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Ein großer Bogen aus nächster Nähe | Vom Ende eines Zeitalters | bpb.de

Vom Ende eines Zeitalters Ein großer Bogen aus nächster Nähe Der Filmzyklus „Prosper / Ebel“ Annäherung an die Menschen Die dokumentarische Form der filmischen Langzeitbeobachtung Fragen zum Film Fragen zum Ruhrgebiet Angaben zur Redaktion

Ein großer Bogen aus nächster Nähe Filmrezension zu „Vom Ende eines Zeitalters“

Christian Meyer-Pröpstl

/ 6 Minuten zu lesen

Im Jahr 2018 schloss in Bottrop die letzte Steinkohlezeche Deutschlands. „Vom Ende eines Zeitalters“ schildert, was dieser Einschnitt für die Menschen vor Ort bedeutet.

Abbrucharbeiten (© Christoph Hübner Filmproduktion)

Im April 2024 startete der Dokumentarfilm „Vom Ende eines Zeitalters“ im Kino. Mit dem Filmstart endete 45 Jahre nach dessen Beginn ein Filmprojekt der Filmemacher Christoph Hübner und Gabriele Voss über die Zechensiedlung Bottrop-Ebel. 1978 waren die Filmemacher/-innen zusammen mit anderen für knapp fünf Jahre hierher gezogen, um ihre „filmische Geschichtsschreibung“ als eine in den frühen 1970er Jahren aufgekommene Idee der „Geschichte von unten“ zu realisieren und von den Bewohnern und deren Leben in der Siedlung als eine Art „Alltagsgeschichte“ zu erzählen. Dort lebten dann die Filmemacher und lernten die Menschen, die dort lebten und arbeiteten, als Nachbarn unmittelbar kennen, bevor sie begannen, sie und ihr Leben ausschnitthaft filmisch zu porträtieren. Aus dem 1978 ursprünglich geplanten einen langen Film wurden aus Gründen der Finanzierung bis 1982 fünf längere und ein kurzer Film. Die an der Finanzierung beteiligten Fernsehsender hatten die Aufteilung des Projekts in mehrere thematisch gegliederte Einzelfilme als Voraussetzung für ihre Beteiligung gefordert. Aus der filmischen Beobachtung aus der Nähe wurde mit einem weiteren Film, den Christoph Hübner und Gabriele Voss Mitte der 1990er Jahre realisierten, eine Langzeitbeobachtung: „Das Alte und das Neue“. Sie waren hierher zurückgekommen, weil 1995 für den Strukturwandel im Ruhrgebiet deutliche Wegmarken anstanden: zum einen die Eröffnung des Freizeitparks „Movie Park“ von Warner Brothers in Bottrop, zum anderen Streiks gegen die Schließung von Zechen. Auch in der von den beiden seit Ende der 1970er Jahre porträtierten Zeche Prosper wurde gestreikt. Weitere zwanzig Jahre später kamen die beiden Filmemacher ein letztes Mal nach Ebel, um das Projekt mit „Vom Ende eines Zeitalters“ abzuschließen. Dieses Mal war die Schließung der allerletzten Zeche des gesamten Ruhrgebiets der Anlass. Es war ausgerechnet jene Zeche in Bottrop, die zu Beginn des Projektes ausgewählt wurde. Der Filmtitel „Vom Ende eines Zeitalters“ ist damit gleich in zweifacher Hinsicht bedeutsam. Zum einen meint der Titel das Ende des Zeitalters des Kohleabbaus im Ruhrgebiet, das er mit der offiziellen Schließung der letzten Zeche Prosper/Haniel in Bottrop im Jahr 2018 dokumentiert. Zum anderen ist der Film der Abschluss des Filmzyklus „Prosper / Ebel – Chronik einer Zeche und ihrer Siedlung“, den die Filmemacher/-innen im Jahr 1978 begonnen hatten. Und schließlich ist dieser letzte, über zweieinhalb Stunden lange Film auch ein Rückblick, der auf das frühe Filmmaterial der ersten Filme zurückgreift und in seiner Montage eine direkte zeitgeschichtliche Konfrontation herstellt, wenn Bilder aus der Gegenwart mit Bildern aus der Vergangenheit konfrontiert werden, indem sie gegeneinander montiert werden. Nicht zuletzt erhält der Film durch diese Einschübe ein selbstreflexives Moment, das die technische und ästhetische Entwicklung der Arbeit von Christoph Hübner und Gabriele Voss in den vergangenen vier Dekaden anschaulich spiegelt.

