Demonstranten ziehen am 08.06.2013 in Frankfurt am Main (Hessen) durch die Innenstadt, um gegen die Polizeiaktionen gegen die kapitalismus-kritische Occupy-Bewegung vor einer Woche zu demonstrieren. Sie laufen dabei auf der selben Route, auf der am 1. Juni fast 1000 Menschen von der Polizei aufgehalten und stundenlang eingekesselt worden waren Foto: Frank Rumpenhorst/dpa
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11.6.2012 | Von:
Priska Daphi

Zur Identität transnationaler Bewegungen

Gemeinsame Deutungsmuster

Identität basiert auf einem gemeinsamen Verständnis von Problemen, Zielen und Mitteln.[13] Dieser Punkt greift auf den weitverbreiteten Framing-Ansatz in der Bewegungsforschung zurück. Der Ansatz baut auf Ervin Goffmans Konzept der Rahmenanalyse[14] auf und hebt hervor, dass Akteure ihre Umwelt im Rahmen eines bestimmten interpretativen Schemas wahrnehmen, das die Welt vereinfacht und komprimiert.[15]

In sozialen Bewegungen bezieht sich dieser gemeinsame Interpretationsrahmen speziell auf die anzugehenden Probleme sowie ihre Verursacher, mögliche Gegenmaßnahmen und die Handlungsmotivation.[16] In der Festlegung dieser Interpretationsrahmen wird nicht nur die Umwelt, sondern auch die eigene Gruppe in Abgrenzung zu „den Anderen“ definiert. So werden Problemanalyse und Lösungsansatz selbst zum Identifikationsfaktor.

Studien zur globalisierungskritischen Bewegung haben gezeigt, dass die Aktivistinnen und Aktivisten trotz unterschiedlicher Problemanalysen und Lösungsansätze einen übergreifenden Deutungsrahmen teilen.[17] Neoliberale Globalisierung wird als zentrale Ursache für das Problem der ungleichen Ressourcenverteilung gesehen. Dieser breite Deutungsrahmen erlaubt es, die verschiedenen Anliegen der beteiligten Gruppen unter ein Dach zu bringen: Während Gewerkschaften neoliberale Politik für die Verschlechterung der Arbeitsbedingungen verantwortlich machen, identifizieren Umweltschützer die fehlende Regulierung als Grund für zunehmende Umweltkatastrophen; christliche Initiativen heben das Problem der Armut und Verschuldung hervor, und (post-) autonome Gruppen sehen darin den Kampf gegen das kapitalistische System selbst.

Obwohl sehr breit, ermöglicht dieser Deutungsrahmen, gemeinsame Gegner zu identifizieren. Die Kritik richtet sich sowohl gegen neoliberale Politik auf nationaler Ebene als auch gegen transnationale Konzerne und internationale Regierungsorganisationen wie die Weltbank, den Internationalen Währungsfond (IWF) oder die WTO. Die Abgrenzung zu den politischen und wirtschaftlichen Eliten („Ihr G8, wir 6 Milliarden“[18]) verstärkt das Gemeinschaftsgefühl auf Grundlage der geteilten Weltsicht. Wie jedoch das Problem der neoliberalen Globalisierung konkret zu lösen ist, wird mitunter sehr unterschiedlich interpretiert, auch wenn die Globalisierung von politischen und sozialen Rechten einen übergeordneten Lösungsansatz darstellt.

Die kürzlich mit globalisierungskritischen Aktivistinnen und Aktivisten in Deutschland geführten Interviews bestätigen dies: Gefragt danach, was sie vereint, betont der Großteil übereinstimmend die Opposition gegen die neoliberale Globalisierung. Diese sei die Ursache des Problems der ungleichen Verteilung von Ressourcen – mit „vielen Verlierern und wenig Gewinnern“.[19] Neoliberale Globalisierung steht dabei gruppenübergreifend nicht nur für das Freihandelssystem, sondern auch für die „Herrschaft des Geldes“ – die Vorherrschaft von Profit und Wirtschaft allgemein und das wachsende Demokratiedefizit. Damit wird Neoliberalismus auch für Krieg und Umweltzerstörung verantwortlich gemacht. Laut dem Großteil der Aktivistinnen und Aktivisten gilt es also, die ungerechte Verteilung „von oben nach unten“ umzukehren, die „Interessen der Menschen in den Mittelpunkt“ zu stellen und die demokratische Mitbestimmung zu stärken. Solidarität, Pluralismus und Autonomie spielen hierbei eine entscheidende Rolle.

Kollektives Handeln

Für den Zusammenhalt ist eine rein kognitive Übereinkunft über Problemursachen und Ziele nicht ausreichend.[20] Kollektive Identität entsteht auch durch die Umsetzung von Vorstellungen und Zielsetzungen in gemeinsames Handeln. Dieser Punkt bezieht sich auf einen handlungspraktischen Ansatz,[21] der betont, dass kollektives Handeln Gemeinschaft effektiver stabilisiert als Diskurse.[22] Hierbei wird auf Emile Durkheims Theorie ritueller Praktiken zurückgegriffen:[23] Handlungen in körperlicher Ko-Präsenz generieren Emotionen, die gruppeninterne Solidarität und kollektive Zugehörigkeit verfestigen, vor allem wenn sie ritualisiert sind.[24]

Für den Zusammenhalt sozialer Bewegungen spielt kollektives Handeln eine wichtige Rolle, sowohl im Alltag als auch in außeralltäglichen Aktivitäten. Der persönliche Austausch und die geteilten negativen wie positiven Erfahrungen schaffen Vertrauen zueinander und Abgrenzung zu „den Anderen“.[25] Gleichzeitig schafft die regelmäßige Wiederholung gemeinsamer Handlungen identitätsstiftende Rituale, vor allem in alltäglichen Handlungen.[26] Außeralltägliche Aktivitäten wie Proteste bestärken das Gemeinschaftsgefühl zusätzlich durch die starken Emotionen, die sie hervorrufen – zumal, wenn es sich um riskante Aktionen handelt. Protest ist damit nicht nur für die Sichtbarkeit der Forderungen nach außen wichtig, sondern auch für den internen Zusammenhalt.

