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6.11.2012 | Von:
Joachim Detjen

Mitreden können: Die Bedeutung der politischen Beredsamkeit in der Demokratie

Politisch diskutieren und debattieren können

Eine Diskussion ist ein thematisch gebundenes, ansonsten offenes Gespräch zwischen zwei oder mehreren Diskutanten, das zumeist vor einem Publikum stattfindet. Teilnehmer einer politischen Diskussion sind in der Regel Vertreter unterschiedlicher Positionen. Daher ist der Diskussionsgegenstand fast immer umstritten. Der Diskutant muss daher damit rechnen, dass er auf Gegner treffen wird, welche die Geltungsansprüche seiner Position infrage stellen werden. Im Verlauf einer politischen Diskussion werden folglich Meinungsverschiedenheiten ausgetragen, was entsprechend zu einer durchweg angespannten Atmosphäre führt.

Diskutieren ist ein zielgerichtetes Handeln, dessen oberstes Ziel es ist, beim Publikum Zustimmung für die eigene Position zu finden. Zur Diskussionsfähigkeit gehört es, Diskussionstechniken im Sinne argumentativer Verfahrensweisen anwenden zu können. Dabei sind diejenigen Techniken anerkennungswürdig, die, obgleich auf den Gegner gerichtet, zu einer sachlichen Auseinandersetzung mit dem Kontrahenten führen. Unakzeptabel sind hingegen die Techniken, die eine angemessene Behandlung des Diskussionsgegenstandes verhindern oder gar die Integrität der anderen Diskussionsteilnehmer infrage stellen. Zur Illustrierung sollen drei annehmbare und drei unakzeptable Diskussionstechniken knapp skizziert werden.[16]

Eine erste vertretbare Vorgehensweise ist das Bestreiten von Tatsachen. Die eine Seite bestreitet das Vorliegen von Sachverhalten, welche die andere Seite als Behauptung oder als Begründung für eine Behauptung anführt. Dies zwingt die Gegenseite, sich um Beweise für Dinge zu bemühen, die in ihren Augen völlig offenkundig sind.

Eine zweite angängige Technik bezieht sich auf den Streit um die zutreffende Ursache. Es geht hier um die Kausalität, also um Ursachen und Wirkungen eines Geschehens. Die Technik besteht darin, einen bestimmten ursächlichen Zusammenhang zu behaupten oder zu bestreiten. Die einwandfreie Klärung eines ursächlichen Zusammenhanges ist tatsächlich ein schwieriges Problem, so dass sich über Kausalitäten immer trefflich streiten lässt.

Ein statthaftes Verfahren sind auch Analogieschlüsse. Analogieschlüsse basieren auf der Ähnlichkeit von Sachverhalten. Analogieschlüsse werden von Diskutanten aufgestellt, die geltend machen wollen, dass gleiche – im Grunde nur ähnliche – Fälle gleich zu behandeln sind. Der Diskussionsgegner kann einen Analogieschluss mit der Behauptung angreifen, dass der Vergleich hinke, da die Unterschiede zwischen den Fällen größer seien als die Übereinstimmungen.

Ein problematischer Kunstgriff ist dagegen die Umkehrung der Beweislast. Sie besteht darin, die Beweispflicht auf die Gegenseite abzuwälzen. Diese soll beweisen, dass der Kontrahent nicht im Recht ist. Damit wird eine grundsätzliche Argumentationsregel außer Kraft gesetzt: Hiernach muss derjenige, der etwas behauptet, Tatsachen beibringen, die seine Behauptung zu stützen vermögen.

Nicht akzeptabel ist auch das Entstellen der gegnerischen Äußerung. Eine Äußerung der Gegenseite wird aufgegriffen, erweitert und in einer Weise vergröbert, dass sie angreifbar oder unsinnig erscheint. Ganz ähnlich verläuft der Mechanismus, wenn der Gegenseite negative Absichten unterstellt werden, obwohl von dieser überhaupt keine betreffenden Äußerungen vorliegen.

Abzulehnen ist auch das Persönlichwerden, die sogenannte Ad-personam-Technik. In diesem Fall wird nicht die gegnerische Sache angegriffen, sondern die Person, die sie vertritt. Persönliche Attacken können ein gutes Argument jedoch nie ersetzen.

