beleuchteter Landschaftspark Duisburg Nord am Abend

Redaktion Bundeskongress am 20.03.2015

Sektion 5 - "Leistungskörper" für die Leistungsgesellschaft? Der getunte Mensch

Die philosophische Denkschule der Transhumanisten trachtet generell danach, den menschlichen Körper durch Wissenschaft und Technologie zu verbessern. Ist der menschliche Körper also fundamental fehlerhaft und sollte optimiert werden? Ist es legitim, unser Gehirn mit Medikamenten zu pushen, um dadurch eine bessere und längere Leistungsfähigkeit zu erreichen? Und ist die langsame Verschmelzung von Mensch und Maschine nichts weiter als eine Überwindung körperlicher Defizite und damit nur die logische Fortführung der Evolution, wie die Transhumanisten es sehen?

Referentinnen und Referenten der Sektion 5:
Stefan Greiner, Cyborgs e.V.
Dr. Dimitris Repantis, Charité - Universitätsmedizin Berlin
Dr. Wiebke Rögener-Schwarz, TU Dortmund
Dr. Roland Kipke, Tübingen
Moderation: Jürgen Wiebicke, freier Journalist und Autor


Enhancement: Was steht dahinter?



Enhancement - immer wieder fiel das Wort während Sektion 5: "Leistungskörper" für die Leistungsgesellschaft? Der getunte Mensch. Erläutert hatte den Begriff direkt zu Beginn der Psychater Dr. Dimitris Repantis: Maßnahmen zur kognitiven oder körperlichen Leistungssteigerung des Menschen. Dabei verfolgt Enhancement keine therapeutischen oder präventiven Absichten und nutzt sowohl pharmazeutische als auch nicht pharmazeutische (z.B. neurotechnische und Selbwirksamkeits-) Mittel.

13. Bundeskongress Politische Bildung13. Bundeskongress Politische Bildung (© bpb/Smilla Dankert)
Zu den nicht pharmazeutischen Mitteln gehören z.B. Glucose, Koffein, Sport, Schlaf oder Meditation. Zu den pharmazeutischen Mitteln, im Volksmund auch "Pillen" genannt, gäbe es momentan nicht ausreichend Studien der positiven Effekte. Das bestätigten auch Dr. Roland Kipke von der Universität Tübingen und die Journalistin und Buchautorin Dr. Wiebke Rögener-Schwarz.

Die Medikamente, die momentan zur Leistungssteigerung eingesetzt würden, wiesen viele Nebenwirkungen auf. Es wäre nicht absehbar, dass sich daran etwas in naher Zukunft ändere, so Dr. Kiepke. Stefan Greiner von Cyborgs e.V. widersprach dem "Hype rund um das Enhancement", der in der Diskussionsrunde kritisch angesprochen wurde, mit dem Hinweis auf die bereits geführten Untersuchungen.

Stefan Greiner erweiterte den bisher in der Diskussion verwendeten Begriff des Neuro-Enhancement zum Enhancement und bezog dabei nicht nur das Gehirn, sondern auch den Körper mit ein. Solch ein Enhancement werde schon rege praktiziert, z.B. durch den Einsatz von neuen Organen oder Prothesen.

Greiner sprach von den Brücken zwischen Menschen und Technologien: Wichtig sei, allen Menschen Zugang zu neuen Technologien zu verschaffen und aufzuklären, wie damit umzugehen sei. Außerdem müsste in diesem Zusammenhang eine Wertediskussion geführt werden.

Der Tatsache, dass eine Wertedebatte geführt werden muss, stimmten alle Mitdiskutanten zu, wobei Greiner für die Vielfalt von spezifischer Talentförderung statt Gleichschaltung von Leistungskörpern auftrat.

Kipke sprach sich dafür aus, auf herkömmliche und erprobte Methoden zurückzugreifen: Sport, Meditation und die Arbeit an eigenen Gefühlen. Kipke plädierte dafür, den rücksichtsvollen Umgang miteinander, die Empathie und das Zusammenleben in einer vielfältigen Gesellschaft als wichtigere Aufgaben zu betrachten.

Ungleichheiten und Enhancement



Rögener-Schwarz und Kipke wiesen auf folgende Fragen der steigenden sozialen Kluft beim Einsatz von "Wunder-Pillen" hin: Medikamente kosten Geld. Wer darf sich dann ein "Gehirn-Lifting" leisten? Mit welchen Folgen sollen die anderen rechnen?

Der gesellschaftliche Druck: Kann man sich dem Neuro-Enhancement entziehen, wenn es alle machen? Grenze ich mich und meine Familie damit aus – im Beruf und in der Gesellschaft? Eine gesellschaftliche Chancenungleichheit ist an sich nicht neu. Der Unterschied zu Neuro-Enhancement bestünde aber darin, dass es sich dabei um einen Eingriff in unser Gehirn und unsere Persönlichkeit handele. Das wäre noch kritischer zu betrachten, so Kipke.

Die Aufgabe der politischen Bildung



Stefan Greiner fand die Brücke zur politischen Bildung, indem er ihre Aufgaben ansprach und aufforderte, jede Form von Normierungsstrategien abzulehnen und die Diversität nicht nur auf das Biologische zu begrenzen, sondern das Technologische miteinzubeziehen.

Weitere Aufgaben bestünden darin, so die Diskussionsrunde, die Debatte über unsere Gesellschaft zu führen, die sich momentan hohem Konkurrenz- und Leistungsdruck ausgesetzt fühlt. Daher wäre es auch für die Menschen, die an sich an der eigenen Optimierung interessiert wären, verlockend, "einfach" eine Pille zu schlucken, um sich zu "verbessern". Die herkömmlichen Methoden seien ja mühsam und langwierig. Ist das aber eine Gesellschaft, in der wir in Zukunft leben wollen? Darüber zu diskutieren, wäre eine weitere Aufgabe der politischen Bildung. Ebenso müsste die Debatte rund um Enhancement aus den Fachkreisen in die Gesellschaft getragen und nüchtern und realistisch geführt werden. Eine Wertedebatte müsste dann daran anschließen, wie auch die Debatte darüber, was "normal" ist und was wie und von wem optimiert (und an wem erprobt) werden darf.

von Svetlana Alenitskaya



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