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7.2.2014 | Von:
Luca Di Blasi

Die andere Sexismus-Debatte - Essay

Ersatzkompensatorische Negativierung

Mit dem Soziologen Christoph Kucklick beteiligte sich auch einer der ausgewiesensten Experten an der Debatte über einen antimännlichen Sexismus. In einem Beitrag für "Spiegel Online" mahnte er eine "Gesamtrechnung der Gender-Gerechtigkeit" an. Man habe es grundsätzlich mit "gegenläufigen, vielfältigen Sexismen" zu tun, "die nach wie vor Frauen, aber eben auch Männer treffen können".[4] In seinem 2008 erschienenen Buch "Das unmoralische Geschlecht"[5] hatte Kucklick die "Geburt der negativen Andrologie" (so der Untertitel) wissenschaftlich untersucht. Ein negatives Männerbild sei nicht etwa Produkt des Feminismus oder der Frauenrechtsbewegung gewesen, sondern bereits in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts aufgetaucht und zunächst von männlichen Autoren entworfen worden. Von der Negativierung des Männlichen als gewalttätig, unmoralisch und triebgesteuert seien allerdings nicht nur Männer betroffen gewesen, sondern auch und gerade die moralisch aufgewerteten Frauen. Ihnen sei nämlich die Rolle der Zivilisierung der Männer aufgebürdet worden, und diese sei mit der Forderung einer Selbstaufgabe verbunden gewesen. "Wenn Männer das Problem der Gesellschaft sind, müssen Frauen die Lösung darstellen. Das geht nur, wenn sie von grundlegend anderem Charakter sind: einfühlsam, passiv, friedlich – der ganze Kanon der Beleidigungen einer reduzierten Weiblichkeit. Das Spiegelbild eben zu den Beleidigungen einer reduzierten Männlichkeit."[6]

Kucklicks Ansatz hinterfragt die allgemeine Fokussierung auf Machtanalytik in den Geschlechterwissenschaften. Eine solche versperre nicht nur den Blick auf sexistische Beleidigungen auch der Männer, sondern grundsätzlicher die Tatsache, dass die Moderne gerade von der Überführung traditionell-hierarchischer Beziehungen in die "Heterarchie der modernen Geschlechterverhältnisse" geprägt sei, "in der sozialer Wert, gesellschaftlicher Rang und geschlechterideologische Zuschreibungen ganz neue, komplexe Verbindungen"[7] eingegangen seien.

Ein Grundproblem der Argumentation liegt in dieser expliziten Abkehr von der Fokussierung auf Machtfragen. Sie lässt den Verdacht aufkommen, dass im Interesse des Fortbestands bestehender Machtgefälle auf deren Invisibilisierung hingearbeitet wird. Das gilt auch für die Fokussierung auf eine "antimännliche Andrologie" um 1800 und die ihr eigene Tendenz zur Symmetrisierung der Sexismen.[8] Diese lässt leicht übersehen, dass auch sexistische Rollenzuschreibungen für beide Geschlechter mit massiven Hierarchisierungen einhergehen können. In der Frühen Neuzeit etwa wurden, wie die Juristin Ulrike Lembke in einem Beitrag zur Sexismus-Debatte schreibt, ungeachtet der komplementären und daher scheinbar symmetrischen Zuweisung der Frauen auf die private und Männer auf die öffentliche Sphäre nur die Frauen auf den häuslichen Bereich beschränkt, während sich Männer nicht nur in der öffentlichen und privaten Sphäre bewegen konnten, sondern auch beide beherrschten. Fast alle Rechtsordnungen dieser Zeit gestanden den Männern ein Züchtigungsrecht gegenüber ihren Frauen, Kindern und Hausangestellten zu.[9]

Allerdings zeigt sich selbst bei Lembkes ausgewogenem Beitrag, dass die Fixierung auf die Geschlechterhierarchie tatsächlich, wie Kucklick schreibt, von einem "blinden Fleck"[10] begleitet ist. Lembke schreibt, dass sexualisierte Gewalt "Teil unserer Kultur" sei, "ihre Repräsentation" allgegenwärtig – und bezieht diese dann wie selbstverständlich auf Gewalt gegen Frauen: "Die Welt ist voller Bilder von Männern, die Frauen etwas nachdrücklicher zu ihrem Glück verhelfen."[11] Die Welt ist auch voller Bilder, die durchaus entgegengesetzt gedeutet werden können. Für die gegenwärtige, westliche kulturelle Sphäre lässt sich sogar behaupten, dass das, was die Soziologin Raewyn Connell als "hegemoniale Männlichkeit"[12] bezeichnet hat und wofür die Figur des weißen heterosexuellen Mannes prototypisch steht, einer deutlichen kulturellen Abwertung unterworfen ist. Man kann geradezu eine Gegenläufigkeit von struktureller und "kultureller Gewalt"[13] behaupten. Während negative Zeichnungen von Gruppen umso mehr tabuisiert erscheinen, je mehr diese Gruppen tatsächlich stigmatisiert, diskriminiert oder marginalisiert sind, ist es bei den Privilegierten genau umgekehrt: Gerade weil sie privilegiert sind, können sie offener negativiert werden.

