Nissan passenger cars are ready for shipping at the manufacturer’s pier in Yokosuka, southwest of Tokyo, May 19, 1995. Nissan keeps on exportation of their products to the United States in spite of a trade sanction on Japanese luxury cars by the United States.

27.6.2012 | Von:
Beate Jochimsen

Wohlstand messen

Die Enquete-Kommission "Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität“ soll unter anderem identifizieren, was den Wohlstand und die Lebensqualität unserer Gesellschaft ausmacht oder wie sich unsere Wirtschaft entwickeln muss, um Wohlstand und gesellschaftlichen Fortschritt für alle Menschen in unserem Land zu ermöglichen, ohne dabei unsere Lebensgrundlagen aufzuzehren. Um dieser vielschichtigen Aufgabe gerecht werden zu können, wurden fünf Projektgruppen gebildet, die sich mit je eigenen Schwerpunkten dem Thema nähern. Die Projektgruppe 2 beschäftigt sich mit der Entwicklung eines ganzheitlichen Wohlstands- beziehungsweise Fortschrittsindikators oder -indikatorensatzes. Dieser soll ein Fundament schaffen, auf welchem – basierend auf ökonomischen, ökologischen und sozialen Kriterien – politische Entscheidungen gefällt und bewertet werden können. Bei der Zusammenstellung der Indikatoren sind insbesondere folgende Aspekte zu beachten: materieller Lebensstandard, Zugang zu und Qualität von Arbeit, gesellschaftliche Verteilung von Wohlstand, soziale Inklusion und Kohäsion, intakte Umwelt und Verfügbarkeit begrenzter natürlicher Ressourcen, Bildungschancen und Bildungsniveau, Gesundheit und Lebenserwartung, Qualität öffentlicher Daseinsvorsorge, sozialer Sicherung und politischer Teilhabe sowie subjektiv von den Menschen erfahrene Lebensqualität und Zufriedenheit.

Das Ziel der Projektgruppe 2 besteht darin, einen Indikatorensatz zu entwickeln, der für Politik, Öffentlichkeit und Wissenschaft ebenso verständliche wie aussagekräftige Informationen zu Wachstum, Wohlstand und Lebensqualität liefert. Um dieses Ziel zu erreichen, hat sich die Projektgruppe zunächst intensiv mit Methoden der Wohlfahrtsmessung beschäftigt. Zur Systematisierung und Bewertung verschiedener Messansätze haben neben den Mitgliedern externe Sachverständige zur Diskussion beigetragen. Mithilfe zweier externer Gutachten sind sowohl Fragen zur Bekanntheit von heute üblichen Wohlfahrtsmaßen bei Entscheidungsträgern in Politik und Verwaltung als auch zur medialen Kommunizierbarkeit eines neu zu entwickelnden Indikators oder Indikatorensatzes analysiert worden.[1]

Obwohl – oder vielleicht gerade weil – es keine allgemeingültige Definition von Wohlstand gibt, existiert eine Vielzahl von Ansätzen zur Wohlstandsmessung. Sie unterscheiden sich sowohl in ihren empirischen Erhebungsmethoden als auch in ihren inhaltlichen Vorstellungen bezüglich des Wohlstandsbegriffs. Manche Modelle messen ausschließlich materiellen Wohlstand, andere beziehen nicht-materielle Bestandteile des Wohlstands mit ein. Möglich ist eine reine Konzentration auf Bestandsgrößen wie den Kapitalstock eines Landes oder den Bestand an Vogelarten. Diese werden immer an einem bestimmten Tag, nicht über einen Zeitraum, erhoben. Genutzt werden können aber auch, oder ausschließlich, Stromgrößen, die über einen bestimmten Zeitraum erhoben werden. Die wohl bekannteste Stromgröße ist das Bruttoinlandsprodukt (BIP), aber auch jährliche private Konsumausgaben oder staatliche Forschungsausgaben sind Stromgrößen.

