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Zerstörte Welten

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Zerstörte Welten

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Auch nach der Kapitulation des "Deutschen Reiches" blieben Terror, Furcht vor Gewalt und antisemitische Ausgrenzung für die Menschen im verwüsteten Europa präsent. Mit dem Chaos nach dem Krieg beschäftigten sich die drei Redner der Panels "Zerstörte Welten - Ordnungsversuche" an Vormittag des 2. Konferenztages. Der Versuch, neue Perspektiven zu entwickeln und Forschungsinhalte zusammenzutragen, mündete im Anschluss in eine lebhafte und in Teilen kontroverse Diskussion. 


Diskussion Zerstörte Welten (© Oliver Feist / buero fuer neues denken)

Der Historiker Jörg Baberowski (Humboldt Universität zu Berlin) legte den Fokus seines Vortrages auf die Sowjetunion, um sich mit dem Ausmaß der zerstörten Welt nach dem 9. Mai 1945, dem offiziellen Ende des Zweiten Weltkrieges in Osteuropa, zu beschäftigen. 20 Millionen Kriegstote, 1,5 Millionen sowjetische Hungertote in der Nachkriegszeit – die Zahlen verdeutlichen, in welcher Höhe Verluste erlitten, Terror verbreitet und Gnade verweigert wurde. Während des Krieges seien nach dem Rückzug der Wehrmacht erstmals die "deprimierende Zerstörung" und das "verwüstete Land" sichtbar geworden, so Baberowski.

Jörg Baberowski (Humboldt-Universität zu Berlin) bei seinem Vortrag. (© Oliver Feist / buero fuer neues denken)

Der Sieg der Alliierten bedeutete für die Rote Armee keinen Triumph, sondern Millionen Tote und die Erkenntnis, dass es den Verlierern in der nun bekannten Fremde weiterhin besser erging als den Angehörigen zuhause. Dazu kam, dass die stalinistische Terrorherrschaft im Inneren die bedrohlichen Expansionsbestrebungen der Nationalsozialisten von außen als Feind ablöste. Die Idee des "Großen Vaterländischen Krieges" machte eine jüdische Erinnerungskultur an den Holocaust unmöglich. Stalin forderte von seinen Untertanen die allumfassende Identifizierung mit dem sowjetischen Staat. Andernfalls hätte der Holocaust den zweiten Gründungsmythos der Sowjetunion, den Sieg über das nationalsozialistische Deutschland, delegitimiert.

Rückkehr nicht gleich Heimkehr

Das Schicksal der jüdischen Heimkehrer und der Displaced Persons in der osteuropäischen Nachkriegszeit beschrieb der US-amerikanische und aus Polen stammende Historiker Jan Gross (Princeton University) in seinem Beitrag. Antisemitische Ausgrenzung, Ausbeutung und rassistisch motivierte Gewaltakte zeigte er anhand der Erfahrungen von jüdischen Überlebenden, die aus der sowjetischen Verbannung, Zwangsarbeit oder den befreiten Konzentrationslagern nach Polen zurückkehrten.

Jan Gross (Princeton University) bei seinem Vortrag "Die Rückkehr der jüdischen Überlebenden nach dem Krieg". (© Oliver Feist / buero fuer neues denken)

Überlebt hatten polnische Juden, indem sie nach dem Einmarsch deutscher Truppen in Polen Zuflucht in der Sowjetunion suchten. Falls sie in Polen geblieben waren, nutzten sie unter der deutschen Besatzung Verstecke oder falsche Papiere, um der Deportation zu entgehen. Nur schätzungsweise 20.000 polnische Juden hätten die Lager überlebt. Falls sie in ihre Herkunftsorte zurückkehrten, sahen sie sich antisemitischen Anfeindungen und Gewaltausbrüchen ausgesetzt. Die Überlebenden, meist junge Männer, waren am Ende des Krieges arm, krank, traumatisiert und alleinstehend gewesen, so Gross. Einige siedelten sich in Breslau an, aus dem zuvor Deutsche vertrieben worden waren. Tausende von ihnen verließen auf legalen oder illegalen Wegen Polen, um sich anderswo eine neue Zukunft aufzubauen, beispielsweise in den USA. In den größeren polnischen Städten gründeten sich nach 1945 jüdische Zentralräte, die schon früh Berichte jüdischer Überlebender sammelten.

Was geschah mit der Erinnerung?

Miriam Rürup (Institut für die Geschichte der deutschen Juden, Hamburg) bei ihrem Vortrag "Wessen Erbe? Deutsch-jüdische Geschichtsschreibung nach 1945 - das Hamburger Beispiel". (© Oliver Feist / buero fuer neues denken)

Eine Fallstudie der Nachkriegszeit stellte Miriam Rürup (Institut der Geschichte der Deutschen Juden) in ihrem Vortrag "Wessen Erbe? Deutsch-jüdische Geschichtsschreibung nach 1945 – das Hamburger Beispiel" vor. Anlass war für sie die aktuelle Diskussion um die angedachte Verlegung des Archivs des New Yorker Leo-Baeck-Instituts nach Deutschland. Einerseits gehöre der Nachlass zur deutsch-jüdischen Geschichte und solle deshalb nach Berlin verlegt werden, andererseits seien die Dokumente ebenfalls ein Teil amerikanischer Einwanderungsgeschichte. Diese Kontroverse zeigt, dass sich bis heute im Zusammenhang mit dem Verbleib des jüdischen Erbes drei zentrale Fragen ergeben: Wer verwaltet das Erbe? Wo wird es archiviert? Wem gehört es? Das Institut der Geschichte der Deutschen Juden in Hamburg sei ein Beispiel für eine deutsche Einrichtung, welche die deutsch-jüdische Geschichte und Kultur seit 1966 erforscht. Die Möglichkeiten der Digitalisierung von Objekten vereinfacht die Diskussion über den Verbleib von Dokumenten nicht nur, sondern erfordert eine neue Auseinandersetzung mit dem Anspruch auf das Erbe. Die Institutionalisierung jüdischer sowie deutsch-jüdischer Forschung und Geschichtsschreibung habe sich auf lange Sicht durchgesetzt, betonte Rürup in der Diskussion. 


Eine Erkenntnis des Tages bleibt: Der Versuch, ein Ordnungsmotiv zu finden, und die Art, wie wir heute über Geschichte sprechen, erregt die Gemüter. Zwei Blickwinkel werden präsentiert: auf der einen Seite die Kontinuität der Gewalt und des Antisemitismus in der Sowjetunion und Polen in den ersten Jahren nach Kriegsende und damit einhergehend die individuellen Erfahrungen der Rückkehrenden. Auf der anderen Seite die Dokumentierung und Archivierung dieser Erinnerungen in den darauffolgenden Jahrzehnten bis heute. Diese Perspektiven bieten ein Spektrum an Deutungsversuchen, in denen Vergangenheit und Gegenwart miteinander in Beziehung gesetzt werden.

Autoren: Interner Link: Annika Neubert und Interner Link: Mareike Hengelage

Alle Vorträge des Panels samt anschließender Diskussion im Video:

Fussnoten