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6.11.2012 | Von:
Johanna Klatt

Partizipation: Ein erstrebenswertes Ziel politischer Bildung?

Partizipation und soziale Ungleichheit

Man darf annehmen, dass politische Partizipation in demokratischen Ordnungen Prinzipien von Gleichheit, Gleichberechtigung oder ausgewogener gesellschaftlicher Repräsentanz folgt. Schließlich zählen bei Wahlen unsere Stimmen alle gleich. Warum sollte das in der weiteren politischen und gesellschaftlichen Partizipationsrealität, also beim Engagement in Organisationen, Vereinen, Initiativen oder freien Gruppierungen, anders sein? Aber bekanntlich ist das keineswegs der Fall. In nahezu allen Partizipationsräumen finden sich mehr oder weniger offensichtliche Hierarchien, etwa mit Parteiämtern vergleichbare Funktionen oder informelle Machtstrukturen. Aber auch außerhalb der eigenen Organisationsstrukturen und im Vergleich untereinander unterscheidet sich "die Partizipation" qualitativ, und zwar deutlich. Um es in den Worten des US-amerikanischen Philosophen Michael Walzer auszudrücken: "Zivilgesellschaft reflektiert und erhöht wahrscheinlich sogar Effekte von Ungleichheit. Das liegt daran, dass jede organisierte Gruppe auch Mobilisierung von Ressourcen bedeutet: Je mehr Ressourcen ihre Mitglieder mitbringen, umso stärker ist die Gruppe. Je stärker die Gruppe, umso eher kann sie den Einfluss der Ressourcen ihrer Mitglieder verstärken. Also ist es eigentlich eine grundsätzliche Regel der Zivilgesellschaft, dass ihre stärksten Mitglieder stärker werden."[8] Sicherlich nimmt Walzer hier einen sehr marktorientierten Blick auf die Zivilgesellschaft ein, der nicht unproblematisch ist; denn schließlich definiert sich die Zivilgesellschaft vor allem als ein Bereich außerhalb des Staates, der Privatheit und des Marktes. Da jedoch auch hierzulande die Zivilgesellschaft stark von Marktgedanken und von konsumorientiertem Mitmachen geprägt ist (beispielsweise via Klicks bei Facebook oder beim politischen Konsum),[9] trägt Walzers kritischer Blick an dieser Stelle dennoch.

In der Zivilgesellschaft sind, wie in der Gesellschaft insgesamt, Kapazitäten ungleich verteilt, und Formen der politischen Selbstorganisation können Prozesse der Ungleichheitsentwicklung nicht nur unterstützen, sondern gar qualitativ verschärfen. Eine mögliche Triebkraft dafür ist der "Partizipationslobbyismus".[10] Hier üben ressourcenstarke Individuen, etwa durch ihre Vernetzung in lobbyierenden Nichtregierungsorganisationen (NGOs), einen im Vergleich zur Gesamtbevölkerung überdurchschnittlichen Einfluss auf die Politik aus. Umgekehrt ist belegt, dass gering Gebildete und sozial Benachteiligte insofern zu einer Ungleichheit in der politischen Repräsentation von Interessen beitragen, indem sie sich – aus vielerlei Gründen – von der Politik fernhalten; die Bundesregierung spricht hier gar zum Teil von "Mechanismen des Selbstausschlusses".[11]

Die heutige Zivilgesellschaft ist stark von informellen und individuellen Formen des Mitmachens geprägt. Beispiele gibt es dafür in breiter Fülle: vom Gang zu einer Freiwilligenagentur über das spontane Mitmachen bei einer Demonstration oder einem Flashmob bis hin zum einmaligen Unterschreiben einer Online-Petition. Entscheidend sind hier überall vor allem Prozesse der sozialen Selbstselektion, die bestehende Gruppen- und Milieuungleichheiten verfestigen können. Es mag einerseits ein Zeichen größerer Freiheit sein, dass in einer pluralistischen und heterogenen Bürgergesellschaft eine große Auswahl an Single-issue-Initiativen oder Institutionen bestehen, zwischen denen man beliebig wechseln und aus denen man sich vor allem auch schnell wieder zurückziehen kann. Doch es sind nicht zuletzt diese Freiheiten, welche die Entwicklung sozialer Ungleichheit gerade im Partizipationsbereich befördern.

