Demonstranten ziehen am 08.06.2013 in Frankfurt am Main (Hessen) durch die Innenstadt, um gegen die Polizeiaktionen gegen die kapitalismus-kritische Occupy-Bewegung vor einer Woche zu demonstrieren. Sie laufen dabei auf der selben Route, auf der am 1. Juni fast 1000 Menschen von der Polizei aufgehalten und stundenlang eingekesselt worden waren Foto: Frank Rumpenhorst/dpa
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11.6.2012 | Von:
Sabine Kurtenbach

Jugendproteste – blockierte Statuspassagen als einigendes Band

Weltweit haben im Jahre 2011 überwiegend junge Menschen gegen autoritäre Regime, soziale Missstände und die Macht der Banken und Ratingagenturen protestiert. 2011 wurde – in Analogie zu 1968 – deshalb vielfach als Jahr der Jugendproteste tituliert.[1] Allerdings sind diese Proteste nur die medial wahrgenommene Spitze des Eisbergs von jugendlichem Protestverhalten seit der Jahrtausendwende. Erinnert sei an die überwiegend von Jugendlichen getragenen globalisierungskritischen Proteste gegen internationale Gipfeltreffen in Seattle (1999) und Genua (2001) oder die brennenden französischen Vorstädte im Jahre 2006.[2] Trotz der Vielfalt an Aktionsformen und Zielen der Proteste eint die Jugendlichen mehr als das Alter und die damit verbundene Bereitschaft, aufzubegehren und Risiken einzugehen: Die Proteste sind Ausdruck von blockierten Statuspassagen, der Sorge um die eigene Zukunft und um den Platz in der Gesellschaft.

Hindernislauf in die Welt der Erwachsenen

Weltweit gibt es derzeit 1,2 Milliarden Jugendliche, davon leben 90 Prozent in Ländern des globalen Südens, hiervon mehr als die Hälfte in Indien und China.[3] Jugend ist eine Lebensphase[4] des Übergangs vom Leben im privaten Umfeld primärer Netzwerke (Familie, Clan, Gemeinschaft) in den öffentlichen Raum der Gesellschaft. Dieser Weg ist in allen Gesellschaften mit bestimmten, aber unterschiedlichen Wegmarken oder Ritualen verbunden, in denen Jugendliche aktiver Teil der Gesellschaft werden und ihnen Verantwortung für das eigene Leben, aber auch für das jeweilige Gemeinwesen übertragen wird. Wie Jugendliche diese Statuspassagen bewältigen (sollen), ist abhängig von Mustern der Sozialisation durch Familie, Schule, Nachbarschaft, aber auch Peergruppen, Medien, Normen und Werten.[5] Das private und gesellschaftliche Umfeld produziert sowohl bei Jugendlichen als auch bei Erwachsenen hierzu bestimmte Erwartungen, die vielfach Ursache von Konflikten zwischen den Generationen sind (wie etwa in Bezug auf die Wahrung religiöser Vorschriften oder Lebensweisen).[6] Trotz aller Unterschiede gibt es drei zentrale Statuspassagen ins Erwachsenenleben, die weltweit bedeutsam sind, auch wenn sich ihr konkreter Stellenwert unterscheidet und sie in hohem Maße geschlechtsspezifisch sind.

Heirat und Familiengründung. Dies war und ist in den meisten Gesellschaften, insbesondere in den Ländern des globalen Südens, nach wie vor der wichtigste Markstein für das Erwachsensein. In Entwicklungsländern heiratet mehr als ein Drittel der Mädchen, bevor sie das 18. Lebensjahr erreicht haben.[7]

Eintritt in den Arbeitsmarkt und die wirtschaftliche Unabhängigkeit von den Eltern oder anderen Familiennetzwerken. Obwohl die Arbeitslosigkeit bei Jugendlichen stets höher ist als bei Erwachsenen, hat die Finanzkrise der vergangenen Jahre vor allem, aber nicht nur, in den entwickelten Industrieländern verheerende Folgen für Jugendliche gehabt. Weltweit waren 2011 fast 75 Millionen Jugendliche (15- bis 24-Jährige) arbeitslos, vier Millionen mehr als 2007. Weit größer als die Zahl der arbeitslosen Jugendlichen ist die Zahl derjenigen, die zwar arbeiten, davon aber kaum überleben können. Dies betrifft vor allem Jugendliche in Subsahara Afrika und Südasien.[8]

