Leichte und Einfache Sprache

19.2.2014 | Von:
Valentin Aichele

Leichte Sprache – Ein Schlüssel zu "Enthinderung" und Inklusion

Die inklusive Gesellschaft ist ein fernes Ziel. Mit dem Übereinkommen der Vereinten Nationen über die Rechte von Menschen mit Behinderungen (UN-Behindertenrechtskonvention, UN-BRK[1]) hat Deutschland einen Schub in die richtige Richtung erhalten: Menschen mit Behinderungen sollen ihre Menschenrechte gleichberechtigt ausüben und die volle und wirksame Teilhabe in der Gesellschaft genießen. In Leichter Sprache lassen sich die Ziele der Konvention wie folgt zusammenfassen:
  • Frauen, Männer und Kinder mit Behinderungen dürfen nicht schlechter behandelt werden.
  • Sie haben die gleichen Rechte wie alle anderen Menschen.
  • Überall auf der Welt.
  • Menschen mit Behinderungen sollen ihre Rechte nutzen.
  • Deshalb sollen sie selbst über ihr Leben bestimmen.
  • Deshalb sollen sie überall dabei sein.
  • Deshalb sollen Menschen mit Behinderungen die Unterstützung und Hilfe bekommen, die sie brauchen.
Der Staat hat sich zu geeigneten Schritten verpflichtet, die Rechte von Menschen mit Behinderungen einzuhalten, umzusetzen und den erforderlichen gesellschaftlichen Wandel zu organisieren. Auf dem Weg zur "enthinderten"[2] und inklusiven Gesellschaft sind zahlreiche Barrieren abzubauen und mehr Möglichkeiten für echte gesellschaftliche Teilhabe für Menschen mit Behinderungen zu schaffen. Bei der Enthinderung und Inklusion spielt auch Leichte Sprache eine wichtige Rolle. Zahlreiche Menschen, darunter auch Menschen mit Behinderungen, verstehen schwere Sprache[3] nicht – ihnen kann Leichte Sprache wie ein Schlüssel die Tür zum Verständnis öffnen.

Leichte Sprache bezeichnet eine verständliche Sprache, die bestimmte Anforderungen erfüllt.[4] Leichte Sprache gibt es in Wort und Schrift. Sie folgt bestimmten Regeln, nutzt einfache Worte und kurze Sätze. Bilder dienen als Unterstützung. Menschen mit Behinderungen prüfen diese Texte vor ihrer Veröffentlichung auf ihre Verständlichkeit. Leichte Sprache richtet sich nicht an eine gesellschaftlich abgrenzbare Gruppe, sondern an alle Menschen. Die Idee ist, die deutsche Sprache so zu verwenden, dass sie von allen besser verstanden wird. Texte in Leichter Sprache erfreuen sich allgemein wachsender Beliebtheit.

Für einige Personengruppen indes bietet Leichte Sprache entscheidende neue Möglichkeiten, um sich Zugänge zu gesellschaftlichen Bereichen zu verschaffen. Das gilt eben nicht nur für Menschen mit Behinderungen wie beispielsweise Menschen mit Lernschwierigkeiten, mit Lern- oder einer geistigen Behinderung, wie auch immer sie sich selbst bezeichnen mögen, sondern auch für Menschen mit eingeschränkten Deutschkenntnissen oder Deutsch als Fremd- und Zweitsprache, ältere Menschen und Jugendliche. Auch manche gehörlose Menschen berichten von den großen Vorteilen, die Leichte Sprache für sie hat.

Leichte Sprache hat mit der UN-BRK Rückenwind erfahren. Doch die Grundlagen, auf denen heute Leichte Sprache weiterentwickelt wird, liegen zeitlich vor der Konvention und wurden von Menschen mit Lernschwierigkeiten vor über zehn Jahren selbst angestoßen. Über die Jahre hinweg hatten sie für die Verwendung und Verbreitung von Leichter Sprache geworben und dabei auf ihre Bedeutung für Selbstbestimmung und Inklusion verwiesen. Sie haben Regelwerke entwickelt und damit die Standardisierung der verständlichen Sprache hin zur Leichten Sprache vorangebracht. Ein wichtiger Baustein ist außerdem das vom Netzwerk Mensch Zuerst herausgegebene "Neue Wörterbuch für Leichte Sprache".[5] Begleitend hat sich, ohne dass eine bestimmte Art von Illustrationen für Leichte Sprache erforderlich wäre, in den vergangenen Jahren eine relativ einheitliche Bebilderung für Texte in Leichter Sprache durchgesetzt.[6]