Geschichte er-fahren

Mit dieser Art zeitverbindender Montage beginnt der Film „Vom Ende eines Zeitalters“: Wir sehen in der Gegenwart den Rückbau – oder, wie es im Fachjargon heißt: das ‚Ausrauben’ der letzten Zeche im Ruhrgebiet. Arbeiter fahren circa 1.200 Meter in die Tiefe des Schachts ein. Die Kamera ist durch die Gitter des Förderkorbs auf die grobe Schachtwand gerichtet, die an den Arbeitern vorbeigleitet. Die Einstellung ist über fünf Minuten lang fast ungeschnitten, nur ein Perspektivwechsel auf die Arbeiter im Förderkorb ist eingebaut. Durch die Länge der Einstellung ‚er-fahren‘ die Zuschauenden dieses Gefühl des Einfahrens regelrecht: man fährt mit der Kamera von der Erdoberfläche bis zum tiefsten Punkt des Schachtes ins Innere der Erde. Zugleich geben die Länge der Einstellung und die Regungslosigkeit der Kamera sowohl Tempo als auch Tonart des gesamten Films vor; sie verdeutlichen, dass hier eine gründliche und intensive Einlassung auf das Thema, den Ort und die Menschen stattfindet. Am tiefsten Punkt angekommen, wechselt das Filmmaterial zu grobkörnigem Schwarzweiß. Wir sehen nun Arbeiter in einem Gang untertage im Jahr 1981. Die Aufnahmen stammen aus dem Film „Matte Wetter“, der sich mit der Arbeit untertage beschäftigt. Schwere Geräte kratzen an den Grubenwänden das Gestein weg, Männer mit schwarz verschmiertem Gesicht arbeiten sich mit Presslufthammer durch das Gestein, Staub wirbelt durch die Luft. Zurück in der Gegenwart wird das ‚Ausrauben‘ fortgesetzt, die Arbeit ist 40 Jahre später allerdings deutlich weniger kraftraubend. Auch die Zechensiedlung Ebel wird nun im übertragenen Wortsinn ‚ausgeraubt‘: Die Kirche, eines der sozialen Zentren Ebels in den vergangenen Jahrzehnten, wird ausgeräumt – sie wird geschlossen. Dann folgen Bilder vom Rückbau der letzten Zeche, die zeigen, wie aufwändig die Beseitigung dieser über 150 Jahre währenden Industriestandorte ist.

Schon die ersten 20 Minuten von „Vom Ende eines Zeitalters“ geben ein Gefühl für die Arbeitsweise der Filmemacher. In langen Einstellungen tauchen sie mit ihren Bildern in die Lebenswirklichkeit der Menschen vor Ort ein. „Montage von Augenblicken“ nennen sie diesen filmischen Blick, der sich mit viel Ruhe seinen Themen widmet, die der Filmtitel andeutet. Der Film wird dem Titel gerecht: Die grundlegenden Umwälzungen, die das Ende des Zeitalters der Kohle markieren, werden gezeigt: die Stilllegung der Zeche inklusive der Kantine mit großer Abschiedsfeier. Der Verkauf der Häuser in der Zechensiedlung an Privatleute, was nicht nur äußerlich den Ort verändert mit individuellen Fassaden und Gärten, sondern auch soziale Veränderungen mit sich bringt, weil sich dieser äußerliche Individualismus auch gesellschaftlich zeigt. Der Film dokumentiert dies an den Beispielen des Sportvereins, der ebenso wie der Karnevalsverein Schwierigkeiten hat, engagierten Nachwuchs zu gewinnen. Dasselbe Schicksal ereilt auch die katholische Kirche am Ort. In jeweils eigenen Szenen spürt der Film diesem Gefühl des Verlusts nach, befragt aber auch jüngere Menschen zu ihrem Verhältnis zu Ebel und seiner Geschichte.