Erwerb und Ausüben von Bürgerrechten. Die hiermit verbundenen Marker sind vom politischen System und den spezifischen Möglichkeiten der Partizipation abhängig. Dies umfasst unter anderem das aktive und passive Wahlrecht, aber auch andere Formen der Partizipation an gesellschaftlichen Entscheidungsprozessen, die vielfach stark geschlechtsspezifisch sind.

Diese drei Statuspassagen hängen eng miteinander zusammen. Längere und bessere Ausbildung verlängert nicht nur die Lebensphase Jugend in fast allen Weltregionen, sondern verbessert die Chancen auf dem formalen Arbeitsmarkt, führt zu späterer Familiengründung und weniger Schwangerschaften. (Zwar hat sich die Lücke zwischen Jungen und Mädchen beim Besuch der Primarschule weltweit verringert, es bleiben aber gravierende Differenzen im Sekundarschulbereich und darüber hinaus bestehen. Dies spiegelt Unterschiede in Bezug auf Reichtum, den Wohnort (Stadt oder Land) und Geschlecht wider: Mädchen aus den ärmsten Haushalten haben weltweit die geringste Chance in die Schule zu gehen, während Jungen aus den reichsten Haushalten am seltensten Schulabbrecher sind.[9]) Ein Mindestmaß an wirtschaftlicher Unabhängigkeit ist gleichzeitig eine zentrale Voraussetzung zur Familiengründung. Bürgerrechte und Partizipation eröffnen schließlich Möglichkeiten, sich für Veränderung einzusetzen. Eine neue Studie der International Labour Organization (ILO) weist deshalb zu Recht darauf hin, dass hohe Jugendarbeitslosigkeit nicht nur ein aktuelles Problem für die Betroffenen selbst ist; auch für die Gesellschaften hat sie gravierende Langzeitfolgen, weil die Perspektivlosigkeit von Jugendlichen zu wachsendem Misstrauen in das politische und wirtschaftliche System beiträgt.[10]

Die hiermit verbundenen Problemlagen zeigen sich vor allem dort, wo der Übergang ins Erwachsenenleben durch wirtschaftliche, soziale oder politische Entwicklungen blockiert wird. In einigen Gesellschaften Afrikas, des Nahen Ostens, aber auch in Europa gelten nicht selten über 30-Jährige noch als Jugendliche, weil sie ohne eigenes Einkommen bleiben, wirtschaftlich von den Eltern oder Familien abhängig sind und deshalb keine eigene Familie gründen können. Im Nahen Osten spricht man daher von einer „Generation im Wartestand“,[11] in Deutschland von der „Generation Praktikum“. Aber auch in anderen Kontexten gleicht das Erwachsenwerden einem Hindernislauf mit ungewissem Ausgang. Auch wenn dies nicht überall zu Protest führt, zeigt eine Analyse der prekären Lebenswelten von Jugendlichen die strukturellen Ursachen vieler Proteste auf.[12]

Prekäre Lebenswelten

Drei Prozesse beeinflussen jugendliche Lebenswelten weltweit: demografische Entwicklungen, Urbanisierung und Migration sowie nicht zuletzt die Globalisierung.

Demografische Veränderungen sind ein zentraler Bestandteil von Prozessen des sozialen Wandels. Anfang November 2011 haben die Vereinten Nationen den siebenmilliardsten Weltbürger willkommen geheißen. Sowohl die Region, in welcher dieses Kind geboren wurde, als auch die demografischen Gegebenheiten im unmittelbaren Umfeld wirken sich entscheidend auf dessen konkrete Lebensperspektiven aus. Weltweit nimmt der Anteil der Jugendlichen an der Bevölkerung in den nächsten Jahren ab, allerdings sind die Unterschiede zwischen Industriegesellschaften und Entwicklungsländern sowie zwischen den einzelnen Weltregionen sehr groß.[13] Deutschland beispielsweise hat eine stetig älter werdende Bevölkerung, was zumindest theoretisch die Chancen junger Menschen auf dem Arbeitsmarkt verbessert, gleichzeitig aber die politischen Prioritäten zugunsten der Älteren verschiebt und die Sozialversicherungssysteme unter Druck setzt. Dennoch sind Jugendliche auch hier mit einem hohen Maß an „Zukunftsunsicherheit“ konfrontiert.[14] Im Gegensatz hierzu ist in den ärmsten Ländern des globalen Südens mehr als die Hälfte der Bevölkerung unter 20 Jahre alt. Gerade diese Gesellschaften werden in den kommenden Jahrzehnten weiter wachsen.

