Ein ehemaliger polnischer Gefangener des Konzentrationslagers Dachau bezichtigt nach der Befreiung durch amerikanische Truppen am 30. April 1945 einen Bewacher der Misshandlung von Häftlingen.

Mareike Hengelage am 27.01.2015

Ohne Grenzen? – Holocaust und Erinnerung im Zeitalter digitaler Medien

"Historisch denken | Geschichte machen" heißt der Blog des Kölner Geschichtsdidaktikers Christoph Pallaske. Anlässlich des Workshops "Mediale Darstellungen zwischen historischer Präzision und Fiktionalisierung" hatte er in Zusammenarbeit mit Hanna Huhtasaari (bpb) den Blogbeitrag "Digitales Geschichtslernen zum Holocaust" erstellt und sechs Gruppenarbeiten zu unterschiedlichen Themen vorbereitet.

Workshop 3 mit Christoph Pallaske und Hanna Huhtasaari.Workshop 3 mit Christoph Pallaske und Hanna Huhtasaari. (© Oliver Feist / buero fuer neues denken)

"Das entgrenzte Internet braucht Orientierung", befand Pallaske in der Hinführung zum Thema Digitales Lernen. Vor allem Schülerinnen und Schüler benötigten eine gewisse Unterstützung, um die Flut von pluralistischen Geschichtsinterpretationen und Bildern im Netz sinnvoll einordnen zu können, so der Didaktiker. In diesem Zusammenhang ergebe sich die Frage, wie intensiv digitale Medien in der Schule genutzt werden sollen. Lehrer müssten darauf achten, dass die Grenzenlosigkeit des Internets keinen Kontrollverlust für die Schüler und Schülerinnen bedeute, d.h. das selbstgesteuerte Lernen nicht behindere. Aber auch für die Erwachsenenbildung ergebe sich die Herausforderung, Quelle und Verfremdung voneinander differenzieren zu können.

Zeitzeugen-Hologramme, Hashtags und digitale Erinnerung

Diese Erfahrung machten auch die Teilnehmenden des Workshops. Auf Pallaskes Blog konnten sie eines der Themen für die Gruppenarbeit auswählen: Erinnerungskultur(en) im Social Web; Wikipedia-Artikel analysieren; Rechtsextreme Netzinhalte; Virtuelle Zeitzeugen-Interviews; Gedenkstätten und Erinnerungsorte virtuell erkunden sowie das sogenannte "Mobile Learning" anhand von Apps für Smartphones und Tablets. In der anschließenden Gruppenarbeit konnten die Teilnehmenden auf die jeweiligen Links der ausgewählten Praxisbeispiele zugreifen. In Teamarbeit trugen sie die wichtigsten Punkte mit Hilfe der interaktiven Online-Software Etherpad zusammen. Nach der einstündigen Arbeitsphase präsentierten sie ihre Ergebnisse vor dem gesamten Workshop. Geschichtsprojekte wie TwHistory (Twitter + History), Zeitzeugen-Interviews in 3D Hologrammen, rechtspopulistische Enzyklopädien im Netz sowie App-Angebote waren nur einige der zahlreichen Anschauungsobjekte. Sie boten die Grundlage zur Auseinandersetzung mit den neuen Medien und den verschiedenen Möglichkeiten für die Bildungsarbeit. 


Online Lernen

Das Thema Online Lernen griffen die Workshop-Leiter und Teilnehmenden noch einmal in der abschließenden Diskussion auf: Hanna Huhtasaari betonte, dass in den Schulen noch zu oft Top-Down-Verhältnisse bestünden, um Schüler/-innen den Zugang zum Thema Holocaust und das Gedenken daran zu vermitteln. Selbständiges Erkunden und Gestalten würde den Schüler/-innen dagegen ermöglichen, sich die Themen z.B. über neue Medien schnell und ihren Mediengewohnheiten entsprechend aneignen zu können. Die Teilnehmenden nahmen rege an der Diskussion teil: Besonders junge Lernende sollten eigene Maßstäbe finden und entscheiden, welche Medien sie nutzen möchten. Ziel sollte es sein, Handlungs- und Urteilskompetenz durch den Umgang mit Online-Angeboten, aber auch durch nicht-digitale Medien zu fördern.

Zwischen historischer Präzision und Fiktionalisierung

Als einen der zentralen Punkte brachte ein Teilnehmer die Frage nach dem Spannungsfeld von technischen Möglichkeiten und moralischer Vertretbarkeit ein: Wollen wir historische Inhalte digital aufbereiten und inszenieren? Wo liegen die Grenzen? Die historisch-politische Bildungsarbeit dürfe nicht in die Richtung einer Erlebnispädagogik abdriften. Die Vielfalt an Online-Angeboten via PC, Tablet oder Smartphone sei beeindruckend, jedoch müssten auch die Voraussetzungen von Inklusion beachtet werden, um mehr Lerntypen und Bedürfnisse anzusprechen. Die Diskussion um das Web 2.0 bleibe eine der spannendsten Entwicklungen unserer Zeit, resümierte Christoph Pallaske, da die Dynamik dieses Prozesses nicht vorhersehbar sei.

PDF-Icon Vortragstranskript Christoph Pallaske


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