Nissan passenger cars are ready for shipping at the manufacturer’s pier in Yokosuka, southwest of Tokyo, May 19, 1995. Nissan keeps on exportation of their products to the United States in spite of a trade sanction on Japanese luxury cars by the United States.

27.6.2012 | Von:
Karl-Heinz Paqué

Wert des Wachstums: Kompass für eine Kontroverse

Die Enquete-Kommission des Bundestags "Wohlstand, Wachstum, Lebensqualität“ hat einen weitgespannten Auftrag. Mit etwas Mut zur Vereinfachung lässt dieser sich in drei Teile zerlegen: der Stellenwert des Wachstums in Wirtschaft und Gesellschaft, die Wahl von Indikatoren für nachhaltiges Wachstum und die Entkopplung des Wachstums von Ressourcenverbrauch und Umweltbelastung. Es kann eigentlich kaum überraschen, dass der erste dieser drei Teile – wissenschaftlich und politisch – besonders kontrovers ist. Denn dort geht es um die Frage, ob und, wenn ja, wie viel und welche Art Wirtschaftswachstum eine moderne Gesellschaft wie die deutsche braucht, um wesentliche ökonomische und soziale Ziele zu erreichen. Dieser Beitrag versucht, die zentralen Argumente in dieser Kontroverse zusammenzufassen. Der Versuch stößt auf zwei naheliegende Grenzen. Die eine liegt in der Natur der Sache; diese ist so komplex, dass es drastischer Vereinfachungen bedarf, um die Kontroverse auf den Punkt zu bringen. Dabei kann nicht mehr herauskommen als eine Art Holzschnitt – mit wenigen, aber hoffentlich charakteristischen Zügen. Die andere Grenze liegt im Verfasser selbst; er nimmt an der Kontroverse aktiv teil und bezieht dabei dezidiert Position. Er bemüht sich zwar in diesem Beitrag um eine ausgewogene Darstellung und Deutung der verschiedenen Positionen, aber er tut dies zwangsläufig aus seiner subjektiven Sicht.

Es sind im Wesentlichen drei zentrale Fragen, um die es in dieser Kontroverse geht: Was ist das Wesen des Wachstums? Was gehört zur Nachhaltigkeit? Was braucht es an ökologischem Umsteuern? Bei allen drei Fragen gibt es – neben einem durchaus breiten Bereich der Übereinstimmung – einige zentrale Streitpunkte, die sowohl den Sachstand der wissenschaftlichen Diagnose als auch den angemessenen Weg der politischen Therapie betreffen. Diese Streitpunkte sind keineswegs willkürlich und zufällig. Sie sind vielmehr das Ergebnis unterschiedlicher sozialphilosophischer Grundpositionen. Diese wiederum sind nicht wirklich neu, sondern feste Bestandteile unterschiedlicher westlicher Denktraditionen seit der Aufklärung im 18. Jahrhundert. Insofern spiegelt die aktuelle Wachstumsdebatte durchaus traditionelle Bruchlinien wider, die sich zu früheren Zeiten an anderen Themen festmachten.

Wesen des Wachstums

Wirtschaftswachstum – hier verstanden als Zunahme des Bruttoinlandsprodukts (inflationsbereinigt) – hat stets eine quantitative und eine qualitative Komponente. Quantitativ geht es um das reine Mengenwachstum ("mehr vom Gleichen“), qualitativ um die Veränderung in der Beschaffenheit und der Vielfalt der Güter. Diese rein definitorische Unterscheidung enthält bereits den Kern einer Kontroverse, denn es stellt sich die Frage, ob das Wirtschaftswachstum in einer hochentwickelten Industrienation wie Deutschland mehr quantitativ oder mehr qualitativ ist. Dies ist nicht nur ein akademischer Erkenntnisstreit, sondern auch eine hochpolitische Sachfrage. Denn ist Wachstum allein quantitativ, so hat es nichts zu tun mit "Entwicklung“ im Sinne "schöpferischer Zerstörung“ von Altem und Überkommenem durch Neues und Besseres, wie es schon Joseph Schumpeter vor gut 100 Jahren formuliert hat.[1] Es sind dann nur Masse und Menge, die zunehmen, sei es absolut oder pro Kopf. Ist Wachstum dagegen rein qualitativ, so kann es gar nichts anderes sein als das, was seit Schumpeter "Entwicklung“ genannt wird. Denn die Güter verändern sich, werden besser und vielfältiger.

Wie ist nun unser Wachstum in Deutschland, quantitativ oder qualitativ? Die Wahrheit liegt wohl irgendwo dazwischen. Die Vertreter der These des quantitativen Wachstums ("Quantitätstheoretiker“) verweisen auf den ewigen kapitalistisch-wettbewerblichen Kampf um größeren Absatz und immer mehr Gewinn als Beleg für ihre Deutung; die "Qualitätstheoretiker“ (der Verfasser eingeschlossen) sehen dagegen in dem immerwährenden Strom von neuen Produkten und Verfahren die Bestätigung ihrer Sicht. Welcher Position man zuneigt, hat große Konsequenz für das, was man die Grundeinstellung zum Wachstum nennen könnte: Quantitatives Wachstum sorgt geradezu zwingend für mehr Ressourcenverbrauch, denn bei gegebener Technologie bedeutet es einfach ein physisches "Mehr“ an Produktion; qualitatives Wachstum dagegen kennt diese zwingende Verbindung nicht. Im Gegenteil: Es ermöglicht erst durch neue Technologien den Wertzuwachs bei weniger oder zumindest konstantem Ressourceneinsatz.

Tatsächlich steckt hier ein erster bedeutender Schlüssel für viele weitere Aspekte der Debatte. Wer Wachstum als quantitativ interpretiert, der wird eher bereit sein, es zu stoppen, scharf abzubremsen oder durch Staatseingriffe zu lenken, um den Ressourcenverbrauch zu mindern. Die politische Konsequenz lautet: umfassende Technologie- und Industriepolitik, um eine völlig neue Art des Wohlstands zu erreichen, und zwar einen Wohlstand, der eben nicht von materieller Masse, sondern von anderen Werten abhängt. Wer Wachstum dagegen als qualitativ deutet, wird der Wirtschaft bereits heute die Fähigkeit zusprechen, sich neuen Verhältnissen durch Mobilisierung von Innovationskraft anzupassen – als Ergebnis eines evolutorischen Drucks, den der Wettbewerb erzeugt. Es bedarf dann vielleicht nur einer moderaten Anpassung des Ordnungsrahmens, wie sie im Zuge des wirtschaftlichen Wandels immer wieder vorkommt, und nicht eines grundlegenden Umsteuerns der Entwicklung.

Fußnoten

1.
Vgl. Joseph A. Schumpeter, Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung, Berlin 1911.