Im Bundesgebiet haben sich im Anschluss an das erste "Büro für Leichte Sprache" der Lebenshilfe Bremen weitere Dienstleister etabliert. Diese bilden heute das "Netzwerk Leichte Sprache". Die Büros selbst sind auch Unternehmen, die Aufträge annehmen und schwere Texte in Leichte Sprache übertragen. Für diese Übertragung braucht es eine Spezialkompetenz, ähnlich der Übersetzungsleistung von einer Sprache in eine andere. Darüber hinaus bietet die "Versprachlichung der Welt" in Leichte Sprache Menschen mit Behinderungen Arbeit und Einkommen, da sie im Übertragungsprozess eine zentrale Rolle spielen. Einige der Unternehmen führen auch Schulungen und Trainings durch.

Schwere Sprache – eine Hürde im Alltag

Alle Menschen stoßen bei Sprache irgendwann an die Grenze von Verständnis und Verständigung. Es muss nicht gleich die Kritik der reinen Vernunft von Immanuel Kant oder eine wissenschaftliche Abhandlung der Relativitätstheorie sein. Auch das alltägliche "Beamtendeutsch" gehört der schweren Sprache an und ist oftmals kaum verständlich: Wer hat es nicht schon erlebt, dass Formulare, die zum Beispiel Behördenvorgänge erläutern, sich einem nicht erschließen? Unklar bleibt, wohin man sich in solchen Fällen wenden kann.

In vielen Lebensbereichen müssen wir heute mit schwerer Sprache zurechtkommen. Dinge werden schwer gesagt und schwer geschrieben, obwohl sie auch leicht gesagt und leicht geschrieben werden könnten. Etwa bei der gesundheitlichen Aufklärung, wenn der Arzt oder die Ärztin komplizierte medizinische Begriffe benutzt, oder wenn uns der Beipackzettel eines Medikaments über Risiken und Nebenwirkungen im Unklaren lässt, weil wir den Text nicht verstehen. Gebrauchsanleitungen von Haushaltsgeräten sind häufig in Minimalgröße gedruckt und in vielen Fällen verwirrend. Texte aus der Wissenschaft oder Fachvorträge sind kompliziert und langatmig. Den Nachrichten des Tages zu folgen oder die überregionale Tageszeitung zu lesen, ermüdet – schon deshalb, weil Medienschaffende häufig viele Fremdwörter bemühen. Schwere Sprache ist also für viele Menschen eine nahezu unüberwindbare Hürde, Inhalte eines Textes zu verstehen. Das schränkt ihre Handlungsmöglichkeiten ohne Not ein. Leichte Sprache dagegen ist ein Ansatz, um diese Grenzen des Verständnisses von Informationen nicht künstlich eng zu halten, sondern auszuweiten und neue Zugänge zu erschließen.

Fußnoten

1.
Vgl. Valentin Aichele, Behinderung und Menschenrechte: Die UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen, in: APuZ, 23 (2010), S. 13–19.
2.
"Enthinderung" beschreibt den Prozess, die umwelt- und einstellungsbedingten Faktoren, die Menschen mit Beeinträchtigungen in der Ausübung ihrer Rechte behindern, abzubauen und zu vermeiden.
3.
Mit "schwerer Sprache" ist Sprache gemeint, die aufgrund ihrer Komplexität, langen Sätze, grafischen Darstellung und ihres Wortschatzes einigen Menschen Verständnisschwierigkeiten bereitet.
4.
Vgl. Netzwerk Leichte Sprache (Hrsg.), Die Regeln für Leichte Sprache, http://www.leichtesprache.de« (11.2.2014).
5.
Vgl. Mensch Zuerst – Netzwerk People First Deutschland (Hrsg.), Das neue Wörterbuch für leichte Sprache, Kassel 2008.
6.
Vgl. Lebenshilfe Bremen (Hrsg.), Leichte Sprache, Marburg 2013.
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Autor: Valentin Aichele für bpb.de
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