Demonstranten ziehen am 08.06.2013 in Frankfurt am Main (Hessen) durch die Innenstadt, um gegen die Polizeiaktionen gegen die kapitalismus-kritische Occupy-Bewegung vor einer Woche zu demonstrieren. Sie laufen dabei auf der selben Route, auf der am 1. Juni fast 1000 Menschen von der Polizei aufgehalten und stundenlang eingekesselt worden waren Foto: Frank Rumpenhorst/dpa
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11.6.2012 | Von:
Priska Daphi

Zur Identität transnationaler Bewegungen

Aktive Netzwerke

Wie der letzte Absatz andeutet, ist kollektives Handeln auch aus einem weiteren Grund von großer Bedeutung für den Zusammenhalt von Bewegungen. Die Identität sozialer Bewegungen nährt sich auch aus aktiven Netzwerken, in denen sich Akteure austauschen, gegenseitig beeinflussen, miteinander verhandeln und Entscheidungen treffen.[30] Dieser Punkt greift zurück auf die Kernthese der Netzwerktheorie: Soziales Handeln ist nicht primär von den individuellen Eigenschaften der Akteure, sondern von ihren Beziehungen zueinander geprägt.[31]

In sozialen Bewegungen, so haben mehrere Studien gezeigt, hängt sowohl der Beginn als auch die Kontinuität des aktivistischen Engagements stark von den persönlichen Beziehungen zu anderen Aktivistinnen und Aktivisten ab.[32] Dabei unterscheidet sich die identitätsstiftende Wirkung der Netzwerke je nachdem, wie eng oder breit, informell oder institutionalisiert die Beziehungen sind.[33] Die Beziehungen entstehen und verfestigen sich durch persönliche Kommunikation. Große Protestaktionen und Treffen spielen hierbei eine besondere Rolle.

In der globalisierungskritischen Bewegung sind speziell enge und informelle Netzwerke zwischen Aktivistinnen und Aktivisten unterschiedlicher und/oder geografisch verstreuter Gruppen von großer Bedeutung.[34] Ein Teil dieser Netzwerke entstand bereits im Vorfeld der globalisierungskritischen Protestwelle, zum Beispiel im Kontext der Friedensbewegung in den 1980er Jahren.[35] Die ersten globalisierungskritischen Kampagnen und Proteste in den 1990er Jahren[36] haben schließlich entscheidend zur Entstehung und Intensivierung globalisierungskritischer Netzwerke beigetragen.[37] Die engen, informellen Netzwerke ermöglichen es, auf Grundlage persönlichen Vertrauens schnell und verbindlich miteinander in Kontakt zu treten – trotz geografischer Distanz und unterschiedlicher Standpunkte. Durch ihre Einbettung in verschiedene Bewegungssektoren und ihre unterschiedliche Herkunft können diese Netzwerke dabei unterschiedliche Gruppen für Kampagnen und Aktionen mobilisieren. Die so organisierten Treffen und Proteste intensivieren wiederum bestehende Beziehungen und bringen neue Akteure zusammen.

In diesem Sinne betonen globalisierungskritische Aktivistinnen und Aktivisten in Deutschland neben der emotionalen Wirkung transnationaler Treffen und Proteste auch ihre Rolle im Entstehen und in der Intensivierung von Bündnissen: Das Kennenlernen von Personen anderer Gruppen ermöglicht und stabilisiert die Zusammenarbeit – „je besser man persönlich miteinander kann, desto besser“. Die Vernetzung stellt eine personelle und materielle „Ressourcenbündelung“ dar: Nicht nur Texte und Analysen können einfacher ausgetauscht werden, auch das Wissen, welche Personen man „in irgendeiner Weltregion“ mit einem bestimmten Anliegen ansprechen oder besuchen kann, ist zentral. Damit generieren die transnationalen Treffen und Proteste eine wichtige Bewegungsinfrastruktur.

Fazit

Der Zusammenhalt transnationaler Bewegungen hängt von drei Faktoren ab: erstens von gemeinsamen Deutungsmustern, die nicht nur ein geteiltes Verständnis von Problemen, Zielen und Mitteln ermöglichen, sondern auch die Abgrenzung zu anderen Akteuren; zweitens von kollektivem Handeln, das gemeinsame Gefühle hervorruft und damit das Gemeinschaftsgefühl sowie den Gründungsmythos stärkt; sowie drittens von aktiven Netzwerken, die den kontinuierlichen Austausch unter den Aktivistinnen und Aktivisten ermöglichen und stark durch in persönlichen Begegnungen aufgebautes Vertrauen geprägt sind.

Des Weiteren konnte am Beispiel der globalisierungskritischen Bewegung gezeigt werden, dass sich die kollektive Identität transnationaler Bewegungen von der in nationalen oder lokalen Bewegungen unterscheidet. So wurde deutlich, dass zwar alle drei Faktoren eine Rolle spielen,[38] jedoch aufgrund der Eigenschaften transnationaler Bewegungen eine besondere Form annehmen.

Für das gemeinsame Handeln spielen besonders die großen internationalen Treffen und Protestaktionen eine zentrale Rolle, bei denen Aktivistinnen und Aktivisten aus der ganzen Welt zusammenkommen. Aufgrund der ideologischen, sozialen und strukturellen Vielfalt ist der gemeinsame Deutungsrahmen so breit gefasst, dass abweichende Detailanalysen und Lösungsansätze darin Platz finden. Enge und informelle Netzwerke sind besonders dann wichtig, wenn sie inhaltliche Vielfalt und geografische Distanz überbrücken. Kollektive Identität in transnationalen Bewegungen ist eine offene Form der Identität, die große Vielfalt zulässt – und wünscht.[39]

Fußnoten

30.
Vgl. A. Melucci (Anm. 5).
31.
Vgl. Bruno Trezzini, Theoretische Aspekte der sozialwissenschaftlichen Netzwerkanalyse, in: Schweizerische Zeitschrift für Soziologie, 24 (1998), S. 511–544.
32.
Vgl. für einen Überblick: D. d. Porta/M. Diani (Anm. 1).
33.
Vgl. Mario Diani, Networks and Participation, in: D.A. Snow et al. (Anm. 4).
34.
Vgl. Donatela della Porta, The Global Justice Movement in Context, in: dies. (Anm. 10).
35.
Vgl. Dieter Rucht et al., The Global Justice Movements in Germany, in: ebd.
36.
Zum Beispiel die internationale Kampagne gegen das Multilaterale Investitionsabkommen (MAI) in den Jahren 1997/1998.
37.
Vgl. Christopher Rootes/Clare Saunders, The Global Justice Movement in Great Britain, in: D. d. Porta (Anm. 10).
38.
Im Gegensatz zu anderen Studien, welche beispielsweise die besondere Bedeutung von gemeinsamen Deutungsmustern (D. d. Porta et al., Anm. 17) oder Emotionen (J.S. Juris, Anm. 27) in transnationalen Bewegungen hervorheben.
39.
Vgl. Dieter Rucht, Transnationale Öffentlichkeiten und Identität in neuen sozialen Bewegungen, in: Hartmut Kaelble et al. (Hrsg.), Transnationale Öffentlichkeiten und Identitäten im 20. Jahrhundert, Frankfurt/M. 2002; Donatella della Porta, Multiple Belongings, Tolerant Identities, and the Construction of „Another Politics“, in: dies./Sidney G. Tarrow (eds.), Transnational protest and global activism, Lanham 2005.