Nissan passenger cars are ready for shipping at the manufacturer’s pier in Yokosuka, southwest of Tokyo, May 19, 1995. Nissan keeps on exportation of their products to the United States in spite of a trade sanction on Japanese luxury cars by the United States.

27.6.2012 | Von:
Nicole Rippin

Wachstum für alle?

Tabuthema Armut in Deutschland

Während sich die Einkommensschere in den USA bereits zu Beginn der 1980er Jahre deutlich auseinander bewegte, schien Deutschland, oder genauer Westdeutschland, über eine relativ lange Zeitperiode hinweg von diesem Phänomen verschont zu bleiben. Lohn- und Einkommensverteilung wiesen eine geradezu bemerkenswerte Stabilität auf.[8] Die growth incidence curve für die Bundesrepublik Deutschland im Zeitraum von 1984 bis 1989 (nicht abgebildet) zeigt einen relativ gleichmäßig fallenden Verlauf und unterschreitet erst sehr spät, etwa beim 70. Perzentil, zum ersten Mal die durchschnittliche Wachstumsrate. Die Wirtschaftsstruktur ist eindeutig pro-poor. Das Instrument der growth incidence curve scheint also für eine pro-poor-growth-Analyse im Kontext von Industrienationen geeignet zu sein. Aber wie relevant ist eine solche Analyse?

Tatsächlich wurde die Relevanz des Themas für die Bundesrepublik lange Zeit angezweifelt. Das zeigte sich deutlich auf dem Weltgipfel für Soziale Entwicklung im Jahre 1995 in Kopenhagen. Alle Teilnehmenden des "Weltsozialgipfels“ verpflichteten sich dem Ziel der weltweiten Beseitigung von Armut, wobei Industrienationen explizit einbezogen wurden.[9] Mit ihrer Unterschrift hat sich auch die Bundesregierung dazu verpflichtet, einen nationalen Armutsbericht zu erstellen. Dennoch reagierte die damalige Bundesregierung auf eine parlamentarische Anfrage der Opposition zur Umsetzung der vertraglichen Verpflichtung mit Zurückhaltung: Aufgrund des gut funktionierenden Sozialversicherungssystems der Bundesrepublik sei Armut in Deutschland praktisch nicht existent.[10]

Diese Haltung änderte sich mit den Wahlen von 1998: Am 25. April 2001 wurde der erste deutsche Armutsbericht vorgelegt. Deutschland verwendet seither offiziell den zwischen den EU-Mitgliedstaaten vereinbarten Begriff der Armutsrisikoquote[11] zur Messung (monetärer) Armut. Dabei handelt es sich um einen sogenannten Laeken-Primärindikator, benannt nach dem 2001 in Laeken tagenden Europäischen Rat, aus dem unter anderem eine Liste mit insgesamt 18 sogenannter Laeken-Indikatoren zur Messung sozialer Inklusion resultierte. Definiert ist die Armutsrisikoquote als der prozentuale Anteil der Bevölkerung mit einem Nettoäquivalenzeinkommen[12] nach neuer OECD-Skala von weniger als 60 Prozent des Medians.

Die "Enttabuisierung“ des Themas Armut in Deutschland kam nicht zu früh: Ab Mitte der 1990er Jahre traf das Phänomen steigender Armutsraten und wachsender Ungleichheit auch Deutschland (vgl. Abbildung 1 in der PDF-Version). Ins Auge sticht vor allem der deutliche Anstieg von Einkommensarmut und -ungleichheit (Gini-Koeffizient) seit spätestens 1998. Interessant ist auch der starke Anstieg der Ungleichheit im Jahre 2006, dem Jahr der Einführung von "Hartz IV“. Ebenfalls deutlich zu erkennen ist die Reduktion der Einkommensungleichheit während und ihr Anstieg direkt nach einer Rezession (2002 bis 2004 und 2008 bis 2010), eine Entwicklung, die typisch ist für einen konservativ-korporatistischen Wohlfahrtsstaat im Sinne Esping Andersens:[13] Es ist ein deutliches Zeichen für die Stärke der Umverteilung, welche die Republik in Bezug auf Einkommensungleichheit wenig anfällig für Krisen macht.

Interessante Aufschlüsse liefert auch der kontinuierliche Anstieg der Armutsrisikoquote ab 1997 in einer Phase wirtschaftlichen Aufschwungs mit der erwarteten Reduktion der Arbeitslosenquote und dem Anstieg des Nettoäquivalenzeinkommens. Es ist ein Beleg für die Beobachtung, dass seit Mitte der 1990er Jahre die Lohnunterschiede sowohl zwischen als auch innerhalb der Qualifikationsgruppen deutlich gestiegen sind.[14]

Eine dritte interessante Beobachtung ist, dass die übliche Konstellation von Rezession und steigender Arbeitslosigkeit in der dritten und stärksten ökonomischen Krise von 2008 bis 2010 nicht gilt. Die Arbeitslosenquote verzeichnet lediglich einen marginalen Anstieg und setzt bereits ein Jahr später ihren im Jahre 2005 begonnenen Rückgang fort. Dieser Effekt ist hauptsächlich auf das Instrument der Kurzarbeit zurückzuführen, die "deutsche Antwort“ auf die ökonomische Krise: Zwischen 2008 und 2009 stieg die Zahl der Kurzarbeiterinnen und Kurzarbeiter von etwa 100.000 auf mehr als 1,1 Millionen an.[15]

Die Übersicht vermittelt eine Ahnung davon, wie viele verschiedene Einflussfaktoren auf die Wirtschaftsstruktur eines Landes einwirken. Aufgabe der growth incidence curve ist es zu bestimmen, ob das wirtschaftliche Wachstum in einem bestimmten Zeitraum insgesamt pro-poor war oder nicht.