Bestands- wie Stromgrößen können monetär oder nicht-monetär ausgedrückt werden. So wird beispielsweise das BIP in Euro gemessen, der Bestand an Vogelarten nicht. Ferner können die zur Wohlstandsmessung verwendeten Informationen auf statistischen, also "objektiven“ Daten beruhen oder anhand subjektiver Einschätzungen zusammengestellt werden. Ersteres trifft beispielsweise auf den öffentlichen Schuldenstand eines Landes, die Lebenserwartung Neugeborener oder die Anzahl der Schulabbrecher eines Jahrgangs zu. Subjektive Einschätzungen beruhen auf persönlichen Befragungen von Menschen zu ihrem Gesundheitszustand, ihrer Zufriedenheit oder ihrer gesellschaftlichen Integration. Die Ergebnisse dieser verschiedenen Wohlstandsmessungen können zusammengefasst in einem Index oder nebeneinander in einem Indikatorensatz dargestellt werden. Die Projektgruppe 2 hat sich dafür entschieden, Wachstum, Wohlstand und Lebensqualität in einem Indikatorensatz abzubilden.

Existierende Wohlfahrtsindizes und -indikatorensätze

Mit dem Bericht "Grenzen des Wachstums“ hat der Club of Rome 1972 eine globale Debatte über die Frage der Kongruenz von Wirtschaftswachstum und Wohlstand angestoßen. Auf unterschiedlichen Ebenen sind seitdem Wohlstandsmaße entwickelt worden, die zum Teil weit über die klassische Messung des BIP-Wachstums hinausgehen.

Monetäre Wohlstandsindikatoren ziehen statistische Kerngrößen der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung heran und berücksichtigen zusätzlich soziale und ökologische Aspekte. Ein Beispiel ist der Nationale Wohlfahrtsindex (NWI). Er basiert auf den privaten Konsumausgaben, zu beziehungsweise von denen rund 20 zusätzliche Variablen addiert oder subtrahiert werden. So erhöhen der Wert der Hausarbeit oder die öffentlichen Ausgaben für Gesundheit und Bildung den Indexwert, während gesellschaftliche Ausgaben zur Kompensation von Umweltbelastungen oder Kosten von Verkehrsunfällen ihn senken. Nach dem NWI liegt der Zuwachs an Wohlfahrt in Deutschland seit einigen Jahren unter dem realen Wirtschaftswachstum.[2]

Die Systematik der Mehrkomponentenindikatoren oder -indizes besteht darin, mehrere Einzelindikatoren oder Indizes zusammenzufassen. Neben ökonomischen können auch kulturelle und soziale Komponenten berücksichtigt werden. Sie werden jedoch im Gegensatz zu monetären Wohlstandsindikatoren nicht in Geld umgerechnet. Der Human Development Index (HDI) der Vereinten Nationen stellt beispielsweise die Verwirklichungschancen des Menschen in den Mittelpunkt. Dazu komprimiert er ausgewählte Leistungen eines Landes zu einer Maßzahl zwischen 0 und 1. Betrachtet werden die Dimensionen "langes und gesundes Leben“, "Zugang zu Bildung“ und "materieller Lebensstandard“. Die so errechneten Werte lassen sich international gut vergleichen; Deutschland befand sich 2011 mit einem HDI von 0,905 weltweit auf Platz neun.[3]

Während der HDI ökologische Faktoren unberücksichtigt lässt, beziehen Nachhaltigkeitsindizes und -indikatoren diese ein. Sie verzichten ebenfalls auf eine Monetarisierung der Werte. Seit etwa zehn Jahren legen sowohl die deutsche Bundesregierung als auch die Europäische Union jährliche Berichte zur Entwicklung der Nachhaltigkeit vor, die auf breiten Indikatorensätzen beruhen. Nachhaltigkeit umfasst in diesen Berichten nicht nur Umweltaspekte, sondern unter anderem Staatsverschuldung, Bildung, Entwicklungszusammenarbeit und öffentliche Gesundheit.[4] Einen anderen Ansatz stellt der Ökologische Fußabdruck dar. Er stellt die Biokapazität unseres Planeten dem tatsächlichen Verbrauch durch den Menschen gegenüber. Als Messgröße wird der "globale Hektar“ herangezogen, also das arithmetische Mittel der weltweiten biologischen Produktivität pro Hektar. Die Bilanz ist ernüchternd: Gemessen an den verfügbaren Ressourcen verbrauchen die Menschen derzeit jährlich so viele "globale Hektar“, dass insgesamt 1,5 Erden nötig wären, wollte man den Ressourcenverbrauch nachhaltig gestalten. So aber wird die eine Erde Jahr für Jahr weiter ausgezehrt. Lebten weltweit alle wie wir in Deutschland, wären sogar 4,5 Erden nötig.[5]

