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Leichte und Einfache Sprache

19.2.2014 | Von:
Valentin Aichele

Leichte Sprache – Ein Schlüssel zu "Enthinderung" und Inklusion

Zugänge zu Information und barrierefreie Kommunikation

Die UN-BRK verpflichtet Deutschland, geeignete Maßnahmen zu treffen, um die Rechte von Menschen mit Behinderungen zu gewährleisten (Artikel 4). Dem Zugang zu Information und der barrierefreien Kommunikation kommt in der Konvention insgesamt ein großer Stellenwert zu. Gemeint ist damit, dass Information und Kommunikation die spezifischen Bedarfe von Menschen mit Behinderungen aufnehmen. Dazu gehört auch die Leichte Sprache.

Zu dieser allgemeinen Verpflichtungsebene treten spezifische staatliche Verpflichtungen hinzu. So haben auch Menschen mit Behinderungen das Recht, sich Informationen zu beschaffen, zu empfangen oder weiterzugeben (Artikel 21 UN-BRK). Das Recht auf Zugang betrifft insbesondere die für die Allgemeinheit bestimmten Informationen, die rechtzeitig und ohne zusätzliche Kosten in zugänglichen Formaten und Technologien für Menschen mit Behinderungen in ihrer Vielfalt zur Verfügung gestellt werden sollen. Im Umgang mit Behörden, so die Konvention weiter, sollen die von Menschen mit Behinderungen selbst gewählten Kommunikationsmittel akzeptiert und gefördert werden. Auch Massenmedien in privater Trägerschaft sollen durch den Staat dringend aufgefordert werden, ihre Informationen und Dienstleistungen in Formaten zur Verfügung zu stellen, die für Menschen mit Behinderungen zugänglich und nutzbar sind.

Die Konvention formuliert darüber hinaus die Verpflichtung, systematisch Barrieren abzubauen (Artikel 9).[7] Das zugrunde liegende "Enthinderungs-Gebot" bezieht sich auf alle Lebensbereiche, wie bauliche Anlagen in Bezug auf Wohnen, Arbeit und Mobilität, aber auch ausdrücklich auf den Zugang zu Information und Kommunikation wie "zu anderen Einrichtungen und Diensten, die der Öffentlichkeit (…) offenstehen oder für sie bereitgestellt werden". Hierzu gehören auch Maßnahmen, die Barrieren zu sprachlich vermittelten Inhalten senken sowie Informationen in verständlicher Sprache verbreiten.[8] Hier können viele Faktoren, wie überkomplexe und lange Satzkonstruktionen, Fremdwörter oder Wortschöpfungen, jenseits der schweren Sprache Zugänge verschließen, die insgesamt abgebaut werden sollen.

Rechtliche Rahmenbedingungen

Das deutsche Recht bietet bislang nicht viele Regelungen für Leichte Sprache. Während es für private Akteure noch keine Vorgaben gibt, existieren für den staatlichen Bereich wenige, teils weiche Vorgaben. Hier finden sich einige Anknüpfungspunkte etwa im Regelungszusammenhang Barrierefreiheit. Behindertengleichstellungsgesetze in Bund und Ländern betreffen den Kontakt zwischen Menschen mit Behinderungen und Behörden.[9] Diese buchstabieren Anforderungen an Barrierefreiheit in Bezug auf die Verwaltungspraxis aus.

Gesetzlich ist Leichte Sprache durch die enthaltenen Definitionen von Barrierefreiheit inhaltlich zufriedenstellend abgedeckt.[10] Jedoch wurde die praktische Relevanz Leichter Sprache für die Verwaltung bis vor dem Inkrafttreten der UN-BRK nur selten erkannt. Diese schwache Wirkung der gesetzlichen Regelung, Leichte Sprache innerhalb der Verwaltungspraxis zu fördern, mag ein Grund sein, warum auf Bundesebene das Behindertengleichstellungsgesetz derzeit evaluiert wird.[11] Einige Bundesländer planen bereits eine Ergänzung ihrer Gesetze, um der Verwaltung klare Vorgaben für den Umgang mit Leichter Sprache zu machen.

Was die Internetangebote der Bundesbehörden betrifft, so stärkt die Verordnung zur Schaffung barrierefreier Informationstechnik nach dem Behindertengleichstellungsgesetz (Barrierefreie-Informationstechnik-Verordnung, BITV 2.0) den Gebrauch von Leichter Sprache.[12] Als Neuerung gibt die BITV 2.0 vor, dass Internetauftritte und -angebote der Bundesbehörden eine Zusammenfassung des Inhalts und eine Hilfe zur Navigation in Leichter Sprache enthalten müssen. Im Anhang 2 der Verordnung werden konkrete Vorgaben dafür gemacht.

Für den Rundfunk- und Medienbereich, der länderübergreifend organisiert wird (etwa ARD, ZDF, Deutschlandfunk), ist der aktuelle Rundfunkstaatsvertrag einschlägig. Zwar bietet dieser keinen ausdrücklichen Hinweis auf Leichte Sprache. Jedoch deckt die allgemeine Formulierung "barrierefreie Angebote", die nach der neuen Fassung vermehrt mit aufzunehmen sind, auch Leichte Sprache ab.[13] Zeitliche Vorgaben werden nicht gemacht.

