Nissan passenger cars are ready for shipping at the manufacturer’s pier in Yokosuka, southwest of Tokyo, May 19, 1995. Nissan keeps on exportation of their products to the United States in spite of a trade sanction on Japanese luxury cars by the United States.

27.6.2012 | Von:
Marc Oliver Bettzüge
Uwe Schneidewind

Wohlstand und Umweltverbrauch entkoppeln

In mehreren Sitzungen und Klausuren hat die Projektgruppe 3 der Enquete-Kommission "Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität“ sich einen Zugang zu der Frage erarbeitet, "ob und wie das Wachstum des BIP vom Wachstum des Verbrauchs an Ressourcen, Umwelt-, Biokapital sowie klimaschädlicher Emissionen dauerhaft entkoppelt werden kann“,[1] und daraus Leitlinien einer Entkopplungsstrategie abgeleitet. Die Darstellung der Ergebnisse der Projektgruppe in voller Länge wird nach Ende der parlamentarischen Sommerpause 2012 vorgelegt. Im Zwischenbericht (Kommissionsdrucksache 17(26)81) werden die im Konsens verabschiedete Argumentationslinie der Projektgruppe und sich daraus ergebende Handlungsempfehlungen dargestellt. Dieser Artikel ist eine gekürzte Fassung des Abschlussberichts.

In einer Vielzahl von Fragen – vom Klimawandel über Biodiversitätsverlust und Süßwasserknappheit bis zum Flächenverbrauch – zeichnet sich ab, dass die Menschheit die Tragfähigkeit des Planeten teilweise sogar klar überschreitet. Bei Fortschreibung bisheriger Trends ist eine Verschärfung dieser Probleme mit nach aktuellem Wissen gravierenden negativen Folgen für die Ökosysteme und das Leben der Menschen zu erwarten. Einer der Treiber des Umweltverbrauchs war und ist das erhebliche Wachstum des materiellen Wohlstands (üblicherweise gemessen als Bruttoinlandsprodukt, BIP), zuerst in den Industrieländern, mittlerweile vor allem in vielen Schwellen- und Entwicklungsländern. Gleichzeitig hat Wachstum dazu beigetragen, dass die Zahl der in absoluter Armut lebenden Menschen trotz des Wachstums der Weltbevölkerung stark zurückgegangen ist, viele soziale Probleme verbessert und vor allem in den Industriestaaten Wohlstand und Lebensqualität massiv erhöht wurden. Zudem sind viele der Systeme moderner Gesellschaften – von Sozialversicherungen bis zu unternehmerischer Innovationskraft – von Wachstum abhängig oder eng mit ihm verbunden. Durch diese Erfolge wurde wirtschaftliches Wachstum als Voraussetzung für Fortschritt und mehr Lebensqualität, ja sogar als Grundlage für die Entfaltung von Freiheit gesehen. Dieses Verständnis hat sich in einer Zeit entwickelt, in der die heutigen sozialen und ökologischen Herausforderungen nicht vorstellbar waren.

Da Wohlstand, Lebensqualität und viele Aspekte des Wachstums weiterhin als erstrebenswert gesehen werden, aber gleichzeitig die Überlastung der Umwelt zurückgefahren werden muss, rückt die Notwendigkeit einer signifikanten Entkopplung von Wohlstand beziehungsweise Wachstum vom Umweltverbrauch in den Mittelpunkt. Dabei muss eine solche Entkopplung in schon übernutzten Umweltbereichen so stark sein, dass sie zu einer ausreichenden Reduktion der Umweltbelastung führen kann. Einer solchen hinreichenden Entkopplung (und damit Reduktion des Verbrauchs) stehen zahlreiche Hindernisse im Weg, die es zu berücksichtigen gilt.

Die Projektgruppe 3 weicht in vier Punkten von den üblichen Begriffen der Entkopplungsdebatte ab oder erweitert diese um wichtige Konzepte und Blickwinkel. Diese Erweiterungen bilden einerseits eine wichtige Grundlage für die Ableitung von Handlungsempfehlungen, andererseits sind sie als Beitrag zur Weiterentwicklung der wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Debatte um Entkopplung zu verstehen.

Umweltgrenzen als Ausgangspunkt. Der globale Umweltraum hat Belastungsgrenzen, jenseits derer eine Übernutzung zu schwerwiegenden unerwünschten Folgen führen kann. Einige dieser Umweltgrenzen sind bereits überschritten. Diese Feststellung ist Ausgangspunkt der Arbeit der Projektgruppe und führt dazu, dass sich Wirtschaften nur innerhalb dieser Grenzen entfalten dürfen.[2] Die hierfür notwendige Reduktion des Umweltverbrauchs ist in vielen Bereichen als wichtige Zielsetzung zu sehen.

Fokus auf Entkopplung und Reduktion. Im Gegensatz zu weiten Teilen der Literatur arbeitet die Projektgruppe 3 nicht mit den Begriffen der relativen und absoluten Entkopplung. Zum einen ist angesichts der Notwendigkeit des Wirtschaftens innerhalb von Umweltgrenzen die ausreichend schnelle Reduktion von Umweltverbrauch entscheidend. Zum anderen wird Entkopplung immer als relativer Begriff verwendet, der das Verhältnis von Wachstum (beziehungsweise steigendem Wohlstand) zu Veränderungen des Umweltverbrauchs abbildet.

Trennung von Entkopplung im engeren und weiteren Sinne. In einem Großteil der bisherigen Arbeiten zu Entkopplung wird Entkopplung im engeren Sinne, als Lösung des BIP-Wachstums vom steigenden Umweltverbrauch, verstanden. Auch der Bericht der Projektgruppe 3 verwendet aus Gründen der Anschlussfähigkeit und der besseren empirischen Erfassung in weiten Teilen diesen Begriff. Angesichts der Zielsetzung der Enquete-Kommission, Begriffe von Wohlstand und Lebensqualität als Zielgrößen der Politik neben reinem BIP-Wachstum zu entwickeln, ist eine Entkopplung im weiteren Sinne ebenso bedeutsam. Sie beschreibt die Loslösung des Umweltverbrauchs von Wohlstand beziehungsweise Lebensqualität.

Systematik einer mittelbaren Kopplung. Wohlstandsentwicklung und Umweltraumbeanspruchung stehen in einem mittelbaren, nicht unmittelbaren Zusammenhang. Er wird über die Ausgestaltung der gesellschaftlichen Organisation bestimmt. Dies schließt die Nutzung von Technik ebenso ein wie politische Regulierung, kulturelle Wertmuster oder die Ausgestaltung wirtschaftlicher Aktivität. Damit existiert weder ein grundsätzlicher Automatismus der Entkopplung noch der Nicht-Entkopplung.

Fußnoten

1.
Deutscher Bundestag, Drucksache 17/3853 vom 23.11.2010, S. 3.
2.
Dabei sind der Umweltraum sowie die Umweltgrenzen wichtige Metaphern, deren Verwendung nicht die vorhandenen Unsicherheiten der Grenzbestimmung sowie Konfliktpotenziale bei der möglichen Verletzung lokaler oder regionaler Grenzen verdecken soll.