Problem der Selbstselektion

Die Selbstselektion gewisser (politischer oder unternehmerischer) Kulturen ist in der Politik, Wirtschaft oder Wissenschaft hinlänglich bekannt. Abzulesen ist dieses Phänomen etwa am Genderprofil von Parteien und Unternehmen: Weibliche Abgeordnete oder Führungskräfte können anhand ihrer förmlichen Vorbildfunktion zu einer verstärkten Rekrutierung des weiblichen Nachwuchses, also zu verstärktem weiblichen Engagement führen.[12] In umgekehrter Weise, also in Bezug auf das männliche Geschlecht, wirkt dieser Mechanismus zum Teil erst recht.[13] Ebenso bleiben die Bürgergesellschafts- oder Partizipationskulturen vom habituellen Prozess der Selbstrekrutierung bestimmter Beteiligungskulturen nicht gänzlich unberührt: Man(n)/Frau beteiligt sich gern dort, wo Man(n)/Frau sich unter Seines- und Ihresgleichen fühlt – und wohlfühlt. Engagement sei zumeist Engagement mit Gleichgesinnten, betont auch die Erziehungswissenschaftlerin Chantal Munsch – "mit Menschen, die gleiche Ziele verfolgen, und auch gleiche Mittel bevorzugen, diese Ziele zu erreichen".[14] Dieser "weiche" Faktor, der als Zugang, aber eben auch als Barriere zu bürgerschaftlichen Partizipationswelten angesehen werden muss, entfaltet besonders in einer heterogenen und stark fragmentierten Gesellschaft, also auch in der von Pluralität geprägten Bürgergesellschaft seine Wirkung.

Natürlich bestimmt auch die Form von Partizipation vielfach ihren Inhalt und damit auch die Gruppe der politisch Teilnehmenden. Je nach ihren Anforderungen finden sich sowohl Möglichkeiten des Mitmachens für Bildungsstarke als auch für Bildungsschwache. Die Einstufung dieser Schwierigkeitsgrade variiert jedoch, und auch im Bereich der forschenden Analyse herrscht Uneinigkeit. So mag es von einer anspruchslosen Leichtigkeit sein, "einfach nur mit einem Klick" online zu partizipieren oder als Akt des politischen Konsums bestimmte Produkte zu kaufen oder eben nicht zu kaufen. Eine ganze Reihe von politischen Beteiligungsforschern ist der Ansicht, dass insbesondere die modernen Zivilgesellschaftsformen, wie sie in Westeuropa bis Nordamerika entstanden sind, die Chance zur vermehrten Teilhabe auch sozial benachteiligter Gesellschaftsgruppen mit sich bringen.[15]

Doch die Realität sieht offenbar anders aus. Denn die stark fragmentierte und auf Eigeninitiative angelegte "moderne" Bürgergesellschaft scheint durchaus viel vom Individuum abzuverlangen, selbst bei der passiven Unterstützung einer NGO oder einer Bürgerinitiative ("nur durch eine Unterschrift"). Der Blick auf die Ungleichheit politischer und bürgerschaftlicher Repräsentation verrät: Noch immer ist einer der entscheidenden Zugänge zu Beteiligung und Engagement die persönliche Bekanntschaft über soziale Netzwerke. Ob sich jemand zur Teilnahme an einem Bürgerforum entscheidet, hängt vielfach davon ab, dass er oder sie von Verwandten, Freunden oder Bekannten aus dem nahen Umfeld von dieser Initiative erfährt und dann auch mitgenommen, animiert, ermutigt und überzeugt wird, selbst aktiv zu werden.[16] Wieder einmal: So viele Freiheiten und Optionen die moderne Bürgergesellschaft auch bietet, in ihr bleiben Ressourcenstarke und Ressourcenschwache unter sich.[17] Und auch das Wissen um die Orte und Möglichkeiten der Teilhabe bleibt zumeist auf dieselben sozialen Zirkel beschränkt. Das gleiche Phänomen lässt sich im Übrigen auch in der "Netzwelt" feststellen, wo der Begriff des digital divide als Schlagwort für die soziale Segmentation der Gesellschaft im Internet verweist.

Partizipation setzt überdies gewisse individuelle Fähigkeiten und intrinsische Prädispositionen voraus. Da ist in erster Linie das Vertrauen in sich selbst und die Einschätzung, das eigene Handeln könne Wirksamkeit entfalten.[18] Es ist unschwer zu erahnen, dass derartige sowohl kognitiven wie auch handlungsorientierten Fähigkeiten und Merkmale eine wesentliche Voraussetzung für Partizipation und Engagement sind und dass Bürgerinnen und Bürger in ungleichem Maße über sie verfügen. Zu alledem kommt hinzu, ob sich Menschen überhaupt berechtigt und im Stande sehen, sich für oder gegen etwas (Politisches) einzusetzen und ihre Interessen zu artikulieren. Jene Milieus etwa, die sich nicht in den Arbeitsmarkt integriert sehen und ihren unmittelbaren Lebensfokus auf die eigene Reintegration in denselben legen, bringen sich, ihre Zeit und Energien weitaus seltener in politische oder zivilgesellschaftliche Tätigkeiten ein als Menschen "in Arbeit". Bürgergesellschaft und Arbeitsgesellschaft schließen sich an dieser Stelle in der Wahrnehmung vieler sozial Benachteiligter gegenseitig aus. Letztere gilt gewissermaßen als Voraussetzung für Erstere, das bürgergesellschaftliche Mitmachen gleichsam als "Bonus", der über die Arbeit hinaus in der Freizeit wahrgenommen werden darf.[19] Und schließlich setzt zivilgesellschaftliche Partizipation auch voraus, dass man den sicheren Raum des Privaten verlässt, in der Öffentlichkeit für oder gegen eine Sache eintritt, die einem besonders wichtig erscheint. Doch öffentlich Gesicht zu zeigen, sich zu seinen persönlichen Problemen wie die eigene Arbeitslosigkeit zu bekennen, fällt in sozial abgehängten Milieus und Quartieren sehr schwer.[20] Die Angst, in der heutigen Leistungsgesellschaft mit dem Stigma des arbeitslosen "Opfers" behaftet zu werden, ist groß – und allzu verständlich.

