beleuchteter Landschaftspark Duisburg Nord am Abend


"In welcher Gesellschaft wollen wir leben?"

"Unsere Gesellschaft driftet auseinander" - zu diesem Ergebnis kam der Psychologe Professor Dr. Peter Kruse im Rahmen seiner kürzlich veröffentlichten Studie "Deutschland im Wandel". Zum Auftakt des 13. Bundeskongress Politische Bildung in Duisburg erläutert Kruse im ausführlichen Gespräch, wie es dazu kam und welche Erkenntnisse er noch aus der Studie zieht.

Herr Prof. Dr. Kruse, in Ihrer gerade erschienenen Studie "Deutschland im Wandel" schreiben Sie, das kulturelle Band gemeinsamer Werte und Überzeugungen in unserer Gesellschaft sei zum Zerreißen gespannt. Was meinen Sie damit genau und woran machen Sie es fest?

In den letzten 20 Jahren haben wir ein Interview-Verfahren entwickelt, mit dem es möglich ist, nicht nur die Meinungen einzelner Menschen zu erfragen, sondern auch die zum großen Teil unbewussten Wertvorstellungen sichtbar zu machen,
Prof. Dr. Peter KruseProf. Dr. Peter Kruse (© Peter Kruse)
die es den "Bewohnern" eines Kulturraumes ermöglichen, auch ohne persönliche Vorabstimmung sinnvoll und koordiniert miteinander zu handeln. Diese Wertvorstellungen bilden das Band, das jenseits aller erkennenden Reflexion Gefühle kultureller Zugehörigkeit oder Fremdheit hervorruft. Verlassen wir den Kulturkreis, in dem wir "zu Hause" sind, scheint plötzlich alles besonders und komplex. Erst wenn wir durch eine längere Zeit des Lebens und Erfahrens Teil des neuen kulturellen Kraftfeldes geworden sind, ist die Welt wieder einfach und selbstverständlich.

Fasst man die Ergebnisse aus verschiedenen Studien, die wir in den letzten Jahren geführt haben, im Sinne einer Multiperspektiven-Betrachtung "Deutschland im Wandel" zusammen, wird eine bemerkenswerte Eigenart der gemessenen kulturellen Kraftfelder deutlich: Während die Führungskräfte einen einheitlichen Werteraum erzeugen, zerfällt der Werteraum bei den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern ebenso wie bei den Bürgerinnen und Bürgern in zwei klar voneinander unterscheidbare Wertekorridore. Zahlenmäßig sind die beiden Korridore nahezu 50:50 besetzt und die ihnen zugrunde liegenden freien Beschreibungen überlappen sich nur zu ca. 20 Prozent. In dem einen Wertekorridor dominieren Themen, die sich mit gesellschaftlicher Solidarität, Verteilungsgerechtigkeit und gegenseitiger Wertschätzung beschäftigen. Im anderen Wertekorridor geht es den Menschen dagegen in erster Linie um individuelle Leistungsstärke, Wettbewerbsfähigkeit und persönlichen Erfolg. Was im Wertekorridor "starke Gemeinschaft" positiv besetzt ist, liegt im Wertekorridor "starkes Individuum" im Einzugsbereich negativer Konnotationen und umgekehrt. Diskussionen zwischen Menschen aus den beiden Teilwirklichkeiten laufen angesichts der Gegensätzlichkeit und des geringen Vorrats an verbindenden Konstruktionen mit hoher Wahrscheinlichkeit das Risiko, sich in unproduktiven Pro-und-Kontra-Positionierungen aufzureiben. Dies umso mehr, als die Menschen mit der Ausrichtung auf das "Wir" die Entwicklung in Deutschland sehr pessimistisch sehen, während sich für die Protagonisten des "Ich" die Entwicklung durchaus noch eher positiv darstellt. In einer Gesellschaft, die so eindeutig in Gewinner und Verlierer zerfällt und in der der Vorrat an gemeinsamen Bewertungsdimensionen nahezu aufgebraucht erscheint, kann man sicherlich davon reden, dass das "kulturelle Band bis zum Zerreißen gespannt ist".

Von den interviewten Bürgerinnen und Bürgern bewerten viele die aktuelle Entwicklung in Deutschland sehr kritisch. Der für den wirtschaftlichen Erfolg des Landes gezahlte Preis von Druck, Stress und sozialer Kälte wird als zu belastend empfunden. Wie sind wir überhaupt an diesen Punkt gekommen?

