Eine Stimmabgabe für das Europäische Parlament, fotografiert als Illustration am 26.02.2014 in Potsdam (Brandenburg). Vom 22. bis 25. Mai 2014 wählen die Bürgerinnen und Bürger der Europäischen Union zum achten Mal das Europäische Parlament. In Deutschland findet die Wahl am Sonntag, dem 25. Mai 2014 statt.

11.3.2014 | Von:
Martin Fuchs
Anne Laumen

#EP2014: Europawahlkampf im Netz

Europaabgeordnete und Social Media

Mit Hilfe der Social-Media-Analyseplattform Pluragraph.de haben wir die Online-Aktivitäten der 99 deutschen MdEPs vor der Europawahl analysiert. Fast jede und jeder MdEP nutzt mindestens ein soziales Netzwerk für die digitale Kommunikation mit den Bürgern. 93 von 99 Abgeordneten (94 Prozent) haben ein aktives Profil auf Facebook, Twitter, Youtube, Google Plus, Linkedin, Xing oder Flickr (vgl. Abbildung in der PDF-Version).

Das am meisten verbreitete Netzwerk unter den MdEPs ist Facebook. Analog zum Deutschen Bundestag gibt es hier die meisten Profile, auch wenn der prozentuale Anteil etwas geringer ist: Vier von fünf deutschen Europaabgeordneten nutzen entweder ein Privatprofil, eine Fanseite oder beides (81 Prozent). Im Bundestag sind es neun von zehn Abgeordneten (91 Prozent). Auch Fanseiten, die für die Nutzung durch öffentliche Personen gedacht sind, sind im Europaparlament weniger verbreitet als im Bundestag. Nur jeder zweite deutsche MdEP hat sich für die professionelle Darstellung mit Hilfe einer Fanseite entschieden. Im Durchschnitt hat jeder deutsche MdEP 2675 Fans, was in etwa der durchschnittlichen Anzahl von Fans eines Bundestagsabgeordneten entspricht.[12] Dabei reicht die Spanne von unter 100 bis weit über 50.000 Fans. Insgesamt sind knapp 55 Prozent aller europäischen MdEPs mit einem Privatprofil, einer Fanseite oder beidem auf Facebook vertreten.

Auf keiner anderen Plattform erreicht man als politisch Aktiver potenziell mehr Bürger direkt als auf Facebook: Aktuell sind über 25 Millionen Deutsche Mitglied im Netzwerk, 13 Millionen loggen sich täglich allein über mobile Geräte ein.[13] Besonders in der Zielgruppe der 18- bis 29-Jährigen nutzen laut einer Studie des Branchenverbandes Bitkom bereits 55 Prozent der Bürger Social Media für politische Informationen, in der Gesamtbevölkerung sind es 35 Prozent.[14] Die Verbreitung von Facebook unter den deutschen MdEPs wäre im Sinne einer stärkeren Wahrnehmung von europapolitischen Aktivitäten – auch zwischen den Wahlen – also noch ausbaufähig.

Auffällig ist die im Vergleich zum Bundestag etwas stärkere Nutzung des Mikrobloggingdienstes Twitter: 59 Prozent der deutschen MdEPs (58 Abgeordnete) sind bei Twitter angemeldet, unter den Bundestagsabgeordneten beträgt die Verbreitung 51 Prozent. Im Durchschnitt haben die deutschen MdEPs etwa 2580 Follower, was ebenfalls über dem Durchschnitt der Bundestagsabgeordneten liegt (2308). In Brüssel ist Twitter ein viel genutztes Netzwerk für die Europakommunikation, sowohl von Journalisten und Interessenvertretern als auch von öffentlichen Institutionen und Politikern. Europaweit twittern rund 53 Prozent aller Europaabgeordneten. Dabei ist der Kurznachrichtendienst in einigen Ländern besonders beliebt, zum Beispiel twittern 24 der 26 niederländischen Europaabgeordneten. Twitter ist allerdings, sowohl in Brüssel als auch in Deutschland, bislang ein klassisches Multiplikatorennetzwerk, das schwerpunktmäßig von Journalisten, Politikern und anderen Meinungsmachern genutzt wird: Nur rund sieben Prozent der Deutschen nutzen laut ARD/ZDF-Onlinestudie das Netzwerk mehr oder weniger aktiv.[15]

Ein weiteres Netzwerk wird auf europäischer Ebene verhältnismäßig stärker genutzt als auf Bundesebene: Mehr als 60 Prozent der deutschen MdEPs haben einen eigenen Youtube-Kanal oder ein eigenes Profil auf der Videoplattform. Die erhöhte Nutzung ist möglicherweise auch auf die geringe Präsenz von Europaabgeordneten im deutschen Fernsehen zurückzuführen: Nur selten schaffen sie es mit längeren Redebeiträgen in die großen Nachrichtensendungen. Umso wichtiger ist es für MdEPs, einen eigenen Videokanal zu betreiben, um Reden, Themen und Positionen direkt verbreiten zu können.