Auch Migration und Urbanisierung beeinflussen die Lebenswelten und damit die Statuspassagen von Jugendlichen weltweit. In Agrargesellschaften wachsen Jugendliche nach wie vor allmählich in die Erwachsenenwelt hinein und übernehmen sukzessive gesellschaftliche Aufgaben. Allerdings haben sie dort vielfach über den Primarschulbereich hinaus keinen Zugang zu Bildung. Migration und Urbanisierung bieten hier einen Ausweg. Insofern ist es wenig verwunderlich, dass Jugendliche weltweit ein Drittel der grenzüberschreitenden Migranten stellen. Die Zahl derjenigen, die innerhalb der Landesgrenzen migrieren, ist sicher noch wesentlich höher, auch wenn es hierfür keine international vergleichbaren Daten gibt. 2010 war vermutlich das erste Jahr in der Menschheitsgeschichte, in dem die Mehrheit der Bevölkerung in Städten wohnte. Die am schnellsten wachsenden Städte der Welt liegen in den Ländern des globalen Südens – angeführt von Mumbai und Mexico-City mit etwa 20 Millionen Einwohnern und zahlreichen Metropolen um die zehn Millionen Einwohner (wie etwa Kairo, Manila, Lagos, Jakarta).

Migration und Urbanisierung sind für Jugendliche aber nicht nur mit Chancen, sondern auch mit Gefahren verbunden: Sie bleiben in den Städten vielfach sich selbst überlassen, sorgen als Familienoberhaupt für jüngere Geschwister oder müssen arbeiten und zum Lebensunterhalt der Familie beitragen. Die damit verbundenen Konflikte hat bereits Charles Dickens in seinem Roman „Oliver Twist“ für das London des 19. Jahrhunderts eindrucksvoll beschrieben. Das Überleben in den Slums von Kalkutta oder den Favelas von Rio de Janeiro heute ist anders, aber nicht einfacher. Auch hier fehlt die gerade für Kinder und Jugendliche wichtige soziale Infrastruktur vor allem im Gesundheits- und Bildungswesen; informelle Netzwerke ersetzen zumindest teilweise staatliche Institutionen.[15]

Die wachsende Vernetzung der Welt im Kontext der Globalisierung führt schließlich dazu, dass sich die Anforderungen an und die Möglichkeiten für die Jugendlichen grundlegend ändern. Dies gilt zum einen für die Nutzung der neuen digitalen Medien. Hier sind Jugendliche der Generation ihrer Eltern weit voraus. Auch wenn vor allem Jugendliche aus der Mittel- und Oberschicht Zugang zu diesen Technologien haben, wächst die Zahl der Internetnutzer weltweit gerade auch in Ländern des globalen Südens: Die Dichte der Internetzugänge in der Bevölkerung ist in Nordamerika am höchsten, gefolgt von Australien/Ozeanien und Europa; in Subsahara Afrika und dem Nahen Osten sind allerdings die Zuwachsraten der Internetnutzung am größten.[16] Die neuen sozialen Medien wie Facebook und Twitter beschleunigen nicht nur die globale Kommunikation, sondern werden – wie im „Arabischen Frühling“ – gerade von jungen Menschen zur Organisation von und Mobilisierung zu Protesten genutzt.[17]

