30 Jahre Deutsche Einheit Mehr erfahren
Leichte und Einfache Sprache

19.2.2014 | Von:
Valentin Aichele

Leichte Sprache – Ein Schlüssel zu "Enthinderung" und Inklusion

Aufgaben und Herausforderungen

Der Trend hin zu mehr Leichter Sprache ist positiv. Doch sowohl im staatlichen als auch im gesellschaftlichen Bereich bestehen noch große Herausforderungen. Wo liegen aus der Sicht der UN-BRK weitere Aufgaben für die Zukunft?

Bereits heute besteht ein großer Bedarf nach amtlichen Informationen in Leichter Sprache, der vermutlich zunehmen wird, je stärker Nutzerinnen und Nutzer den Gewinn erkennen. Wesentliche Behördeninformationen sollten in Leichter Sprache verfügbar sein, wie Behördenführer der Stadt für Menschen mit Behinderungen[26], aber auch allgemeine Informationen, die nicht ausschließlich Menschen mit Behinderungen adressieren, wie gesetzliche Regelungen oder Antragsformulare mit Erläuterungen.

Darstellungen in Leichter Sprache sind nicht gleichzeitig barrierefrei. Hinzu kommt die technische Zugänglichkeit von Texten in elektronischen Formaten oder im Internet, sodass etwa eine Person, die eine computergestützte Vorlesevorrichtung ("Screen-Reader") nutzt, sich den Text ohne technische Schwierigkeiten vorlesen lassen kann. Die Verordnung BITV 2.0 auf Bundesebene setzt hier gewisse Standards. Allerdings gelten diese nur für Bundesbehörden. In den Ländern sind, soweit diese sich nicht der BITV 2.0 angeschlossen oder vergleichbare Vorgaben haben, deshalb entsprechende Regelungen notwendig; auch sollten die rechtlichen Anforderungen auf öffentlich-rechtliche wie auch private Medien ausgeweitet werden. Der Rundfunkstaatsvertrag, der nur für ARD, ZDF und Deutschlandfunk gilt, genügt mit lediglich einer abstrakten Formulierung für die Entwicklung einer inklusiven Medienwelt hierfür in keiner Weise.

In Bezug auf den Behördenverkehr gibt es noch viele Chancen für die Modernisierung der Verwaltung. Das derzeitige Verwaltungsverfahren gibt Anlass, den Stellenwert der Leichten Sprache gesetzlich zu stärken. Hier ist die direkte Kommunikation etwa bei der Anhörung im Verfahren oder der Begründung von Entscheidungen tägliche Praxis. Bescheide ("Verwaltungsakte"), für welche die Behörden heute in vielen Fällen Textbausteine in schwerer Sprache verwenden, könnten ohne Weiteres auch durch Bausteine in Leichter Sprache ersetzt oder in einem Anhang mit Ausführungen in Leichter Sprache ergänzt werden. So wären beispielsweise die Entscheidung, die Begründung oder die Rechtsbehelfsbelehrung in Leichter Sprache sicherlich ein Fortschritt. Hier sollten die notwendigen Änderungen im Rahmen der laufenden Evaluation des Behindertengleichstellungsgesetzes des Bundes (und analog auf Landesebene) auch im Hinblick auf Leichte Sprache geprüft werden.

Nicht zuletzt ist geboten, die angemessenen Vorkehrungen zu gewährleisten. Angemessene Vorkehrungen sind Maßnahmen, die im Einzelfall den Zugang zu Informationen sichern und Kommunikation gewährleisten (Artikel 2 in Verbindung mit Artikel 5 UN-BRK).[27] Solange es noch keine allgemeinen Regeln oder Textbausteine in Leichter Sprache gibt, ist die Verwaltung im Sinne dieses konzeptionellen Ansatzes schon heute verpflichtet, im Rahmen ihrer Möglichkeiten bedarfsorientierte Lösungen zu entwickeln. In diesem Zusammenhang darf Leichte Sprache nicht vergessen werden.

Die Bedarfe für die Übertragung in Leichte Sprache werden in den kommenden Jahren für verschiedene Sektoren der Verwaltung zunehmen. Daher drängt sich die Überlegung auf, ob sie innerhalb der eigenen Strukturen Übersetzungsstellen einrichtet und damit ihre zentralen Dienste erweitert. Noch offene Fragen sind, welche wesentlichen Rechtsvorschriften in Leichte Sprache überführt und zusammengefasst werden und in welchem Umfang die Gerichtsbarkeit in Zukunft Leichte Sprache nutzen sollte.