Am 2009 erschienenen, inflationsbereinigt erfolgreichsten Kinofilm aller Zeiten, "Avatar – Aufbruch nach Pandora", lässt sich das beispielhaft aufzeigen. Während sich das Frauenbild gegenüber dem um 1800 deutlich gewandelt hat und Frauen fast ausnahmslos nicht nur als differenzsensibel und moralisch integer, sondern auch als kompetent und mutig gezeichnet werden, erscheinen weiße Männer fast durchgängig als unempathisch, rücksichtslos, interessengesteuert und gegenüber allen Schwächeren und der Umwelt unsensibel und aggressiv. Das entspricht ziemlich exakt jenen abwertenden Charakterisierungen, die Kucklick bereits gegen Ende des 18. Jahrhunderts aufkommen sieht: "gewalttätig, egoistisch, asozial, unmoralisch, hypersexuell, triebhaft, gefühlskalt, kommunikationsunfähig und verantwortungslos".[14]

Abgesehen von der Hartnäckigkeit dieser Attribute fällt noch etwas anderes auf. Kucklick zufolge ist das Aufkommen einer negativen Andrologie Ausdruck einer Verunsicherung, die mit der Umstellung von einer stratifikatorisch auf eine funktional differenzierte Gesellschaft verbunden ist.[15] Doch wenn tatsächlich bis 1750, ja bis 1765 "kaum Spuren einer maskulinen Defektontologie zu entdecken" waren, während diese um 1800 "bereits weitgehend Konsens"[16] war, und wenn die neue Geschlechterordnung tatsächlich Korrelat einer funktionalen Differenzierung der Gesellschaft gewesen wäre,[17] dann hätten sich tief greifende Transformationsprozesse in kürzester Zeit und zumeist noch vor der Französischen Revolution abgespielt haben müssen. Das erscheint wenig plausibel.

Man wird daher nach alternativen Erklärungen zu suchen haben, von denen mir eine medienhistorische besonders aussichtsreich erscheint. Im Zuge der Massenalphabetisierung im 18. Jahrhundert verringerte sich der Abstand zwischen den Alphabetisierungsgraden von Männern und Frauen beträchtlich. Gleichzeitig fand in der Wissenschaft ein Übergang vom Lateinischen zu den jeweiligen Nationalsprachen statt.[18] Beides zusammen hatte zur Folge, dass sich Deutsch schreibende Gelehrte daran gewöhnen mussten, auch von Frauen gelesen zu werden. Mit negativen Zeichnungen der Männer hätten sie daher bei der immer relevanteren weiblichen Leserschaft punkten können. Die zunehmende Negativierung der Männer durch Männer konnte als ersatzkompensatorische Kritik an den Privilegierten mit Zustimmung und Verkaufserfolgen bei den von gesellschaftlicher Teilhabe weitgehend ausgeschlossenen Frauen rechnen.

Eine solche Interpretation hat den Vorteil, auch kulturelle Abwertungen des Männlichen in den Blick nehmen zu können, ohne dabei Gefahr zu laufen, sie zu überschätzen und dadurch einer kontrafaktischen Angleichung der Sexismen oder gar Viktimisierungen der Privilegierten zuzuarbeiten.

Fußnoten

4.
Christoph Kucklick, Geschlechterdiskriminierung: Noch immer auf den Bäumen, 2.2.2013, http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/christoph-kucklick-zu-sexismus-wir-sind-nicht-von-den-baeumen-gekommen-a-880578.html« (5.12.2013).
5.
Ders., Das unmoralische Geschlecht. Zur Geburt der negativen Andrologie, Frankfurt/M. 2008.
6.
Ders., Das verteufelte Geschlecht, in: Die Zeit, Nr. 16 vom 12.4.2012, http://www.zeit.de/2012/16/DOS-Maenner« (5.12.2013).
7.
Ders. (Anm. 5), S. 17f.
8.
"Die moderne Geschlechterideologie arbeitet (…) im Kern mit parallelen Abwertungen von Männlichkeit und Weiblichkeit". Ebd., S. 18.
9.
Vgl. Ulrike Lembke, Von Heidenröslein bis Herrenwitz. Zu den kulturellen Wurzeln sexualisierter Gewalt, in: Blätter für deutsche und internationale Politik, (2013) 3, S. 53–63, hier: S. 55.
10.
C. Kucklick (Anm. 5), S. 24, S. 22.
11.
U. Lembke (Anm. 9), S. 53.
12.
Raewyn Connell/Jonas Messerschmidt, Hegemonic Masculinity, Rethinking the Concept, in: Gender & Society, 19 (2005) 6, S. 829–859.
13.
Johan Galtung, Frieden mit friedlichen Mitteln, Opladen 1998, zit. nach: U. Lembke (Anm. 9), S. 54.
14.
C. Kucklick (Anm. 5), S. 12.
15.
In einer stratifikatorisch differenzierten Gesellschaft, wie beispielsweise der ständischen Feudalgesellschaft des Mittelalters, sind alle gesellschaftlichen Sphären und Handlungsbereiche, wie Wirtschaft, Recht, Religion, Herrschaft, durch die Struktur der sozialen Schichtung (Stratifikation) bestimmt. In funktional differenzierten, modernen Gesellschaften haben sich die Sphären der Gesellschaft zu autonomen Funktionsbereichen entwickelt, "die nicht, wie im Fall der stratifikatorischen Differenzierung, von einer hierarchischen Position aus gelenkt werden, sondern jeweils ihrer eigenen Funktionslogik folgen". Thomas Schwietring, Was ist Gesellschaft? Einführung in soziologische Grundbegriffe, Konstanz–Münster 2011, S. 173f. (Anm. d. Red.)
16.
C. Kucklick (Anm. 5), S. 12.
17.
Ebd., S. 20.
18.
Vgl. Zsuzsa Mezei, Deutsch als Wissenschaftssprache – Geschichtliche Übersicht, Argumentum, 8 (2012), S. 277–305.
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