Positiver Trend

Seit ihrem Inkrafttreten 2009 entfaltet die UN-BRK in Deutschland eine starke Dynamik. Seitdem ist beispielsweise kein Koalitionsvertrag in Bund und Ländern geschlossen worden, ohne die UN-BRK aufzunehmen und damit konkrete politische Vorhaben zu deren Umsetzung zu verbinden. Ein Ergebnis dieser Entwicklungen besteht auch darin, dass zunehmend mehr Texte in Leichter Sprache angeboten werden. Leichte Sprache wird von immer mehr Akteuren entdeckt, und Texte und Materialien in Leichter Sprache erfreuen sich einer wachsenden Beliebtheit.

Zu den Texten in Leichter Sprache gehört nicht zuletzt die UN-BRK selbst. Die gedruckte Fassung veröffentlichte das Bundesministerium für Arbeit und Soziales unmittelbar nach ihrem Inkrafttreten. Heute gibt es die Konvention in Leichter Sprache auch in einer interaktiven Version im Internet, die vom Deutschen Institut für Menschenrechte entwickelt wurde.[14] Staatliche Akteure wie Bund, Länder, Gemeinden und auch Organisationen im nichtstaatlichen Bereich haben Aktionspläne oder Maßnahmenpakete zur Umsetzung der Konvention verabschiedet, und einige wiederum haben diese auch in Leichter Sprache veröffentlicht.[15]

Manche staatliche Stellen haben darüber hinaus in den vergangenen Jahren größere Vorhaben in Leichter Sprache realisiert. Es können in diesem engen Rahmen nur wenige exemplarisch aufgeführt werden: Die Bundesregierung hat 2013 in Zusammenarbeit mit dem Netzwerk Leichte Sprache einen Ratgeber erstellt.[16] Dieser richtet sich ausdrücklich an Ämter und Behörden und soll eine praktische Orientierung für das Abfassen von Texten in Leichter Sprache bieten. Damit sollen ausdrücklich Personen einbezogen werden, die nicht so gut lesen oder nicht so gut Deutsch sprechen können. Auch die Bundesländer haben die Aufgabe, Leichte Sprache zu verbreiten, auf höchster politischer Ebene aufgegriffen. So hat die Arbeits- und Sozialministerkonferenz 2013 beschlossen, Texte aus Behörden und Ministerien künftig häufiger nach den Regeln der Leichten Sprache zu formulieren.[17] Die Bundesländer wollen dazu beitragen, dass Menschen mit Lese- und Verständnisschwierigkeiten behördliche Informationen besser verstehen. Einzelne Bundesländer haben dafür Modellprojekte ins Leben gerufen.[18]

Außerdem sind Anstrengungen unternommen worden, um Informationen im Bereich der politischen Bildung in Leichter beziehungsweise verständlicher Sprache bereitzustellen. So erklärt der Deutsche Bundestag auf seiner Webseite in Leichter Sprache, was er tut und wie die Kanzlerin gewählt wird.[19] Insbesondere vor der Bundestagswahl 2013 wurden zahlreiche Materialien für die politische Bildung und die Vorbereitung der Wahlen in Leichter Sprache zugänglich gemacht.[20] Alle größeren Parteien haben ihre Parteiprogramme zusätzlich in Leichter beziehungsweise Einfacher Sprache präsentiert.

Seit Anfang 2013 bietet das Onlineportal "Nachrichten leicht" Nachrichten in Einfacher Sprache an; es ist auf die Bedarfe von Menschen mit Behinderungen weitaus besser eingestellt als viele andere Nachrichtenportale.[21] Es handelt sich dabei um ein Internetangebot des Deutschlandfunks, das jeden Samstag die wichtigsten Nachrichten veröffentlicht. Das Programm achtet über die sprachliche Darstellung hinaus auch zunehmend auf die Barrierefreiheit (wie die technische Zugänglichkeit). Das Angebot von Nachrichten in leichter Fassung schließt die enorme Lücke im Bereich der Information allerdings nur ansatzweise. Im Rahmen einer Studie aus dem Jahr 2013 wurden private Internet-Nachrichtenportale auf Barrierefreiheit hin untersucht. Die Studie stellte großen Handlungsbedarf in Bezug auf Barrierefreiheit, also auch für Leichte Sprache, fest.[22]