Für den nichtstaatlichen Bereich höchst relevant ist der Zugang zu Gütern und Dienstleistungen für Menschen mit Behinderungen, der oftmals von Leichter Sprache abhängt. Mit Gütern und Dienstleistungen sind weite Bereiche des gesellschaftlichen Lebens angesprochen, in denen Leichte Sprache bislang wenig oder noch überhaupt nicht genutzt wird. Dazu gehören zum Beispiel Produktinformationen für Haushaltsgeräte und Medikamente oder Informationen im Versicherungswesen sowie in Bezug auf Gebrauchsgegenstände (Stichwort "universelles Design"). Die Europäische Union hat deshalb angekündigt, für diesen übergreifenden Bereich von Gütern und Dienstleistungen einen Entwurf für neue allgemeine Regelungen vorzulegen, die der Verpflichtung zu "Zugänglichkeit" Rechnung tragen.[28]

Auch nichtstaatliche Stellen (wie Unternehmen, Selbstständige) haben die Aufgabe, allgemeine Informationen verständlich bereitzustellen und den Zugang dazu zu gewährleisten. Dazu gehört insbesondere die Beratung in Leichter Sprache, die in vielen unterschiedlichen Lebenslagen relevant werden kann: Bei der Arztsuche oder beim Arztbesuch, etwa wenn eine Patientin mit einer geistigen Behinderung über die Schwangerschaftsverhütung aufgeklärt werden möchte; bei der Suche nach einem Rechtsbeistand oder der Rechtsberatung durch die Anwaltschaft. Es wäre deshalb wünschenswert, dass die verschiedenen Berufsgruppen ihre Arbeit besser auf die spezifischen kommunikativen Bedarfe von Menschen mit Behinderungen einstellen und Leichte Sprache wie selbstverständlich in ihre professionelle Praxis integrieren. Die Verbände sollten ihre Mitglieder informieren und sensibilisieren, Trainingsprogramme und professionelle Hilfe anbieten und Zugänge zu wichtigen Informationen in Leichter Sprache bereithalten. Hier liegen auch Chancen, neue Zielgruppen zu erreichen.

Ein besonderer Stellenwert bei Menschen mit Behinderungen kommt der eigenständigen Entscheidung in rechtlichen Angelegenheiten zu. Die Entmündigung von Erwachsenen wurde in Deutschland zwar vor über 20 Jahren abgeschafft; auch Menschen etwa mit eingeschränkter Sprachkompetenz sind seitdem im Sinne des Bürgerlichen Gesetzbuches voll geschäftsfähig. Doch das Menschenrecht auf gleiche Anerkennung vor dem Recht fordert darüber hinaus, dass Menschen mit Behinderungen Zugang zu Unterstützung erhalten, die sie brauchen, um eine freie und gut informierte Entscheidung zu treffen. Die UN-BRK gibt dem persönlichen rechtlichen Handeln Vorrang vor Fremdbestimmung und der Entscheidung durch Dritte.[29] Hier steht die Berufsgruppe der gesetzlichen Betreuerinnen und Betreuer vor der Herausforderung, Betroffene in allen Fällen in Bezug auf rechtliches Handeln verständlich zu beraten. Gerade im Feld des rechtlichen Handelns sind Informationen in Leichter Sprache unabdingbar, wie etwa Vertragsformulare in Leichter Sprache, Informationen über die gesetzlichen Regelungen der Eheschließung oder Vordrucke und Erklärungen zu wichtigen Angelegenheiten des Lebens wie Patientenverfügungen oder Organspendeausweise.