Wie gesagt, sind in erster Linie, die Menschen in Deutschland, die die Frage nach Verteilungsgerechtigkeit, Teilhabe und Solidarität in den Mittelpunkt ihrer Betrachtungen stellen, der Überzeugung, dass die Gesellschaft bereits vor über zwei Jahrzehnten grundlegend in die falsche Richtung abgebogen ist und inzwischen an die Grenzen ihrer Belastbarkeit stößt. In der dm-Studie gehören beispielsweise 54 Prozent der befragten Bürgerinnen und Bürger zu dieser Gruppe. Sie sind von der Entwicklung in Deutschland tief enttäuscht und angesichts fehlender Aussichten auf Besserung bereits stark resigniert. Vergleichbar schlechte Bewertungen und hohe Zahlen an Resignierten haben wir noch nie in einer der vielen anderen Analysen gefunden, die wir im Kontext von Kulturveränderungsprozessen innerhalb von Unternehmen durchgeführt haben. Das Gesamtbild der Multiperspektiven-Betrachtung "Deutschland im Wandel" vermittelt den Eindruck, dass es fünf vor zwölf ist. Jede Unternehmensführung würde ein solches Ergebnis zumindest als Alarmsignal oder sogar schon als Bankrotterklärung auffassen. In den Interviews attestieren die Bürgerinnen und Bürger der aktuellen Politik dagegen Problemverdrängung und mangelnde Bereitschaft, neue Wege zu gehen.

In der Multiperspektiven-Betrachtung wird deutlich, dass die Menschen in Deutschland in erster Linie die mit der Globalisierung einhergehende Dominanz des Shareholder-Values für die Fehlentwicklung verantwortlich machen. Ausufernde Renditeversprechen, Fixierung auf Effizienz und Kostenreduktion werden ebenso abgelehnt wie Wachstumsideologie und Verabsolutierung von Wettbewerbsstrategien. Die Menschen sind der Überzeugung, dass die Idee einer am Gemeinwohl orientierten sozialen Marktwirtschaft der kurzfristigen Befriedigung ausufernder Kapitalinteressen geopfert worden ist. Deutschland hat seine Hausaufgaben nicht gemacht und statt eine Wende in der demographischen Entwicklung herbeizuführen und die eigene Innovationsfähigkeit zu steigern, wird auf Vereinzelung der Menschen und einseitige Priorisierung von Lohnarbeit gesetzt. Mit Hartz IV ist man dem Handlungsschema des Till Eulenspiegel gefolgt, der die Kranken in einem Hospital heilt, in dem er androht, diejenigen, die das Bett nicht verlassen können, zu verbrennen, um aus der Asche ein Heilmittel für alle anderen zu machen. Alles "rennt, rettet, flüchtet", aber die eigentlichen Probleme bleiben ungelöst. Drei Viertel aller 2300 in den verschiedenen Studien Interviewten signalisieren über ihre spontanen Bewertungen die Notwendigkeit eines Paradigmenwechsels. Die Menschen stellen mehrheitlich und mit Nachdruck die Systemfrage: In welcher Gesellschaft wollen wir leben?

Was ist anders als noch vor 30 Jahren?