Auch nichtstaatliche Akteure fördern Leichte Sprache. Dazu gehört die Aktion Mensch, die sich dafür einsetzt, dass das Internet für alle zugänglich wird. Sie würdigt zum Beispiel im Rahmen des Wettbewerbs barrierefreies Webdesign ("BIENE") Seiten in Leichter Sprache. Ein weiteres Beispiel ist die Monitoring-Stelle zur UN-BRK, deren Publikationsreihe "Positionen" im Wendeformat erscheint, das heißt in einer Printform kombiniert aus schwerer und Leichter Sprache.[23] Die Bibliothek des Deutschen Instituts für Menschenrechte hat zudem eine Sammlung deutsch- und englischsprachiger Dokumente in Leichter Sprache angelegt und in ihren Bestand aufgenommen.[24] Andere nichtstaatliche Organisationen erklären die Fußballregeln in Leichter Sprache, was im Jahr der Fußballweltmeisterschaft nicht fehlen darf.[25]

Fußnoten

7.
Vgl. Deutsches Institut für Menschenrechte (Hrsg.), Systematische "Enthinderung": UN-Behindertenrechtskonvention verpflichtet zum Barriereabbau, Berlin 2012.
8.
In Artikel 2 der Konvention wird unterstrichen, dass Kommunikation einen hohen Stellenwert hat. Diese schließt "Sprachen, Textdarstellung, Brailleschrift, taktile Kommunikation, Großdruck, leicht zugängliches Multimedia sowie schriftliche, auditive, in Einfache Sprache übersetzte, durch Vorleser zugänglich gemachte sowie ergänzende und alternative Formen, Mittel und Formate der Kommunikation, einschließlich leicht zugänglicher Informations- und Kommunikationstechnologie" ein. Hier wird Einfache Sprache ("plain language") ausdrücklich genannt.
9.
Vgl. Horst Frehe/Felix Welti, Behindertengleichstellungsrecht, Baden-Baden 20122.
10.
Siehe etwa §4a des Berliner Landesgleichberechtigungsgesetzes, das erste Gleichstellungsgesetz für Menschen mit Behinderungen im Bundesgebiet: "Barrierefrei sind bauliche Anlagen, Verkehrsmittel, technische Gebrauchsgegenstände, Systeme der Informationsverarbeitung, akustische und visuelle Informationsquellen und Kommunikationseinrichtungen sowie andere gestaltete Lebensbereiche für Menschen mit Behinderungen in der allgemein üblichen Weise ohne besondere Erschwernis und grundsätzlich ohne fremde Hilfe zugänglich und nutzbar sind."
11.
Bezug genommen wird auf das Vorhaben aus dem Nationalen Aktionsplan der Bundesregierung, das Behindertengleichstellungsgesetz auf Bundesebene im Lichte der UN-Behindertenrechtskonvention einer unabhängigen Prüfung zu unterziehen.
12.
Vgl. §3 Abs. 2, BITV 2.0 in der Fassung vom 12.9.2011, http://www.gesetze-im-internet.de/bitv_2_0/BJNR184300011.html« (3.2.2014).
13.
Vgl. Staatsvertrag für Rundfunk und Telemedien (Rundfunkstaatsvertrag, RStV) vom 1.1.2013, http://www.die-medienanstalten.de/fileadmin/Download/Rechtsgrundlagen/Gesetze_aktuell/15_RStV_01-01-2013.pdf« (3.2.2014).
14.
Vgl. http://www.ich-kenne-meine-rechte.de« (3.2.2014).
15.
Vgl. Saarland Ministerium für Soziales, Gesundheit, Frauen und Familie (Hrsg.), Saarland inklusiv – unser Land für alle, Saarbrücken 2012; Landkreis Rosenheim (Hrsg.), Teilhabeplan für Menschen mit Behinderungen im Landkreis Rosenheim, Rosenheim 2013.
16.
Vgl. Bundesministerium für Arbeit und Soziales (Hrsg.), Leichte Sprache. Ein Ratgeber, Berlin 2013.
17.
Vgl. Pressemitteilung der Hansestadt Bremen vom 27.11.2013 in Leichter Sprache, http://www.leichtesprache.org/downloads/Werbung%20Leichte%20Sprache%20November%202013.pdf« (3.2.2014).
18.
Beispielsweise Hessen, http://www.behindertenrechtskonvention.hessen.de/
aw/home/Modellregionen/~bke/Wiesbaden
(3.2.2014).
19.
Vgl. http://www.bundestag.de/leichte_sprache« (3.2.2014).
20.
Vgl. http://www.bpb.de/166736« (3.2.2014); http://politische-bildung-sh.de/wp-content/uploads/wahlhilfe_Stand_20-01-2012.pdf?PHPSESSID=0kvqh36dvitpe2s77miatult72« (3.2.2014).
21.
Vgl. http://www.nachrichtenleicht.de« (3.2.2014).
22.
Vgl. Manuela Heim, Wie barrierefrei sind Spiegel Online und Co.?, in: inklusiv! Das Gesellschaftsmagazin für alle, (2013) 3.
23.
Vgl. http://www.institut-fuer-menschenrechte.de/monitoring-stelle.html« (3.2.2014).
24.
Vgl. http://www.institut-fuer-menschenrechte.de/bibliothek/medien-in-leichter-sprache.html« (3.2.2014).
25.
Vgl. http://www.lebenshilfe-bremen.de/files/Fussball-Regeln_in_Leichter_Sprache.pdf« (3.2.2014).
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