Gleichzeitig verändert die Globalisierung die Voraussetzungen für den Eintritt in den Arbeitsmarkt. Dabei ist nicht nur Bildung an sich, sondern die jeweils für die globalisierte Wirtschaft passende Bildung der Schlüssel für den Übergang in die ökonomische Unabhängigkeit. In vielen Gesellschaften sind nicht etwa diejenigen Jugendlichen arbeitslos, die über keinerlei Bildung verfügen, sondern vielfach jene, die einen Sekundär- oder Universitätsabschluss haben. In Ägypten liegt die Arbeitslosigkeit junger Universitätsabsolventen zehnmal höher als die von jungen Menschen, die lediglich einen Grundschulabschluss haben.[18]

Neben dem Mangel an Jobs gibt es außerdem vielfach eine starke Diskrepanz zwischen Ausbildung und persönlichen Vorstellungen einerseits und den Erfordernissen des jeweiligen Arbeitsmarktes andererseits. Für Universitätsabsolventen in Lateinamerika und dem Nahen Osten ist beispielsweise die öffentliche Verwaltung nach wie vor der bevorzugte Arbeitgeber. Angesichts leerer Kassen und einer vielfachen Steuerung des Zugangs über persönliche Klientelbeziehungen bleibt diese Arbeitsplatzperspektive aber vielen Absolventen verschlossen.

Angesichts solch prekärer Lebenswelten werden junge Menschen vielfach als Risikofaktor für die gesellschaftliche Stabilität oder sogar für die internationale Sicherheit wahrgenommen. Vor allem mit Bezug auf die arabische Welt hat die sogenannte youth-bulge-These an Popularität gewonnen. Von einer Jugendblase (youth bulge) wird gesprochen, wenn der Anteil der 15- bis 24-jährigen Menschen an der Gesamtbevölkerung überproportional (über 20 Prozent) groß ist. Weltweit beträgt der Anteil der Jugendlichen zurzeit 17,6 Prozent. Als konfliktträchtig gilt dabei vor allem eine Kombination aus einem hohen Anteil junger Männer ohne Perspektiven auf eine Integration in den Arbeitsmarkt und das politische System. Diese Debatte fokussiert überwiegend auf die strukturellen Bedingungen, die junge Menschen dazu bewegen, sich an politischer Gewalt zu beteiligen. Die Radikalisierung und die Überschreitung gesellschaftlicher Grenzen wird Jugendlichen meist aufgrund einer höheren Risikobereitschaft und geringeren Einbindung in den Status quo zugeschrieben.[19] Allerdings gibt es hier selbst unter schwierigsten Bedingungen keinen Automatismus zwischen prekären Lebenswelten und Protest oder gar Gewalt. Wäre das der Fall, müssten wesentlich mehr junge Menschen protestieren und gewaltsam agieren.

Damit prekäre Lebenswelten zu Protestverhalten führen, sind drei weitere Schritte notwendig: Erstens muss ein Interpretationsrahmen zur Verfügung stehen, der diese prekären Lebenswelten nicht als „normal“ oder „gottgegeben“ erscheinen lässt. Zweitens muss eine Zuweisung der Verantwortlichkeit an konkrete Personen erfolgen. Schließlich benötigt die kollektive Aktion einen Auslöser.[20] Die Jugendproteste des Jahres 2011 zeigen vor allem bei der Zuweisung konkreter Verantwortlichkeit sowie bei den spezifischen Auslösern ein hohes Maß an Varianz. Diese Unterschiede hängen eng mit den Formen der Sozialisation und zentralen gesellschaftlichen Problemen zusammen, beispielsweise mangelnden Kanälen der politischen Partizipation in autoritären Regimen.

Mobilisierung und soziale Kohäsion

Mobilisierung für gemeinsames Handeln ist eng verbunden mit bestehenden Formen der sozialen Kohäsion und kollektiven Identität, die sich allerdings im Prozess des sozialen Wandels nicht nur verändern, sondern auch vervielfachen. Unter dem Fokus auf Jugendliche ist die Frage entscheidend, ob und wie junge Menschen in diese bestehenden Muster integriert werden. Dabei unterscheidet sich vor allem die Art und Weise, wie Jugendliche und Erwachsene an den Sozialisationsprozessen beteiligt sind. In vielen Fällen werden Jugendliche von Erwachsenen begleitet, angeleitet oder kontrolliert, beispielsweise in den Jugendorganisationen von politischen Parteien, Gewerkschaften oder Religionsgemeinschaften. Sozialisationsprozesse unter Kontrolle der Erwachsenen haben einen konservativen Bias und zielen insbesondere darauf ab, die bestehende soziale Ordnung entweder zu bewahren oder im Sinne der Erwachsenen zu verändern. Der Spielraum für Wandel und Veränderung ist hier begrenzt beziehungsweise abhängig von der Flexibilität und Offenheit der gesellschaftlichen Institutionen.