Fazit

Alle Menschen, ob mit oder ohne Behinderungen, stoßen immer wieder an die Grenzen des sprachlichen Verständnisses. Leichte Sprache versucht, die Grenzen, die schwere Sprache bisweilen für das Verständnis setzt, nicht künstlich eng zu halten, sondern auszuweiten. Leichte Sprache bietet daher für Menschen mit Behinderungen – nicht für alle, aber für eine nicht zu vernachlässigende Größe – ein enormes Potenzial, ihnen einen verbesserten Zugang zu Informationsinhalten und zu mehr Kommunikation zu verschaffen. Leichte Sprache ist damit ein Schlüssel zur Enthinderung der Gesellschaft und zu mehr Selbstbestimmung. Die Inklusion von Menschen mit Behinderungen in der Gesellschaft ist ein wichtiger Beitrag für die Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention in Deutschland. Schwere Sprache stellt mitunter eine unüberwindbare Hürde für das Verständnis und den Zugang zu Informationsinhalten dar. Leichte Sprache ist daher von lebenspraktischer Wichtigkeit und Bedingung für ein selbstbestimmteres Leben. Das Problem ist nicht schwere Sprache an sich, sondern vielmehr, dass es nach wie vor zu wenige Informationen in Leichter Sprache gibt und dass sich Kommunikation noch zu selten den Anforderungen der Leichten Sprache stellt.

Damit soll schwere Sprache nicht an sich kritisiert werden. Sicherlich kann schwere Sprache gesellschaftliche Elitenbildung und undemokratische Strukturen befördern, die Exklusivität von Wissen und Wissenschaft erhalten, Machterhalt sichern oder auch zum Zwecke sozialer Repression instrumentalisiert werden. Trotzdem behält schwere Sprache in all ihren Varianten ihren berechtigten Platz in einer vielfältigen Gesellschaft, schon alleine wegen ihrer Bedeutung in der Lyrik, Philosophie oder Wissenschaft.

In Deutschland ist seit einigen Jahren ein positiver Trend zu mehr Leichter Sprache zu beobachten. Viele Akteure haben zur Bekanntmachung und Verbreitung der Leichten Sprache beitragen. Es ist mehr als wünschenswert, dass diese Entwicklung fortgesetzt und durch rechtliche Regelungen gefördert wird. Dies gilt vor allem für den privaten Bereich, der Leichte Sprache bislang noch kaum als Aufgabe und Chance für sich entdeckt hat. Verpflichtende Regelungen für Leichte Sprache fehlen, und nachhaltige Initiativen sind für viele Lebensbereiche, Berufsfelder und Themen erforderlich.

Der jüngste Koalitionsvertrag im Bund enthält (neben anderen Bezügen zu den Rechten von Menschen mit Behinderungen) unter der Überschrift "UN-Behindertenrechtskonvention umsetzen" folgende Passage: "Auf dem Weg zur inklusiven Gesellschaft ist die UN-Behindertenrechtskonvention (UN-BRK) bei politischen Entscheidungen, die die Menschen mit Behinderungen betreffen, zu berücksichtigen. Gemeinsam mit den Menschen mit Behinderungen und deren Organisationen werden wir den Nationalen Aktionsplan weiterentwickeln. Wichtige Etappenziele sind mehr Teilhabe, Selbstbestimmung und Barrierefreiheit im Alltag. Der leichtere Zugang für Menschen mit Behinderungen zu Transportmitteln, Informationen und Kommunikation sowie zu Einrichtungen und Diensten ist unabdingbar."[30] Diese Passage lässt Menschen mit Behinderungen, die nach mehr gesellschaftlicher Teilhabe streben, hoffen, dass aus der Politik bald weitere Impulse zur Verbreitung von Leichter Sprache kommen.

Fußnoten

26.
Vgl. etwa: Berliner Rat-Geber für Menschen mit Behinderung in Leichter Sprache, hrsg. vom Berliner Landesamt für Gesundheit und Soziales und der Senatsverwaltung für Gesundheit und Soziales, Berlin 2013.
27.
Vgl. Deutsches Institut für Menschenrechte (Hrsg.), Barrieren im Einzelfall überwinden: angemessene Vorkehrungen gesetzlich verankern, Berlin 2012.
28.
Vgl. European Commission (Hrsg.), European Disability Strategy 2010–2020: A Renewed Commitment to a Barrier-Free Europe, SEC(2010) 1324 final vom 15.11.2010, Brüssel 2010.
29.
Vgl. Valentin Aichele (Hrsg.), Das Recht auf Gleichheit vor dem Recht. Artikel 12 der UN-Behindertenrechtskonvention, Baden-Baden 2013.
30.
Deutschlands Zukunft gestalten, Koalitionsvertrag zwischen CDU, CSU und SPD, 18. Legislaturperiode, Berlin 2013, S. 110.
Creative Commons License

Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht. Autor/-in: Valentin Aichele für bpb.de

Sie dürfen den Text unter Nennung der Lizenz CC BY-NC-ND 3.0 DE und des/der Autors/-in teilen.
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken / Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.