Mit der Globalisierung und der Entwicklung der neuen Kommunikationstechnologien hat die Vernetzungsdichte in und zwischen allen Systemen drastisch zugenommen. Es ist eine Welt entstanden, in der Volatilität, Unsicherheit, Komplexität und Ambiguität ein Ausmaß erreichen, das es den Entscheidungsträgern in Wirtschaft und Gesellschaft immer schwerer macht, traditionellen Führungsrollen gerecht zu werden. Die für das Bundesministerium für Arbeit und Soziales und die Initiative Neue Qualität der Arbeit (INQA) interviewten 400 Führungskräfte stimmen weitgehend darin überein, dass das Planen und Steuern über hierarchische Vorgaben der Situation nicht mehr angemessen ist. Die Führungskräfte gehen davon aus, dass die Einbeziehung der Menschen in Entscheidungsprozesse im Sinne einer Nutzung kollektiver Intelligenz für die Zukunftsfähigkeit von Unternehmen und Volkswirtschaften immer wichtiger wird. Optimierungs- und Wettbewerbsstrategien sind zunehmend ungeeignet und müssen durch die ergebnisoffene Dynamik selbstorganisierender Netzwerke ersetzt werden. Überträgt man diese Einschätzung auf demokratische Entscheidungsprozesse, so wird deutlich, dass die Erfolgsprinzipien politischen Handelns von vor 30 Jahren heute kaum mehr hinreichend sein können. Es ist dringend erforderlich, die Demokratie in Deutschland durch neue Formen der Beteiligung von Bürgerinnen und Bürgern zu revitalisieren - nicht weil die Gefahr von Politikmüdigkeit steigt, sondern weil die Qualität politischer Entscheidungen ernsthaft gefährdet ist. Jede Abschottung der politischen Klasse gegenüber der Dynamik kultureller Kraftfelder stellt in einer vernetzten Welt ein deutlich größeres Risiko dar. Die Ära des intuitiven Politikers, der sich persönlich in die Stimmungslagen der Bevölkerung einfühlt, ist vorbei und die institutionelle Anziehungskraft großer Parteien, die über lang dauernde Bindungen als stabilisierender Gestaltungsfaktor in der Gesellschaft wirken konnte, geht zurück. In Netzwerken verlagert sich die Macht vom Anbieter zum Nachfrager. Nachhaltige Wirkung hat nur, was resonanzfähig ist. Die Schwierigkeiten, mit denen sich zum Beispiel große Infrastrukturprojekte in Deutschland zunehmend konfrontiert sehen, sprechen eine unmissverständliche Sprache. Den Widerstand gegen Bahnhöfe, Flughäfen oder Stromtrassen als Reaktion persönlich betroffener "Wutbürger" zu diskreditieren, verkennt den wachsenden Willen der Menschen zur Mitgestaltung gesellschaftlicher Wirklichkeit. Der Wunsch nach Beteiligung, ist nicht immer interessengeleitet, sondern manchmal einfach Ausdruck eines echten Verantwortungsgefühls. Resignation ist nicht immer fehlende Motivation, sondern manchmal einfach Ausdruck der wiederholten Erfahrung eigener Ohnmacht.

Das Thema des diesjährigen Bundeskongress politische Bildung ist "Ungleichheiten in der Demokratie". Es geht um Themen wie die Kluft zwischen Arm und Reich, neue Strukturen und Belastungen in der Arbeitswelt oder die Entwicklung von Städten. Was, denken Sie, empfinden die Menschen im Alltag als besonders "ungleich"?

Die Datenlage der Multiperspektivenbetrachtung "Deutschland im Wandel" legt nahe, dass sich das Gefühl von Ungleichheit in erster Linie aus sich verfestigenden und verschärfenden Unterschieden in der Teilhabe an den Möglichkeiten speist, die sich dem Einzelnen in einem so reichen Land wie Deutschland bieten. Das mittlere Verhältnis von Belastungen und Vorteilen ist aus der Balance geraten. Die einseitige Abschöpfung von erarbeitetem Mehrwert durch das Kapital wird für immer mehr Menschen nicht mehr durch die Lebensqualität gedeckt, die sie sich selbst erarbeiten können. Die gesetzliche Festsetzung von Mindestlöhnen ist da nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Angst vor Altersarmut, Überforderung bis zum Burnout und ein tiefes Gefühl der Ungerechtigkeit sind Symptome des gestörten Gleichgewichts. Die "Gewinner" im System sind darüber hinaus sehr selbstbewusst in der Darstellung ihrer Leistungskraft und Autonomie. Sinnstiftung wird als neue Stufe persönlicher Arbeitsmotivation gepredigt. Wer eine weniger gut ausgestattete Lebenssituation hat, sieht sich schnell als "Verlierer". Der Begriff "Hartz IV" ist zum Schimpfwort geworden und unterstellt fehlendes Engagement oder fehlende Kompetenz. Die durch den Konkurrenzkampf mit dem Internet unter Druck geratenen klassischen Massenmedien verstärken diese Polarisierungstendenz. Die Inszenierung von Gegensätzen verspricht höhere Einschaltquoten und Verkaufszahlen als akademische Analysen oder die differenzierte Betrachtung von Hintergründen. Ausnahmen bestätigen allerdings wie immer die Regel.