Allerdings gibt es auch Formen der Sozialisation, die von Jugendlichen mehr oder minder autonom organisiert werden. Zwar existieren bisweilen auch hier hierarchische Strukturen; aber zumindest die Altersunterschiede sind wesentlich geringer, was nicht zwingend mit egalitären Machtstrukturen einhergeht.[21] Das Fehlen der Überwachung und Kontrolle durch Erwachsene führt dazu, dass diese Peergruppen-Aktivitäten vielfach skeptisch gesehen werden. Insbesondere wenn Jugendliche im öffentlichen Raum herrschende Regeln und Konventionen überschreiten, werden sie als „außer Rand und Band“ oder „außer Kontrolle“ betrachtet.[22]

Die Frage des politischen Regimes spielt hier eine wichtige Rolle. Demokratische Systeme bieten Jugendlichen – zumindest theoretisch – ab Erreichen des Wahlalters gleichberechtigte Teilhabe, während diese in autoritären Regimen auf der Mitgliedschaft in politischen, sozialen, ethnischen oder religiösen Gruppen oder Klientelnetzwerken basiert. Langzeitstudien zur politischen Partizipation von Jugendlichen zeigen, dass deren frühzeitiges Engagement langfristige Auswirkungen auf die von ihnen vertretenen Normen und Werte hat und ein guter Indikator für ihre politischen Einstellungen als Erwachsene ist.[23] Jugendliche benötigen folglich nicht nur eine Stimme (bei Wahlen oder anderen Entscheidungsprozessen), wenn sie zu verantwortungsvollen Bürgerinnen und Bürgern heranwachsen sollen, sondern darüber hinaus eine aktive Rolle in der Gestaltung ihrer Lebenswelten. Da öffentliche Politik in den meisten Ländern überwiegend von Erwachsenen für Erwachsene gemacht wird, können sich Jugendliche meist nur durch öffentlichen und lautstarken Protest Gehör verschaffen.

Proteste 2011 – same but different

Jugendliche haben sich 2011 alleine oder gemeinsam mit anderen Gruppen und Organisationen weltweit an Protestbewegungen beteiligt. Vorher gab es überall spezifische Ereignisse oder Entwicklungen, die kollektives Handeln ermöglichten. In Chile wurden durch die Ablehnung der Veränderung des Statuts der Zentraluniversität Proteste belebt, die sich schon in den Jahren davor gegen die Privatisierung von Schulen und Universitäten gerichtet hatten. In Tunesien war es die Selbstverbrennung eines jungen Gemüsehändlers, der von der Polizei schikaniert worden war. In London war es der Tod eines 29-Jährigen bei einem Polizeieinsatz. Die ersten Proteste und Gewaltakte finden vielfach Unterstützer und Nachahmer mit unter Umständen gleichen, teilweise aber auch gänzlich anderen Zielsetzungen. So sieht sich die Occupy-Wallstreet-Bewegung explizit in der Nachfolge der Proteste des „Arabischen Frühlings“, auch wenn ihr Thema der übergroße Einfluss der Banken und Ratingagenturen ist. Gleichzeitig kann sie an die Proteste gegen die internationalen Gipfeltreffen beispielsweise der Welthandelsorganisation anknüpfen.

