Ein ehemaliger polnischer Gefangener des Konzentrationslagers Dachau bezichtigt nach der Befreiung durch amerikanische Truppen am 30. April 1945 einen Bewacher der Misshandlung von Häftlingen.

Verena Bunkus am 25.01.2015

Europaweiter Projektwettbewerb

Erneut hat die Bundeszentrale für politische Bildung/bpb gemeinsam mit der Humboldt-Universität zu Berlin und der Europa-Universität Flensburg einen europaweiten Projektwettbewerb als Teil der 5. Internationalen Konferenz zur Holocaustforschung ausgerufen. Vorgestellt wurden elf herausragende Projekte und Konzepte, die erfolgreich wissenschaftliche Befunde in die praktische Bildungsarbeit übersetzen.

Die Projektplakate wurden im Atrium ausgestellt.Die Projektplakate wurden im Atrium ausgestellt. (© Oliver Feist / buero fuer neues denken)

Alle Formate stellen einen Beitrag zur Erfahrungsgeschichte des Holocaust nach 1945 dar und wurden auf Projektplakaten und im Plenum dem wissenschaftlichen Fachpublikum präsentiert. Die Arbeiten aus Ungarn, Litauen, Israel, der Ukraine, Rumänien, dem Kosovo und Deutschland bildeten dabei eine Bandbreite an Methoden ab.

Ausstellungsprojekte

Giulia Tonelli und Veronika Nahm vom Anne Frank Zentrum Berlin stellen die Dauerausstellung „Anne Frank – Hier und Heute“ vor. In ihr wird anhand von Anne Franks Tagebuch die Zeit des Nationalsozialismus kontextualisiert und die Frage gestellt, warum das Tagebuch noch heute so bekannt ist und viel gelesen wird. Ihre Zielgruppe sind Jugendliche, die sich die Ausstellung durch die Peer-to-Peer Methode aneignen.

„Ich bin verblüfft, denn das alles geschah hier“, schrieb ein Junge nach dem Besuch der Ausstellung „Jüdische Schüler in Buda und Obuda 1920-1949“. Eszter Gombocz vom John Wesley Theological College erläutert, wie mithilfe von Fotografien Schicksale jüdischer Jugendgruppen und Waisenkinder nachgezeichnet werden. Jugendliche lernen diese aus der öffentlichen Erinnerung verdrängten Geschichten kennen und fragen nach der Bewahrung von Identität.

Projektpräsentation im PlenumProjektpräsentation im Plenum (© Oliver Feist / buero fuer neues denken)
Mit der Öffnung der Archive kamen in den 1990er Jahren neue Geschichten ans Licht: Die Ausstellung „Rescue of Jews in Kosova during the Holocaust“ der Friendship Association Kosova – Israel zeigt die Perspektive albanischer Beschützer, die Juden auf ihrer Flucht helfen konnten. Leke Rezniqi erläutert, dass die Wanderausstellung bereits erfolgreich in verschiedenen Städten im Kosovo, Kroatien und Ungarn gezeigt wurde und die albanische Erinnerung an den Holocaust lebendig macht.

Mali Eisenberg vom israelischen „Massuha International Institute for Holocaust-Studies“ regt Jugendliche dank eines interaktiven Programms dazu an, über Formen der Ausgrenzung wie Rassismus, Diskriminierung, Vorurteile und Xenophobie nachzudenken. Dabei verfolgt Massuha einen edukativen Ansatz: Die Reflexion über die Bedeutung der Erinnerung an den Holocaust geht mit Fragen nach heutiger Identität einher.

Neringa Latvyte-Gustaitene vom Vilna Gaon State Jewish Museum präsentiert die Ausstellung „Lithuanian Jews behind the Iron Curtain“. Thematisiert wird die „menschliche Seite“ des Eisernen Vorhanges in den Jahren 1940-41 und 1944-89 durch die persönliche Auseinandersetzung mit Freiheit, Identität und Erinnerung. Der Besucher wird ermuntert, neue Perspektiven auf das jüdische Leben in Litauen zu finden und mit gängigen Stereotypen zu brechen.

Lokalgeschichtliche Projekte

Der „DenkT@g“ der Konrad-Adenauer Stiftung ist ein bundesweiter Internetwettbewerb, der alle zwei Jahre am 27. Januar ausgelobt wird und unter der Schirmherrschaft des Bundestagspräsidenten Norbert Lammert steht. Der 9-monatige Wettbewerb, so Sascha Lawrenz, richtet sich an Jugendliche zwischen 16 – 22 Jahren. Diese sind dazu aufgefordert, sich durch eine Webpräsentation mit den Themen Nationalsozialismus und aktuellen Erscheinungsformen wie Rechtsextremismus auseinanderzusetzen.

Kira Kreyderman der ukrainischen NGO TolerSpace stellt „Memory Walk“ vor; ein Programm, das mithilfe des pädagogischen Konzepts insbesondere Jugendliche dazu ermutigt, sich kritisch mit ihrer Gedenkkultur zu beschäftigen. In mehreren Workshops erstellen Teilnehmer einen Kurzfilm über ein spezielles Monument. Sie fragen nach dessen Bedeutung in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.

Ein Zug hält am 29. Juni 1941 im rumänischen Târgu Frumos: 2000 deportierte Juden, eingepfercht in überfüllten Zügen. Alle Menschen sind qualvoll gestorben und werden auf dem jüdischen Friedhof begraben. Elena-Laura Tencaliuc von der Super Tineri Asirys Associaton erzählt, dass ausgehend von diesem Friedhof ein interaktives Projekt initiiert wird, um die örtliche Bevölkerung an das Schicksal dieser Menschen zu erinnern.

Arbeit mit Interviews

Daniele Stege-Gast, Lehrerin des Kreuzgassen-Gymnasiums in Köln, stellt in ihrem Filmprojekt „Sachor! Remember!“ die Zeugenschaft in den Mittelpunkt: Es sind zwei Interviews mit den Frauen Ellis Lehman und Vera Dotan. Eingebettet in eine transgenerationelle Wiedergabe gibt sie ihren Schülern Zeit, den Zeitzeuginnen Fragen zu stellen. So entsteht dialogisch eine reflektive Zeugenschaft aus Distanz und Nähe, die für die Geschichte sensibilisiert.

Helga Dornerund Andrea Petoa von der Central European University Budapest konzipierten den Universitätskurs „Gendered Memories of the Holocaust“. Mithilfe narrativer Interviews der Shoa Foundation regten sie ihre Studenten dazu an, auch die eigene Beschäftigung mit der Geschichte zu suchen und gängige Erzählweisen zu dekonstruieren. Der Kurs findet online gemeinsam mit Teilnehmern aus den USA statt.

Das Projekt „Labyrinth“ von der Zachor Foundation aus Ungarn wählt einen interaktiven Zugang. Durch ein Rollenspiel lernen Jugendliche die Lebensrealität junger, verfolgter Menschen im Zweiten Weltkrieg kennen und werden zu einer Auseinandersetzung mit dieser anregt. Die Biographie eines ungarisch-jüdischen Jungen, der 1929 in Transsylvanien geboren wurde und alternative Wege können entdeckt werden, so Aniko Felix.


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