2024 hatten über ein Viertel der Menschen in Deutschland hat einen Interner Link: Migrationshintergrund. Welche Medien sie auf welche Weise nutzen und was dies für ihre Integration bedeutet, beschäftigt seit vielen Jahren die Politik und damit auch die Forschung. Zumindest in der Forschung setzt sich – nicht zuletzt auf Basis empirischer Befunde – die Auffassung durch, dass eine vielfältige und multi-sprachliche Mediennutzung als gesellschaftspolitisches Potential zu verstehen ist. Fehlende Repräsentation migrantischer Perspektiven in deutschen Medien wiederum, so wird befürchtet, kann zu einer Abwendung von deutschen Medien durch Menschen mit Migrationsgeschichte beitragen.
Fehlende Integration durch fremdsprachliche Mediennutzung ist ein Mythos
Die deutschsprachige Forschung im Themenfeld Medien und Migration hat die Mediennutzung von Migrant:innen ab den frühen 1990er bis Anfang der 2010er Jahre vor allem mit Blick auf integrationsbezogene Fragestellungen untersucht. Vor dem Hintergrund eines im Vergleich zu heute sehr engen Verständnisses von Integration ging man davon aus, dass die Nutzung von Medien in der Herkunftssprache die Integration von Migrant:innen erschweren und zur Entstehung „ghettoartiger“ Parallelwelten führen könne. Deshalb war besonders interessant, welche Medien Menschen mit Migrationsgeschichte nutzten und wie sie ihre persönliche Medienauswahl zusammenstellten.
In der Folge wurde eine ganze Reihe von Studien durchgeführt. Sie haben für verschiedene Herkunftsgruppen gezeigt, dass insbesondere ab der zweiten Generation der in Deutschland geborenen Menschen mit Migrationsgeschichte diejenigen in der Mehrheit sind, die beide Medienwelten kombinieren. So bleiben sie einerseits über die Geschehnisse im Herkunftsland, wo häufig noch ein Großteil der Familie lebt, informiert und andererseits über das tägliche Leben in Deutschland auf dem Laufenden. Die „Medienghetto-These“, wonach Menschen mit Migrationsgeschichte überwiegend Medienangebote des Herkunftslandes nutzen würden und dies mit einem mangelnden Integrationswillen gleichsetzt –, wurde damit empirisch widerlegt.
Mittlerweile hat in Deutschlands Forschungslandschaft zu diesem Thema eine deutliche Umorientierung eingesetzt: Eine mehrsprachige Mediennutzung wird nicht mehr in erster Linie als potenziell hemmend für die Integration, sondern tendenziell als bereichernd angesehen. Gleichwohl fehlt es an aktuellen, quantitativen Studien – insbesondere solchen, die die Mediennutzung von Menschen mit Migrationserfahrungen (z. B. nach verschiedenen Herkunftsregionen) differenziert und vergleichend untersuchen. Zugleich legen ältere Befunde, etwa aus dem SVR-Integrationsbarometer 2020, nahe, dass Menschen mit Migrationserfahrungen aus unterschiedlichen Herkunftsregionen überwiegend deutschsprachige Medien nutzen. Eine Ausnahme waren dabei Befragte mit türkischem Migrationshintergrund, die angaben, deutsch- und türkischsprachiges Fernsehen etwa gleichermaßen zu nutzen. Bei in Deutschland Geborenen mit Migrationshintergrund ist der deutschsprachige Medienkonsum noch ausgeprägter. Eine aktuelle, qualitative Studie aus dem Jahr 2025 beleuchtet die komplexe und individuelle mehrsprachige Mediennutzung türkeistämmiger Menschen und kommt zu dem Ergebnis, dass Nachrichten aus Deutschland und der Türkei ganz bewusst parallel genutzt und verglichen werden. Zudem zeigt die Studie, dass herkunftssprachliche Mediennutzung auch dem Ausdruck emotionaler Verbundenheit dient: Durch die Nutzung von türkischen Serien, Filmen oder auch Nachrichten werden Erinnerungen, Nähe und Zugehörigkeit lebendig gehalten.