Growth incidence curves für Deutschland

Der Beobachtungszeitraum von 1994 bis 2001 ist durch drei interessante Phasen charakterisiert: eine Phase von sinkendem Nettoäquivalenzeinkommen in Verbindung mit sinkender Ungleichheit (1995 bis 1997), steigendem Nettoäquivalenzeinkommen bei relativ konstanter Ungleichheit (1997 bis 1999) und schließlich sinkendem Nettoäquivalenzeinkommen verbunden mit einem Anstieg der Ungleichheit (1999 bis 2001). Abbildung 2 (vgl. Abbildung 2 in der PDF-Version) zeigt die growth incidence curve für die erste und die letzte Phase.

Deutlich zu erkennen ist die Veränderung der Wachstumsstruktur von pro-poor (1995 bis 1997) zu pro-rich (1999 bis 2001). Liegen die Wachstumsraten der armen Perzentile im Zeitraum von 1995 bis 1997 noch deutlich über der durchschnittlichen Wachstumsrate, ist die growth incidence curve bereits in der nächsten Phase (1997 bis 1999) relativ konstant (hier nicht abgebildet) und schließlich klar steigend (1999 bis 2001). Insgesamt lässt sich festhalten, dass die beschriebenen Probleme der Globalisierung, insbesondere relativ hohe Arbeitslosigkeit und deutlich zunehmende Lohndifferentiale, auch in Deutschland deutliche Spuren hinterlassen haben.

Wie aber hat sich die Wachstumsstruktur während der ökonomischen Krisen von 2002 bis 2004 und von 2008 bis 2010 entwickelt? Jürgen Faik kommt zu dem Schluss, dass in einem konservativ-korporatistischen Wohlfahrtsstaat wie Deutschland ökonomische Krisen zu einer ausgeglicheneren Einkommensverteilung führen und zwar insbesondere durch steigende Sozialleistungen sowie die für eine ökonomische Krise typischen Einkommensverluste im oberen Einkommenssegment. Eine steile These, doch tatsächlich zeigt die growth incidence curve für den Zeitraum von 2003 bis 2010 (hier nicht abgebildet) einen ähnlichen Verlauf wie in den Jahren von 1995 bis 1997. Die Wachstumsstruktur scheint sich also tatsächlich ausgerechnet in einem Zeitraum, in den gleich zwei ökonomische Krisen fallen, deutlich pro-poor entwickelt zu haben – nicht auf direktem, sondern auf indirektem Weg durch nachträgliche Umverteilung.

Fußnoten

8.
Vgl. Martin Biewen/Andos Juhasz, Understanding Rising Income Inequality in Germany, IZA Discussion Paper, Nr. 5062, 2010.
9.
Vgl. Bericht des Weltgipfels für soziale Entwicklung: Aktionsprogramm, 19.4.1995, Kapitel 2, Punkt 19, online: http://www.un.org/Depts/german/wirtsozentw/socsum/socsum6.htm (13.6.2012).
10.
Vgl. Herbert Hemming/Christina Borbach, Transport & Social Exclusion: a G7 comparison, an overview of the German position, präsentiert am 4. April 2003 an der University of Westminster, London; Sabine Nuss, Armut – ein Tabuthema beschäftigt den Bundestag, 4.6.1996, online: http://www.welt.de/print-welt/article648947/Armut-ein-Tabuthema-beschaeftigt-den-Bundestag.html (30.5.2012).
11.
Vgl. Lebenslagen in Deutschland. Der 3. Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung, 30.6.2008, online: http://dip21.bundestag.de/dip21/btd/16/099/1609915.pdf (13.6.2012).
12.
Das Konzept des Nettoäquivalenzeinkommens berücksichtigt die Tatsache, dass größere Haushalte durch die gemeinsame Nutzung von Gebrauchsgegenständen Einsparmöglichkeiten haben. Dazu misst die neue OECD-Skala dem ersten Erwachsenen ein Gewicht von 1 zu, jede weitere Person ab 15 Jahren erhält ein Gewicht von 0,5 und jede Person unter 15 Jahren ein Gewicht von 0,3. Das Nettoäquivalenzeinkommen errechnet sich dann als das Nettoeinkommen des Haushalts dividiert durch die Summe der Gewichte der im Haushalt lebenden Personen.
13.
Vgl. Jürgen Faik, Income inequality and poverty in front of and during the economic crisis, ECINEQ Working Paper, Nr. 255, 2012.
14.
Vgl. M. Biewen/A. Juhasz (Anm. 8).
15.
Vgl. J. Faik (Anm. 13), S. 9.