Schließlich kann Wohlstand durch eine Kombination mehrerer Indikatoren, nämlich als Satz von Schlüsselindikatoren ausgedrückt werden. Hier haben in den vergangenen Jahren zahlreiche Ansätze auf nationaler und internationaler Ebene Aufmerksamkeit erregt.[6] Die größte Resonanz hat der Bericht der französischen Stiglitz-Sen-Fitoussi-Kommission hervorgerufen. Er untersucht die begrenzte Aussagekraft des BIP hinsichtlich wirtschaftlichen und sozialen Fortschritts und schlägt Methoden für die Entwicklung relevanterer Kennzahlen vor. Unterschieden wird zwischen einer Beurteilung des aktuellen Wohlergehens und einer Beurteilung der Nachhaltigkeit; also der Frage, ob und in welchem Umfang gesellschaftlich relevantes Kapital (Natur-, Sach-, Human- und Sozialkapital) an künftige Generationen weitergegeben wird. Aktuelles Wohlergehen umfasst dabei sowohl materielle Werte wie Einkommen, Konsum und Vermögen als auch immaterielle Aspekte wie die Verfügbarkeit von Freizeit, soziale Bindungen, Qualität der Umwelt und politische Mitsprache.[7] In Anlehnung an die Stiglitz-Sen-Fitoussi-Kommission haben 2010 der Sachverständigenrat für die Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung und der französische Conseil d’Analyse Économique einen "Drei-Säulen-Ansatz“ entwickelt, der eine umfassende Beurteilung sowohl der Wirtschaftsleistung als auch der Wohlfahrt eines Landes im Zeitablauf und im internationalen Vergleich ermöglicht. Dort werden die Bereiche Wirtschaftsleistung, Lebensqualität und Nachhaltigkeit mit verschiedenen Indikatoren gemessen.[8]

Die Suche nach alternativen Wohlstandsmaßen findet auch in anderen Nationalstaaten statt. In Australien beispielsweise wurde ab 1996 unter Beteiligung der Bürgerinnen und Bürger ein Indikatorensystem entwickelt, das die Bereiche Gesellschaft, Wirtschaft und Umwelt in insgesamt 17 Dimensionen fasst. In Kanada mündete die Diskussion um den Canadian Index of Well-Being (CIW) 2011 in eine Indexbroschüre, in der ein stark aggregierter Verbundindikator die Entwicklung von 64 Einzelvariablen der Lebensqualität widerspiegelt. In Großbritannien liegt der Fokus der Wohlstandsmessung auf der Erhebung des individuellen Wohlergehens. Dagegen wird in den USA gerade ein Berichtswesen entwickelt, das bemerkenswerte 300 thematisch breit gefächerte Einzelindikatoren abbildet.[9]

Fußnoten

1.
Diese und weitere Gutachten sind online verfügbar: http://www.bundestag.de/bundestag/ausschuesse17/gremien/enquete/wachstum/gutachten/index.jsp (1.6.2012).
2.
Vgl. Hans Diefenbacher/Roland Zieschank, Wohlfahrtsmessung in Deutschland, Endbericht zum Forschungsprojekt FKZ 370711101/01 – gefördert aus Mitteln des Umweltbundesamtes, 2009.
3.
Vgl. Deutsche Gesellschaft für die Vereinten Nationen, Bericht über die menschliche Entwicklung 2011, Berlin 2011.
4.
Vgl. Die Bundesregierung (Hrsg.), Nationale Nachhaltigkeitsstrategie, Berlin 2012; Eurostat, Sustainable development in the European Union, 2011, online: http://epp.eurostat.ec.europa.eu/cache/ITY_OFFPUB/KS-31-11-224/EN/KS-31-11-224-EN.PDF (24.5.2012).
5.
Vgl. http://www.footprintnetwork.org/en/index.php/GFN/page/world_footprint (22.5.2012).
6.
Vgl. u.a.: OECD, How’s Life? Measuring well-being, Paris 2011.
7.
Vgl. Joseph Stiglitz/Amartya Sen/Jean-Paul Fitoussi, Report by the Commission on the Measurement of Economic Performance and Social Progress, Paris 2009, online: http://www.stiglitz-sen-fitoussi.fr/documents/rapport_anglais.pdf (22.5.2012).
8.
Vgl. Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung/Conseil d’Analyse Économique, Wirtschaftsleitung, Lebensqualität und Nachhaltigkeit, Paris–Wiesbaden 2010.
9.
Vgl. Kommissionsdrucksache 17(26)72, S. 51–56.