30 Jahre Deutsche Einheit Mehr erfahren
Nissan passenger cars are ready for shipping at the manufacturer’s pier in Yokosuka, southwest of Tokyo, May 19, 1995. Nissan keeps on exportation of their products to the United States in spite of a trade sanction on Japanese luxury cars by the United States.

27.6.2012 | Von:
Nicole Rippin

Wachstum für alle?

Ein deutsches pro-poor-growth-Konzept?

Eine Analyse des Wirtschaftswachstums in Deutschland hat gezeigt, dass eine Übertragung des Grundgedankens des pro-poor-growth-Konzepts auf Industriestaaten relevant und durchaus gewinnbringend sein kann. Auch das Instrument der growth incidence curve scheint geeignet zu sein, um wirtschaftliches Wachstum auch in Industrienationen im Hinblick auf seine Wirkung auf Armut und Ungleichheit zu untersuchen: Deutlich zeigen die growth incidence curves die Mitte der 1990er Jahre einsetzende Veränderung der Einkommensverteilung zu Lasten der Armen. Ebenso deutlich zeigen sie die Veränderung der Einkommensverteilung zugunsten der Armen während ökonomischer Krisen. Interpretationen aber bleibt das Instrument schuldig. So ist es beispielsweise nicht in der Lage zwischen dem hauptsächlich direkten pro-poor growth der 1980er und beginnenden 1990er Jahre und dem jüngsten indirekten pro-poor growth zu unterscheiden.

Um politische Handlungsempfehlungen formulieren zu können, ist daher eine weitergehende Analyse unerlässlich. Hier ist in der Regel auch keine Übertragung der Erkenntnisse aus der entwicklungspolitischen pro-poor-growth-Debatte möglich; zu spezifisch sind die Handlungsempfehlungen auf den entwicklungspolitischen Kontext zugeschnitten. An dieser Stelle müssen Industrienationen wie die Bundesrepublik ihr ganz eigenes pro-poor-growth-Konzept entwickeln. Angesichts der beschriebenen Spezialisierung auf Tätigkeiten mit höheren Qualifikationsanforderungen und der Tatsache, dass Bildungserfolge in Deutschland stark vom Bildungsniveau der Eltern abhängen,[16] könnte eine direkte pro-poor-growth-Maßnahme (also eine Maßnahme, die den Armen zugute kommt) beispielsweise darin bestehen, den gleichberechtigten Zugang zu qualitativ hochwertiger (Aus-) Bildung zu fördern.

Schließlich bleibt noch zu bemerken, dass sich die vorangegangene Analyse ausschließlich auf den monetären Aspekt von Armut und Ungleichheit bezieht. Das ist jedoch eine recht eingeschränkte Sichtweise, bedenkt man die Reichweite des Begriffs Armut. Der Wirtschaftsnobelpreisträger Amartya Sen beispielsweise beschreibt Armut als den Mangel an Möglichkeiten, das eigene Wohlbefinden zu steigern. Schlechte Gesundheitsversorgung, negative Umwelt- und Klimabedingungen beispielsweise schränken diese Möglichkeiten ein.[17] Aus diesem Grund sollte Armut multidimensional erfasst werden, eine Forderung, der sich auch die deutschen Armutsberichte anschließen. Ebenso werden auch die Stimmen für eine Berücksichtigung des Umwelt- und Klimaaspekts lauter.[18] Beide Ansätze stecken jedoch noch in den Kinderschuhen, und es wird eine der zukünftigen Herausforderungen der pro-poor-growth-Debatte sein, die bereits existierenden Versuche, den Einkommensbegriff methodisch sinnvoll zu erweitern, voranzutreiben.

Fußnoten

16.
Vgl. Armutsbericht (Anm. 11).
17.
Vgl. Amartya Sen, The concept of development, in: Hollis B. Chenery/T.N. Srinivasan (eds.), Handbook of Development Economics, New York u.a. 1988, S. 9–26.
18.
Vgl. Weltbank, Inclusive green growth, Washington, DC 2012.