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Türkei: Balanceakt zwischen Russland und der Ukraine

Türkei: Balanceakt zwischen Russland und der Ukraine

Die Türkei nimmt seit dem Beginn der russischen Großoffensive gegen die Ukraine eine Sonderrolle ein: Sie unterhält sowohl zu Russland als auch zur Ukraine gute Beziehungen und präsentiert sich als Vermittlerin. Wie das die türkischen Medien bewerten, erzählt euro|topics-Korrespondentin Kristina Karasu im Gespräch mit euro|topics-Redakteurin Sophie Elmenthaler.

Inhalt

Schon in den ersten Tagen des Ukraine-Kriegs verurteilte die Türkei die Invasion Russlands scharf. Sie lieferte modernste türkische Bayraktar-Kampfdrohnen an die Ukraine, der türkische Präsident Erdoğan steht im engen Austausch mit der ukrainischen Regierung und Präsident Selenskyj. Zugleich ist die Türkei das einzige Nato-Land, das sich den westlichen Sanktionen gegen Russland nicht angeschlossen hat, auch aus wirtschaftlichen Gründen. Vielmehr unterhält die Türkei weiterhin enge politische, diplomatische und wirtschaftliche Beziehungen zu Russland. Präsident Erdoğan rechtfertigt diese Haltung damit, dass das Land so als Vermittler zwischen beiden Seiten fungieren kann. Tatsächlich fanden durch seine Initiative bereits im März und Mai Verhandlungen zwischen russischen und ukrainischen Delegationen in der Türkei statt, sie scheiterten allerdings. Erfolgreicher waren Erdoğans Bemühungen, einen sicheren Korridor zur Ausfuhr von Getreide aus den ukrainischen Schwarzmeerhäfen zu schaffen. Russland hatte die Häfen monatelang blockiert und erklärt, man würde die Lieferungen erst erlauben, wenn die westlichen Sanktionen gegen Russland gelockert würden. Nach Verhandlungen in Istanbul trat das sogenannte Getreideabkommen im Juli in Kraft und ukrainisches Getreide konnte mit türkischer Eskorte zum Bosporus und weiter transportiert werden.

Da die Türkei ihren Luftraum für russische Flugzeuge nicht geschlossen hat, ist das Land außerdem zum Zufluchtsort für russische Oppositionelle und Kriegsdienstverweigerer geworden. Ebenso haben seit Kriegsbeginn zahlreiche russische Geschäftsleute ihr Geld in der Türkei investiert. Im Oktober verkündeten Russlands Präsident Putin und Erdoğan sogar, die Türkei solle zu einem Gas-Drehkreuz werden, um russisches Gas an Drittländer, insbesondere in Europa, verkaufen zu können. Sollte das tatsächlich passieren, könnte Erdoğan seine regionale Macht enorm ausbauen und Putin einen praktikablen Weg bieten, westliche Sanktionen zu umgehen. Andererseits gibt es in den türkisch-russischen Beziehungen auch Streitpunkte, etwa in Syrien, in dessen Norden die Türkei gern einmarschieren würde, was Russland als Schutzmacht Assads nicht zulässt. Auch im Konflikt zwischen Armenien und Aserbaidschan stehen Russland und die Türkei auf unterschiedlichen Seiten. Bisher jedoch ist der Türkei die Gratwanderung zwischen Russland und dem Westen gelungen, keine Seite wurde nachhaltig verprellt.

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