Fußnoten

8.
Michael Walzer, Equality and Civil Society, in: Simone Chambers/Will Kymlicka (eds.), Alternative conceptions of civil society, Princeton, NJ u.a. 2002, S. 34–49, hier: S. 39.
9.
Vgl. Ingolfur Blühdorn, Self-Experience in the Theme Park of Radical Action? Social Movements and Political Articulation in the Late-modern Condition, in: European Journal of Social Theory, 9 (2006) 1, S. 23–42.
10.
Vgl. Reinhold Hedtkes’ Beitrag in der Sektion 5 des Kongresses "Zeitalter der Partizipation" der Bundeszentrale für politische Bildung, Berlin 21.–23.5.2012, Kongressdokumentation: http://www.bundeskongress-partizipation.de/2012-06-01/sektion-5-partizipation-ein-konzept-fur-die-politische-bildung« (16.10.2012).
11.
Lebenslagen in Deutschland. Der 3. Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung, Berlin 2008, S. 130, online: http://www.bmas.de/SharedDocs/Downloads/DE/PDF-Publikationen-DinA4/forschungsprojekt-a333-dritter-armuts-und-reichtumsbericht.pdf?__blob=publicationFile« (16.10.2012).
12.
Vgl. für den Wirtschaftsbereich: Susanne Günther/Jochen Gerstenmaier, Führungsfrauen im Management: Erfolgsmerkmale und Barrieren ihrer Berufslaufbahn, München 2005, S. 19, online: http://epub.ub.uni-muenchen.de/563/1/FB_175.pdf« (16.10.2012).
13.
Vgl. Sinus Sociovision (Carsten Wippermann et al.), Frauen in Führungspositionen. Barrieren und Brücken, Heidelberg 2010, online: http://www.bmfsfj.de/RedaktionBMFSFJ/Broschuerenstelle/Pdf-Anlagen/frauen-in-f_C3_BChrungspositionen-deutsch.pdf« (16.10.2012).
14.
Chantal Munsch, Von der Nichtbeteiligung zur Beteiligung. Wege und Umwege bei der Aktivierung benachteiligter Gruppen, in: Forum für Bürger/innenbeteiligung und kommunale Demokratie, Bedingungen gelingender Beteiligung, Tagungspapier, Loccum 26.–28.9.2008, online: http://www.mitarbeit.de/fileadmin/inhalte/02_veranstaltungen/loccum2008_Thesenpapier_Munsch_2.pdf« (16.10.2012).
15.
Vgl. exemplarisch: Michael Schudson, The Varieties of Civic Experience, in: Citizenship Studies, 10 (2006) 5, S. 591–606; Per Selle/Kristin Strømsne, Membership and Democracy, in: Paul Dekker/Eric M. Uslaner (eds.), Social capital and participation in everyday life, London u.a. 2001, S. 134–147.
16.
Vgl. Johanna Klatt/Franz Walter, Entbehrliche der Bürgergesellschaft? Sozial Benachteiligte und Engagement, Bielefeld 2011, insb. Kap. 5.1.1, S. 142ff.
17.
Vgl. Erik van Ingen/Tom van der Meer, Welfare state expenditure and inequalities in voluntary association participation, in: Journal of European Social Policy, (2011) 4, S. 302–322.
18.
In der Individualpsychologie mit dem Begriff Selbstwirksamkeit umschrieben. Vgl. Albert Bandura, Self-efficacy: the exercise of control, New York 1997.
19.
Vgl. J. Klatt/F. Walter (Anm. 16).
20.
Vgl. Britta Baumgarten (Hrsg.), Interessenvertretung aus dem Abseits. Erwerbsloseninitiativen im Diskurs über Arbeitslosigkeit, Frankfurt/M. 2010.
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Autor: Johanna Klatt für bpb.de
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