Google Plus, das soziale Netzwerk von Google, und Xing, das einzige relevante deutsche Netzwerk in der Politik, nutzt ungefähr jeder vierte deutsche Europaabgeordnete. Ähnlich sieht es bei den Bundestagsabgeordneten aus. Nur einzelne Parlamentarier nutzen auch andere Netzwerke wie das international geprägte Businessnetzwerk Linkedin oder die deutschen Wer-kennt-wen.de und Lokalisten.de.

Kaum überraschend ist, dass insbesondere die Mitglieder der kleineren Fraktionen im Europaparlament stärker auf den Aufbau eigener Kanäle setzen, um die fehlende Aufmerksamkeit in den traditionellen Medien auszugleichen: Sämtliche deutsche Abgeordnete von Linke, Grünen und FDP nutzen Social Media, am niedrigsten ist die Verbreitung unter den deutschen Sozialdemokraten (83 Prozent). Dies korrespondiert mit den Analysen für den Deutschen Bundestag. Prozentual die meisten Facebook-Accounts gibt es bei den MdEPs von Die Linke (100 Prozent), Twitter hingegen scheint eher ein Medium von Grünen und Liberalen zu sein (86 Prozent und 83 Prozent Verbreitung). Die Abgeordneten der FDP sind zudem überdurchschnittlich auf Youtube vertreten: Drei Viertel ihrer MdEPs sind mit eigenem Kanal im Netz präsent.

Auch die deutschen Parteigruppen innerhalb der Parlamentsfraktionen im Europaparlament sind mit eigenen Accounts in den sozialen Netzwerken unterwegs, ihre Aktivität – wie die der einzelnen MdEPs und Kandidatinnen und Kandidaten – nimmt mit dem Näherrücken des Wahltermins sichtbar zu.[16]

Ungenutzte Potenziale

Das große Potenzial, das soziale Medien auch in der Europakommunikation bieten, schöpfen bislang nur wenige deutsche MdEPs aus. Auch wenn eine bedeutende Anzahl an Abgeordneten und Kandidaten auf den verschiedenen sozialen Netzwerken vertreten ist, so werden diese immer noch häufig dazu genutzt, belanglose Statusmeldungen zu verkünden ("Guten Morgen! Neuer Arbeitstag in Brüssel") oder plump wirkende Eigen-PR zu betreiben ("Ich habe ein neues Foto auf Facebook gepostet"). Dabei könnten die sozialen Netzwerke gerade in der Wahlkampfphase dazu genutzt werden, den Bürgern zuzuhören und direkte Kontakt- und Dialogmöglichkeiten anzubieten.

Gerade kurz vor Wahlen steigt das Informationsinteresse vieler Bürger stark an. Mittlerweile informieren sich bereits über 60 Prozent der Deutschen online über das politische Geschehen, jeder Dritte in sozialen Netzwerken.[17] Für diese Zielgruppen sollten Kandidaten und Parteien Informationen über die Bedeutung und Funktionsweise der europäischen Institutionen präsentieren, über relevante Themen, Erfolge der letzten Legislaturperiode und vor allem über Geschichten rund um die Idee Europas. Für viele Menschen scheint es selbstverständlich geworden zu sein, in einem friedlichen und geeinten Europa zu leben. Dass dieses aber eine hart erarbeitete, besondere Errungenschaft ist, wird bisweilen vergessen. Dies sollte immer wieder anschaulich und emotional erzählt werden, runtergebrochen auf die Lebenswirklichkeit der Bürger. Hierfür eignen sich Formate wie Blogs, Infografiken, Videos und Netzwerke wie Facebook, Twitter oder Google Plus perfekt.

Dazu gehört aber auch, dass Politiker sich noch stärker um Sichtbarkeit und Reichweite bemühen: Wenn soziale Netzwerke genutzt werden, sollte das eigene Profil mühelos zu finden sein. Hinweise auf die Social-Media-Kanäle sollten nicht nur prominent auf der Homepage aufgeführt sein, sondern auch in allen anderen (auch gedruckten) Werbematerialien. Auffallend ist zudem, dass mehrere Profile inaktiv sind und teilweise seit der vergangenen Europawahl 2009 brach liegen. Dies erweckt den Eindruck, dass bei den jeweiligen Abgeordneten kein anhaltendes Interesse an einer Kommunikation im Netz und mit den Bürgern besteht. Wer seine Social-Media-Profile nicht regelmäßig für den Dialog nutzt, sollte sie besser ganz löschen.

