Nissan passenger cars are ready for shipping at the manufacturer’s pier in Yokosuka, southwest of Tokyo, May 19, 1995. Nissan keeps on exportation of their products to the United States in spite of a trade sanction on Japanese luxury cars by the United States.

27.6.2012 | Von:
Meinhard Miegel

Welches Wachstum und welchen Wohlstand wollen wir? - Essay

Von Quantität zu Qualität

Es macht sie einfacher, weil mit jedem Jahr deutlicher wird, dass das geringe oder auch ausbleibende Wirtschaftswachstum beziehungsweise seine hohe Abhängigkeit von immer neuen Konjunkturspritzen nicht Ausdruck einer Krise ist, die sich mit diesen oder jenen Maßnahmen überwinden ließe, sondern Ausdruck einer grundlegend veränderten Wirklichkeit und mithin einer neuen Normalität. Der Organismus, der während vieler Jahre beständig wuchs, hat nunmehr diese Phase hinter sich gelassen und ist eingetreten in die Phase der Reifung, des Um- und Ausbaus. Damit ist er weiterhin vital und aktiv. Aber seine Vitalität und Aktivität manifestieren sich anders als in der Vergangenheit. An die Stelle vorrangig quantitativer Veränderungen treten vermehrt qualitative.

Das aber macht die Herausforderungen schwieriger. Denn die Völker der früh industrialisierten Länder sind auf diesen Umschlag vom Quantitativen zum Qualitativen – trotz aller gegenteiligen Rhetorik – nicht eingestellt. In gewisser Weise ähneln sie Menschen, welche die Kraft und Ausdauer der Jugend als einen Dauerzustand ihrer Existenz ansehen und eines Tages mit den Lebensbedingungen des Alters zurechtkommen müssen. Manche zerbrechen daran. Auch Gesellschaften.

Die Völker der früh industrialisierten Länder sind bisher nur darin geübt, unter Bedingungen historisch beispielloser Wachstumsraten Verteilungskonflikte zu entschärfen, Beschäftigung zu sichern oder zu investieren. Dass sie das alles auch einmal ohne Wachstum zu bewältigen haben würden, kam ihnen nicht in den Sinn. Doch jetzt ist es so weit. Die Weichen müssen gestellt werden: noch ein Weilchen weitermachen wie bisher und dann gegebenenfalls der steile Absturz oder vorausschauende Anpassung der materiellen Lebensbedingungen an den jeweiligen Wissens-, Könnens- und Erkenntnisstand.

Dabei sind sich die Anhänger beider Richtungen darin einig, dass das menschliche Wissen und Können erheblich verbessert werden muss, wenn der materielle Lebensstandard nicht drastisch sinken soll. Diejenigen, die glauben, weitermachen zu können wie bisher, erhoffen sich von mehr Wissen und Können die rettenden innovativen Durchbrüche, während die anderen auf diese Weise den Raubbau an Natur und Mensch zurückzudrängen versuchen, ohne allzu große Einbußen ihres gewohnten Lebensstandards hinnehmen zu müssen.

Im Kern geht es um Mentalitäten

Doch so unstrittig es ist, dass menschliches Wissen und Können verbessert werden müssen, so strittig ist, welches Wissen und Können gefördert werden soll und wie dies geschehen kann. Diejenigen, die vorrangig technischen Fortschritt als Allheilmittel ansehen, setzen verständlicherweise auf technisches Wissen und Können. Für die anderen ist jedoch gerade diese Verengung eine wesentliche Ursache für die entstandenen Probleme und folglich keine Lösung. Sie fordern deshalb die Entfaltung aller menschlichen Fakultäten und Facetten, namentlich auch der musischen, sozialen und emotionalen. Für sie bilden diese die eigentliche Grundlage von Kreativität, ohne die auch der technische Bereich nicht florieren kann.

Für diese Sichtweise spricht, dass alle Völker, deren wirtschaftlich expansive Phase endet – sei es in absehbarer Zukunft ungesteuert abrupt, sei es gestaltet – ihre gegenwärtig teilweise ungeübten mentalen Kräfte wecken müssen, um die anstehenden Herausforderungen zu meistern. Diese Herausforderungen haben nämlich nur vordergründig materielle Dimensionen. Im Kern geht es um Mentalitäten.