Für den Fortgang und die Eskalation spielte die Reaktion der jeweiligen Regierung und der Sicherheitskräfte eine zentrale Rolle. Der Zusammenhang zwischen unterschiedlichen Formen des Protests und dem politischen Regime ist bisher nur unzureichend empirisch untersucht, spielte 2011 aber offensichtlich eine wichtige Rolle. Im „Arabischen Frühling“ waren Jugendliche stark politisiert und forderten die Öffnung der autoritären Systeme. In den demokratischen Regierungssystemen Lateinamerikas wird der Protest gegen gesellschaftliche Probleme wie Ungleichheit und fehlende Zukunftsperspektiven dagegen überwiegend als punktuelle Gewalteskalation, Überlebenskriminalität und politische Apathie wahrgenommen. Die politischen Forderungen der chilenischen Studentenbewegung haben dagegen gezeigt, dass es auch anders geht.[24]

Letztlich spiegeln die Jugendproteste des Jahres 2011 weltweit zwei eng miteinander verknüpfte Konfliktlagen wider: den blockierten Weg in die ökonomische Unabhängigkeit und die fehlende Beteiligung an der Entscheidung politischer Fragen, welche für die Realisierbarkeit von Zukunftschancen entscheidend sind. In vielen Regionen ermöglichen das Bildungssystem und der Arbeitsmarkt es jungen Menschen nicht, eine zukunftsfähige Ausbildung zu erhalten oder Arbeit zu finden. In Chile richtet sich der Protest gegen ein Bildungssystem, das in höchstem Maße kommerzialisiert und privatisiert ist, weshalb es soziale Mobilität verhindert. In Spanien und auch in vielen Ländern des Nahen Ostens ist die Arbeitslosigkeit gerade bei gut ausgebildeten jungen Menschen besonders hoch. Aber selbst dort, wo Jugendliche Arbeit haben, ist der Anteil derer, die von dieser Arbeit nicht überleben können, beträchtlich. Hier versagen die politischen Systeme offensichtlich und zwar unabhängig davon, ob sie demokratisch oder autoritär sind.

Die Probleme der Jugendlichen, die 2011 auf die Straßen gingen, waren lange bekannt. Dennoch wurden keinerlei Maßnahmen zu deren Überwindung eingeleitet. Ob die Proteste gewalttätig werden – wie bislang in Tunesien, Ägypten, Libyen, Syrien, Griechenland und Großbritannien –, wird auch davon abhängen, ob Jugendliche nicht nur in Sonntagsreden als zentrale Akteure für die Zukunft ernst genommen werden.

Wo dies nicht geschieht, können zunächst punktuelle Proteste durchaus in die Systemfrage münden. Dies gilt für die Gesellschaften des „Arabischen Frühlings“ ebenso wie für Lateinamerika, Afrika und Asien. Überall werden junge Menschen gern für politische Zwecke mobilisiert (und kontrolliert), aber nur selten erhalten sie Spielraum für autonome Organisation oder die Formulierung (geschweige denn die Umsetzung) alternativer Lebenswelten.

Die 1,2 Milliarden Jugendlichen in den Ländern des globalen Südens sind schon quantitativ eine zu große Gruppe, als dass sie sich ignorieren ließen. Ihre Probleme sollten dagegen als Seismograf und Frühwarnsystem für grundlegende gesellschaftliche Probleme dienen. Dies würde es ermöglichen, Jugendliche in Gesellschaften zu integrieren, die flexibel und offen auf Reformbedarf reagieren.
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Fußnoten