Das Primat der wirtschaftlichen Logik von Angebot und Nachfrage ist dabei, sich als Leitidee gesellschaftlicher Entwicklung selbst ins Abseits zu manövrieren. Die "ordnende Hand des Marktes" erweist sich als Mythos, der nur für die von der Wirklichkeit der Menschen entkoppelten Finanzmärkte zweckdienlich ist. Der Entwicklungsstand einer Gesellschaft lässt sich nicht über das Bruttosozialprodukt messen. Reichtum ist keine Frage der zur Verfügung stehenden Finanzmittel, sondern eine Frage ihrer Verwendung. Der Begriff "Vermögen" kann sich ebenso auf Geld wie auf Können beziehen. Betrachtet man die von den Bürgerinnen und Bürgern wahrgenommene wachsende Ungleichheit in Deutschland, so sollte das "Vermögen" der Menschen mehr unter der Perspektive der Entwicklung und Einbringung ihrer Fähigkeiten betrachtet werden. Die Neubewertung von Arbeit ist ein zentraler Bestandteil des mehrheitlich geforderten Paradigmenwechsels. In diesem Kontext ist sicherlich auch die Frage nach einem bedingungslosen Grundeinkommen ohne ideologische Verhärtung zu diskutieren.

Wonach sehnen sich die Bürgerinnen und Bürger? Und glauben sie noch daran, oder herrscht Resignation vor?

Die Interviewergebnisse zur gesellschaftlichen Situation in Deutschland belegen eine sehr positive Einschätzung des Konzeptes der "sozialen Marktwirtschaft", obwohl sich die gesellschaftliche Realität nach übereinstimmender Einschätzung weit davon entfernt hat. Die Integration verschiedener Stakeholder-Perspektiven liegt den Menschen deutlich mehr am Herzen als die Befriedigung von Kapitalinteressen. Genossenschaftliches Denken und das Prinzip der Subsidiarität haben einen hohen Stellenwert. Die Bürgerinnen und Bürger sehnen sich nach einem Klima gegenseitiger Wertschätzung und alltäglicher Unterstützung, das dem Individuum die Würde lässt und eine nicht zur Disposition stehende Teilhabe an der sozialen Gemeinschaft garantiert. Hartz IV findet in keinem der beiden gefundenen Wertekanäle Akzeptanz. Die durch Individualisierung und neoliberale Leistungsideologie entstandene Zersplitterung der Gesellschaft wird einheitlich als problematisch erachtet.

Sie schreiben in der Studie, dass sich die Gesellschaft in "Gewinner" und "Verlierer" spaltet, da das propagierte "Wir"-Gefühl keinesfalls bei allen auf Konsens treffe. Das würde enorme Risiken bergen. Was ist Ihr schlimmstes Szenario? Kann auch das Band der Demokratie bei uns reißen?

Die Kluft zwischen arm und reich ist besonders problematisch für eine Kultur, in der die Orientierung auf die "Mitte" eine solch grundlegende Bedeutung hat wie in Deutschland. Die zentrale Stärke der deutschen Gesellschaft ist ihr Bemühen, nicht Einzelne hervorzuheben, sondern stets in erster Linie die Steigerung der mittleren Leistungsfähigkeit im Auge zu behalten. Die Angst vor dem sozialen Abstieg ist groß und die Idee, zu einer Elite zu gehören, hat stets den Beigeschmack des Anmaßenden: Ohne Fleiß kein Preis und Bescheidenheit ist eine Zier. Aber die gesellschaftliche Mitte, die für viele Jahrzehnte der Garant eines verbindenden Wir-Gefühls war, schmilzt ab. Die Gaus-Verteilung wird immer flacher. Um trotzdem weiter stabile Mehrheiten zu generieren, haben die Volksparteien nach und nach ihre programmatischen Unterschiede abgeschliffen. Aber diese Strategie der Unschärfe führt dazu, dass es schwieriger wird, sich in der politischen Landschaft zu orientieren. Positionen am linken oder rechten Rand des Spektrums werden allein schon deshalb attraktiver, weil sie im Kontrast zu bewusst unscharf formulierten Aussagen auch dann prägnanter erscheinen, wenn die Argumentation flach und inhaltlich wenig differenziert ist. Je mehr die Wertemitte an Identifikationskraft verliert, desto mehr werden auch extreme Sichtweisen in die Lage versetzt, themenbezogen Anhänger zu gewinnen. Zusammen mit der dargestellten Tendenz zur Aufspaltung in Gewinner und Verlierer entsteht eine risikoreiche Gemengelage, in der die Wahrscheinlichkeit steigt, dass sich die gesellschaftlichen Gruppen in Gegenpositionen verfestigen. In einer Zeit, in der es um grundlegende Neuorientierung im Sinne eines Paradigmenwechsels geht, ist jede weitere Einschränkung der Diskursfähigkeit fatal. Wir brauchen keine ritualisierten Pro-und-Kontra-Diskussionen, wie sie oft medial inszeniert werden, sondern einen möglichst unaufgeregten gemeinsamen Entwicklungsprozess, der über eine breite Beteiligung der Bürgerinnen und Bürger versucht, anstehende Grundfragen wie den Wert von Arbeit, die Lebensnähe von Bildung oder die Gemeinwohlorientierung von Wirtschaft konsensfähig zu beantworten.

