.

Wissenschaftlicher und technologischer Fortschritt finden außerdem nicht in einem Vakuum statt. Hinter ihrer Entwicklung stecken Menschen, die in oft komplexen sozialen, wirtschaftlichen und kulturellen Gefügen Entscheidungen treffen. Diese so genannte "black box" gilt es zu öffnen, um die Debatte über die möglichen Folgen einer Technik schon früh an die Öffentlichkeit zu bringen.

Fussnoten

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