Die jüngere Forschung beschäftigt sich verstärkt mit den Veränderungen durch digitale Informations- und Kommunikationstechnologien. Die deutsche Forschung hat dabei zeitlich verzögert theoretische und konzeptionelle Perspektiven der Normalisierung transnationaler Medienpraktiken aufgenommen, die beispielsweise in Großbritannien schon seit den 1990er Jahren präsent waren. Ein wesentlicher Auslöser für diese Neuausrichtung auch in Deutschland war die 2015 einsetzende, starke Fluchtmigration aus Syrien und anderen Ländern. Daraus wurde in der Forschung zur Mediennutzung von Migrant:innen der Schluss gezogen, Integration nicht mehr als Assimilation zu verstehen, sondern transnationale Vernetzung als Alltagspraxis zu sehen. Vor diesem Hintergrund werden seitdem digitale Medien besonders hinsichtlich ihrer Potenziale analysiert. Untersucht wird zum Beispiel, wie sie den Kontakt zu Familien im Zusammenhang mit Flucht ermöglichen, grenzüberschreitende soziale Beziehungen aufrechterhalten bzw. stärken oder wie durch sie multiple Zugehörigkeitsgefühle entstehen können. Außerdem werden in digitalen Medien neue Möglichkeiten zur Beteiligung und Repräsentation sowie einer stärkeren partizipativen migrantischen Medienkultur untersucht.
Ob Migrationsgeschichte oder nicht: In der Mediennutzung überwiegen die Parallelen
Jüngere Studien betonen, dass Menschen mit Migrationsgeschichte Medien sehr vielfältig nutzen. Welche Medien sie verwenden, hängt unter anderem von ihren Sprachkenntnissen ab und davon, welche Medienangebote aus dem Herkunftsland verfügbar sind. Entsprechend unterscheiden sich die Mediengewohnheiten sowohl von Person zu Person als auch je nach Herkunftsland. Chinesischen Migrant:innen in Deutschland steht ein breites Online-Angeboten in chinesischer Sprache zur Verfügung, kambodschanischen Migrant:innen in ihrer Sprache eher nicht. Für türkisch-, russisch- oder arabischsprachige Personen gibt es ein umfangreiches Satellitenfernsehangebot, das auch in Deutschland empfangbar ist, für Personen aus Subsahara-Afrika ist das so nicht der Fall. Eine einheitliche Mediennutzung „der Migrant:innen“ gibt es also nicht.
Zugleich zeigen Forschungsdaten, dass sich die Mediennutzung von Menschen mit Migrationsgeschichte nicht wesentlich von der Mediennutzung der Menschen ohne Migrationsgeschichte unterscheidet: Die Daten des ARD/ZDF-Massenkommunikation Trends 2021 zeigen, dass fast alle Befragten täglich von Massenmedien erreicht werden, unabhängig von ihrer Migrationserfahrung. Auch die Unterschiede hinsichtlich der täglich genutzten Mediengattungen fallen gering aus: Menschen mit Migrationshintergrund nutzen wie alle anderen vor allem das Fernsehen täglich (89 Prozent mit und 90 Prozent ohne Migrationshintergrund), Radio folgt knapp dahinter (84 Prozent mit und 85 Prozent ohne), während textbasierte Medien generell weniger genutzt werden (43 Prozent mit und 45 Prozent ohne).
Gemeinsamkeiten in der Mediennutzung ergeben sich auch mit Blick auf die Smartphone-Nutzung: Junge Menschen mit Migrationserfahrung nutzen das Smartphone ähnlich häufig wie Jugendliche ohne Migrationsgeschichte. In einer Vergleichsstudie aus dem Jahr 2013 lag der Wert für die (fast) tägliche Handynutzung für Jugendliche zwischen 12 und 19 Jahren mit und ohne Migrationshintergrund jeweils bei etwa 80 Prozent. Es ist plausibel, dass heutzutage Jugendliche in beiden Gruppen auf deutlich höhere Werte kommen: Fast alle Befragten zwischen 15 und 24 Jahren gaben im SVR-Integrationsbarometer 2020 an, (fast) täglich soziale Medien zu nutzen – unabhängig davon, ob sie einen Migrationshintergrund haben oder nicht. Qualitative Studien zeigen, dass Jugendliche mit und ohne Migrationshintergrund ihr Smartphone zum Austausch von Nachrichten im Alltag, zur Dokumentation von Freizeiterlebnissen, dem Teilen und Kommentieren von Fotos und Videos oder im Rahmen von Hobbys nutzen.