Gespräche aus nächster Nähe

(© Christoph Hübner Filmproduktion)

In der Regel sprechen die Protagonisten frei in die Kamera und erzählen mal von der Gegenwart, mal von der Vergangenheit. Ein Arbeiter in der Zeche erklärt, wie das Ausrauben vonstatten geht. Vereinzelt kommen Rückfragen von Christoph Hübner, während die Kamera, die er geschultert hat, seine Gesprächspartner fokussiert. Die Filmemacher sind grundsätzlich nicht im Bild zu sehen. Die Rückfragen aus dem Off sind offen gestellt, nicht suggestiv oder wertend. Häufig widmen sich die Interviewpartner während des Gesprächs einer Tätigkeit: In der Zeche bei der Arbeit, zu Hause beim Basteln, in der Kirche beim Ausräumen, im Sportheim ebenso wie im Karnevalsverein bei der Vorbereitung eines Festes. So hat das Interview fast etwas Beiläufiges, Alltägliches. Durch die im Bild sichtbare Tätigkeit wird das Gefühl von Alltagssituation verstärkt. Im Film gibt es viele Begegnungen mit Menschen. Ein Großteil davon ist geplant: Die Filmemacher besuchen die Interviewpartner auf der Arbeit, zu Hause oder an einem Ort, an dem sie gerade tätig sind. Es gibt aber auch spontan entstandene Gespräche wie mit einem jüngeren Mann mit migrantischer Familiengeschichte, der aus dem Fenster gelehnt in ein Gespräch mit Christoph Hübner über seine Familie und seine eigene Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft gerät. In solchen Gesprächen, aber auch durch den Einbau von altem Filmmaterial aus dem Filmzyklus entfaltet der Film sowohl auf der Bild- als auch auf der Textebene einen stetigen Dialog zwischen Gestern und Heute. Ein anderes Mal begleitet der Film einen Berginvaliden an einen Ort, wo einst der erste Schacht der Zeche stand. Verfallene Gebäude und die Totenhalle sind zu sehen, in die verunglückte Bergleute früher gebracht wurden.

Ein großer Bogen

Off-Kommentare der Filmemacher sind rar gesät und dienen meist einer groben Orientierung und Einordnung. Die Kommentare liefern Kontext und versuchen dabei, sich auch hier jeglicher Wertung zu enthalten. Kommentare der Filmemacher dienen zuweilen dazu, historische Hintergründe zu liefern. Bauchbinden, also Schrifteinblendungen auf dem Bildmaterial, die diese Funktion übernehmen könnten, gibt es nicht. Zwischentitel mit Hintergrundinformationen vor schwarzem Hintergrund gibt es in „Vom Ende eines Zeitalters“ allerdings. Der Wechsel zwischen den Zeitebenen, die durch das ältere Filmmaterial in den Film integriert werden, führt dazu, dass „Vom Ende eines Zeitalters“ tatsächlich den ganz großen Bogen erzählt – vom durch den Kohleabbau noch vollständig geprägten Leben in Ebel ab den späten 1970er Jahre (und durch das seinerzeit als Archivmaterial in die älteren Filme eingebautes Material auch weit davor) bis in die Gegenwart, in der der soziale Zusammenhalt mit dem Wegfall der Zeche und der verbindenden Vereine schwächer wird. Die Individualisierung der Gesellschaft nimmt auch in Ebel zu. Man sieht das an den Häuserfronten, man erfährt es durch die jetzt mannigfaltigen Berufe der Bewohner/-innen. Auch die Landschaft hat sich verändert: Halden, Zechen und Klärwerke werden zu touristischen Hotspots. Die Kohle-Vergangenheit kann nur noch in den Resten einzelner Bergbaumaschinen, die wie in einem Freilichtmuseum in den Grünflächen der Umgebung ausgestellt sind, erahnt werden: das Ende eines Zeitalters.

Fussnoten

lebt und arbeitet als freier Journalist in Köln und publiziert vor allem zu popkulturellen Themen (Schwerpunkt Film, aber auch Musik- und Comic-Themen) in diversen Magazinen (u.a. Filmdienst, Zeit-Online, choices, Strapazin). Daneben Moderation von Publikumsgesprächen und Erwachsenenbildung (Friedrich-Ebert-Stiftung).