Konkret: Bei dem immens hohen materiellen Wohlstandsniveau, das die früh industrialisierten Länder in den zurückliegenden 250 Jahren erreicht haben, braucht auch dann keiner zu hungern und zu frieren oder unbehaust und ungebildet zu bleiben, wenn dieses Niveau nicht weiter steigt oder sogar messbar sinkt. Wirtschaftete beispielsweise ein Land wie Deutschland heute innerhalb der Tragfähigkeitsgrenzen der Erde, betriebe es also keinen Raubbau und beteiligte es sich nicht an der Zerstörung der Lebensgrundlagen, stünden pro Kopf der Bevölkerung etwa 40 Prozent der derzeitigen Güter- und Dienstemenge zur Verfügung.

Der großen Mehrheit ist das ein Horrorszenario, dessen Verwirklichung sie mit allen Mitteln zu verhindern sucht. Und es stimmt ja: Ein erstrebenswertes Ziel ist dies nicht, weshalb auch alle Anstrengungen unternommen werden sollen, durch mehr Wissen und Können den Wohlstand zu steigern. Nur, als Anfang der 1960er Jahre just jene 40 Prozent erwirtschaftet wurden, galten Deutschland als Wirtschaftswunderland und seine Bürgerinnen und Bürger als Wohlstandsbürger, die Ludwig Erhard zum Maßhalten aufrief.[7]

Seitdem sind die Menschen nicht hungriger oder unbehauster geworden. Ihre Mägen und Truhen sind voller als jemals zuvor. Verändert haben sich lediglich ihre Einstellungen, ihre Mentalitäten. Was eben noch genügte, genügt nicht länger. Dabei ist die große Mehrheit einem echten Bedürfniskonsum – auch auf hohem Niveau – längst entwachsen. Immer größere Teile ihres Verbrauchs dienen der Befriedigung unhinterfragter Gewohnheiten und persönlicher Eitelkeiten, der Selbstdarstellung und der Konkurrenz mit anderen.

Dafür wird die Erde ausgeplündert und die Gefahr eines Kollapses heraufbeschworen und nicht etwa, um einen gehobenen Lebensstandard zu genießen. Wirklichen Verzicht braucht auf absehbare Zeit kaum einer zu üben, vor allem, wenn der materielle Wohlstand künftig gleichmäßiger verteilt wird als bisher. Für die meisten geht es lediglich darum, Ballast abzuwerfen. Von dem allerdings gibt es reichlich.

Bedingungen der Mäßigung

Ein einziges Beispiel mag genügen: die Ernährung. Dass die Erzeugung und der Verbrauch von Nahrungsmitteln Ressourcen und Umwelt beanspruchen, ist zum größten Teil unvermeidlich. Vermeidlich ist hingegen, dass die privaten Haushalte in Europa ein Viertel der gekauften Ware in Mülleimer werfen und viele Menschen weit mehr essen und trinken als ihnen gut tut. Eine bewusstere Ernährung würde ihr Wohlbefinden nachhaltig steigern. Von einigen schlechten Gewohnheiten abgesehen, würden sie auf nichts verzichten, und zugleich täten sie sich, ihren Mitmenschen und ihrer Umwelt viel Gutes. Entsprechendes gilt für die meisten anderen Lebensbereiche.

Bleibt die Frage, ob unter solchen Bedingungen der Mäßigung, auch wenn diese das individuelle und kollektive Wohl steigern, der von fast allen gewollte gesellschaftliche, wirtschaftliche, technische und kulturelle Fortschritt möglich bleibt. Auch hierauf ist die Antwort einfach: Er bleibt nicht nur, sondern er wird überhaupt erst möglich. Denn der Fortschritt der zurückliegenden 250 Jahre hat zwar den materiellen Wohlstand von Milliarden gemehrt. Zugleich hat er sie jedoch – und hier schließt sich der Kreis – aus den Tragfähigkeitsgrenzen der Erde katapultiert. Mit diesem Fortschritt wurden vor allem Pyrrhussiege errungen.

Der Fortschritt der Zukunft muss darauf gerichtet sein, das materielle und immaterielle Wohl der Menschen innerhalb der Tragfähigkeitsgrenzen der Erde zu schaffen und zu sichern. Von diesem Ziel sind wir heute weit entfernt. Das aber heißt: Der Fortschritt der Zukunft muss ein anderer sein als der bisherige. Bedingungen der Mäßigung dürften diesen Kurswechsel erleichtern.

Fußnoten

7.
So Ludwig Erhard in seiner Rede vor dem 13. Bundesparteitag der CDU in Düsseldorf am 31. März 1965. Vgl. Karl Hohmann (Hrsg.), Ludwig Erhard – Gedanken aus fünf Jahrzehnten, Düsseldorf–Wien–New York 1988, S. 921.