Die Diskussionstechniken gelten im Wesentlichen auch für das Debattieren. Im Unterschied zur Diskussion bezieht sich die Debatte aber thematisch streng auf eine Entscheidungsfrage. Die Positionen der Debattanten sind von vornherein auf Zustimmung oder Ablehnung programmiert. Höchst selten gibt es vermittelnde Positionen. Es herrscht eine klare Kampfatmosphäre. In einem Schlagabtausch versucht jede Seite, die Überlegenheit ihrer Auffassung im Verhältnis zur anderen Sichtweise zu demonstrieren. Es gilt, den Gegner rhetorisch zu schlagen und in den Augen des Publikums als Sieger hervorzugehen.[17]

Politische Reden halten können

Im Unterschied zu professionellen Politikern eröffnen sich den Bürgern nur relativ wenige Gelegenheiten, politische Reden zu halten. Am ehesten ergibt sich ein Anlass zu reden noch für Aktivbürger, mithin für Personen, die in Parteien organisiert sind und Mandate in kommunalen Vertretungskörperschaften wahrnehmen. Reden auf Parteitagen und in Ratssitzungen sind für diesen Personenkreis nichts Außergewöhnliches. Redegelegenheiten gibt es auch für diejenigen, die als Interventionsbürger agieren, die sich also bei einem sie berührenden politischen Thema veranlasst sehen, das Wort zu ergreifen. Dies kann organisationsintern innerhalb einer Bürgerinitiative oder einer zivilgesellschaftlichen Organisation geschehen. Zu Reden kann es aber auch in der Öffentlichkeit, etwa einer Einwohner- oder Bürgerversammlung oder einer Kundgebung, kommen.

Für die Bürger kommen in erster Linie die "kleinen Redeformen" in Betracht (kurze Reden in Versammlungen oder Diskussionsbeiträge in Veranstaltungen). Sobald sich aber ein Bürger für ein Amt in einer Organisation oder für ein öffentliches Mandat bewirbt, steht er vor der Situation, eine Kandidatenrede zu halten. In politisch bewegten Zeiten können Interventions- und Aktivbürger auch in die Lage kommen, Kundgebungsreden zu halten.

Wenn die Bürger in ihren Reden nicht scheitern wollen, sind sie gut beraten, die Erkenntnisse der Rhetorik zu beachten, die zu einem ganz erheblichen Teil aus der Antike stammen. Was neben Aristoteles vor allem Cicero, Quintilian und die von einem unbekannten Autor vor über 2000 Jahren verfasste "Rhetorik an Herennius" hinsichtlich der Grundlagen rhetorischer Kommunikation herausgestellt haben, kann großenteils auch für die Gegenwart Gültigkeit beanspruchen.[18] Diese beziehen sich auf die Stadien der Redeerarbeitung, die Strukturierung der Rede, die Argumentationsführung, die Grundsätze der Verständlichkeit, den Einbau von Redeschmuck, die Wirkungsfunktionen der Rede, die Berücksichtigung des Publikums, die Körpersprache sowie Artikulation und Modulation. Die Vermittlung der Grundlagen gehört zum Programm einer jeden rhetorischen Ausbildung.[19]

Weniger vorbildhaft für die Gegenwart sind die in der Antike entwickelten Redegattungen der politischen Beratungsrede, der Gerichtsrede und der Lob- und Tadelrede. Zu sehr haben sich die gesellschaftlichen und politischen Verhältnisse gewandelt, als dass man heute noch von einer ungeschmälerten Gültigkeit des antiken Gattungsschemas ausgehen könnte. Angesichts der Vielfalt von Redeanlässen ist es angemessener, Überzeugungsreden, Informationsreden, Lobreden und Gelegenheitsreden zu unterscheiden.[20] Sofern Bürger sich mit Redebeiträgen in den politischen Diskurs einschalten, bewegen sie sich fast immer auf dem Terrain der Überzeugungsreden.

Fußnoten

16.
Vgl. zum Folgenden detailliert: J. Detjen (Anm. 8), Kap. 5.
17.
Vgl. Tim-Christian Bartsch/Michael Hoppmann/Bernd Rex, Was ist Debatte?, Göttingen 2005, S. 19f.
18.
Nähere Informationen zu den Beiträgen der antiken Rhetorik bei: Joachim Knape, Allgemeine Rhetorik, Stuttgart 2000, S. 27ff.
19.
Für detaillierte Ausführungen einschließlich vieler Übungen vgl. Joachim Detjen, Mitreden können in der Demokratie, Bd. 1: Grundlagen rhetorischer Kommunikation, Schwalbach/Ts. 2013 (i.E.).
20.
Vgl. J. Detjen (Anm. 8), Kap. 1.
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