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Online-Informationsquellen zur Europawahl

Internetseite des Europäischen Parlaments zur Europawahl 2014: www.elections2014.eu/de
Newshub des Europäischen Parlaments: www.epnewshub.eu

Twitter:
Europäisches Parlament (Deutsch): https://twitter.com/Europarl_DE
Liste aller MdEPs: https://twitter.com/Europarl_EN/lists/all-meps-on-twitter
Liste aller deutschen MdEPs: https://twitter.com/Europarl_DE/lists/deutsche-meps

Facebook:
Europäisches Parlament: www.facebook.com/europeanparliament
MdEPs auf Facebook: www.facebook.com/europeanparliament/app_162816493774285
Informationsbüro des Europaparlaments in Deutschland: www.facebook.com/EP.Informationsbuero. fuer.Deutschland

Online-Tools:
www.votematch.eu
Votematch Europe 2014 ist die gemeinsame Plattform zahlreicher Voting Advice Applications aus ganz Europa. Deutscher Partner ist der Wahl-O-Mat der Bundeszentrale für politische Bildung. Sie bietet den Zugriff auf ähnliche Anwendungen aus verschiedenen Ländern und ermöglicht so den Vergleich der eigenen Positionen zu bestimmten Thesen auch mit den Programmen von Parteien aus anderen Ländern.

www.myvote2014.eu
Hier kann man über Fragen abstimmen, über die das Europäische Parlament schon entschieden hat und auf diese Weise die eigene Position mit Abstimmungsergebnissen von Abgeordneten und Fraktionen vergleichen. Zu den Unterstützern zählt unter anderem das Europäische Parlament selbst.

Insgesamt sind sich Parteistrategen und Wissenschaft ohnehin einig: Eine Unterscheidung in Offline- und Online-Wahlkampf ist nicht mehr sinnvoll.[18] Die Online-Kanäle müssen ganz selbstverständlich in die Kommunikation von Inhalten und Positionen einfließen. Parteien und Kandidaten sollten sowohl ihre Offline-Aktivitäten online widerspiegeln als auch in der digitalen Welt die Straße nicht aus den Augen verlieren, auf der sie die Leute für sich gewinnen wollen. Europa sollte gerade in der heißen Wahlkampfphase für die Bürger greifbar gemacht werden. Hierfür stehen einfach bedienbare und reichweitenstarke Online-Kommunikationskanäle zur Verfügung. Politiker und Parteien sollten diese aktiv und kreativ nutzen. Über Social Media wird man nicht alle potenziellen Wähler erreichen, aber gerade junge oder auch eher "politikferne" Menschen lassen sich so direkt ansprechen, involvieren und motivieren. Diese Chance gilt es zu nutzen, denn die Jugend ist die Zukunft der EU. Und die Zukunft der Europakommunikation ist zunehmend digital.

Fußnoten

12.
Vgl. Martin Fuchs, 18. Deutscher Bundestag: 95 Prozent der Abgeordneten nutzen Social Media, 11.10.2013, http://www.hamburger-wahlbeobachter.de/2013/10/18-deutscher-bundestag-95-prozent-der.html« (3.2.2014).
13.
Vgl. Tina Kulow, Facebook veröffentlicht zum ersten Mal tägliche und (tägliche) mobile Nutzerzahlen für Deutschland, 16.9.2013, http://www.facebook.com/notes/tina-kulow/724769520882236« (3.2.2014).
14.
Vgl. Bundesverband Informationswirtschaft, Telekommunikation und neue Medien e.V. (Bitkom), Presseinformation zur Studie "Demokratie 3.0 – Bedeutung des Internets für den Bundestagswahlkampf", 7.5.2013, http://www.bitkom.org/de/presse/8477_76080.aspx« (3.2.2014).
15.
Vgl. ARD/ZDF Onlinestudie – Social Media, http://www.ard-zdf-onlinestudie.de/index.php?id=436« (3.2.2014).
16.
Siehe http://www.pluragraph.de/organisations/europaeisches-parlament« (3.2.2014).
17.
Vgl. Bitkom (Anm. 14).
18.
Vgl. Christina zur Nedden, Im Schatten des Plakats – das Internet in Wahlkämpfen, 1.7.2013, http://www.politik-digital.de/im-schatten-des-plakats-das-internet-in-wahlkaempfen« (3.2.2014).
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