Die globalisierungskritische Bewegung ist stark durch ihre außeralltäglichen, transnationalen Proteste und Treffen geprägt. Neben den europäischen und weltweiten Sozialforen sind vor allem die Gipfelproteste für den Zusammenhalt und die Kontinuität der Bewegung von großer Bedeutung. So zeigen Studien der Gipfelproteste, dass die gemeinsamen Protestaktionen Gefühle wie Wut, Angst, Panik, aber auch Freude und Euphorie hervorrufen, die aufgrund ihres gemeinsamen Erfahrens die Gruppenidentität bedeutend stärken.[27] Dabei unterscheiden sich Protestformen in ihrer emotionalen Intensität: Karnevaleske und konfrontative Aktionsformen, wie zum Beispiel im „pink-silbernen“ oder „blauen“ Block der Gegengipfel, sind emotional intensiver als klassische, risikoärmere Formen des Protests wie etwa Demonstrationen. Neben der emotionalen Intensität bilden die Gipfelproteste und Sozialforen eine weitere wichtige Ressource kollektiver Identitätsbildung: Sie sind Bausteine einer gemeinsamen Bewegungsgeschichte – und das nicht nur für diejenigen, die daran teilgenommen haben.[28] Speziell die Proteste gegen die WTO-Ministerkonferenz in Seattle im Jahre 1999 und das erste Weltsozialforum in Porto Alegre im Jahre 2001 bilden die Fundamente eines länderübergreifenden Gründungsmythos.[29]

Gefragt nach der Bedeutung transnationaler Treffen und Protestaktionen für die Bewegung nennen globalisierungskritische Aktivistinnen und Aktivisten in Deutschland an erster Stelle emotionale Faktoren. Hierbei wir vor allem das Gefühl hervorgehoben, „nicht alleine“ zu sein mit seinem Anliegen. Mit Mitstreiterinnen und Mitstreitern aus der ganzen Welt zusammenzutreffen und zu „kämpfen“, verleiht ein „Gefühl der Solidarität und Stärke“. Das gibt „Mut“, von dem man in Zeiten von Rückschlägen oder der „alltäglichen Sisyphusarbeit“ zehren kann. Auch erlaubt es, eigene Probleme in den Zusammenhang anderer Probleme zu stellen und sich so als Teil einer globalen Bewegung zu begreifen. „Der Horizont erweitert sich.“ Der „lebendige“, persönliche Austausch – „dass man sich sieht, miteinander spricht und einander kennt“ – ist Voraussetzung für die kontinuierliche Zusammenarbeit über Entfernung, „sonst wird’s trocken, abstrakt und langweilig“.

Fußnoten

13.
Vgl. Scott A. Hunt/Robert D. Benford, Identity Talk in the Peace and Justice Movement, in: Journal of Contemporary Ethnography, 22 (1994) 4, S. 488–517; A. Melucci (Anm. 5).
14.
Vgl. Ervin Goffman, Frame Analysis, Boston 1974.
15.
Vgl. S. A. Hunt/R. D. Benford (Anm. 4).
16.
Vgl. dies. (Anm. 13).
17.
Diese Befunde basieren auf Befragungen während der Proteste gegen den G8-Gipfel in Genua 2001 und des Europäischen Sozialforums in Florenz 2002. Vgl. Donatela della Porta et al., Globalization from below, Minneapolis 2006; M. Andretta et al. (Anm. 3).
18.
Häufig genutzter Slogan auf Protesten gegen G8-Treffen, wie etwa in Genua 2001.
19.
Die hier und in den anderen Absätzen zitierten Worte und Phrasen beziehen sich jeweils auf häufig verwendete Formulierungen in den Interviews.
20.
Vgl. D. Rucht (Anm. 1).
21.
Vgl. für Details zu diesem Ansatz: P. Daphi (Anm. 5).
22.
Vgl. James M. Jasper, The Art of Moral Protest, Chicago 1997.
23.
Vgl. Emile Durkheim, The Elementary Forms of Religious Life, New York 1965.
24.
Vgl. Randall Collins, Interaction Ritual Chains, Princeton 2004.
25.
Vgl. D. Rucht (Anm. 1).
26.
Vgl. Sebastian Haunss, Identität in Bewegung, Wiesbaden 2004; J.M. Jasper (Anm. 22).
27.
Vgl. Jeffrey S. Juris, Performing politics: Image, embodiment, and affective solidarity during anti-corporate globalization protests, in: Ethnography, 9 (2008) 1, S. 61–97.
28.
Vgl. Francesca Polletta, Contending stories, in: Qualitative Sociology, 21 (1998), S. 419–446.
29.
Vgl. Priska Daphi, Collective Identity Across Borders: Bridging Local and Transnational Memories in the Italian and German Global Justice Movement, in: Laurence Cox/Cristina Flesher Fominaya (eds.), Understanding European Movements, London–New York (i.E.).