Mediennutzung als Resultat von Vertrauen(sverlust) und Repräsentation(sdefizit)
Dennoch gibt es auch einige Interner Link: spezifische Nutzungsmuster von Menschen mit Migrationsgeschichte im Vergleich zur deutschen Mehrheitsgesellschaft: Laut dem SVR-Integrationsbarometer 2020 nutzen Menschen mit Migrationsgeschichte generell etwas häufiger soziale Medien als Deutsche ohne Migrationsgeschichte: So gaben 69 Prozent der Befragten mit Migrationshintergrund an, täglich oder mehrmals in der Woche soziale Medien zu nutzen, während in der Gruppe der Befragten ohne Migrationshintergrund lediglich 52 Prozent diese Angabe machten. Die genauere Analyse zeigt, dass sich dieser Unterschied in allen Altersgruppen ab 25 Jahren zeigt, insbesondere aber in den Altersgruppen ab 35 Jahren stärker ausgeprägt ist. Nur in der Altersgruppe 15 bis 24 Jahre liegen die beiden Gruppen mit 96 Prozent (kein Migrationshintergrund) bzw. 94 Prozent (mit Migrationshintergrund) nahezu gleichauf (siehe oben).
Dies kann daran liegen, dass sich manche migrantische Menschen in den deutschen Massenmedien Interner Link: nur bedingt repräsentiert fühlen und deshalb Alternativen im Social Media-Bereich suchen. Eine aus dem Jahr 2009 und damit inzwischen veraltete, aber seinerzeit repräsentative Erhebung in den Redaktionen deutscher Tageszeitungen ergab, dass nur 1,2 Prozent der Journalist:innen einen Migrationshintergrund haben. Im Jahr 2016 gingen Schätzungen, die allerdings nicht repräsentativ waren, von maximal vier Prozent aus – das läge weit unter dem Anteil von Personen mit Migrationsgeschichte in der deutschen Bevölkerung. Inzwischen gibt es seit wenigen Jahren auch in Deutschland eine wachsende Zahl an migrantisch geprägten YouTube-, Instagram- und Podcast-Formaten, die von der angesprochenen Zielgruppe auch als Ausdruck authentischer Repräsentation angesehen werden.
Neben Repräsentation spielt auch Medienvertrauen eine Rolle für die Mediennutzung. Das SVR-Integrationsbarometer 2020 zeigt zwar, dass eine überwiegende Mehrheit der Menschen mit und ohne Migrationshintergrund den deutschen Medien vertraut (für beide Gruppen ist dieser Wert im Vergleich zu 2018 sogar deutlich angestiegen) – Türkeistämmige haben allerdings im Vergleich zu den anderen Gruppen ein geringeres Medienvertrauen. Studien zur Mediennutzung von Muslim:innen in Deutschland wiederum zeigen immer wieder eine kritische Haltung gegenüber deutschen Massenmedien, wo Inhalte oder Äußerungen als Interner Link: Muslimfeindlichkeit wahrgenommen wurden. Gerade im Zuge des Gaza-Kriegs hat die deutsche Gesellschaft generell massiv Vertrauen in die Berichterstattung der deutschen Medien verloren, dies dürfte umso mehr für Menschen mit Migrationsgeschichte zutreffen.
Fazit
Die Mediennutzung von Migrant:innen in Deutschland ist sehr divers. Empirische Studien zeigen, dass die große Mehrheit deutschsprachige Medien intensiv nutzt und diese häufig mit Angeboten aus den Herkunftsländern kombiniert, um sowohl über das Leben in Deutschland informiert zu sein als auch transnationale Familienbeziehungen und emotionale Bindungen aufrechtzuerhalten. Insgesamt ähneln sich die persönliche Medienauswahl von Menschen mit und ohne Migrationsgeschichte stark. Jüngere und digital affine Migrant:innen nutzen – wie Gleichaltrige ohne Migrationserfahrung – Smartphones und soziale Medien intensiv für Kommunikation, Selbstdarstellung und Alltagsorganisation. Unterschiede bestehen vor allem in einer etwas stärkeren Orientierung an Social Media-Angeboten sowie in der Bedeutung von Vertrauen und Repräsentation als Grundlage von Mediennutzung: Wahrnehmungen von Unter- und Falschrepräsentationen sowie Rassismus können das Vertrauen in deutsche Massenmedien mindern und die Suche nach alternativen, oft migrantisch geprägten Medienformaten begünstigen.