Was kann wer nun gegen diese Schieflage tun? Wer ist gefordert: Politik, Wirtschaftslenker, die Bürgerinnen und Bürger selbst?

Gestatten Sie mir eine Gegenfrage: Welcher Buchstabe ist für den Sinn eines Wortes, welches Wort für den Sinn eines Satzes und welcher Satz für den Sinn eines Textes zuständig? Wenn es um den sozialen Organismus der Gesellschaft geht, ist es wenig angemessen, die Aufgabe des Teils ohne Blick auf das Ganze zu bestimmen. In einer Demokratie sind alle Bürgerinnen und Bürger gleichermaßen gefordert, vom Spitzenpolitiker über die Wirtschaftslenker bis zum "Otto Normalverbraucher". Bürger zu sein, leitet sich zwar historisch davon ab, im Schutz einer Burg zu leben, aber in einer Demokratie ist Verantwortung zwar delegierbar aber nicht abgebbar. Wir brauchen einen breit geführten gesellschaftlichen Diskurs über die Basiswerte und die Grundausrichtung unserer Gesellschaft. Nimmt man die in den Tiefeninterviews deutlich gewordene Frustration an der Entwicklung in Deutschland als Gradmesser für die Stärke des Veränderungswillens, gibt es guten Grund für Optimismus. Die Bereitschaft, neue Wege zu gehen, ist umso höher, je aussichtsloser die eingeschlagene Richtung erscheint. Es ist höchste Zeit, dem Imperativ "mehr direkte Demokratie wagen" zu folgen und die Menschen offensiv in die politischen Gestaltungsprozesse einzubeziehen. Aber wie? Die praktische Umsetzung einer "Liquid Democracy" ist in erster Linie eine Frage der Entwicklung neuer Beteiligungsverfahren, die eine strukturierte Dynamik und bedeutungsvolle Aggregation von Einzelbeiträgen ermöglichen. Wie die Erfahrungen der Piratenpartei zeigen, ist Beteiligung ohne qualitative Verdichtung keine Lösung. Gut gemeint ist eben noch nicht gut gemacht. Da es aber inzwischen risikoreicher sein dürfte, so weiter zu machen wie bisher, ist es mehr als gerechtfertigt, Experimente der Beteiligung zu wagen. Ohne entsprechende Versuche wird es schwer werden, eine weitere Polarisierung und eine steigende Gewaltbereitschaft in der Gesellschaft zu verhindern. Es ist der Politik nur dringend zu empfehlen, sich nicht auf das Prinzip der Repräsentativität zurück zu ziehen. In der Wirtschaft hat sich in den letzten Jahren gezeigt, dass ergebnisoffene Prozesse mit breiter Mitarbeiterbeteiligung, die Erfolgsaussichten von Unternehmen deutlich steigern können. Natürlich bedeutet Beteiligung immer auch Abgabe von Gestaltungsmacht. Aber in der komplexen Dynamik einer vernetzten Welt ist es von existenzieller Wichtigkeit, sich so zu organisieren, dass das gesamte in einem System verteilte Wissen und alle vorhandenen Kompetenzen ins Spiel gebracht werden.

Die Fragen stellte Imke Emmerich.


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