1.
Eine allgemein gültige Definition von Jugend existiert nicht, da dies ein in hohem Maße historisch und kulturell gebundenes Konzept ist. In der Regel erfolgt eine Definition entlang des Alters, meist die Gruppe der 15- bis 24- oder 29-Jährigen. Vgl. United Nations Department of Economic and Social Affairs (UN DESA), World Youth Report 2003, New York 2003; ders., World Youth Report 2005, New York 2005; ders., World Youth Report 2007, New York 2007; World Bank, World Development Report 2007, Washington, DC 2007. Vgl. zum Begriff Jugendprotest und dessen mangelnder Trennschärfe: Klaus Weinhauer, Urbane Jugendproteste, Jugendbanden und soziale Ungleichheit seit dem 19. Jahrhundert, in: Arne Schäfer/Matthias D. Witte/Uwe Sander (Hrsg.), Kulturen jugendlichen Aufbegehrens, Weinheim–München 2011, S. 25–55.
2.
Vgl. Corinna Hauswedell/Sabine Kurtenbach, In War as in Peace?, Rehberg 2008; A. Schäfer/M.D. Witte/U. Sander (Anm. 1).
3.
Die Weltbank gab diese Zahl in ihrem Weltentwicklungsbericht 2006 für die Altersgruppe der 15- bis 24-Jährigen an. Vgl. auch: UNICEF, Progress for Children, New York 2012.
4.
Vgl. Klaus Hurrelmann, Lebensphase Jugend, Weinheim–München 201010.
5.
Vgl. Jeffrey J. Arnett, Broad and narrow socialization, in: Journal of Marriage and the Family, 57 (1993) 3, S. 617–628; Richard E. Dawson/Kenneth Prewitt/Karen S. Dawson, Political Socialization, Boston–Toronto 1973; K. Hurrelmann (Anm. 4), S. 81–156; Jere R. Behrman/Sengupta Piyali, Changing Contexts in Which Youth are Transitioning to Adulthood in Developing Countries, in: Cynthia B. Lloyd et al. (eds.), The Changing Transitions to Adulthood in Developing Countries, Washington, DC 2005, S. 13–55.
6.
Vgl. Nancy Foner (ed.), Across Generations, New York–London 2009.
7.
Vgl. UNICEF (Anm. 3), S. 4.
8.
Vgl. ILO, Global Employment Trends 2012, Genf 2012.
9.
Vgl. United Nations, The Millennium Development Goals Report 2010, New York 2010.
10.
Vgl. ILO (Anm. 8).
11.
Navtej Dhillon/Paul Dyer/Tarik Yousef, Generation in the Waiting, Washington, DC 2009, S. 11–38.
12.
Vgl. Sabine Kurtenbach/Rüdiger Blumör/Sebastian Huhn (Hrsg.), Jugendliche in gewaltsamen Lebenswelten, Baden-Baden 2010.
13.
Vgl. UNFPA, The State of World Population 2010, New York 2010; ders., State of the World Population 2011, New York 2011.
14.
Vgl. Mathias Albert et al., Jugend 2010. 16. Shell Jugendstudie, Frankfurt/M. 2010.
15.
Vgl. UN-Habitat, Slums of the World, Nairobi 2003; ders., Global Report on Human Settlements 2007, London 2007; Mike Davis, Planet of Slums, London–New York 2006; John M. Hagedorn, A World of Gangs, Minneapolis–London 2008.
16.
Vgl. www.internetworldstats.com/stats.htm (15.5. 2012).
17.
Vgl. Arab Social Media Report 2011, online: www.dsg.ae/social.aspwww.dsg.ae/portals/0/ASMR2.pdf (5.12.2011).
18.
Vgl. Jack Goldstone, Understanding the Revolutions of 2011, in: Foreign Affairs, 90 (2011) 3, S. 8–16.
19.
Vgl. UN DESA, World Youth Report 2009–2010, New York 2010, S. 95; Henrik Urdal, A clash of generations?, in: International Studies Quarterly, 50 (2006) 3, S. 607–629.
20.
Vgl. Barrington Moore, Ungerechtigkeit, Frankfurt/M. 1987, S. 178; Sylvia Terpe, Über Ungerechtigkeit, die Schwierigkeit kollektiven Aufbegehrens und die jugendliche (Neu-)Erfindung von Protest, in: A. Schäfer/M. D. Witte/U. Sander (Anm. 1), S. 73–86.
21.
Vgl. Miranda Yates/James Youniss (eds.), Roots of Civic Identity, Cambridge, MA–New York 1999, S. 8.
22.
Vgl. Wendy Cunningham et al., Youth at Risk in Latin America and the Caribbean, Washington, DC 2008.
23.
Vgl. James Youniss/Daniel Hart, Intersection of Social Institutions with Civic Development, in: New Directions for Child and Adolescent Development, 109 (2005), S. 73–81.
24.
Vgl. zu anderen Protesten von Kindern und Jugendlichen: Manfred Liebel, Soziale Ungleichheit und Jugendprotest in Lateinamerika, in: A. Schäfer/M.D. Witte/U. Sander (Anm. 1), S. 137–149.